• Wozu noch Krisenhelfer? Wie die digitale Revolution humanitäre Organisationen verändert

    Wenn diejenigen, die von Krisen und Katastrophen betroffen sind, sich am effizientesten selbst helfen können, welchen Sinn haben dann noch humanitäre Hilfsorganisationen? Mapping-Aktivist und Berliner Gazette-Autor Patrick Meier zeigt im ersten Teil seines Essays, mit welchen Problematiken sie im neuen Zeitalter des digitalen Krisenmanagments konfrontiert sind.

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    Helfen ist heute ein globales Geschäft. Eine humanitäre Industrie ist entstanden und hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von wichtigen Innovationen vorangebracht. Gleichzeitig vergrößern Krisen die Risse, die die Unzulänglichkeiten der bestehenden Organisationen aufzeigen. Vor allem von solchen Organisationen, die sich gegen Veränderungen sträuben. Und „jede Organisation, die sich nicht verändert, ist ein Denkmal an die Schlacht.“ (While 1992)

    Diese Risse, oder Lücken, werden zunehmend von den durch die Krise betroffenen Gemeinschaften selbst gefüllt. Zum Teil ist dies das Ergebnis der schnellen Kommerzialisierung der Kommunikationstechnologien. Die Frage ist: Wird sich die milliardenschwere humanitäre Industrie schnell genug verändern, um zu verhindern, dass sie auf der Mülldeponie der Geschichte landet?

    Selbstorganisation in der Krise – ganz ohne Studienabschluss

    In Krisenzeiten stellt sich oft heraus, dass „bestehende Routinen nicht adäquat oder sogar behindernd sind, denn der Umgang mit der Krise muss naturgemäß über die Grenzen der geplanten und zur Verfügung gestellten Kapazitäten und Möglichkeiten hinausgehen“ (Leonard und Howitt 2007). Formeller gesagt: „Effekte von Krisen, die die ‚Symmetrie brechen‘, machen die linear gestalteten und zentralisierten administrativen Aktivitäten zu Nichte“ (Corbacioglu 2006). Das kann ein Grund dafür sein, warum „vermehrt die Aufmerksamkeit auf die Fähigkeit der betroffenen Gemeinschaften gelegt wird, sich ohne oder nur mit geringer externer Hilfe von Desastern zu erholen“ (Manyena 2006).

    Von Katastrophen betroffene Bevölkerungen haben sich in Krisensituationen immer selbst organisiert. Tatsächlich kommt per Definition die erste Hilfe durch die Gemeinschaft selbst. Deshalb retten die Menschen vor Ort – und nicht die humanitären Rettungskräfte – nach einer Katastrophe die meisten Leben. Auf viele der Bedürfnisse, die nach einem Desaster entstehen, kann vor Ort reagiert werden. Man benötigt keine zehn Jahre Arbeitserfahrung bei der UN in Darfur oder einen Master, um grundlegende Erste Hilfe zu leisten oder einen Nachbarn aus den Trümmern zu ziehen. Schätzungen gehen sogar so weit, dass „nicht mehr als 10% der Überlebenshilfe in Notfällen auf die externe Unterstützung von Rettungskräften zurückzuführen ist“ (Hilfhorst 2004).

    Vom Informationsvakuum zum Datenberg

    Diese Zahl mag heute höher sein, da durch Krisen betroffene Gemeinschaften von einem besseren Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologie profitieren (IKT). Nicht zuletzt wird die „Krise zuerst durch die Kommunikation mit der von ihr betroffenen Gemeinschaft als solche angesehen – und sie definiert sich in der Schwierigkeit, sich und andere zu informieren“ (Gilbert 1998). Diese Herausforderung an die Kommunikation ist heutzutage geringer geworden, weil die ganze Gesellschaft immer digitaler wird. Über diesen Kanal laufen die ersten Informationen im Anschluss an eine Krise.

    Natürlich waren die Gemeinschaften immer Quelle für Informationen, aber in einer analogen Welt Informationen weiterzugeben funktioniert grundsätzlich anders als in einer digitalen Welt. Die passende Analogie dazu ist der Unterschied zwischen „nur Lesen“ und „Lesen-Schreiben“. Bis vor kurzem sahen sich humanitäre Hilfsorganisationen mit einem Informationsvakuum konfrontiert, wenn eine Katastrophe auftrat. Heute ist das ganz anders: Die größte Herausforderung ist er Umgang mit der riesigen Datenmenge, die durch die von der Katastrophe betroffenen Gemeinschaften selbst entsteht.

    Diese Communitys werden zu Mitgliedern einer neuen „Selbstbefähigungsbewegung“, da sie ihr Schicksal immer stärker selbst in die Hand nehmen (können). Wenn Information Macht ist, dann sorgen die neuen Kommunikationsverhältnisse für eine Machtverschiebung. Früher hatten die Rettungskräfte Zugang zu exklusiven Informationen, heute verfügt eine größere Gemeinschaft über diese Infos. Und es kommt noch besser! Obwohl betroffene Gemeinschaften immer digitaler werden, glauben einige Gruppen, dass humanitäre Organisationen größtenteils nicht in der Lage sind, entsprechend mit den Betroffenen zu kommunizieren. Natürlich gibt es hier auch wichtige und beachtenswerte Ausnahmen.

    Firma: Rettungsagentur. Kunden: Gerettete.

    „Ist Twitter der Bankrott für die UN?“ (Reuters) oder schaffen humanitäre Organisationen es, sich auf diese radikalen Veränderungen einzustellen, indem sie sich selbst und ihre Rolle als Institutionen verändern bevor es zu spät ist? „Eine Firma, die nicht mit ihren Kunden kommuniziert, wird nicht lange auf dem Markt bestehen – sie wird schnell vergessen, was ihre Kunden wollen, und die Kunden werden nicht wissen, welche Produkte oder Services angeboten werden.“ Andere Anbieter werden diese Lücken füllen (Reuters). „In der milliardenschweren humanitären Hilfsindustrie sind Rettungsagenturen Firmen und die Geretteten sind ihre Kunden. Trotzdem haben viele Agenturen jahrzehntelang vor sich hin gewurstelt und kaum auch nur einen Schritt getan in Richtung Kommunikation mit den Menschen, denen sie helfen sollen“ (Reuters).

    Das gleiche Verhalten hat die Musik- und Nachrichtenindustrie über viele Jahre an den Tag gelegt. Inzwischen sind sie starkem Druck ausgesetzt und verändern sich radikal in ihrer Struktur – freiwillig war keine dieser Veränderungen. Selbstverständlich wäre die Situation anders, wenn betroffene Gemeinschaften für die humanitären Dienstleistungen bezahlen würden, aber wie viel Zeit bleibt den humanitären Einrichtungen noch, bis sie denselben Druck zu spüren bekommen wie die Musik- und Nachrichtenindustrie?

    Helfen, wenn jeder Hilfe braucht

    Ob humanitäre Organisationen es nun mögen oder nicht, die von Katastrophen heimgesuchten Gemeinschaften werden ihre Bedürfnisse mehr und mehr öffentlich mitteilen und viele werden eine Reaktion der humanitären Industrie erwarten. Eine Studie vom US-amerikanischen Roten Kreuz aus dem Jahr 2010 hat bereits herausgefunden, dass in Krisensituation die Mehrheit der Betroffenen eine Reaktion auf die Mitteilungen erwartet, die sie über soziale Medien kommunizieren. Darüber hinaus erwarten sie, dass dies innerhalb von einer Stunde passiert.

    Humanitäre Organisationen haben gar nicht die Kapazitäten mit dieser Masse an Anfragen umzugehen, sie haben auch nicht die entsprechenden Strukturen. Fakt ist aber, dass humanitäre Organisationen prinzipiell auch nie in der Lage waren, eine große Menge an Anfragen zu bearbeiten. Deshalb fragt Reuters: „Worin liegt der Sinn von Crowdsourcing, wenn jeder Hilfe braucht?“ Vielleicht zeigt Crowdsourcing nicht zuletzt all die Risse im System. Das ist keine schlechte Sache. Heutzutage kann es sicher keinen mehr überraschen, dass viele Menschen nach einer Katastrophe auf Hilfe angewiesen sind. Daher sind die Themen Risikoreduktion und Vorbereitung im Zusammenhang mit Desastern relevant.

    Anm.d.Red.: Dies ist der erste Teil eines Essays, der im Rahmen des Skoll World Forums 2012 in Oxford entstand. Aus dem Englischen übersetzt von Anne-Christin Mook. Alle Fotos: Haiyan Zhang (spectral alphabet).


1 Kommentar zu Wozu noch Krisenhelfer? Wie die digitale Revolution humanitäre Organisationen verändert

  • Martin am 13.05.2012 12:05
    Sehr schöner Artikel. Regt zum nach- und weiterdenken an!

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