• Trainingslager Krise: „Irgendeinen Job bekommen, egal für welches Geld.“

    Viele Journalisten fahren heutzutage nach Griechenland, um nach einem passenden Zitat zu suchen – die Geschichte haben sie meist schon fertig geschrieben. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki hat es anders gemacht. Er ist unvorbereitet dorthin gereist und hat spontan Menschen getroffen, die in eine brutale Arbeitswelt hineinwachsen: Es gilt inzwischen „irgendeinen Job zu bekommen, egal für welches Geld.“ Ein Erlebnisbericht aus dem Trainingslager namens Krise.

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    Auf dem Germanwings-Flug nach Thessaloniki befindet sich außer mir kein einziger Tourist. Das Flugzeug ist allerdings nicht leer, im Gegenteil, es ist ausgebucht. Wo bin ich hier? So muss es auf einem Inlandsflug zwischen zwei Städten in Griechenland gewesen sein, irgendwann in den 1970er Jahren als die Bevölkerung das neue Verkehrsmittel für sich entdeckte. Ein Vorgang, der außerhalb meiner Erfahrung liegt: Ich war damals ein Kind, die Welt der Luftfahrt war zutiefst fremdartig für mich – so wie die Situation jetzt.

    Ich verbringe drei Stunden in kühler Trance. Die Kabinenansprachen auf Deutsch und Englisch holen mich in die Gegenwart zurück. Nach dem turbulenten Landemanöver stelle ich meine Uhr eine Stunde vor. Thessaloniki ist wolkenverhangen. Der Bus in die Innenstadt lässt auf sich warten.

    Ketten und Kettenreaktionen

    Ich treffe Marina in einem Café. Sie lächelt beim Reden, ihre Augen leuchten. “Nach und nach haben meine Patienten ihre Jobs verloren, also wurde auch ich arbeitslos.” Marina ist Psychotherapeutin, ihre Wohnung liegt in einem Vorort. Gerade hat das Busunternehmen KTEL zwischen ihrer Gegend und Downtown Thessaloniki den Betrieb eingestellt. Die Beiträge, die der Staat dem Unternehmen für die Beförderung von Schulkindern leistet, sind seit Monaten säumig. KTEL kann deshalb nicht mehr alle Fahrer bezahlen. Die Busse werden aus dem Verkehr gezogen. Marinas Verbindung in die Stadt ist gekappt: “Ich werde jetzt in meiner Wohnung isoliert.”

    Marina spricht mit trauriger Heiterkeit von Ketten, die in letzter Zeit aufblühen. Filialen des Bestattungsunternehmens Baboulas sprießen aus dem Boden sowie Billigstläden der Marke Today, wo es Kaffee und Hot Dogs für 70 Cent gibt. Auch Pfandhäuser boomen. Ketten. Und Kettenreaktionen: “Wer sagt mir, dass die Krise nicht noch weitere Kreise zieht? Was, wenn ich auswandere, zum Beispiel nach Kanada, und die Krise mich dann dort, unter Fremden, heimsucht?”

    Als ich diesen Fragen in Gedanken nachgehe, bin ich bereits wieder draußen, auf dem Weg in das Büro von Altherthess. Sprechchöre ziehen mich auf die Hauptstraße. Ein Protestmarsch für festgenommene Demonstranten findet statt, wütend schreitet die Menge voran. Als ich bei Alterthess auf dem Balkon stehe, sehe ich sie von hinten – an der Kreuzung eine Linkskurve nehmend.

    Aus dem Bauch der Protestbewegung

    Stavroula, Redakteurin bei Altherthess, hat nicht wirklich Zeit für mich. Es ist zu viel los. Mit einem Ohr am Telefon fragt sie mich, was ich von der Demo mitbekommen habe, dummerweise konnte sie selbst nicht dabei sein. Als ich ihr Fotos zeige, dauert es keine zehn Minuten und eine Meldung zum Protestmarsch samt meiner Aufnahme ist auf Althertess erschienen. Alterthess steht für Alternative Thessaloniki, seit drei Jahren betreibt ein Kollektiv von 15 Medienaktivisten dieses Nachrichtenportal. “An Demonstrationstagen schnellen unsere Zugriffe um ein Vielfaches in die Höhe. Wir oder unsere Korrespondenten berichten fast immer direkt aus den Protesten heraus, wir liefern Informationen in Echtzeit.”

    Es verstehe sich von selbst, so die 27-jährige Politikwissenschaftlerin, dass ihre Darstellungen wenig mit den Berichten von Mainstream-Medien gemeinsam haben: “Ich selbst bin häufig mit einer Videokamera dabei und halte in der anderen Hand mein Smartphone über das ich der Redaktion Bilder und Daten zum Geschehen live übermittele.” Die Mainstream-Medien brächten dagegen Informationen aus zweiter Hand in Umlauf. Festnahmen von Demonstranten würden da häufig unkritisch als notwendige Maßnahmen hingenommen. “Dem müssen wir etwas entgegensetzen.”, sagt Stavroula.

    Starbucks und Müllberge

    Wieder auf der Hauptstraße unterwegs, mache ich bei MIKEL halt. Der Laden brummt. Junge Leute unter sich, die Facebook-Generation genießt hier Griechenlands Antwort auf Starbucks. Es ist ein Phänomen. Die Macher der inzwischen 18 über das Land verteilten Zweigstellen sprechen sogar von einer Revolution. Das Erfolgsrezept: ein äußerst süßer Kaffee – im Norden Griechenlands erfunden. Eigentlich bin ich auf die Suche nach Mikropolis, einem selbstorganisierten Kulturzentrum, das mir von verschiedenen Seiten als Modellprojekt in Sachen Solidarität empfohlen wird. Ich verlaufe mich vor Erschöpfung, manövriere durch unbelebte, verwahrloste Straßen – eine Geisterstadt mitten im Zentrum. Dann plötzlich reihenweise schicke Bars, pulisierend, mit Flatscreens, auf denen Modenschauen zu sehen sind.

    Die Dämmerung hat inzwischen eingesetzt. Erschlagen pausiere ich bei Starbucks auf der Terasse. Klassische Musik erklingt aus den Außenlautsprechern, alles ausgenommen wohltemperiert. Dann mischen sich Akkordeon-Töne dazu, ein kleiner Junge trägt das Instrument mit einer ernsten Miene vor sich hin. Erst einer, dann drei, plötzlich stehen sieben Männer in ungepflegter Kleidung am Abfall vor der Terasse – ein echter Berg wie an jeder Straßenecke, entstanden, weil die Müllabfuhr aufgrund ausbleibender Bezahlung streikt.

    Einige der Männer haben Taschenlampen dabei, einer hat die Leuchte an der Stirn angebracht und schlitzt mit einem Messer die Müllbeutel auf. Zwei aus der Gruppe setzen zum Paartanz an, ungehemmt theatralisch. Das Akkordeon verstummt unvermittelt, die Tänzer stehen still, die Inspektion des Mülls endet, die Gruppe applaudiert und verschwindet so unmerklich wie sie gekommen war. Im nächsten Moment treten junge Frauen mit Fragebögen an die Tische heran. Starbucks-Besucher zücken ihre Personalausweise. Offenbar geht es um die Erweiterung einer Kundendatenbank.

    „Wir wollen uns nützlich machen.“

    Als ich bei Eva ankomme, sitzt sie am Schreibtisch, den Laptop vor sich, das Headset auf dem Kopf und in den Händen Zeitungspapier, aus dem sie Handtaschen, Lampenschirme, Ohrringe und vieles mehr bastelt. Ein junger Chinese sitzt ihr gegenüber, sie unterhalten sich über das Internet-Telefon Skype. “You use ‘solar’ when you refer to anything that derives from the sun, for example solar-energy, solar battery, solar car.” Eva fragt: “What do we know about Abraham Lincoln as a child?” Zwischendurch adressiert sie ihr Gegenüber immer wieder mit “honey”.

    Nach einem halben Leben in Zypern und einem abgebrochenen Studium der Pharmazie hat sie sich der Kunst, genauer gesagt dem Upcycling zugewendet und die Gruppe Crafting Therapy gegründet. Derzeit hat Eva zwei Ausstellungen in Thessaloniki und plant weitere in Athen, außerdem gibt sie Workshops für Kinder und Senioren, die das auch lernen wollen. Nebenbei unterrichtet sie per Skype Englisch. “Die meisten meiner Studenten kommen aus China und Russland. Ich möchte mich nützlich machen. Sieben von zehn Menschen aus meiner Altersgruppe sind arbeitslos.” Sie spricht in perfektem Oxford-English und ist, hat sie einmal angefangen über sich, ihre Arbeit und ihr Leben zu reden, kaum zu bremsen.

    Ich treffe weitere Menschen, die mich beeindrucken: Eine ehemals im Baskettball-Nationalteam aktive Sportlehrerin, eine frisch verheiratete Ernährungsberaterin, den Social Media-Guru des American College of Thessaloniki, den aktuellen Goethe Institut-Direktor, einen unabhängigen Medien- und Menschenrechtsaktvisten, einen Fotografen schottisch-irischer Abstammung und einige Mütter mit ihren Kindern.

    Vor allem jene, die in Zeiten der Krise über sich selbst hinauswachsen, weil sie der Arbeitsmarkt degradiert, vor allem diese Menschen überrollen mich mit ihren Geschichten. Wiederholt diktieren sie in mein Moleskine, dass man Qualifikationen an den Nagel hängen könne, dass es inzwischen darum geht, überhaupt irgendeinen Job zu bekommen, „egal für welches Geld.“ Doch sie jammern nicht. Wie unter Strom erzählen sie aus ihrem Leben. Ihre Energie ist ein Lichtblick in der Krise. Derweil steigt in Thessaloniki die Anzahl der krisenbedingten Selbstmorde, die Ziffer liegt im Moment bei 3124. Welche Zukunft haben Kinder in dieser Stadt?

    Anm.d.Red.: Mehr zum Thema in unserem Dossier Europakrise. Alle Fotos stammen von Krystian Woznicki. Mehr davon ist in seinem Facebook-Album zu sehen.


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