• Kollektiver Zwang oder Zugang für alle? Warum das Internet noch keine Weltbibliothek ist

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    Wir können im Internet alles Erdenkliche mühelos teilen – Informationen und Daten in jeglicher Form: ob Bilder, Texte, Musik oder Filme. Die Möglichkeiten scheinen schier endlos. Doch können wirklich alle Regionen und Kulturen an diesem Spiel teilnehmen? Schriftsteller, Medienaktivist und Berliner Gazette-Autor Fran Ilich über das globale Gehirn, das unsere Gesellschaften vernetzt, aber auch gleichzeitig voneinander trennt.

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    Berlin ist für mich schon immer eine pulsierende Kraft tief im Herzen Europas gewesen. Ein Ort, der vom Geist der Zukunft beseelt ist. Wo radikale Romantiker Tag und Nacht daran arbeiten, ihre Ideale zu verwirklichen. Unerschöpflich ist die Inspiration, die ich durch Combos wie „Bootlab“ oder „Snipers“ gewonnen habe, auch wenn ich in einem anderen Teil der Erde lebe. Dutzende weitere Namen könnte ich aufzählen, die letztendlich unter dem Label „Berlin“ kommuniziert werden.

    Aber meine Bestandsaufnahme des neuen Jahrtausends kann logischerweise nicht aus der Perspektive eines Berliners erfolgen. Mein Rückblick beschränkt sich auf eine Sichtweise, die durch meine tägliche Umgebung geprägt ist: Mexiko, wo ich seit vielen, vielen Jahren zwischen der Hauptstadt des Landes und Tijuana an diversen Internetprojekten mit dem Schwerpunkt non-lineare Narration arbeite.

    Religion der Gegenwart

    Das Internet, welches spätestens seit der Jahrtausendwende als zentraler Umschlagplatz der Gegenwart betrachtet werden kann, hat viele Veränderungen mit sich gebracht. Nicht alle sind positiv. Manche sind sogar sehr gefährlich. Zwar kann das Internet als globales Gehirn Verwendung finden. Aber die beunruhigenden Aspekte dieser Homogenisierung werden insbesondere auf der unterentwickelten Seite des so genannten „digital divide“ deutlich. Zwar beginnen Regierungen und Gesellschaften das Internet und die Informationstechnologie als unentbehrliches Tool des kollektiven Gedächtnisses zu betrachten und zu benutzen.

    Aber es ist nicht nur notwendig geworden, einen Zugang zum WWW zu besitzen. Nein, das Internet gilt mittlerweile auch als Sprache und Religion, die jeder zu praktizieren hat. Stellen wir uns vor, welchen Einfluss dies auf Traditionen hat, die keine schriftlich fixierte Basis besitzen. Oder aber auf isolierte Kulturen, die schon lange ohne die Notwendigkeit einer Verbindung zum globalen Markt existieren. Vom Info-Junk mal ganz abgesehen. Momentan herrscht ein Fetisch für offene Netzwerke vor. Aber gerade die Diskurse in zellular geschlossenen Gruppierungen sind manchmal sehr fruchtbar, wie schon in den 1970er Jahren.

    Das Phänomen der „offenen Kultur“ ist begehrenswert, aber es kann ebenso naiv sein. Gerade wenn Firmen, Organisationen oder andere gleich gesinnte Gruppen einen Vorteil daraus ziehen. Wenn die Freiheit der Information und die Freiheit der kulturellen Produktionen eine kostenlose Vermarktung erfährt, kann eine sterile und uninspirierte Atmosphäre entstehen. Ich spreche von Gesellschaften in der Dritten Welt, die sich dem Kapitalismus einfach zu spät angeschlossen haben. Sehen wir uns an, welche Folgen die Biopiraterie für die einheimischen Kulturen in Lateinamerika hat. Es ist schlichtweg desaströs. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, den vermeintlichen Widerstand der Öffentlichkeit gegen offene Netzwerke zu überdenken. Es handelt sich dabei nicht um eine Verneinung des Internets an sich. Sondern um eine Kulisse hinter der via offenen Netzwerken die Ausbeutung des Internets betrieben wird.

    Zurück zu den Wurzeln

    Seit einiger Zeit schon bin ich vorübergehend zu den (Graß)Wurzel-Ansätzen zurückgekehrt und arbeite überwiegend offline. Dabei habe ich mich auf die klassische Arbeitstradition, das Orale und das Textliche zurückbesonnen, um herauszufinden, was in meinem Teil der Welt getan werden muss. Natürlich gibt es keine richtigen Antworten, es gibt nur individuelle Entscheidungen. Ich glaube an die Kraft des Narrativen als Waffe. Und wenn die Medienlandschaft ein Ort ist, zu dem jeder Mensch auf dieser Erde einen Zugang haben muss, dann ist das Erzählende und das Erzählte ein gewisses Extra.

    Jeder Mensch sollte das Recht dazu haben, diesen narrativen Spezialbereich zu erlernen. Ich glaube, mehr Dinge könnten bewegt werden, wenn alle Menschen nicht nur einen Zugang zum kollektiven Fernsehen oder Internetmedien oder dem Radio hätten, sondern auch Werkzeuge zum Erzählen. Wie würden die anderen Geschichten sich von denen der Firmen, der Organisationen und von den staatlich regulierten Erzählungen unterscheiden, die derzeit die Medienlandschaft regieren?

    Nachdem die zapatistische Armee in diesem Jahr die 6. Erklärung zum „Lacandon Dschungel“ herausgegeben hat, modifizierte ich meine Strategie ein weiteres Mal. Ich entschied mich, noch weiter zu meinen Wurzeln vorzustoßen. Nahm an einem Treffen der Zapatisten im Dschungel teil. Startete danach einen autonomen Server, der sich possibleworlds.org nennt und der sich vor allem in ethischer Hinsicht von den traditionellen Servern unterscheidet. Hatte die Idee einer geschlossen „virtual community“, die ich installierte und die Leuten die Möglichkeit gibt, sich frei zu äußern, ohne Angst davor haben zu müssen, dass irgendwelche „Netzwanderer“ ihre Kommentare lesen, auf die sie zufällig bei Google stoßen. Nahm in Spanien an Uni-Workshops teil und arbeitete in Mexiko mit Minderheiten zusammen: zentral- und südamerikanische Flüchtlinge, Getto-Teens, Ureinwohner, etc. Machte nach dieser Erfahrung einen Relaunch von delete.tv, meinem Langzeitprojekt, das alternative Formen von Narration unterstützt und zeigt.

    Was von den Errungenschaften der ersten sechs Jahre des 21. Jahrhunderts bleiben wird? Natürlich die Do-it-yourself-Herangehensweise, die zwar schon viel früher geprägt wurde, aber erst in letzter Zeit weitreichende Verbreitung fand. Open Source bleibt wichtig. Denn es wird auch in Zukunft wichtig sein, nicht zu vergessen, dass die menschliche Kultur durch Medien, gegenseitige Befruchtung und Migration am Leben bleibt. Wenn die (Netz)Kultur wegen intellektueller Besitzansprüche in den Händen von Firmen bleibt, dann kann das zu einer Verarmung der Menschen führen. Nicht nur in Kultur- und Wissensfragen, sondern auch im Bereich von Bildung, Gesundheit, Moral…

    Anm.d.Red.: Das Foto stammt von Guillermo Varela und steht unter einer Creative Commons Lizenz (cc by 2.0).


1 Kommentar zu Kollektiver Zwang oder Zugang für alle? Warum das Internet noch keine Weltbibliothek ist

  • [...] bekam mal den Auftrag, für Grundschüler in Playas de Rosarito, in Mexiko einen Workshop zu leiten. Ich konzentrierte mich auf kreatives Schreiben, benutzte aber auch [...]

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