• Angstgesellschaft: Medienwandel, Krisen-Ökonomie und der apokalyptische Thriller “Contagion”

    Eine Krise ungeheuren Ausmaßes ist ausgebrochen. Wie entsteht in diesem Moment eine kritische Öffentlichkeit? Wie können sich BürgerInnen daran beteiligen? Welche Rolle spielt das Internet? Die Fragen, die die Berliner Gazette bei der internationalen Konferenz Learning from Fukushima stellt, erhalten in Steven Soderberghs Film “Contagion” erschreckend konservative Antworten. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki holt zu einer umfassenden Kritik der Soderbergh’schen Thesen aus. Sein Essay liefert eine differenzierte Bestandsaufnahme des Medienwandels in Zeiten der Krise.

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    Tokio: In einem mit Menschen gefüllten Bus bricht ein Mann zusammen. Kurz bevor er zu Boden geht, zuckt sein Körper wiederholt. Danach ist er regungslos, offenbar tot. Die Bilder, die diesen Vorfall dokumentieren, sind grobkörnig, schlecht ausgeleuchtet. Jemand hat sie mit einer Handykamera aufgenommen. Jetzt sind sie in den Händen des Journalisten und Bloggers Alan Krumwiede; er führt das Video einer Redakteurin des San Francisco Chronicle vor.

    Während die Redakteurin nüchtern auf den Monitor schaut, präsentiert Krumwiede seinen Artikelvorschlag über eine Epidemie in Asien. Das Bildmaterial aus Tokio belegt die Dringlichkeit seines Vorhabens. Krumwiede ist dabei leidenschaftlich erregt und seiner Sache sicher. Als die Redakteurin resolut ablehnt, explodiert er. Krumwiede springt auf und stürmt wutentbrannt aus dem Büro. Beim Verlassen des Newsrooms schreit er: “Print is dying!”

    Keine Übersicht, stattdessen: Überforderung und Überreizung

    Wir leben in einer Zeit der Krise. Und ich spreche nicht von der Zeitungskrise. Zumindest nicht allein. Es scheint kaum möglich, einen Dreh- und Angelpunkt auszumachen. Zu viele Krisen gleichzeitig kommen über uns – kommen uns immer näher. Längst haben wir die Übersicht über die Vielzahl von Katastrophen, Systemzusammenbrüchen und Enthüllungen verloren. Und damit auch das Gefühl dafür, was wichtig ist, was uns wirklich bedroht. Das Verständnis für Ursachen und Lösungen kann sich in einem solchen Klima der Überforderung und Überreizung nicht einstellen.

    Seit September 2008 ist immer wieder von einer verheerenden Wirtschaftskrise die Rede. Auch dieser Tage. Die Instabilität ist zur Normalität geworden, ohne dass wir begriffen hätten, warum und wie diese Schräglage andere Krisen bedingt. Seitdem mit Japan ein G8-Staat am Rande des Abgrunds steht, seitdem mit Griechenland ein EU-Staat den Bankrott anmelden muss, seitdem die Aufstandsbewegungen von Nordafrika in London eingezogen sind und seitdem Protestbewegungen die Interessen der „99%“ gegenüber dem Weltwirtschaftssystem in Stellung bringen – spätestens seit diesen Entwicklungen ahnen wir: Im “Überraschungsraum” (Vogl) der unberechenbaren Ökonomien könnte das destabilisierte Wohlstandsnetz des Westens samt seinen ganzen Verbindlichkeiten vollends zerbröseln.

    Ausgerechnet in diesen Zeiten steht das kostbare Gut der kritischen und aufgeklärten Öffentlichkeit auf dem Spiel. Zeitungen, die diese Öffentlichkeit maßgeblich herstellen helfen, sind selbst in der Krise – ob wir sie nun die Anzeigenkrise nennen oder die Krise, die der Medienwandel mit sich bringt. Die Angst hört auf drei Worte: “Print is dying!” Ein über lange Zeit bewährtes Geschäftsmodell hat ausgedient. Die Zeitung – jetzt schon ein Dinosaurier oder bald ein Phönix aus der Asche?

    Öffentlichkeit: Herstellung, Regulierung und Ordnung

    Vor allem aber ist das System der Herstellung, Regulierung und Ordnung von Öffentlichkeit (qua Zeitungen und andere traditionelle Medien) aus den Fugen geraten. Krumwiede ist ein Symbol dieses Medienwandels. Als Journalist hat er wenig Erfolg, aber als Blogger. Damit verkörpert er ein neues Informationsregime: Das Internet ist zum zentralen Umschlagplatz für Nachrichten geworden; erstmals in der Geschichte “kann sich die ‘Masse’ öffentlich zu Wort melden” (Neuberger).

    Zeitungen und ihre Redaktionen bleiben dennoch wichtige Scharniere im Feld der öffentlichen Kommunikation. Bis zu einem gewissen Grade bleiben sie Gatekeeper. Noch immer haben sie großen Einfluß darauf, ob eine Krise als solche öffentlich wahrgenommen wird. Oder nicht. Oder wie lange. 14 Tage sind zu einem Maßstab für den “Aufmerksamkeitstsunami” (Schultz) geworden. Eine Zeitspanne, die in letzter Zeit zu einer Institution unserer Alltagswahrnehmung geworden ist.

    Immer häufiger erleben wir Krisenwelten als einen intensiven, fast schon rauschhaften Datenstrom, der auf zwei Wochen befristet ist. Zeitungen können in dieser Phase gigantische Auflagen erreichen, fast immer steigern sie ihre Online-Reichweiten um ein Vielfaches. Nüchtern müssen wir anerkennen: Krisen gehören zu ihrem Geschäftsmodell. Warum also lehnt die Redakteurin des San Francisco Chronicle den Vorschlag Krumwiedes über die Epidemie in Asien ab? Ihre Begründung lautet: “This is not a story!” Warum aber ist dies keine Story?

    Nichts verbreitet sich schneller als Angst

    Die Redakteurin des San Francisco Chronicle hat womöglich “spannendere” Angebote aus anderen Teilen der Welt. Möglicherweise ist sie mit der übergroßen Auswahl überfordert. Bringt Krumwiedes Vorschlag das Fass zum Überlaufen? Sicher ist folgendes: Zeitungen und andere traditionelle Medien sind nicht in der Lage, all die unterschiedlichen Krisen gleichzeitig aufzuarbeiten. Sie verstehen sich als Filter- und Fokus-Instanz. Deshalb können sie normalerweise nur eine einzige Krise ins Blickfeld rücken, diese dann aber ausführlich behandeln. Je größer diese Krise, desto besser für ihren Ansatz, Öffentlichkeit herzustellen. Vielleicht sieht die Redakteurin in der Nachricht aus Tokio kein Potenzial für eine große Geschichte. Vielleicht meint sie in Wirklichkeit: “This is not a BIG story.” Man kann nur spekulieren. Was der Ablehnung folgt, ist schnell erzählt.

    Krumwiede verschafft sich Gehör im Internet und avanciert binnen kurzer Zeit zum berühmtesten Blogger der USA. Er ist eine Art Julian Assange der Social Media-Szene: charismatisch, messianisch, egozentrisch. Keine Frage: eine tendenziell unsympathische Erscheinung. Unterdessen entwickelt sich Asiens Epidemie zu einem globalen Notstand, der 12 Millionen Menschen das Leben kostet. Der Regisseur Steven Soderbergh, der diese Geschichte in seinem viel beachteten Thriller Contagion erzählt, legt großen Wert auf die Verknüpfung der beiden Entwicklungen: der Virus verbreitet sich genauso schnell wie die Information darüber. Was hat verheerendere Folgen?

    Soderberghs Fokus liegt auf der medialen Dimension. Seine These lautet: Der Informationsvirus ist der wahre Feind. Entsprechend lautet der Slogan des Films: Nichts verbreitet sich schneller als Angst. Umso erstaunlicher ist es, dass Soderberghs packender, mit analytischer Coolness vorgetragener Thesenfilm, die gegenwärtige, im Wandel begriffene Medienlandschaft so grundlegend falsch versteht.

    Warum Soderbergh die digitale Gesellschaft nicht versteht

    Soderbergh hat bei seinen Vorbereitungen wissenschaftlichen Rat gesucht. Er wollte den Film so fundiert, so plausibel wie möglich machen. CNN attestiert Hollywoods Edel-Regisseur: Was “Contagion” zeigt, sei totally possible. Das Urteil bezieht sich in erster Linie auf die Darstellung der Pandemie. Zu einem gänzlich anderen Urteil muss man mit Blick auf die Darstellung der Medien kommen. Hier hat Soderbergh entweder die falschen Leute konsultiert. Oder niemanden. So oder so: Sein Film bebildert konservative Vorurteile über den Medienwandel in Zeiten der Krise. Es geht im Kern um drei Thesen.

    1. Blogger sind Einzelkämpfer. Die Gesellschaft repräsentieren sie nicht. Die Redakteurin des San Francisco Chroicle und Krumwiede begegnen sich nur einmal wieder. Die Pandemie wütet inzwischen auch in den USA, die Nation ist im Ausnahmezustand, Menschen sterben wie am Fließband. Die Redakteurin taucht vor Krumwiedes Wohnung auf. Er wiegelt sie ab: “Ich habe nichts für dich. Wenn ich was habe, dann melde ich mich bei dir.” Gemeint ist Medizin, aber es hätte auch um einen Artikel gehen können. Sie ist infiziert und völlig am Ende. Krumwiede geht voller Tatendrang seinem Werk nach. Er lässt sie links liegen.

    Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits als Einzelkämpfer etabliert. Mehr noch: Er gilt als einer, der über Leichen geht. Ihm wird der Kontrollverlust der Nation angelastet. Nur, weil er seine Klappe nicht halten konnte! Über seinen Blog hat sich die Schreckensnachricht unkontrolliert verbreitet. Die Menschen rasen vor Angst.

    All dies fügt sich nahtlos in die Dramaturgie des Films ein. Doch die Figur des Bloggers wird hier auf unzulässige Weise auf eine negative Eigenschaft reduziert: Er tut, was er tut, aus einem wahnhaften Drang, seine Meinung und sein Wissen, in die Welt zu tragen. Das Gemeinwohl interessiert ihn nicht. Wer die Landschaft der neuen Medien auch nur in Ansätzen kennt, der weiß: selbst der egozentrischste Blogger ist Nichts ohne seine Leser, die ihm Feedback geben, die ihn verlinken, weiterempfehlen oder kritisieren, blocken, missachten, etc. Der bloggende Bürger agiert stets im Netzwerk. Je dichter sein Netz der sozialen Interaktion, desto verzweigter die Öffentlichkeit, in der er wahrgenommen wird. Seine Popularität und sein Werk sind “of the web” (Rusbridger) und atmen in diesem Sinne den Geist des Gemeinsamen.

    Die Krisensituation lässt all das wie unter einem Vergrößerungsglas erscheinen. Der Ausnahmezustand macht alles XXL – auch den Blogger. Das negative Feedback, das Krumwiede von Seiten staatlicher Behörden erreicht, wirkt allerdings nicht, wie es wirken soll. Es dämpft seine Bestrebungen nicht. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Kontrollmechanismen des Staates versagen: Die traditionellen Medien, die den Staat im Krisenfall unterstützen, dienen dem Blogger als Multiplikatoren. Beispielsweise, wenn er in einer TV-Show seine Wahrheit ungefiltert präsentiert.

    Diese Komplizenschaft der traditionellen und der neuen Medien erscheint im Film als Randbemerkung. Und doch wissen wir spätestens seit den großen Enthüllungen von WikiLeaks, dass dieses Zusammenspiel eine zentrale Dynamik im Medienwandel ist.

    2. Tradtionelle Medien stehen für Kontrolle. Soziale Medien stehen für Kontrollverlust. Mit einer aufwändigen Maßnahme der Sicherheitsbehörden kann Krumwiede schließlich in einen Hinterhalt gelockt und überwältigt werden. Er gilt als nationales Sicherheitsrisiko und wird, einem Staatsfeind gleich, festgenommen und eingesperrt – wegen Verschwörung. Niemand weiß, wie sich die Situation ohne seine Interventionen im Internet entwickelt hätte. Umso brauchbarer erscheint er als Sündenbock. Jetzt hat man für die Eskalation eine Erklärung.

    Die Redakteurin des San Francisco Chronicle kann im Nachhinein stolz darauf sein, seinen Vorschlag abgelehnt zu haben. Jedenfalls lenkt Soderbergh alles so, dass man diesen Eindruck gewinnen muss. In “Contagion” werden die traditionellen Medien als Instrumente der Sicherheit präsentiert. Sie sollen gewährleisten, dass die Massen solange in Unwissenheit gelassen werden können, wie es das Krisenmanagement des Staates für richtig erachtet. Das Motto lautet: “Wir gehen damit erst dann an die Öffentlichkeit, wenn alle ohnehin schon Bescheid wissen.”

    Nur der Blogger vermag den Kontrollverlust dieses Systems herbeizuleiten. Ihm wird nicht zuletzt ein ökonomisches Interesse unterstellt: Er klärt nicht nur über den Virus auf, er kennt auch ein homöopathisches Gegenmittel und verdient mit diesem Wissen im Zuge der Krise ein Vermögen. Doch was “Contagion” systematisch verschweigt: Traditionelle Medien helfen nicht nur, Ruhe und Ordnung in Zeiten der Krise zu bewahren; sie profitieren davon, dass sie Ordnungshüter in der Krise sind. Das kann man sich ungefähr so erklären:

    Erstens, die Krise kontrolliert öffentlich zu machen, bedeutet: die eigene Macht und Kontrolle nicht aus der Hand zu geben. Zweitens, die bestehenden Machtverhältnisse zu erhalten, bedeutet: die bestehenden Mechanismen der Gewinnmaximierung zu erhalten. Drittens, die Krise zu kontrollieren, bedeutet: mit der Krise Geschäfte machen zu können. Spätestens seit dem James Bond-Film Tomorrow Never Dies (1997) ist es eine Binsenweisheit: Massenmedien leben von Krisen. Notfalls schüren sie welche. Diese Fiktion ist ein scharfsinniger Kommentar auf die Gegenwart.

    3. Der Virus verbreitet sich global. Die Nachrichten der digitalen Medien jedoch nur national. In “Contagion” stehen Massenmedien wie Zeitung und Fernsehen für kontrolliertes Handeln im Sinne des Gemeinwohls; Profit mit der Krise zu machen, liegt ihnen fern. In dieser Filmwelt profitiert nur der Blogger von der Krise und provoziert dafür den Kontrollverlust. Ein absurder Aspekt dieser Figurenzeichnung ist: Krumwiede wird kaum beim Bloggen oder am Rechner gezeigt, stattdessen sieht man ihn auf den verwüsteten Straßen San Franciscos sein Umwesen treiben, beispielsweise beim Recherchieren. Die längsten und eindrucksvollsten Einstellungen zeigen ihn beim Verteilen von Flugblättern.

    Sicher: Menschen vor Computern geben selten ein beeindruckendes Bild ab. Also sucht man nach Entsprechungen. Soderbergh wäre damit entschuldigt. Doch langsam: Der Blogger als Flugblatt-Aktivist auf den Straßen von San Francisco unterschlägt eine ganz entscheidende Dimension seiner Arbeit. Flugblätter verbreiten sich von Hand zu Hand, also weitgehend lokal. Doch was Soderbergh in diesem Film zeigen will aber nicht versteht herauszuarbeiten, ist die globale Dimension der Verbreitung.

    Ja: Der Blog kann als Alternative zur Zeitung beschrieben werden. Um das zu illustrieren, ist der Flugblatt-Austräger aber das falsche Gegenstück zu einem Paperboy, der Zeitungen austrägt. Denn Krumwiedes (wohlgemerkt englischsprachiger) Blog durchbricht die mediale Mauer der Geheimhaltung, weil er sich digital entgrenzt verbreiten kann. Er kann potenziell weltweite Resonanz erfahren – bei einer globalen Notlage mehr als naheliegend. Doch in “Contagion” hat Krumwiedes Blog nur eine regionale Reichweite. Der Widersinn des Soderbergh’schen Arguments liegt auf der Hand: Der Virus verbreitet sich global. Der Informationsstrom der digitalen Medien, der für paranoide Kettenreaktionen wie Raub, Plünderungen, Totschlag verantwortlich gemacht wird – dieser Virus verbreitet sich in der Bilderwelt von “Contagion” nur national. Angstreaktionen auf Krumwiedes Postings bekommen wir nur in den USA zu sehen.

    Doch spätestens seit Marshal McLuhan in den 1960er Jahren die Idee vom global village prägte, ist allseits bekannt: Wo Menschen dicht an dicht miteinander via Medien vernetzt sind, dort können sich Gerüchte wie ein Lauffeuer verbreiten, dort kann es im Zuge dessen zu unberechenbarer Panik und daraus resultierenden Konflikten kommen – wohlgemerkt im globalen Maßstab.

    Ko-Immunität, das Internet und die Rolle der Zeitung

    Totale Vernetzung ist zu einer zentralen Eigenschaft moderner Gesellschaften geworden. Diese Errungenschaft kann in Zeiten der Krise zum Verhängnis werden. Ist eine Entkopplung vom Netz in Form von Vereinzelung und Isolation eine Lösung für dieses Problem? Soderbergh gibt darauf keine eindeutige Antwort. Eine klare Position bezieht hingegen Peter Sloterdijk. Der Philosoph hat den Begriff der Ko-Immunität geprägt. Vereinfacht gesprochen bedeutet er: Immunität, also der Schutz eines Körpers (ob Individuum oder Gesellschaft), wird um den Gedanken des Miteinanders erweitert. Immunität ist jetzt nicht mehr exklusiv. Der Schutz schließt niemanden aus. Sloterdijk spricht auch vom Ko-Immunismus. Bewusst spielt er damit auf Kommunismus an, der die Gleichheit aller betont und Inklusion stark macht. Im Zeitalter der globalisierten Krise sind dies wegweisende Konzepte. Und Soderbergh zeigt in “Contagion”, was passieren kann, wenn Immunität auf Kosten des Miteinanders geht: Um die eigene Haut zu retten, gehen Menschen im Zweifelsfall aufeinander los.

    Warum muss Soderbergh dabei den Medienwandel in unserer Gesellschaft so falsch, so einseitig, so negativ darstellen? Warum spielt er die Blogs, die sozialen Medien, das Internet gegen die Zeitungen, das Fernsehen und andere traditionelle, staatsnahe Medien aus? Warum setzt er den Akzent nicht auf Zusammenarbeit? Warum zeigt er nicht, welch positives Potenzial digitale Medien in Zeiten der Krise haben? Warum zeigt er nicht, dass Menschen wie Krumwiede in Krisenzeiten zu Volkshelden werden können, weil ihr gewaltfreies, der Wahrheit verpflichtetes Engagement anderen Bürger als Vorbild dienlich ist?

    Die krisenbedingte Hysterie der traditionellen Massenmedien kann mit dem Internet um ein Vielfaches gesteigert werden. Es ist möglich, dass dabei ein Einzelner die Lawine ins Rollen bringt. Aber es ist unwahrscheinlich, dass dieser Einzelne dabei keinen Gegenwind erfährt. Im Zweifelsfall leisten dies traditionelle Massenmedien wie Zeitung und Fernsehen. Die andauernde Krise in Japan zeigt dies besonders deutlich: Wenn es darauf ankommt, rücken die etablierten Eliten dicht zusammen. Selbst einem gesamtgesellschaftlichen Aufbegehren vermögen sie zu trotzen. Das Internet kann auch die Kontrollmacht optimieren helfen – das wiederum haben jüngste Unruhen in Afrika und Asien gezeigt.

    Wer die negativen, dunklen Seiten des Internet in Zeiten der Krise aufzeigen möchte, sollte die digitale Dystopie in diese Richtung denken – statt wie Soderbergh vorurteilsbeladen zu warnen. Außerdem gilt es zu betonen: Es gibt keine globale Formel für den Medienwandel. So ist auch die Herstellung von Öffentlichkeit in Zeiten der Krise je nach System, Gesellschaft und Kultur unterschiedlich. Welche Rolle eine Institution wie der San Francisco Chronicle in Zeiten der Krise spielt? Diese Frage scheint derweil eine universelle Dimension zu haben. Im Grunde kann sie auch Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, beantworten. Er spricht vom “retardierenden Moment” der Zeitung. Gemeint ist der Vorteil des traditionellen Mediums, kopflose Rasanz zu entschleunigen, Überstürzungen abzubremsen, Räume für das Innehalten und Reflektieren zu eröffnen.

    In solchen Räumen können Fenster konstruiert werden, die einen Blick auf die Zukunft eröffnen. Vorallem die Zukunft nach den 14 Tagen des “Aufmerksamkeitstsunamis” (Schultz). Hier deutet sich ein gemeinsamer Horizont der Zeitung und des Blogs an: Zusammen können sie das mediale Raster der Krisen-Ökonomie überwinden helfen. Wenn die Zeitung den kaskadenhaften Datenstrom verzögern kann, so kann der Blog das limitierte Zeitfenster der öffentlichen Kommunikation entgrenzen. Er kann sich dem Potenzial nach beliebig lang über die Krise aufregen. Ein Zusammenspiel dieser Kräfte kann nicht nur eine kritische Öffentlichkeit herstellen helfen. Sondern auch eine nachhaltige Öffentlichkeit. Und wie das funktionieren kann, das hat sich in Ansätzen in Japan nach der Dreifachkatastrophe vom 11. März gezeigt.

    Anm.d.Red.: Der Beitrag erscheint als Einstimmung auf die “Berliner Gazette”-Konferenz Learning from Fukushima. Es ist der dritte Teil einer Serie über Zeitungen im Medienwandel. Hier zum ersten Teil und hier zweiten Teil. Alle Bilder stammen aus Steven Soderberghs Film “Contagion” (Warner Bros.). Kinostart in Deutschland: 20.10.2011.


16 Kommentare zu Angstgesellschaft: Medienwandel, Krisen-Ökonomie und der apokalyptische Thriller “Contagion”

  • Gefällt mir.
  • Interessanter Blickwinkel, ich denke es lohnt sich, den Film besonders unter diesem Aspekt mal anzugucken.

    "Zusammen können sie das mediale Raster der Krisen-Ökonomie überwinden helfen." Können tun sie das , aber meiner Meinung nach MÜSSEN sie dies zu überwinden helfen!
  • toller Artikel.
  • danke für den artikel.
    zu anfang gehst du ja auf die funktion der massenmedien als gatekeeper ein. später setzt du das dann in den entsprechenden kontext wenn du drei punkten auflistest wie massenmedien von der kontrolle der krise profitieren. diese analyse erscheint mir hinreichend korrekt zu sein.

    nichts desto trotz haben wir derzeit - und das ist ja auch im artikel ausfühlrich beschrieben - eine situation der völligen informationsüberdosis. wenn alle senden wer hört denn noch zu?
    das filtern bzw das damit verbundene reflektieren wird zunhemend schwieriger - gleichwohl ich nicht so naiv bin zu glauben, die aktuellen globalen umwälzungen seien nur ein informationsproblem...

    wir aber werden also neue möglichkeiten der nachrichten-vorverarbeitung entwickeln müssen, oder bekannte etwas anpassen.

    ich würde an dieser stelle gerne mal die, aus der kunst bekannte rolle, des kurators ins spieln bringen. kuratieren kommt im ursprünglichen sinne vom „sorgen für, sich kümmern um“. ist also ähnlich dem was eine redaktion macht, aber nicht ganz so auf den 2-wochen-fokus reduziert. und klar können blogs oder blognetzwerke hier einspringen.

    wichtig in diesen zusammenhang erscheint mir dann auch die klärung, wie vertrauen in der telemediengesellschaft entstehen kann. denn vertrauen in die quelle ist nach wie vor basis der information. dr. bernd ternes wird im projekt-blog von http://www.transprivacy.com diese woche einen ausführlichen beitrag über die frage nach der telegenen nähe beisteuern, so dass man dort eventuell ein kleines stück weiter kommt.


    dieser kommentar ist zugegeben etas assoziative und knüpft an vielen punkten an ohne konkret zu werden. aber ich denke das ist auch im sinne dieses mediums.

    viel erfolg auf der konferenz
    hgfk
  • Rainer Steffen via Facebook am 19.10.2011 11:59
    Ich fühl mich wie im Film!
  • @#4: ich gehe auf das feedback ein:

    "gleichwohl ich nicht so naiv bin zu glauben, die aktuellen globalen umwälzungen seien nur ein informationsproblem..."

    wir müssen uns fragen: wie oft und wie konkret werden die globalen krisen als informationsproblem euphemisiert? und: inwiefern stellt das ein informationsproblem höheren grades dar?


    "ich würde an dieser stelle gerne mal die, aus der kunst bekannte rolle, des kurators ins spieln bringen. kuratieren kommt im ursprünglichen sinne vom „sorgen für, sich kümmern um“. ist also ähnlich dem was eine redaktion macht, aber nicht ganz so auf den 2-wochen-fokus reduziert. und klar können blogs oder blognetzwerke hier einspringen."

    interessanter gedanke!

    in der tat wird die idee des kuratierens in letzter zeit verstärkt im kontext des medienwandels diskutiert, im sinne eines kuratierenes von nachrichten. ulrike langer hat dazu etwas in der berliner gazette geschrieben,
    siehe these 2:

    http://berlinergazette.de/journalismus-digitalisierung/
  • anwaltgk am 19.10.2011 15:56
    Danke und gut beschrieben! Es wird höchste Zeit, dass diesem burgeoisen uralten Nietscheanismus (wie zB bei Soderbergh) erneut und im Grundsätzlichen widersprochen wird. Gerade die richtige Antwort der (noch?) relativ breit medial vernetzten deutschen Gesellschaft zu Fukushima mitsamt allen zugehörigen Diskursen, Demonstrationen und Wahlergebnissen belegt, wie sehr vernetzt und wechselwirkend zusammenhängende Kulturgesellschaften, wie die deutschsprachige, sich formen, wandeln, korrigieren, entwickeln usw! Entsprechendes belegt auch der bundesweit wirksame DisKurs zu Stuttgart 21. Es sind kollektive Informations-und Formungs-und Verarbeitungs-und Verständigungsprozesse, die gerade auch übers NETZ (positiv) weiterwirken und nur vorgestrige (erz-) konservative sehen darin in erster Linie die Gefahren. Die Chance ist da und wird ergriffen, dass nicht nur wenige Geld-und Medienhäuser und ihre (bezahlten, abhängigen) Journalisten sowie Ihnen genehme Intellektuelle und Wissenschaftler den (Herrschafts-Meinungs-) Diskurs FÜHREN, sondern potentiell übers Netz auch die diversesten Meinungsmacher, Blogger mitten aus dem Volk und über social Net-works (wie zB Facebook) auch fast JEDERMANN/FRAU. Das ist eine Riesenchance für eine echte (breit informierte) demokratische Gesellschaft, die diesen Namen auch verdient und berechtigt zu Hoffnungen. Auch die Vielfalt und Breite der Stimmen und Stimmungen durch Blogs und Internet sorgt für eine wechselseitige Ergänzung und Korrektur und wirkt schädlichen Hysterien entgegen. Ein echter Nachteil ist dies nur für Erzkonservative, Korporatisten (Platonisten), (Geld-) Aristokraten und Faschisten, die die Welt und das Land lieber von den wenigen (angeblich wissenden) Herren-Menschen gelenkt sehen wollen. Doch deren Zeit läuft ab, denn sie verlieren Ihre (Informationsverteilungs-) Monopole, gerade auch dank Blogs, Internet und social medias und das ist gut so :-).
  • Ööhm, ich hab da ein Problem. Da mir kein preview zur Verfügung steht, werd ich mich nicht auf eine Argumentation einlassen, deren Grundlage ich nicht selbst beurteilen kann. Sorry. Ich habe noch nie etwas aufgrund des Urteils Dritter bewertet, geschweige, darüber diskutiert.
  • der essay ist toll... gut auch, dass du die "lange form" gewählt hast, manche dinge sind eben doch
    komplexer als gedacht. weiter so!
  • [...] In Steven Soderberghs neuem Film "Contagion" werden die Ausbreitung eines Virus und die virale Ausbreitung der Angst im Netz durch einen Blogger parallelisiert. Der Blogger ist am Ende Schuld an der Krise. Ein erstaunlich konservatives Medienbild, findet Krystian Woznicki in der Berliner Gazette: "In 'Contagion' werden die traditionellen Medien als Instrumente der Sicherheit präsentiert. Sie sollen gewährleisten, dass die Massen solange in Unwissenheit gelassen werden können, wie es das Krisenmanagement des Staates für richtig erachtet. Das Motto lautet: 'Wir gehen damit erst dann an die Öffentlichkeit, wenn alle ohnehin schon Bescheid wissen.'" [...]
  • schöner text
  • [...] In Steven Soderberghs neuem Film "Contagion" werden die Ausbreitung eines Virus und die virale Ausbreitung der Angst im Netz durch einen Blogger parallelisiert. Der Blogger ist am Ende Schuld an der Krise. Ein erstaunlich konservatives Medienbild, findet Krystian Woznicki in der Berliner Gazette: "In 'Contagion' werden die traditionellen Medien als Instrumente der Sicherheit präsentiert. Sie sollen gewährleisten, dass die Massen solange in Unwissenheit gelassen werden können, wie es das Krisenmanagement des Staates für richtig erachtet. Das Motto lautet: 'Wir gehen damit erst dann an die Öffentlichkeit, wenn alle ohnehin schon Bescheid wissen.'" [...]
  • Ich werde den Film sicherlich gucken, obwohl es klingt ja nach noch einem US-Amerikanischem Blockbuster-Thriller, der so tut, als waere er ueber wichtige Themen der US-Gesellschaft (oder sogar der Gesellschaften der westlichen Welt) sprechen und tut es durch die Lippen der Hollywood Stars, um eine moeglichst breite Masse zu erreichen.
    "Warum muss Soderbergh dabei den Medienwandel in unserer Gesellschaft so falsch, so einseitig, so negativ darstellen? Warum spielt er die Blogs, die sozialen Medien, das Internet gegen die Zeitungen, das Fernsehen und andere traditionelle, staatsnahe Medien aus?" - vielleicht, weil binaere Oppositionen die Realitaet so schoen vereinfachen und sich gut verkaufen?
  • joerg am 20.10.2011 21:23
    Klasse Artikel - macht Lust auf den Film um einen eigenen Blick zu erhalten und bringt Vorfreude auf die Tagung!
  • Sehr starker Artikel, der wesentliche Dinge der "Zeitqualität 2011/2012 erkennt. Danke Christian!
  • [...] des Autors über Zeitungen im Medienwandel. Hier zum ersten Teil, hier zum zweiten und hier zum dritten Teil. Alle Fotos stammen von Noritoshi Hirakawa. Keine Kommentare Krystian Woznicki · [...]

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