• Jahrzehnt der großen Zeitung: Frank Schirrmacher, Digitalisierung und der Fall der chinesischen Mauer

    Zeitungen haben einen Bildungsauftrag. Zeitungen entschlüsseln Zeit. Die Liste der Leistungen, die den gesellschaftlichen Mehrwert der Zeitungen beschreiben, ließe sich beliebig fortsetzen. Nur: Was diesen Mehrwert ermöglicht, die chinesische Mauer zwischen Verlag und Redaktion, hat längst begonnen zu bröckeln. Und jetzt? Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki hat ein paar kluge Köpfe konsultiert, darunter Frank Schirrmacher, Miriam Meckel, Robin Meyer-Lucht und Angela Merkel.

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    Das aktuelle Jahrzehnt ist mit einer bemerkenswerten Prophezeihung überschrieben. Sie stammt von Frank Schirrmacher. In seinen Schriften malt der FAZ-Herausgeber immer wieder aufs Neue den Untergang der Gesellschaft an die Wand. In einer Rede, die er im Jahr 2007 anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis in Kassel hielt, entwarf er hingegen eine Utopie: „Jeder, der Augen hat zu sehen, wird erkennen, dass das nächste Jahrzehnt das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus sein wird.“ Gemeint war der Qualitätsjournalismus einer „großen Zeitung“ wie der FAZ.

    Inzwischen befinden wir uns in diesem neuen Jahrzehnt. Allerdings reicht es offenbar nicht mehr aus, Augen zu haben, um erkennen zu können, worauf es ankommt und wer das sagen hat. Miriam Meckel, Autorin des Buchs NEXT-Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns, schreibt: „Unser Weltbild beginnt unter netzbedingter Kurzsichtigkeit zu leiden, die mit der Zeit forschreitet.“

    Meckel diagnostiziert uns „Weltkurzsichtigkeit“. Sie spricht uns somit nichts weniger als die Fähigkeit zu sehen ab, verweist aber im selben Atemzug auf die rettende Wirkung von Linsen und Filtern. Meckel meint hier „von Menschen gemachte Medien“ (beide Zitate: Der Spiegel, 19.9.).

    Bildungsauftrag und Autoritätsverlust

    Seit der Aufklärung beansprucht die Zeitung diese Funktion – im Zeichen der politischen Bildung. Die Verleger erinnern an diesen Anspruch in letzter Zeit immer vehementer: Ohne uns, die großen Zeitungen, keine politische Bildung; ohne uns geht die Demokratie vor die Hunde. Gut, denkt man: Ursprünglich wollten die Zeitungen das. Sie wollten Informationen liefern, die das Überleben sichern. Die auf dem Laufenden halten. Die Lust befriedigen. Aber nicht nur. Sondern eben auch Informationen über gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Kurz: Informationen, die politische Bildung und Handlungsfähigkeit ermöglichen. Mehr noch: Informationen, die Menschen für Politik begeistern.

    Als in den 1990er Jahren die digitale Revolution erstmals eingeläutet wurde, begann die ökonomische und institutionelle Basis der Zeitungen zu bröckeln. Aufmerksamkeit, die Währung, mit der Anzeigenkunden messen, wanderte nach und nach in digitale Netze. Und mit ihr die Anzeigengelder – die zentrale Finanzierung der Zeitungen, fast so wichtig wie für das Privatfernsehen. Aufmerksamkeit verschiebt sich; Autorität zerbröselt: Die Institution Zeitung steuert in die Krise.

    Anfangs hatten Zeitungen die ersten digitalen Revolutionen noch befeuert. In den Nuller Jahren erklären sie der Digitalisierung den Krieg – statt der Öffentlichkeit die Digitalisierung zu erklären. Im Gegenteil: Was die eigene Existenz anscheinend bedroht, wird mythisch verklärt. Aufklärung ist sekundär geworden. Daher: Je vehementer Verleger an die eigene Unabdingbarkeit für eine intakte Demokratie erinnern, desto stärker sollten wir die Legitimität der Institution Zeitung in Frage stellen. Und zwar im Hinblick auf das, was eine Demokratie ermöglicht und was die Zeitungen maßgeblich herstellen: Öffentlichkeit.

    Zeitung sein, sprich: auf der Höhe der Zeit

    Wir müssen uns fragen: Ist dort, wo Journalismus drauf steht, in Wirklichkeit Eigenwerbung drin? Anders gefragt: Ist dort, wo Zeitung drauf steht, für alle Inhalte in Wirklichkeit das Interesse des jeweiligen Verlags bestimmend, der versucht sein Geschäftsmodell gegen den aktuellen Umbruch abzusichern? Werden dort, wo es um Internet und Digitalisierung geht, die damit verbundenen gesellschaftlichen Prozesse angemessen reflektiert? Werden die richtigen politischen Fragen gestellt? Oder werden andere Fragen vorgeschoben?

    Eine solche Auseinandersetzung beginnt bereits an der Oberfläche. Etwa wenn Schirrmacher in seiner Prophezeihung den Zeitunsmachern übernatürliche Kräfte attestiert: „Gelehrten-Republiken mit X-Men-Einschlag“ – All-Star-Teams treten meistens dann auf, wenn es gilt, die die Welt zu retten. Welche Welt? Welche Ordnung? Wessen Interessen? Vor allem jedoch, wenn Schirrmacher sagt: „Die, die sich nicht anstecken lassen, die ihre Qualität, also: ihre Inhalte unverändert lassen, werden sein, was diese Gesellschaft dringender benötigt denn je: der geometrische Ort, an dem die Summe des Tages und der Zeit gezogen wird.“

    Die in seinen Augen pathologisch codierte Digitalisierung (apropos: „anstecken“) lassen wir mal aus und vor – Robin Meyer-Lucht hatte das seinerzeit bereits treffend kritisiert. Aber die Zeitung als Ort, an dem die Summe der Zeit gezogen wird – dies ist schlichtweg nicht möglich, wenn die Inhalte nicht auf der Höhe der Zeit entworfen und produziert werden, sprich: wenn sie „unverändert“ bleiben. Zeit ist die Maßeinheit der Veränderung. So muss auch die Zeitung ein dynamisches Selbstverständnis entwickeln, um dieser Phase der eruptiv-aufschäumenden Transformationen im Zeichen der Digitalisierung und Globalisierung gerecht zu werden.

    Der Fall der chinesischen Mauer

    Entscheidend ist dafür der Fall der chinesischen Mauer im Zeitungsgeschäft – also die voranschreitende Auflösung der Grenze zwischen Verlag und Redaktion. Ist es die letzte Chance, um Innovation in einer verstaubten Branche zu ermöglichen? Ein Prozess, der, verstärkt um die Beteiligung von Technikern, zukunftsweisende Formen von Zusammenarbeit auf den Weg bringt? Oder ist es ein schleichender Einzug der wirtschaftlichen Interessen von Verlag und Anzeigenpartnern in redaktionelle Arbeit? Also die finale Erosion von Glaubwürdigkeit einer krisengeschüttelten Institution?

    Ersteres ist wünschenswert. Letzteres zeichnet sich jedoch derzeit deutlicher am Horizont ab. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht sich dazu genötigt, darauf hinzuweisen. In ihrer Rede beim Zeitungskongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) vor zehn Tagen sagte sie ihren ZuhörerInnen: „Der Grundsatz, redaktionelle Inhalte von Anzeigen zu trennen, ist auch im Internetzeitalter wichtig. Gerade in sensiblen Bereichen, wie etwa bei der an Kinder gerichteten Online-Werbung, sind alle Verantwortlichen aufgerufen, die bestehenden Grundprinzipien tatsächlich anzuwenden. Da müssen sich die Selbstkontrollinstanzen der Medien beweisen.“

    Mögen die Selbstkontrollinstanzen der Zeitungen noch zwischen Anzeigen und journalistischen Inhalten trennen können. In einer anderen Hinsicht können sie es nicht: Verlagsinteressen überlagern und verzerren journalistische Inhalte. Das zeigt auch der Blick auf die diskursive Grundlage der Schirrmacher’schen Prophezeihung vom „Jahrzehnt der großen Zeitung“. Die Prophezeihung kann sich nur auf die Kosten einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation Geltung verschaffen. Nur plausibel werden, in dem sie die digitale Revolution verdrängt.

    All das können wir erkennen, wenn wir die Augen öffnen. Unser Verstand, an den Zeitungsmacher wie Schirrmacher in letzter Zeit immer so emotional appellieren („Das Internet macht unser Hirn kaputt„) – dieser Verstand reicht dazu aus, das Gesehene, beziehungsweise das Gelesene auf Lügen hin zu entlarven. Dabei offenbart sich, wie weit verlegerische (sprich: wirtschaftliche) Interessen, die Inhalte einer „großen Zeitung“ und damit ihre journalistische Objektivität untergraben.

    Anm.d.Red.: Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Serie über die „Zeitung im Medienwandel“, die der Verfasser dem jüngst verstorbenen Online-Verleger Robin Meyer-Lucht widmet.


10 Kommentare zu Jahrzehnt der großen Zeitung: Frank Schirrmacher, Digitalisierung und der Fall der chinesischen Mauer

  • Leon Rhein am 30.09.2011 17:58
    Nicht wirklich was neues oder?
    Und folgende These finde ich ziemlich gewagt: " Anfangs hatten die klassischen Medien die ersten digitalen Revolutionen noch befeuert. In den Nuller Jahren erklären sie der Digitalisierung den Krieg – statt der Öffentlichkeit die Digitalisierung zu eklären."
  • Leonie am 30.09.2011 18:00
    @Leon: Vielleich nicht unbedingt die Neuerfindung des Rads, aber ich finde es einen wichtigen Ansatz, den sich einige mal durch den Kopf gehen lassen sollten!
    Guter Artikel!
  • Rainald Krome am 30.09.2011 21:29
    Wir leben in einer großangelegten Kleinteiligkeit der Diskurse, an allen Ecken und Enden wird über Aspekte des Medienwandels debattiert, meist eben nur über Aspekte, herausgelöst aus dem Kontext. So kann beispielsweise die Aussage, Zeitungen setzen im Internet auf kostenpflichtige Inhalte, um ihre ökonomische Print-Agenda auch im WWW fortzusetzen, immer wieder getroffen werden und zusammen mit dem Vorwurf an die Gratismentalität nicht den Widerstand hervorrufen, den es sollte. Denn Zeitungen haben noch nicht Geld damit verdient, Content zu verkaufen, sondern Anzeigenplatz. Dieser Artikel rückt die höufig wiederholte Fantasie auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Einbettung in ein Panorama ist gut, nicht vollständig, nicht immer 100% präzise. ABer das Angebot und der Ansatz ist hilfreich. Dank.
  • @Leonie: ich bin nicht so im Thema: was ist jetzt wichtig an diesem "Ansatz"?
  • @KW: ich vermisse (vielleicht zum Schluss) eine Forderung an die Zeitung bzw. das Modell Zeitung.
  • Hermann - J. Dtumm am 01.10.2011 10:14
    Ein Artikel der viele Facetten des aktuellen Zeitgeists spiegelt.
    Zum einen ist da das Wunschdenken eines Zeitungsverlegers, der sich im Applaus
    Seinesgleichen sonnend und die Vision von einer Intellektualisierung des Zeitungswesens entwickelt. Schade, dass sein eigenes Medium auf viel zu hohem Niveau, dem Intellekt des Durchschnittskonsumenten begegnet, um verstanden zu werden. Da wäre doch erst einmal ein Kreuzzug gegen die Medien forcierte Verdummung, wie Miriam Meckel es anmahnt, angesagt.
    Aber warum? Sollen wir die Zeit zurückdrehen?
    Journalismus ist und bleibt für mich die Lust an Meinungsmache, schildert sie doch immer nur die Meinung eines Autors, oder aber seiner Auftraggeber, vor dem Hintergrund, dessen was mitgeteilt wird und für Wichtig gehalten wird. Warum schreibe ich das? Genau deswegen. Warum sind moderne Medien von so großer Bedeutung? Genau deswegen.
    Frau Merkel täte übrigens gut daran sich an ihre propagierten Inhalte zu halten(siehe Zitat). Es stände unserer Bundesregierung gut zu Gesicht, wenn sie sich mehr um tasächliche politische Notwendigkeiten kümmerte, anstatt ihren zahlenden Kunden (Spendern) nach dem Mund zu reden, denn das entspricht eins zu eins dem, was Frau Merkel von den Medien fordert.
    Die Trennung der redaktionellen Inhalte von Anzeigen meint nichts anderes.
  • @#1: im zweiten Teil meiner Kolumne finden sich weitere Argumente für besagte These:http://berlinergazette.de/digitale-revolution-deutschland/
  • @#2: ich denke nicht, dass das Jahrzehnt der großen Zeitung nur kommen kann, wenn die Zeitungen mit der "Neuerfindung des Rads" aufwarten. Sie müssen sich vorallem weiterentwickeln, ein Stück weit neu erfinden und sie müssen im Zuge dessen ein ausgewogenes, transparentes Verhältnis zwischen Verlag und Redaktion sich erarbeiten.
  • @#6: Meinung machen - ok. Meinungsjournalismus (auch wenn nur eine Facette der Zeitung) sollte aber seriös sein. Schirrmacher ist mit seiner Meinungsmache häufig über der Schmerzgrenze: er betreibt Propaganda, Meinungsmanipulation. Das kritisiere ich!
  • [...] Der Beitrag ist der vierte Teil einer Serie des Autors über Zeitungen im Medienwandel. Hier zum ersten Teil, hier zum zweiten und hier zum dritten Teil. Alle Fotos stammen von Noritoshi Hirakawa. [...]

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