• Und täglich grüßt das Murmeltier: Was eine legendäre Filmkomödie über Griechenlands Krise sagt

    Was wäre, wenn es kein Morgen gäbe? Dann gäbe es auch kein Heute, sagt Viktor Tsilonis. Dabei nimmt der Jurist und Berliner Gazette-Autor Griechenland ins Auge und Bezug auf die legendäre Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ein nachdenklicher Essay aus Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands.

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    In Harold Ramis‘ Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahr 1993 befindet sich Phil Connors (Bill Murray) in einer extrem ungewöhnlichen Situation. Jedes Jahr wird er von seinem Nachrichtensender in eine US-amerikanische Kleinstadt geschickt, um über die winterliche Wettervorhersage durch den örtlichen Star (ein Murmeltier) zu berichten. Zuerst scheint alles seinen üblichen Gang zu nehmen. Doch schnell stellt sich heraus, dass er in Wirklichkeit aufgrund eines unerwarteten Blizzards in der Kleinstadt festsitzt und dass sich der Tag seiner Berichterstattung über die Vorhersage des „Großen Murmeltiers“ in einer Endlosschleife wiederholt.

    Neunzehn Jahre später, Anfang April 2012, fühlten sich einige Einwohner von Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, an diesen Film erinnert – im Zusammenhang mit der Krise, die Griechenland „aus Versehen“ vor drei Jahren traf, als Folge des Bankrotts der Lehman Brothers, Bernard Madoffs 50 Milliarden schweren Anlagebetrug sowie einem Taumel der Papandreous’schen Regierung mit unabwendbar schwerwiegenden Folgen für die Bevölkerung Griechenlands.

    Regen in Thessalonikis

    Die Assoziation zu Harold Ramis‘ Murmeltier kam über das Wetter zustande: Eine Woche lang regnete es seicht, aber unablässig und dieses, für Griechenlands Verhältnisse ungewöhnlich düstere, Wetter verstärkte die pessimistische Haltung der Bevölkerung bezüglich ihres künftigen Wohlbefindens und ihrer verpfändeten Freiheit und Unabhängigkeit.

    Dazu passt das Bild, das sich an einem eigentlich belebten Donnerstagnachmittag in mehreren Läden in der Mitropolisstraße minutenlang kein einziger Kunde befand. Auch die Straßen waren menschenleer, es waren nur wenige Leute unterwegs. Dabei gehört die Mitropolisstraße eigentlich zu den meistbesuchten Straßen Thessalonikis. Aber es überrascht nicht, denn die 1,5 Millionen Einwohner vor Beginn der Krise werden bald auf weniger als 500.000 schrumpfen, sollte die Krise die nächsten fünf Jahre trotz der ökonomischen Maßnahmen des Währungsfonds, der EU und der USA andauern.

    Die Preise in Griechenland bleiben hoch und der hiesige Markt ist somit nach wie vor einer der teuersten Märkte in Europa, obwohl Gehälter und andere Ausgaben der Arbeitgeber, wie monatliche Zuschüsse, über 40 Prozent gesunken sind. Das monatliche Mindestgehalt liegt inzwischen bei 490 Euro. Es ist, als wurden die Uhren auf das Jahr 2005 zurückgedreht. Die Arbeitslosigkeit ist in die Höhe geschossen und liegt offiziell bei über 20 Prozent. Inoffiziell und realistischer liegt sie aber bei mindestens 30 Prozent. Junge Leute sind zu 60 Prozent von ihr betroffen, auch wenn offizielle Statistiken ihren Anteil auf 48,1 Prozent beziffern.

    170€ für Gerechtigkeit

    Die verfassungswidrige Durchsetzung von Gesetzen in allen Bereichen geht weiter und nimmt der in Griechenland lebenden Bevölkerung damit nach und nach ihre Rechte. Diese Entwicklung wird auch in Zukunft weitergehen und die Menschen werden ihre harte Arbeit in Rauch aufgehen sehen. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist das neue Gesetz zum „Fairen Prozess und der Beschleunigung der Gerechtigkeit“, das Bürger zur Zahlung von 170 Euro verpflichtet, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden, und die Morddrohung, Beschimpfung, Verleumdung, Sachbeschädigung oder Körperverletzung zur Anzeige bringen wollen, damit die Polizei und die Rechtsbehörden den Fall weiterverfolgen.

    Jeden Tag gibt es einen weiteren Selbstmord in Griechenland, der zu den 1.750 aus den letzten zwei Jahren hinzukommt. Viele bleiben der Öffentlichkeit wegen der beschämten Verwandten des Opfers verborgen oder werden den öffentlichen Medien gezielt vorenthalten. Andere schaffen es schlussendlich doch in die Nachrichten.

    Der umstrittene erste dieser Reihe war Leonidas Margiolis, Eigentümer des gefeierten Restaurants „Sieben Seen“ in Thessalonikis Fußgängerzone Kalapothaki. Er fiel nachts still von seinem Balkon, da er „Kredithaien“ große Summen schuldete. Dann folgte Christos Charbatsis, ein sehr berühmter Theaterintendant, der sich mit seinem Auto in den Piraeus-Hafen stürzte.

    …bevor ich anfange, im Müll nach Essen zu suchen

    Zuletzt kam Dimitris Christoulas, ein 77-jähriger Apotheker im Ruhestand, der einen auffälligen Selbstmord wählte – mit einer Pistole vor dem griechischen Parlament. Seine Abschiedsbotschaft war nicht beschönigend. In seiner handgeschriebenen Notiz machte er die kollaborierende Besatzungsregierung unter Tsolakoglou im Zweiten Weltkrieg für seine „weggestrichene Chance auf Überleben“ verantwortlich und sagt mutig: „Da mein Alter mir keine Möglichkeit zur dynamischen Reaktion zugesteht, gibt es für mich keine andere Lösung als meinem Leben ein angemessenes Ende zu setzen, bevor ich anfange, im Müll nach Essen zu suchen.“

    Am Ende schreibt er hoffnungsvoll: „Ich glaube daran, dass die jungen Leute ohne Zukunft eines Tages – wie die Italiener bei Mussolini 1945 – die Waffen erheben werden und die Verräter dieses Landes auf dem Syntagma-Platz hängen.

    Heute sieht es wieder nach Sonnenschein aus – zumindest bis mittags – und einige Menschen haben wieder Hoffnung. Die Wahlen sind nah und es ist wünschenswert, dass die Bevölkerung sich gegen die durch die Massenmedien ständig publizierte Propaganda der „unausweichlichen Maßnahmen“ zur Wehr setzt und anderen Politikern die Macht gibt. Es ist zu hoffen, dass es dadurch zu einem Wandel in der vorbestimmten, katastrophalen Zukunft für die Verfassung, Arbeit und Menschenrechte der Bevölkerung Griechenlands sowie für die Wirtschaft selbst kommt.

    Aber die Geschichte des Films „Und täglich grüßt das Murmeltier“ zeigt, dass die Entwicklung weder einfach noch vorhersehbar werden wird. Am wahrscheinlichsten ist, dass es komplett unerwartet kommt, wenn fast alle schon jegliche Hoffnung aufgegeben haben. Und das könnte schon „gestern“ gewesen sein, als der 77-jährige Apotheker vor der Metrostation des Parlaments Selbstmord begangen hat. Vielleicht… oder auch nicht.

    Anm.d.Red.: Das Foto oben ist ein Standbild aus dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier.


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