Dis/Kontinuitäten des Extraktivismus: Konservierung natürlicher Ressourcen (der Fall Saatgut Banking)

Konservierungsstrategien sichern nicht nur eine Vielfalt natürlicher Ressourcen, die verloren zu gehen droht, sondern auch eine Welt und einen Modus des In-der-Welt-Seins, die diesen Verlust überhaupt erst hervorgebracht haben, argumentiert Franziska von Verschuer in ihrem Beitrag zur BG-Textreihe “After Extractivism” am Beispiel des Saatgutbankings.

*

Die Gegenwart ist von multiplen sozial-ökologischen Krisen geschüttelt, die die Grundfesten und Bedingungen menschlichen und mehr-als-menschlichen Lebens auf der Erde in Frage stellen. Während der Klimawandel im öffentlichen Diskurs allgegenwärtig ist, findet der stetig zunehmende Verlust einer immer größeren Vielfalt von Lebensformen erst seit Kurzem (wieder) ein ähnliches Maß an Beachtung. Verantwortlich hierfür zeichnen nicht zuletzt eine wachsende Zahl von Projekten und Strategien zur Konservierung von Arten und Ökosystemen, die sich der Verantwortung für den Fortbestand mehr-als-menschlichen Lebens auf der Erde stellen.

Es gibt viele Formen von Konservierung, die auf verschiedene Weise den vielen Formen ökologischen Verlusts entgegenzuwirken suchen, die sich gegenwärtig entfalten. Hier wiederum stehen der Verlust von Tier- und Pflanzenarten sowie von Lebensräumen und Ökosystemen, von denen diese Arten abhängen, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine weitere Form des ökologischen Verlustes, auf dessen existenzielle Dimension Expert*innen schon seit Langem hinweisen, findet demgegenüber auffallend wenig öffentliche Beachtung: der Verlust genetischer Vielfalt innerhalb von Arten. Diese Form des Diversitätsverlusts hat schwerwiegende Folgen, insbesondere für landwirtschaftlich relevante Pflanzen und ihre Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen – ein Thema, das angesichts der raschen ökologischen Veränderungen der Gegenwart immer wichtiger wird.

Der Verlust genetischer Vielfalt innerhalb von Arten

In der internationalen Agrarpolitik wurde der Verlust pflanzengenetischer Vielfalt erstmals in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als globales ökologisches Problem anerkannt, als die zerstörerischen Langzeitfolgen der Modernisierung der globalen Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg erkennbar wurden. In den 1940er bis 60er Jahren wurde die globale landwirtschaftliche Produktion im Zuge eines US-Amerikanischen landwirtschaftlichen Entwicklungsprogramms industrialisiert und homogenisiert, das später als “Grüne Revolution” bekannt wurde. Kern dieses Programms waren neu errichtete Agrarforschungsinstitute, zunächst in Mexiko und bald darauf in anderen Ländern Lateinamerikas und Asiens, die sich der Züchtung und dem großflächigen monokulturellen Anbau sogenannter Hochertragssorten widmeten. Ziel war es, Hungerkrisen ebenso wie die angenommene Bedrohung durch etwaige daraus entstehende “rote Revolutionen” abzuwehren.

Die neuen “verbesserten” Sorten brachten zunächst hohe Ernteerträge ein (nicht zuletzt in Reaktion auf den massiven Einsatz chemischer Düngemittel, weshalb Kritiker*innen bevorzugt von “Hochreaktionssorten” sprechen). Gleichzeitig ging mit den Modernisierungsprozessen auch eine Dekultivierung pflanzlicher Vielfalt einer, die eine Schwächung von Ökosystemen und somit auch der landwirtschaftlichen Produktion zur Folge hatte. In den 1960er und 70er Jahren führte die aus der genetischen Uniformität resultierende Vulnerabilität von Kulturpflanzen und Anbauflächen zu massiven Ernteverlusten rund um die Welt und offenbarte, was man die “dunkle Seite” der landwirtschaftlichen “Modernisierung” nennen könnte.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erklärte den Verlust pflanzengenetischer Vielfalt auf einer internationalen Konferenz im Jahr 1967 erstmals zum globalen ökologischen Problem. Da die industrielle und monokulturelle Landwirtschaft aufgrund ihrer hohen Produktivität und Effizienz für die meisten Mitglieder der FAO jedoch nicht als verhandelbar galt, wurde die Konservierung einer größtmöglichen Vielfalt pflanzengenetischer Ressourcen in Genbanken zur zentralen Strategie gegen das Problem der genetischen Erosion.

Die Politik der Genbanken

In den folgenden Jahrzehnten wurde zunehmend deutlich, dass die Konservierung pflanzengenetischer Ressourcen in Genbanken keine unumstößliche Sicherheit gegen den Verlust der Agrobiodiversität bietet. Genbanken und ihre Sammlungen sind ständig und überall einer Vielzahl von Bedrohungen ausgesetzt. Diese reichen von Naturkatastrophen über politische Krisen und Kriege bis hin zu eher alltäglichen Bedrohungen, die sich aus Verwaltungs-, technischen und infrastrukturellen oder finanziellen Problemen und dergleichen ergeben. Einer Reihe von Verlusten von Saatgutsammlungen aufgrund solcher Ereignisse zum Trotz blieb die Konservierungpflanzengenetischer Ressourcen ex situ, d. h. außerhalb ökologischer Habitate und in Genbanken, die Strategie der Wahl – und so begann die Geschichte der Backup-Konservierung.

Backups von Saatgutsammlungen aus aller Welt werden heute im Svalbard Global Seed Vault auf der arktischen Insel Spitzbergen im norwegischen Svalbard-Archipel gelagert. Der arktische Saatgutspeicher, der seit 2008 in Betrieb ist, ist die erste und derzeit einzige internationale Lagerstätte für die globale genetische Vielfalt von Nutzpflanzen. Aufgrund seiner abgeschiedenen Lage in einem geologisch sowie politisch als stabil geltenden Gebiet sowie der arktischen Kälte und des Permafrostes, in den der Speicher eingelassen ist, bietet der Saatgutspeicher optimale Bedingungen für die Langzeitkonservierung von Saatgut und verspricht, der sicherst-mögliche Lagerraum für die Pflanzenvielfalt der Welt zu sein. Dem Crop Trust zufolge, einer der drei Partnerinstitutionen hinter dem Saatguttresor, ist der Speicher “die ultimative Versicherungspolice für die weltweite Nahrungsmittelversorgung, die Millionen von Samen aller wichtigen, heute weltweit verfügbaren Kulturpflanzenarten sichert und Optionen für künftige Generationen bietet, um die Herausforderungen von Klimawandel und Bevölkerungswachstum zu bewältigen” (eigene Übersetzung).

Das erklärte Ziel der Langzeitkonservierung von Saatgut im arktischen Eis ist also weniger, gleichsam einer „Arche Noah“ die globale Pflanzenvielfalt für eine postapokalyptische Welt zu bewahren, was vor allem in den Medien ein populäres Narrativ ist. Den Verantwortlichen zufolge dient die langfristige Erhaltung von Agrobiodiversität vielmehr dazu, die größtmögliche Vielfalt nutzpflanzengenetischer Ressourcen über eine längst-mögliche Zeitspanne hinweg verfügbar zu machen – nicht nur um bestimmte Pflanzenarten vor dem Aussterben zu bewahren, sondern um eine dauerhafte Anpassung an Umweltbedingungen zu gewährleisten, die sich nicht zuletzt aufgrund des Klimawandels stetig verändern.

Technologischer Solutionismus

Angesichts zunehmend unvorhersehbarer und unsicherer sozial-ökologischer Zukünfte wird die Erhaltung pflanzengenetischer Vielfalt umso wichtiger, da das Anpassungspotenzial von Pflanzen mit dem Verlust genetischer Vielfalt innerhalb der Arten abnimmt. Allerdings geht es nicht darum, den Pflanzen selbst eine kontinuierliche Anpassung in situ, d.h. innerhalb sich verändernder ökologischer Habitate zu ermöglichen. Vielmehr soll eine Bandbreite an potenziell nützlichen Ressourcen verfügbar gemacht werden, um unter zukünftigen Bedingungen eine dann für adäquat befundene Anpassung durch Züchtung zu ermöglichen. Zentrale Akteurin der Anpassungsleistung ist in diesem Szenario also der Mensch – oder vielmehr die Pflanzenwissenschaft und -technologie. Anders gesagt: Der Weg zur Sicherung zukünftiger landwirtschaftlicher Produktion und Ernährungssicherheit, den die ex situ Konservierung von Saatgut bereitet, ist ein Weg der fortlaufenden technologischen “Verbesserung” von Pflanzen angesichts erwartbar zunehmender Umweltbelastungen – und nicht etwa ein Weg der Anpassung landwirtschaftlicher Praxis selbst angesichts der belasteten Umwelten, die diese in der Vergangenheit hervorgebracht hat.

Artwork: Colnate Group (cc by nc)

Kritiker*innen monieren, dass der arktische Saatguttresor – und ex situ Konservierung allgemeiner – “ein falsches Gefühl der Sicherheit vermittelt in einer Welt, in der die Pflanzenvielfalt auf den Feldern der Landwirte immer schneller erodiert und zerstört wird” (eigene Übersetzung). Was hier in Zweifel gezogen wird, ist die techno-solutionistische Logik der ex situ Konservierung, d.h. die Entwicklung technologischer Lösungen für Probleme, die tatsächlich politischer Natur sind. Indem sie ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln, verhindern diese vermeintlichen technologischen Lösungen zum einen, dass andere, stärker strukturell ausgerichtete Strategien gegen den fortschreitenden Verlust von Agrobiodiversität mehr Beachtung, Zustimmung und materielle Förderung erhalten.

Zum anderen verstellen die verheißungsvollen Versprechen techno-solutionistischer Ansätze den Blick auf die Welt, aus der das Problem überhaupt erst erwächst. Gemeint ist hier weniger die biologische Welt bedrohter Vielfalt als vielmehr jene Welt verstanden als Praxis und Politik der Weltgestaltung, die die biologische Vielfalt überhaupt erst in Gefahr bringt. Die Dringlichkeit, die die Suche nach technologischen Lösungen antreibt, scheint keine Zeit zu lassen, die Aufmerksamkeit auf diese Welt bzw. Weltgestaltungspraxis zu richten und damit auf die (agrar)kulturellen Wurzeln der Agrobiodiversitätskrise.

“Nichts kommt ohne seine Welt”

Unterstützer*innen und Praktizierende der ex situ Konservierung wenden gegenüber einer derartigen Kritik oftmals ein, dass die Konservierung bedrohter Arten in Genbanken und deren Rückversicherung im arktischen Eis eine unerlässliche Maßnahme gegen den sich zunehmend verschärfenden Verlust pflanzlicher Artenvielfalt und die damit verbundenen Probleme ist, zumal solange keine strukturellen Lösungen in Sicht sind. Es ist sicherlich richtig, dass Pflanzensorten, die in situ häufig gar nicht kultiviert werden, unwiederbringlich verloren gehen könnten, wenn sie nicht ex situ konserviert werden; und dass demnach die Strategie der ex situ Konservierung in der gegenwärtigen globalen (Agrar-)Kulturlandschaft eine wichtige Interimslösung gegen einen unumkehrbaren, massiven Verlust pflanzlicher Biodiversität bietet.

Die Kritik am Techno-Solutionismus der ex situ Konservierung zielt jedoch weniger auf das “Leben selbst” der im arktischen Saatgutspeicher und anderen Saatgutbanken gelagerten Samen bzw. der Pflanzenarten, deren Überleben sie absichern sollen. Vielmehr rückt sie – ebenso wie die sozial-ökologischen Krisen der Gegenwart – die Welt (wieder) ins Blickfeld, in der Pflanzen und deren Samen als das existieren, was sie sind, nämlich als ökologisch-ökonomische Ressource. Damit erinnert diese Kritik an eine weltliche Verwobenheit des Lebens, auf die die feministische Biologin und Wissenschafts- und Technikphilosophin Donna Haraway seit langer Zeit hinweist: “Nichts kommt ohne seine Welt.” (Haraway 1997, 137)

Im Hinblick auf die Welt der Pflanzen meint dies zum einen natürlich die Ökosysteme, die pflanzliches Leben hervorbringen und erhalten, in denen Pflanzen gedeihen und zu deren Gedeihen diese wiederum beitragen – Ökosysteme, die im Kontext desselben ökonomisch-ökologischen Komplexes, der seit Jahrzehnten pflanzengenetische Vielfalt dekultiviert, zunehmend prekär werden. Darüber hinaus ist mit der Rückbesinnung auf die Welt, in der pflanzengenetische Ressourcen gedeihen, in einem entscheidenden Sinne zum anderen auch die mehr-als-ökologische Welt gemeint, in der diese existieren – eine Welt, in der pflanzengenetische Vielfalt einen ökonomischen Wert hat, ihr Verlust als Bedrohung und ihre Erhaltung als Wertanlage gilt.

In diesem Sinne bezeichnet die Welt der Pflanzen also auch die Kosmologie, in der sie als diejenigen Lebensformen existieren, als die sie per se gelten; in der Samen als isolierte Teile von Pflanzen Träger pflanzengenetischer Vielfalt sind und als solche eine ausbeutbare und optimierbare Ressource für die Zwecke ihrer mehr-als-ökologischen Nutzung darstellen.

Die Welt retten oder sie verändern?

Die Welt der ex situ Konservierung ist so gesehen Teil und Ausdruck einer Welt, in der das Verständnis von und Verhältnis zu nicht-menschlichem Leben (und oftmals auch entmenschlichtem menschlichem Leben) durch eine ressourcenorientierte bzw. „ressourcistische Kosmovision“ geprägt ist (Fenzi & Bonneuil 2016, 78). Damit beschrieben ist eine Vorstellung des Kosmos als passive Oberfläche und objektive Um-Welt des Menschen, als ausbeutbare Ressourcenspenderin für dessen Zwecke. Entgegen dem naturalistischen Selbstverständnis dieser Kosmovision als universal gültige, objektive Tatsache haben Wissenschaftshistoriker*innen wie Donna Haraway, Londa Schiebinger und andere sie vielmehr als Produkt und Ausdruck einer spezifischen, universalistischen aber nicht universellen Kosmologie identifiziert, die historisch im westeuropäischen Denken verankert ist.

Erst mit der europäischen imperialen Expansion ab dem 15. Jahrhundert wurde diese Kosmologie universalisiert und naturalisiert, im Zuge einer Kolonisierung nicht nur des Raums, sondern auch des Wissens. Der argentinische Philosoph und dekoloniale Theoretiker Walter Mignolo spricht in diesem Zusammenhang von der “Erfindung der Natur” als Anderes und Ressource des Menschen (2018, Kapitel 7). Ein Effekt dieses Prozesses war die Entpolitisierung eines globalen Extraktivismus, der den Kosmos überhaupt erst zu dem Reservoir ausbeutbarer Ressourcen machte, als das er aufgefasst wird. Sowohl die Vorstellung vom Kosmos als einem Reservoir von Ressourcen als auch dessen materielle Existenz als ein vielfältig ausgebeutetes Reservoir von Ressourcen sind also keine unschuldigen, universellen Tatsachen. Vielmehr sind sie Effekte einer soziokulturell spezifischen Kosmologie und derjenigen extraktiven Praktiken, die diese ermöglicht und die sie wiederum reproduzieren.

„Die Welt“ in diesem Sinne als einen Prozess des kontinuierlichen Werdens in und durch Praktiken der Welterzeugung zu verstehen bedeutet weniger, sie kosmologisch zu relativieren, sondern vielmehr, eben jene Praktiken und deren ganz materielle Konsequenzen zu re-politisieren. Die ex situ Konservierung im Hinblick auf die Welt und Praktiken der Welterzeugung in den Blick zu nehmen, in die sie eingebettet ist, macht dann Kontinuitäten ressourcistischer, extraktivistischer Welterzeugung in der Welt der ex situ Konservierung erkennbar. Was in Saatgutbanken zusammen mit dem dort gelagerten Saatgut konserviert wird, ist dessen Existenz und Identität als natürliche Ressource. Dementsprechend ist das, was die Welt der ex situ Konservierung bewahrt (und was das Svalbard Global Seed Vault rückversichert), nicht nur eine Vielfalt natürlicher Ressourcen, die vom Aussterben bedroht sind. Es ist ebenso eine Welt und ein Modus der Welterzeugung, die diesen Verlust überhaupt erst hervorgebracht haben – durch das Verständnis, die Ausbeutung und damit Herstellung der mehr-als-menschlichen Welt als einem Reservoir von Ressourcen.

Insofern der Verlust von Agrobiodiversität ein Effekt dieser Welt bzw. Praxis des Weltens ist, hat deren Konservierung also immer auch die Bewahrung der Möglichkeitsbedingungen eben jener sozial-ökologischen Krisen zur Folge, deren Lösung sie sein soll. Ex situ Konservierung ist daher keine Antwort auf den Extraktivismus und dessen verheerende Folgen, sondern eine systemimmanente Konsequenz aus diesen. Insofern kann sie immer nur eine temporäre und partielle Interimslösung sein, um eine Artenvielfalt zu schützen, deren Aussterben schneller kommt als die dringend notwendigen weltlichen Veränderungen, die vielleicht wirklich eine Welt nach dem Extraktivismus zu kultivieren vermögen.

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Beitrag zur “After Extractivism”-Textreihe der Berliner Gazette; die englische Version ist auf hier verfügbar. Weitere Inhalte finden Sie auf der englischsprachigen “After Extractivism”-Website. Werfen Sie einen Blick darauf: https://after-extractivism.berlinergazette.de

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.