• Gegen Autos: Wie eine autofreie Welt aussehen könnte und wie wir dahin kommen

    Eine autofreie Welt? Unmöglich! Die Unmöglichkeit dieser Idee ist die Inspirationsquelle für die Aktionsgruppe “Carless”. Sie wollen der großen Mehrheit der Autolosen Gehör verschaffen. Der Philosoph und Berliner Gazette-Autor Kilian Jörg, der  zu den Mit-Initiator*innen gehört, stellt das “Carless”-Manifest vor und zur Diskussion.

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    Wir, die Leute hinter carless.earth, haben eine Utopie: die autofreie Stadt – besser noch: Eine großteils autofreie Welt! Was? Wie soll das möglich sein? Was ist mit Krankentransporten, Alten, Notfällen? Was mit “der Wirtschaft”? Freilich, es wird nicht leicht werden – und ob wir jemals ans Ziel unserer Utopie kommen werden, ist fraglich.

    Utopien sind “Nicht-Orte” – (noch) unmögliche Ideale und Zielsetzungen, um eine Richtung anzugeben – um eine Herausforderung zu stellen. Wir brauchen neue Ziele, neue Ideale, neue Herausforderungen – denn unsere alten haben uns in die ökologische Katastrophe gebracht, aus der wir nun einen Ausweg finden müssen.

    Neue Herausforderungen in den Ruinen der Moderne

    Früher hat die so genannte Natur uns die Grenzen und Herausforderungen gesetzt. Doch unsere moderne Kultur hat – mit dem Auto an vorderster Front – diese Natur so stark geplättet und geglättet, dass sie uns im Alltag kein Hindernis mehr stellt. (Dafür kollabiert sie nun als Ganzes, das ökologische Gleichgewicht des Holozäns ist unwiederbringlich verloren – wir bewegen uns in unsichere Zukünfte.)

    Die neuen Herausforderungen müssen also von uns selbst gesetzt werden: verwaist und entfremdet in den ruinösen Landschaften der Moderne sind es wir, die wir das Leben wieder herausfordernder und spannender – lebendiger und nachhaltiger gestalten müssen. Deswegen neue unmögliche Ziele.

    Das Problem

    Das Auto ist ein zentrales Symbol moderner Kultur. Es verkörpert Autonomie, freie unabhängige Bewegung und Individualismus. Seit den 60er Jahren als Massenkonsummittel für die vielen erschwinglich, wurde es zum Hauptgrund der Glättung unserer Umwelten: Shoppingcenter, Lagerhallen, Schlafstädte – all das und viel mehr wäre ohne das Auto nie möglich geworden.

    Im Auto werden wir zum Problem, egal ob wir dies wollen oder nicht. Durch es machen wir uns zum kleinsten notwendigen Nenner der Zerstörung unserer Umwelten, zur Zersiedelung unserer Städte, zur Atomisierung unseres Sozialwesens. Überall wo das Auto einzieht, sind andere Lebensweisen als die der Moderne so gut wie unmöglich. Das Auto ist überall. Und es macht Alternativen unsichtbar.

    Ausweglosigkeit beenden

    Um aus der modernen Auswegs- und Alternativlosigkeit zu entkommen, ist eine Abschaffung des Autos aus drei Gründen unumgänglich:

    1) Subjektiv: Autos machen uns erst zu den entfremdeten Subjekten, die das System am Laufen halten. Nur durch sie ist ein Handelssystem aufrecht zu erhalten, welches Lebensmittel zur bloßen Ware ohne irgendeinen Bezug zur Herkunft macht. Nur durch sie können wir in anonyme Bürotürme pendeln und am Abend im Reihenhaus der Vorstadt der trauten Kernfamilienblase frönen. Nur durch sie werden Städte zu schwer aushaltbaren Lärm- und Gestanksquellen, die immer mehr Pendelbewegungen erfordern.

    Nur durch sie ist der urbane Raum ein gefährliches Territorium, zerstückelt in Millionen kleine Inseln zwischen denen man sich bloß im Stop-and-Go Bewegen kann. Kinder kann man nicht einfach so auf die Straße lassen, regeneratives Lustwandeln ist unmöglich, kleine Ladenstrukturen werden wirtschaftlich unrentabel. Die sinnliche Attacke der Autos macht uns zu verschlossenen Monaden, die keine Interaktion mehr mit den Mitbewohner*Innen im urbanen Raum mehr aushalten. Latent aggressiv schieben wir uns von Termin zu Termin und lassen uns so zur kleinsten Einheit eines tödlichen Systems machen.

    2) Ökologisch: Autos nehmen einen Löwenanteil an der Umweltzerstörung ein, die uns in unsere katastrophale Situation gebracht hat. Hierbei ist nicht nur der bereits massive CO2-Ausstoß der Autos an sich zu berücksichtigen, der uns tagtäglich die Lungen und das Gemüse am Straßenrand verpestet.

    Auch beim Hinzurechnen des zusätzlichen CO2-Ausstoßes und Ressourcenverschwendung, den Produktion, Rohstoffgewinnung und Lieferung der immer kurzlebigeren Automobile, sowie der Erhalt und Ausbau deren Infrastrukturen sind wir noch nicht an das volle Ausmaß der Zerstörung gelangt. Erst wenn wir die gesamte Bodenversiegelung und Zerstörung von natürlichen Habitaten, sowie die Lärm- und Lichtbelastung die der Straßenbau und -erhalt samt seiner Infrastruktur verlangt, gelangen wir an eine Idee des katastrophalen Ausmaßes unserer Autowelten…

    3) Ökonomisch: …denn das Auto ist die notwendige Bedingung der Möglichkeit unseres zerstörerischen Wirtschaftssystems : des Kapitalismus. Wenn wir das Auto überkommen, überkommen wir den Kapitalismus – zumindest in seiner heutigen, untragbaren Form. Keine gegenwärtige Volkswirtschaft einer so genannten Industrienation würde heute ohne Autoindustrie fortbestehen können.

    Des Weiteren würde ein Abschaffen des Autos ein radikales Umdenken von Nahversorgung, Arbeits- und Wohnraumverteilung sowie Sozialwesen erfordern. Wir benötigen dieses Umdenken, wollen wir überleben. Die nachhaltige Zukunft liegt außerhalb des Kapitalismus, seiner Isolation und Autoaggression. Neue Formen von Gemeinschaft können sich erst bilden, wenn nicht alle paar hundert Meter die Umwelt von lärmenden und todbringenden Straßen zerschnitten ist!

    Neue Reibungsflächen

    Das moderne Leben folgt dem Ideal der Glattheit. Alles muss reibungslos laufen : der Verkehr, der Handel, das Sozialleben, die Karriere, der Warenverkehr, etc. Dieses Glattheitsregime ist ökologisch nicht haltbar. Wir sausen zu schnell in dieser Welt, als dass sie nicht kippen würde. Außerdem birgt unser glattes Autoregime auch psychologische Folgen : die Depression und latente Aggression als Resultat der Entfremdung.

    Man kann nirgends Fuß fassen, wo selbst die kleinste Standfläche zu rutschig und glatt ist. Um zu überleben, um Standhaftigkeit und neue Lebensfreude zu gewinnen, müssen wir neue Reibungen erzeugen.

    Die Abschaffung des Autos würde genau diese neue Reibung bewirken : auf einmal wird alles wieder herausfordernder : wie bewerkstelligen wir ein Leben mit halbwegs modernen Ansprüchen ohne das Auto ? Wir wissen es nicht ! Aber die Herausforderung kann ganze neue Wirtschaftszweige entstehen lassen (und tut es auch schon) und Kreativitäts- und Gemeinschaftspotential aktivieren, welches wir noch nicht mal ahnen! Ein Leben ohne das Auto muss zum Ziel jener Gesellschaften werden, die der ökologischen Katastrophe entschieden entgegen treten wollen.

    Strategie

    Das Auto ist so tief in unsere Psyche eingeschrieben, dass Alternativen kaum Platz haben. Dieser mangelnde Platz für Alternativen überträgt sich auch auf unsere Straßen : wie viel Platz wird den Autos zugesprochen und inwieweit steht dies im Verhältnis zu den anderen Lebewesen, die diese Straße nutzen wollen ? (hierbei müssen wir auch bedenken, dass viele Autos alle anderen Lebensformen verdrängen – wer will schon radfahren auf einer 4-spurigen Straße? Welcher schräge Vogel fühlt sich denn noch wohl neben ihr?) In den Innenstädten haben wir bereits folgende Sachlage: die tatsächliche Mehrheit bewegt sich hier ohne Auto. Doch es ist eine unsichtbare Mehrheit.

    Denn die Autos nehmen so unverhältnismäßig viel Platz ein, dass sie wie eine Mehrheit wirken: sie sind lauter, greller und größer als alles andere. Wer kennt sie nicht: die Straßen mit vier Reihen für Autos (zwei parkend, zwei fahrend) und daneben gerade einmal zwei Meter Platz für ALLE anderen. Ein Auto schafft sich die Mehrheit, selbst wenn in ihm ein Fahrer gegen zwanzig Fußgänger auf der Straße antritt. Das zum Himmel schreiende Privileg der Herrenfahrer. Wir können sie nicht mal ermahnend und böse ansehen : grell blenden uns die aggressiven Lichter ihrer SUV-Augen, die für sie pfauchen. Abgerichtete Monster.

    Mit diesem Manifest und den Aktionen die dahinter stehen, wollen wir der schweigenden Mehrheit der Autolosen Gehör verschaffen und ihren rechtmäßigen Platz einfordern. Von den Innenstädten ausgehend wollen wir das Auto zurückdrängen um neue Räume und Möglichkeiten der Bewegung und des Verharrens zu schaffen, die das Auto unattraktiv oder gar unmöglich machen.

    Dazu braucht es Reibung: von nun ab werden wir dem Auto überall wo es geht Reibung entgegensetzen. Seinem schamlosen Glattheitsanspruch werden wir noch mehr Barrikaden entgegensetzen: sei es aus E-Scootern, Schildern – oder einfach beim langsam über die Straße gehen. Unser Anspruch ist es, das Autofahren so unangenehm wie möglich in unseren Umwelten zu machen. (So unangenehm wie Radfahren und Zufußgehen in Beisein von Autos und hoffentlich noch viel unangenehmer!) Das sollen sie noch so laut hupen, diese Verlorenen an ein altes Ideal…

    Um uns endlich auf eine ökologisch nachhaltige Gesellschaftsform hinzu zu bewegen, müssen wir dieses Projekt endlich entschieden angehen: Nieder mit dem Autoregime! Weg mit den Autos aus der Welt! Auf zu neuen, schöneren, inklusiveren und viel sinnlicheren Welten! Mit vielfachen Mitteln, tausenden verschiedenen Transport- und Lebensweisen werden wir uns dorthin bewegen, wo die Monokulturalisierung des Autos nicht mehr stattfindet.

    Anm. d. Red.: Mehr zu dem Thema „Autoregime“ findet sich in der Publikation des Autors Backlash – Essays zur Resilienz der Moderne (Textem 2020).


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