• Ein neues digitales Zeitalter des Krisenmanagements – und den Sprung hinein wagen

    Wenn diejenigen, die von Krisen und Katastrophen betroffen sind, sich am effizientesten selbst helfen können, welchen Sinn haben dann noch humanitäre Hilfsorganisationen? Mapping-Aktivist und Berliner Gazette-Autor Patrick Meier zeigt im zweiten Teil seines Essays, mit welchen neuen Kommunikationstechnologien sie den Sprung in ein neues Zeitalter des Krisenmanagments schaffen können.

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    In der analogen Welt der Vergangenheit war die humanitäre Hilfsindustrie geschützt: Ihre „Kunden“, die von Krisen betroffene Bevölkerung, konnten ihre Stimme nicht digital hörbar machen. Die Risse des Systems sind deshalb nicht aufgefallen. Heute sehen viele traditionelle Anbieter von humanitären Gütern Crowdsourcing als eine unwillkommene Ablenkung – in einer Zeit, in der sie ohnehin überlastet sind. Sie befürchten, dass das „Verhältnis von Rauschen und Signal einfach zu hoch ist“ (Reuters). Die humanitären Organisationen könnten sehr gut auch weiterhin die Hilferufe ignorieren und entscheiden, dass eine Kommunikation mit betroffenen Bevölkerungen einfach nicht machbar ist.

    Informationen aus Crowdsourcing sind allerdings nichts anderes als von den Nutzern generierter Inhalt. Und wenn humanitäre Hilfeleister nutzer-generierten Inhalt ignorieren, dann können sie die Kommunikation mit den von Katastrophen betroffenen Gemeinschaften vergessen. Wenn andererseits „Agenturen Zeit und Ressourcen investieren, um die Strömungen der Crowdsourcing-Informationen in Katastrophengebieten zu lenken, dann sollten sie sich sicher sein, dass es auch sinnvoll investierte Zeit ist“ (Reuters).

    Die Macht des rettenden Westens dezentralisieren

    Aus verschiedenen Gründen ist dieser letzte Kommentar „problematisch“, um es möglichst diplomatisch auszudrücken. Erstens gibt diese Formulierung dem Mythos wieder Raum, dass vor Ankunft des rettenden Westens keinerlei Hilfsaktionen ablaufen (Barrs 2006). Leider kommen wir nicht immer an: Bei wie vielen „vernachlässigten Krisen“ und sogenannten „vergessenen Notfällen“ haben wir nicht eingegriffen? Diese Mentalität mag erklären, warum humanitäre Eingriffe oft „den Hang haben, einem patriarchalischem Modus zu folgen, der zu einer Verdrehung der Aktivitäten Richtung Angebot statt Nachfrage führen kann“ und dazu, dass mehr informiert als zugehört wird (Manyena 2006).

    Zweitens ist die Annahme, dass Crowdsourcing-Daten für die exklusive Nutzung der humanitären Retter da sind, nicht nur arrogant, sie ignoriert auch die Realität, in der lokale Gemeinschaften in Krisenzeiten per Definition die ersten Helfer vor Ort sind. Berichte zeigen, dass betroffene Gemeinschaften oder Bevölkerungsgruppen bereits dabei sind Informationen (auch aus Crowdsourcing-Quellen) zu sammeln. Damit entwickeln sie ihre eigenen Krisenkarten für Notfälle. Mein Kollege Tim McNamara hat angemerkt, dass „Krisenkartographie (…) nicht nur eine technologische Entwicklung (ist), sie ist auch ein Prozess der schnellen Dezentralisierung von Macht. Durch die geringen Hindernisse, die es zu überschreiten gilt, gibt es auch viele neue Akteure auf dem Gebiet der Notfall- und Desasterhilfe. Sie ignorieren die traditionellen Hierarchien, weil neue Einsteiger empfinden, dass sie etwas tun können, das anderen hilft.“

    Open Source für Frieden

    Drittens sind humanitäre Organisationen viel offener für die Nutzung von kostenloser und Open Source Software als vor zwei Jahren. Die Ressourcen für die Überwachung und die Abbildung von Crowdsourcing-Informationen müssen nicht übermäßig hoch sein. Die Syria Crisis Map nutzt die kostenlose Open Source Data-Mining Plattform HealthMap, die täglich einige tausende Englisch-basierte Quellen über Monate hinweg überprüft. Die Technologie hinter der Karte, Ushahidi, ist auch kostenlos und Open Source. Das Projektteam besteht aus einigen Freiwilligen, die sich seit fast einem Jahr in ihrer Freizeit mit dem Thema beschäftigen.

    Viertens investieren humanitäre Hilfsorganisationen (mit Ausnahme von UN Global Pulse) keine Zeit und Ressourcen in die Aufarbeitung von großen Datenmengen zu Katastrophen. Warum? Weil sie weder die Zeit, noch das KnowHow besitzen. Aus diesem Grund beginnen sie bei diesen Aufgaben mit Outsourcing und auch Crowdsourcing – genau wie private Firmen das vor einigen Jahren gemacht haben, um ihre Reichweite zu erhöhen. CrisisMappers, Standby Volunteer Task Force (SBTF), Humanitarian OpenStreetMap (HOT) and Crisis Commons (CC) sind vier technische Netzwerke von Freiwilligen, die seit Haiti bereits aktiv mit einigen humanitären Organisationen zusammengearbeitet haben. Damit liefern sie die hohe Kapazität, die in Notsituation vom humanitären Bereich benötigt wird. Das schließt auch UN OCHA in Libyen und Kolumbien ein, UNHCR in Somalia und WHO in Libyen. Diese Gruppen haben sogar ihr eigenes Akronym: V&TCs (Volunteer & Technical Communities) – Freiwillige und Technische Gemeinschaften.

    Der ehemalige Leiter von OCHAs Informationsservice Sektion (ISS) bemerkte nach der Veröffentlichung der Libya Crisis Map: „Diese Bemühungen, einem schwierigen Problem zu begegnen, haben definitiv die Informationslast verringert; sich durch die Masse an Nachrichten über die Krise zu arbeiten ist keine einfache Aufgabe“ (8. März 2011). Darüber hinaus wurden die Informationen aus den Sozialen Medien auf der Libya Crisis Map in offizielle UN OCHA Informationsprodukte integriert.

    Netzwerk eines Netzwerks als Schnittstelle

    Der schnelle Zuwachs an V&TCs hat zur Entstehung des Digitalen Humanitären Netzwerks (DHN) geführt. DHN ist das Netzwerk eines Netzwerks, es wird von der UN angetrieben und besteht aus den aktivsten Mitgliedern von V&CTs, eine digitale humanitäre Plattform, die mit Ning arbeitet. Ihr Ziel ist es, traditionellen humanitären Organisationen eine Schnittstelle zur Verfügung zu stellen. Damit können diese wichtige Informationsmanagement-Aufgaben outsourcen und crowdsourcen. OCHA hat auch die Communities of Interest (COI) ins Leben gerufen, eine Plattform, die weiteres Engagement von Freiwilligen auf anderen Gebieten der Krisenreaktion hervorbringen soll.

    Das sind keine Einzelfälle. Während der großen Brände in Russland 2010 haben Freiwillige ihre eigene, bürgerliche Rettungsorganisation gegründet. Von vielen wurde diese als sichtbarer und effektiver als die Reaktionen des Kremls angesehen. In Ägypten haben Freiwillige die Seite IntFeen.com genutzt, um ihre eigenen humanitären Lieferungen nach Libyen crowdsourcen und koordinieren zu können. Die Firma LinkedIn hat auch innovative Schritte gemacht, um Freiwillige und bestimmte Bedürfnisse und Anforderungen zusammenzubringen. Sie hat kürzlich ein „Freiwilliger für folgende Zwecke“-Feld auf der Profilseite ihrer Mitglieder eingefügt, das jetzt 150 Millionen LinkedIn-Nutzern weltweit zur Verfügung steht. Sparked.com ist eine weitere Gruppe, die sich dem Zusammenbringen von Freiwilligen und Bedürfnissen verschrieben hat. Die Firma ist das weltweit erste Mikro-Netzwerk für Freiwillige. Es sendet angemeldeten Freiwilligen Herausforderungen, die ihren Fähigkeiten entsprechen, zu Zwecken, die ihnen am meisten am Herzen liegen.

    Eine App für die Katastrophenkoordinierung

    Wie erhalten diese Techniken einen neuen Zweck? Wie werden sie genutzt, um das Management von Freiwilligen nach einem Desaster zu vereinfachen und zu steuern? Forscher der Universität in Queensland, Australien haben bereits eine neue Smartphone-App entwickelt. Mit ihr können freiwillige Helfer während und nach großen Katastrophen besser mobilisiert und koordiniert werden. Die App liefert nicht nur Informationen über den Vorbereitungsstatus, sie gibt auch Echtzeit-Updates über die verfügbaren lokalen Freiwilligen aus. Freiwillige können sich für eine Vielzahl an Aufgaben registrieren, von Hilfe für Gemeinden bishin zu Hilfe bei Naturkatastrophen.

    Derweil hat das Amerikanische Rote Kreuz in Zusammenarbeit mit den Dell-Laboren ein Digitales Arbeitsscenter herausgebracht. Dells Plattformen und digitale Freiwillige nutzen es zur Beobachtung von Sozialen Netzwerken, um Störsignale zu verringern. Das ist eine neuartige „Vorgehensweise basierend auf den sozialen Medien, die sich der humanitären Hilfeleistung widmet und die zunehmende Wichtigkeit von sozialen Netzwerken in Notlagen demonstriert.“ Als Teil dieses Centers hat das Rote Kreuz „ein Programm für digitale Freiwillige angekündigt, damit den Fragen der Öffentlichkeit besser begegnet werden kann und Informationen während Katastrophen besser weitergegeben werden“.

    Trotz großer Herausforderungen gibt es schon jetzt viele positive Nebeneffekte der Nutzung von digitalen Freiwilligen. Der stellvertretende Hochkommissar der UNHCR sagte über sein Freiwilligenprojekt in Somalia, dass solche Projekte für mehr Bürgerengagement sorgen und das Bewusstsein für humanitäre Organisationen und ihre Arbeit stärken. Das erklärt auch, warum die UNHCR mehr und nicht weniger Engagement von den digitalen Freiwilligen möchte. Diese Freiwilligen bilden auch wichtige Fähigkeiten aus, die verstärkt durch die humanitären Organisationen gesucht werden, wenn sie neue Einstiegspositionen besetzen. Humanitäre Organisationen werden auch dazu lernen und bei den humanitären Technologien und digitalen Fähigkeiten auf den aktuellen Stand kommen. Und dieser Wandel sollte begrüßt werden.

    Zukunft? Ja, mit Innovation und Wandel

    Im Hinblick auf das Aufkommen von „selbst-befähigten“, krisengeschüttelten Gemeinschaften und digital bemächtigten Freiwilligengemeinschaften kann man fragen: Gibt es eine Zukunft für traditionelle humanitäre Organisationen? Ja, die gibt es. Und alle, die etwas anderes suggerieren, sind missgeleitet und haben die Innovationen auf dem humanitären Gebiet nicht mitbekommen. Twitter wird die UN nicht arbeitslos machen. Humanitäre Organisationen werden auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, besonders wenn es um Logistik und Koordination geht. Diese Organisationen werden auch weiterhin bestimmte Aufgaben outsourcen, aber an anderer Stelle neue Aufgaben übernehmen.

    Die Frage, die sich stellt, ist nur die nach komparativem Vorteil. Humanitäre Organisationen hatten in einigen Gebieten einen vergleichbaren Vorteil, aus den oben beschriebenen Gründen hat sich das allerdings verändert. In einigen Fällen macht Outsourcing also wirklich Sinn. Interessanterweise verändern Organisationen wie UN OCHA durch die Zusammenarbeit mit Freiwilligennetzwerken auch einige ihrer internen Informationsmanagement-Prozesse. Sie erwarten sich dadurch Verbesserungen in ihrer Effizienz. OCHA befindet sich auch hinter der Initiative Digitale Humanitäre und hat eine App entwickelt für humanitäre Arbeiter, die sie während Rettungseinsätzen bei Desastern nutzen können – ein eindeutiges Zeichen für Innovation und Wandel.

    Zusammenfassend – so wurde auch vor zwei Jahren argumentiert – verändert sich die humanitäre Industrie in Richtung eines multi-polaren Systems. Es entstehen neue Akteure, von digital aktiven, katastrophen-heimgesuchten Gemeinschaften zu digitalen Freiwilligennetzwerken. Diese Entwicklung wurde von der rapiden Kommerzialisierung der Kommunikationstechnologie angetrieben – insbesondere dem Mobiltelefon und den sozialen Netzwerken. Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Trends bald verändern werden. Sie werden auch weiterhin Innovationen im humanitären Bereich vorantreiben. Das bedeutet aber nicht, dass traditionelle Humanitäre Organisationen überflüssig werden. Ihre Rollen verändern sich einfach und das beweist, dass sie keine Monument aus Kriegszeiten sind. Die Zeit selbst wird zeigen, ob sie sich schnell genug verändern.

    Anm.d.Red.: Dies ist der zweite Teil eines Essays, der im Rahmen des Skoll World Forums 2012 in Oxford entstand. Der erste Teil erschien bereits in der Berliner Gazette. Aus dem Englischen übersetzt von Anne-Christin Mook. Alle Fotos: Haiyan Zhang (spectral alphabet).


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