• Nach den Massenmedien: Wie ein Labor aus Bukarest neue Strukturen für Journalismus schafft

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    Die Informationslandschaft in einem Polizeistaat wie Rumänien ruft Journalisten auf den Plan. Ihre Lösungsansätze dürften auch Medienmacher aus der freien Welt inspirieren. Stefan Candea, Direktor und Mitbegründer des Romanian Centre for Investigative Journalism, berichtet.

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    Ich sitze gemeinsam mit Programmierern und Kartografen in einem Seminarraum des Instituts für Informatik der Polytechnischen Universität in Bukarest zusammen. Unsere Köpfe hängen über Laptops. Wir diskutieren die Kartierung des politischen Spektrums in Rumänien. Wie sehen die politischen Strukturen der jeweiligen Region von Innen aus? Wie können die Verwaltungen parteipolitisch zugeordnet werden? Wie könnte dieses grundlegende Wissen die öffentliche Meinung beeinflussen? Zwei Dinge sind klar. Erstens: Es gibt große Datensätze zum Thema. Zweitens: Eine Auswertung der Daten wäre für die Demokratie in Rumänien unverzichtbar.

    Doch es gibt ein Problem: Die Daten des öffentlichen Bereichs entspringen Quellen, die einen Vergeltungsschlag der Regierung befürchten. Und auch für die im Raum versammelten Coder und Kartografen ist die Veröffentlichung ihrer Arbeit eine existenzbedrohende Angelegenheit. Hinzu kommt, dass Angestellte lokaler staatlicher Agenturen, die mit privaten Firmen zusammenarbeiten, Geld damit verdienen wollen, elektronische Versionen von öffentlichen Informationen zu verkaufen. Die Daten, die für dieses Projekt benötigt werden, wären 1,3 Millionen Dollar wert. Mit diesem Argument (nennen wir es Profitgier) verweigern staatliche Angestellte den Zugang zu öffentlichen Daten.

    Der Schutz der Quellen

    Eine Gruppe von investigativen Journalisten des von mir mit initiierten Romanian Centre for Investigative Journalism (RJIC) bietet an, das oben beschriebene Projekt als journalistische Arbeit zu klassifizieren – und damit den Schutz der Quellen zu gewährleisten. Ein Rechtsexperte entwirft daraufhin ein Dokument, das notwendig ist, um die Projektmitglieder vor der Regierung zu schützen. Schließlich wird das Projekt unter dem Titel „Politische Farben“ (Political Colors) veröffentlicht: Es zeigt in nie dagewesener Art die politischen Verwicklungen verschiedener Verwaltungsebenen des rumänischen Staates. Und es kombiniert diese Daten mit demografischen Informationen wie Alter, Bildung und Einkommen.

    Dieses Projekt ging als eines von vielen Ergebnissen aus einem Hackathon hervor, an dem mehr als 60 Programmierer, Journalisten, Informationsdesigner, Aktivisten, Rechtsexperten und Studenten teilnahmen. Der Hackathon „Open Media Challenge“ wurde vor zwei Jahren von Sponge organisiert. Dieses Innovationslabor aus Bukarest ist ein weiteres Projekt, an dem ich derzeit arbeite. Hier kommen etablierte Gruppen und unabhängige NGOs zusammen. Die Akteure arbeiten zu recht unterschiedlichen Themen, darunter investigativer Journalismus, Recht auf freie Meinungsäußerung, Open Source Software, Kartographie und Rechtsfragen. So überrascht es nicht, dass auch das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bukarest ebenfalls ein Partner des Labors ist.

    Dem Zusammenbruch der Massenmedien widerstehen

    Die Teilnehmer des Hackathons kamen aus Rumänien, Moldawien, Weißrussland, Deutschland und dem Vereinten Königreich. Vorschläge kamen aus der Ukraine, Kasachstan und Russland. Am Ende des Hackathons waren acht Projekte mit kompletten technischen Spezifikationen entstanden. Der Code und die Wiki-Seiten wurden unter Open Source-Lizenzen veröffentlicht.

    In einem konventionellen Arbeitszusammenhang hätte jedes dieser Projekte für die jeweilige NGO ein Jahr lang Arbeit bedeutet und Millionen Euros gekostet. Bei dem Hackathon jedoch konnten diese Innovationsblocker überwunden werden: Alles basierte auf freiwilliger Arbeit und die geringen Gesamtkosten von 3.000 Dollar wurden durch einen Zuschuss von der Mozilla Stiftung gedeckt. „Politische Farben“ gewann den ersten Preis von einer Jury angeführt vom deutschen Datenjournalisten Sebastian Mondial und Omidyar Netzwerkpartner Stephen King.

    Bei den lokalen Mainstreammedien avanciert „Politische Farben“ gleich zum Hit. Sie bauen die Karte für die bevorstehende Wahlen weiter aus. Auch hochklassige Nachrichtenportale, Agenturen und TV-Sender beginnen die Anwendung zu übernehmen – all das ohne jegliche PR-Arbeit.

    Vor über zehn Jahren, als RCIJ gegründet wurde, galt es dem Zusammenbruch der Massenmedien zu widerstehen und wichtige Informationen aus dem korrupten Mediensystem heraus zu übermitteln. Im nächsten Schritt streckten wir unsere Fühler nach gleichgesinnten Menschen und Organisationen auf der Welt aus. Wir begannen über Grenzen hinweg zu arbeiten und produzierten dabei häufig preisgekrönten Journalismus. Jetzt kommen wir zurück in die Massenmedien, weil diese die Inhalte brauchen, die wir zur Verfügung stellen.

    Eine gemeinsame Leidenschaft

    Unser aktuelles Vorhaben ist, neue Arten von Institutionen und Infrastrukturen zu etablieren und ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das auf der Produktion relevanter und verifizierbarer Information basiert und ohne Werbung oder Spenden auskommt.

    In diesem Sinne bringt Sponge eine Reihe Menschen und Netzwerke mit einer gemeinsamen Leidenschaft zusammen: Transparenz und freier Zugang zu Informationen. Wir haben ein Medienlabor gebaut, das Studenten, Journalisten, Fotografen, Kodierer, Kartographen, Aktivisten, Informationsdesigner und Rechtsexperten zum Internet und Technologie zusammenbringt. Programmierer informieren Journalisten und umgekehrt. In nur einem Jahr Aktivität hat Sponge eine Open Media Challenge auf die Beine gestellt, mehr als 10 Applikationen veröffentlicht und ein J-Lab Konzept während journalistischer Konferenzen eingeführt.

    Wir wissen noch nicht, wie unser Geschäftsmodell aussehen wird. Deshalb müssen wir – wie jeder andere Wirtschaftszweig auch – experimentieren und durch die Investition in Forschung und Entwicklung dazulernen. Aber Sponge ist ein Ort, bei dem man auf Experimenten aufbauen kann, die offen und kollaborativ sind, und dabei nicht in einer einzigen Organisation verankert.

    Anm.d.Red.: Stefan Candea ist zwischen dem 6. und 8.12. zu Gast bei dem Berliner Gazette-Projekt „Whatever happened to journalism?“. Hier das Programm: berlinergazette.de/whtj. Candea war kurz zuvor einer von rund 50 internationalen Gästen der COMPLICITY-Konferenz der Berliner Gazette. Das Live-Video seines Vortrags über das Offshore-Leaks-Projekt findet sich hier. Die umfangreiche Dokumentation der Konferenz (Live-Videos, Graphic Recordings, etc.) findet sich hier. Das Bild oben zeigt die Karte Political Colors.


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