• Open the Snowden Files! Das öffentliche Interesse am freien Zugang zu den Dokumenten der NSA-Gate

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    In der Snowden-Debatte kommen immer größere Zweifel an dem Auswertungsverfahren der Dokumente auf. Die exklusiven Partnerschaften, die der Whistleblower mit Journalisten und Redaktionen eingangen ist, stoßen an ihre Grenzen: Könnte die Arbeit im Dienste der Öffentlichkeit nicht inklusiver und dadurch auch effizienter gestaltet werden? Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki erklärt in seinem Essay (English version here) warum wir über einen offenen Zugang zu den Snowden-Dokumenten nachdenken sollten.

    *

    Gibt es eine globale Überwachungsindustrie, in der Staaten und Konzerne gemeinsamen Interessen nachgehen – all das jenseits von demokratischer Legitimation und Kontrolle? Die Enthüllungen durch Edward Snowden haben diese Frage aufgeworfen und in Teilen beantwortet. Deshalb sind sie von öffentlichem Interesse. Unterstrichen wird das dadurch, dass die Enthüllungen eine beispiellose Medienerzählung ausgelöst haben – allein die Dauer ist historisch (über ein Jahr lang hat sie sich entfaltet und im Zuge dessen verschiedene Debatten stimuliert). Doch die politische und gesellschaftliche Wirkung dieser Erfolgsgeschichte ist begrenzt. Warum sind Massenproteste ausgeblieben? Warum hat es keinen Umsturz gegeben?

    Meine These: Das öffentliche Interesse ist bislang nicht ausgereizt worden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Zugang zu den Dokumenten der NSA-Gate nicht offen ist. Nachdem ein mutiger Bürger “unter Lebensgefahr” (Constanze Kurz) Material zusammengetragen hat, weil er glaubte, dass es von öffentlichem Interesse sei, ist es nicht in der öffentlichen Hand gelandet. Und untersteht auch nicht ihrer Kontrolle. Das blockiert das demokratische Potenzial der Snowden-Enthüllungen.

    Kann der Datenberg geöffnet werden?

    Nur ein kleiner Teil des Snowden-Materials wurde bislang als Original-Dokument veröffentlicht (weniger als 5%). Entscheidungen darüber gehen auf einen kleinen Kreis von Leuten zurück, die das Material bearbeiten, lesen, analysieren, interpretieren und publizieren. Jene, die zu dem kleinen Kreis gehören, darunter Glenn Greenwald, argumentieren damit, dass all das aus Sicherheitsgründen geschehe. In diesem Sinne könnte man sagen, dass das Snowden-Material von den richtigen Leuten “sichergestellt” wurde, um größeren Schaden zu verhindern. Es gibt auch das offensichtliche Argument, dass diese Methode jene lang anhaltende Medienerzählung und dem Whistleblower damit eine nachhaltige Sichtbarkeit ermöglicht hat – bekanntlich eine Art Lebensversicherung.

    Es gibt einen weiteren Blickwinkel. Daten gelten als das “Öl des 21. Jahrhunderts”. In diesem Sinne könnte man davon sprechen, dass das Snowden-Material privatisiert worden ist von Leuten, die versuchen die Daten im Sinne ihrer eigenen Interessen auszubeuten. Das klingt zunächst nach einer höhnischen Unterstellung. Etwa auf der Wellenlänge angesiedelt, wie auch der Unmut, der sich gegenüber Greenwald entlädt, er werde von “Eitelkeit” und “Karrierismus” getrieben. Doch niemand stellt grundlegende Fragen über den Umgang mit dem historischen Daten-Leak. Etwa ob es einen Weg gibt, den betreffenden Datenberg zu öffnen. Wenn man die aktuellen Umstände in Betracht zieht – der Whistleblower steckt aussichtslos in Moskau fest – ist ein solcher Vorschlag ziemlich weit hergeholt. Kaum jemand, der das Anliegen unterstützt, würde die Lebensversicherung Snowdens gefährden wollen.

    Doch ich glaube, dass wir die Frage, ob der Datenberg geöffnet werden kann, stellen müssen. Nicht deshalb, weil die Akteure, die an dieser Sache im Dienste der Öffentlichkeit arbeiten, unseren Erwartungen nicht gerecht werden. Nein, in vielen von uns, die sich der so genannten Öffentlichkeit zugehörig fühlen, schlummert diese Frage, weil die Prozesse im Dienste der Öffentlichkeit (um den hehren Ansprüchen gerecht zu werden) so gestaltet werden müssen, dass sie ein Höchstmaß an Inklusivität und Durchlässigkeit ermöglichen. Doch genau das ist in diesem Fall nicht gegeben.

    Adorno hat einmal gesagt (ich paraphrasiere), dass die “Wirkung eines Werks dort anfängt, wo die Intention des Autors endet.” Analog zu Snowden ließe sich sagen: Die Wirkung des Snowden-Materials beginnt dort ihr volles Potenzial zu entfalten, wo die Intention des Whistleblowers endet (z.B. mit einer exklusiven Gruppe von Leuten zu arbeiten). Viele Forscher, Aktivisten und Technologie-Experten (nicht zu sprechen von den ganzen Journalisten, die nicht zu den “wenigen Glücklichen” gehören) haben ein großes Interesse daran, mit dem Snowden-Material zu arbeiten.

    Es ist übrigens dasselbe Interesse wie auch schon in Zeiten der größten WikiLeaks-Projekte vor einigen Jahren. Stellen wir uns nur einmal vor, welche historische Wirkung es hätte, etwa im Bereich der Wissenschaften, sozialen Bewegungen und IT-Branchen, wenn das Snowden-Material in die öffentliche Hand überführt werden könnte. Und hier als Grundlage für Studien und alle erdenklichen Lernprozesse zur Verfügung stehen würde. Es ist kaum auszumalen, so weitreichend wären die Auswirkungen.

    Luke Harding und die Überforderung der Analysten

    Bei der netzwerk recherche Jahrestagung in Hamburg (das große, internationale Treffen des Investigativ-Journalismus) habe ich Luke Harding, Autor des Buchs “The Snowden Files”, mit dieser Angelegenheit bei der Q&A-Session seines Vortrags konfrontiert. Vor meiner Intervention hatte Harding bereits einige Hinweise auf die Beschränkungen der laufenden Untersuchung geliefert. Er spielte auf verschiedene Gründe an, warum die “wenigen Glücklichen” nicht in der Lage sind, der analytischen Herausforderung angemessen zu begegnen. “Wir sind keine Technik-Experten”. Oder: “Nach zwei Stunden fallen einem die Augen aus.” Dennoch schien Harding völlig unvorbereitet, vor seinem geistigen Auge die Option durchzuspielen, den Kreis der “wenigen Glücklichen” grundlegend zu erweitern.

    Um seine Antwort zu paraphrasieren: Ja, es ist ein Dilemma, dass nur wenige Leute sich das Snowden-Material anschauen können und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen können. Jedoch ist diese Begrenzung ein natürliches Ergebnis ihrer prekären Natur (Dokumente, die Staatsgeheimnisse beinhalten) und darüber hinaus eine Folge des anhalten Drucks der Regierung. Dennoch, wer “ein besonderes Projekt” hat, sollte nicht zögern, Alan Rusbridger zu kontaktieren und ihn um Zugang zu den betreffenden Dokumenten zu bitten.

    Eine Auskunftsanfrage an The Guardian? So eine Anfrage richtet sich üblicherweise an obskure Organisationen oder intransparente Firmen und wird von der Presse artikuliert unter Verweis auf das Informationsfreiheitsgesetz und andere legale Instrumente. Der Antrag wird für gewöhnlich zunächst abgelehnt. Doch wer dran bleibt und nicht davor zurückschreckt vor Gericht zu ziehen, hat Aussicht auf Erfolg, wie die Geschichte des Investigativ-Journalismus zeigt.

    Seymour Hersh und die Accountability der Presse

    Die Auskunftsanfrage ist ein wichtiges Instrument für die freie Presse. Doch in diesem Kontext ist es die Presse selbst (beziehungsweise einige ihrer Vertreter), an die wir eine solche Anfrage richten müssen. Das wirkt absurd und wirft verschiedene Fragen auf, darunter: Wem gegenüber sind Organisationen wie The Guardian, Washington Post, New York Times, Der Spiegel und Akteure wie Glenn Greenwald eigentlich Rechenschaft schuldig? Welcher demokratischen Kontrolle sollten sie unterzogen werden?

    Als ich den renommierten Investigativjournalisten Seymour Hersh mit dieser Angelegenheit konfrontierte, hatte ich den Sound eines Kämpfers im Ohr und engagierte Aussagen, darunter: “In Anbetracht der massiven Vergehen gegen die Verfassung – darf die Presse tatsächlich darum besorgt sein, das Gesetz zu brechen, wenn es um Entscheidungen geht, welche Materialbestände zur Veröffentlichung freizugeben und mit welchen Akteuren zu teilen sind?”

    Hersh sagte, nein, er schrie solche Dinge heraus bei seinem Vortrag auf der netzwerk recherche Tagung. Als ich ihn wegen dieser Angelegenheit ansprach, zunächst von Angesicht zu Angesicht nach dem Vortrag, dann via Email, vertrat er einen nicht ganz so, sagen wir, “aggressiven” Standpunkt. Hersh über die Tatsache, dass das Snowden-Material von Leuten unter Verschluss gehalten wird, die die Idee der Presse- und Meinungsfreiheit repräsentieren:

    “Ich sehe kaum Chancen, Greenwald oder jemanden von der New York Times, Washington Post oder von The Guardian zu bewegen, ihre Materialbestände zu öffnen. Die betreffenden Akteure werden behaupten, dass ihr Vorgehen dem Interesse der Öffentlichkeit geschuldet ist. In der Zwischenzeit horten sie, was sie haben und teilen es mit niemandem. Zeitungen sind nicht allzu interessiert daran, den Reichtum zu verbreiten.”

    Das Paradoxon der Informationsanfrage

    Dieser Pessimismus ist nachvollziehbar. Dennoch: Gibt es nicht Dinge, die wir unternehmen könnten? Auskunftsanfragen mögen aussichtslos scheinen. Aber sie sind ein wichtiges Instrument. Die Erfahrung zeigt: Man kann den Kampf gewinnen. In Großbritannien kann man in Betracht ziehen eine Beschwerde bei der Press Complaints Commission einzulegen – in Bezug auf die Tatsache, dass ein Medienhaus exklusive Kontrolle über das Snowden-Material ausübt. In Deutschland, wo dieses quasi-monopolistische Vorgehen gegen den Pressekodex verstößt, könnte man beim Deutschen Presserat eine Klage einreichen.

    An dieser Stelle wird sehr deutlich: Die Auswertung des Snowden-Materials im Zeichen des öffentlichen Interesses offenbart eine beunruhigende Diskrepanz – sollten wir in der Presselandschaft nicht grenz-übergreifend zusammenarbeiten, um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen, statt uns gegenseitig zu verklagen? Hier bekommen wir direkt zu spüren 1) die Defizite des aktuellen Modells und 2) den Anreiz, ein neues Modell für die Zukunft ersinnen. Vor diesem Hintergrund sollte man damit beginnen, ein Konzept für die Überführung des Snowden-Materials in die öffentliche Hand zu erarbeiten. Ein Modell, das sowohl die offensichtlichen Probleme der “Sicherheit” und des “Regierungsdrucks” als auch Fragen nach Snowdens “Lebensversicherung” in Betracht zieht.

    All das sollte auf der internationalen Bühne behandelt werden. Ausgangspunkte sollten die USA, Großbritannien und Deutschland sein. Also Länder, in denen die Unterlagen derzeit bearbeitet werden. Vielleicht sollte alles in Deutschland anfangen, wo das zivilgesellschaftliche Interesse an den Snowden-Enthüllungen wahrscheinlich am größten in der Welt ist. Die zentralen Akteure hier, darunter Journalisten und Hacker, arbeiten sehr eifrig an diesem Fall. Im Zuge dessen akkumulieren sie aufgrund ihres exklusiven Zugangs “kulturelles Kapital” (Bourdieu), während sie weitgehend intransparente Entscheidungen treffen, was von dem Material zugänglich sein sollte und was nicht. Kurz, es gibt genügend Reibungspotenzial in dieser Stadt, um ein Modell des offenen Umgangs mit großen Daten-Leaks zu konzipieren.

    Probleme mit “uneingeschränktem Zugang”

    Auf den ersten Blick gibt es nicht allzu viele Gründe, warum wir diesbezüglich allzu optimistisch sein sollten. Schließlich sind wir “in jedem Fall der drei großen Daten-Leaks der vergangenen Jahre vor jeweils unterschiedliche Probleme gestellt worden, als wir das Material offen zugänglich gemacht haben. Insofern lässt sich ein globales Modell nicht ohne Weiteres konstruieren. Jeder neue Daten-Satz wird mit einem neuen Set von Problem behaftet sein”, wie Stefan Candea, eine zentrale Figur im Offshore Leaks-Projekt, zu verstehen gibt.

    Andere, die seit vielen Jahren im Feld des Investigativ-Journalismus aktiv sind, sehen ebenfalls grundlegende Probleme “uneingeschränkten Zugang” anzubieten. “Da können auch Zulieferer drinstehen, die gar nicht wissen, dass sie mit den Diensten zu tun hatten.”, so Ewald Tarkan*, der (verdeckte) Recherchen zu Themen wie Überwachung betreibt. “Bei allen großen Leaks der Vergangenheit waren immer auch ‘Unschuldige’ erfasst. In Afghanistan etwa Namen von Übersetzern oder lokalen Ansprechpartnern. Bei geheimerkrieg.de (kein Daten-Leak, sondern eine Auswertung) standen in den Daten auch die Namen von Menschen, die ganz normale IT-Wartung gemacht oder andere Aufträge erledigt haben.”

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    Sollten wir deshalb nicht weiter gehen in diese Richtung? Nur, weil große Daten-Leaks schier unmöglich zu “regulieren” sind, sollten wir nicht erst anfangen, darüber nachzudenken?

    Mit Blick auf seine lange Berufserfahrung meint Tarkan: “Ich bin strikt dagegen, Leaks ohne zumindest selektiv geschwärzte Namen zu veröffentlichen. In der Vergangenheit sind immer wieder Menschen in Papieren aufgetaucht, die nur ausgelagerte Dienste erledigt haben. Deren Leben ist in höchstem Maße gefährdet bei einer ungeschwärzten Veröffentlichung. Gleichzeitig kann dies kein Argument dafür sein, nun alle Papiere zurückzuhalten. WikiLeaks hat es schließlich auch geschafft, Namen aus Dokumenten zu entfernen und diese dann zu veröffentlichen.”

    Denken wir also weiter, nehmen aber zunächst einmal noch einen weiteren wichtigen Hinweis zur Kenntnis: “Es ist die Entscheidung des Leakers, dem Journalisten zu sagen, was er mit dem Material machen soll.” wie wiederum Candea herausstreicht. Offenbar wollte Snowden nicht, dass sein Material in der öffentlichen Hand landet. Leute wie Snowden sollten deshalb überzeugt werden – vielleicht nicht unmöglich in Anbetracht der Tatsache, dass auch er nicht vollumfänglich zufrieden sein dürfte, was bislang mit seinem Material passiert ist (wie nicht wenige Beobachter mutmaßen). Da steht eine Menge Arbeit vor uns in Sachen Bewusstseinsbildung, sowohl im Hinblick auf Whistleblower als auch im Hinblick auf ein Modell für Plattformen, die offenen Zugang zu ihrem Material erlauben.

    Das Zukunftsmodell in 6 Punkten

    Zuallererst sollte jede verantwortungsbewusste Enthüllung mit “Informationen über das Material des gesamten Korpus angereichert sein, solang diese Art der Information nicht die Identität des Whistleblowers preisgibt.”, so der erfahrene IT-Journalist Detlef Borchers von heise.de. “Dies bringt mit sich, dass jeder interessierte Leser mit einer gewissen Souveränität nachvollziehen kann, ob die Veröffentlichung in einem Massenmedium durch eine (verdeckte) Agenda gesteuert wird.”

    Zweistens sollten bei einem öffentlich zugänglichen Leak alle Namen entfernt werden. Doch wer löscht die Namen? Wer gestaltet die Benutzeroberfläche auf eine Art und Weise, dass sie auch für ein nicht-technisches Publikum leicht zu bedienen ist? Hier würde eine Programmier- oder Kontrollinstanz ins Spiel kommen. Im Hinblick darauf müsste der “Verantwortung, die diese Instanz trägt, eine zentrale Bedeutung zukommen”, denkt wiederum Borchers und erinnert daran, “dass immer wieder viele Fehler passieren, etwa, dass in der deutschen Ausgabe des Greenwald-Buches Namen von NSA-Leuten drinstehen, die im englischsprachigen Original geschwärzt sind”.

    Drittens müsste sichergestellt werden, dass die Dateien in einer Art und Weise zugänglich gemacht werden, die auch die Anonymität der User schützt. Man will brisante Dateien nicht auf dem persönlichen Computer haben, sondern in der Cloud, an einem öffentlich bekannten Ort, der einen gesicherten Zugang erlaubt. Doch wer soll die Dateien dann hosten? Ideal wäre eine öffentliche Institution, zum Beispiel eine Bibliothek.

    Viertens sind die Bearbeitungsmöglichkeiten der geleakten Dokumente von zentraler Bedeutung für unser Modell: Sind die fraglichen Dateien maschinenlesbar? Oder müssen sie erst noch in diesen Zustand gebracht werden? Es gibt verschiedene Werkzeuge, die dieses Problem lösen können, beispielsweise DocumentCloud.

    Fünftens muss der User die Sprache verstehen, in der die Dokumente verfasst sind. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten: Jemanden zu Rate ziehen, der sie spricht, sie selbst lernen oder sich einer Maschine bedienen, die es kann. Die vom Datenjournalismus bereitgestellten Werkzeuge (man findet sie online oder bekommt sie bei einer der vielen Datenjournalismus-Veranstaltungen vorgestellt) unterstützen einen dabei, die Systematisierung, die Analyse und die öffentlichkeitsfähige Interpretation vorzunehmen. Jede Veröffentlichung, die auf solch einer Auswertung basiert, sollte natürlich die benutzten Quellen offen legen.

    Und schließlich, sechstens, muss unser Modell die Sicherheit des Whistleblowers bedenken, sofern er sich entschieden hat, an die Öffentlichkeit zu treten – wie im Falle Snowdens. Hier muss sichergestellt werden, dass er seine Lebensversicherung und somit sein Leben nicht verliert. “Ed”, wie Unterstützer ihn nennen, hat seine Strategie schon mehrfach gewechselt. Anfangs, Sommer 2013, wollte er sich an der von ihm angestoßenen Debatte nicht beteiligen, sondern die Dokumente für sich selbst sprechen lassen. Wenige Monate später, Ende 2013, hat er seine Haltung geändert und begann eine Reihe von öffentlichen Auftritten. Der nächste große Schritt wäre es, den Zugang zu den Dateien zu öffnen. Zumindest zu 50 Prozent. Hierbei sei an Assange erinnert: In seinem Falle blieben einige Dateien (vielleicht große Leaks zu den US-Banken) unveröffentlicht. So konnte er seine publizistische Aktivität aufrecht erhalten. Dieser Ansatz könnte auch für Snowden funktionieren.

    Grundpfeiler unserer Demokratie

    Ist das alles, was bei diesem hier vorgeschlagenem Modell berücksichtigt werden muss? Vermutlich nicht. Jedes Feature, ob es nun bereits vorgeschlagen wurde oder nicht, muss von der Öffentlichkeit genaustens überprüft werden. Um die Debatte in Gang zu bringen, könnten wir zunächst fragen: Warum gibt es eigentlich nur einen öffentlich zugänglichen Zähler der Snowden-Files? Dieser wird, unter dem Projektnamen “Tally Update”, von John Young auf cryptome.org betrieben. Warum bieten diesen Service nicht die “wenigen Glücklichen” an, die im Besitz der Dokumente sind? Oder warum helfen sie nicht zumindest, die Exaktheit des Zahlenstands zu überprüfen?

    Warum werden die Snowden-Dokumente so restriktiv behandelt? Ist das der einzig mögliche Weg? Was ist in diesem Kontext von öffentlichen Interesse? Wollen wir lückenlose Aufklärung qua offenem Zugang zu den Dokumenten? Oder die Zurückhaltung von Informationen, um den Whistleblower zu schützen? Müssen wir uns zwischen diesen beiden Optionen entscheiden? Oder gibt es einen Weg, um beide Anliegen miteinander zu versöhnen? Diese Fragen ziehen Fragen nach sich, die allesamt an den Grundpfeilern unserer Demokratie rütteln. Die Zeit für diese Auseinandersetzung ist mehr als reif.

    Anm.d.Red.: Der Name Ewan Tarkans wurde von der Redaktion geändert. Mehr zum Thema in unserem Dossier Post-Snowden. Die Fotos im Text stammen von Mario Sixtus und stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


104 Kommentare zu Open the Snowden Files! Das öffentliche Interesse am freien Zugang zu den Dokumenten der NSA-Gate

  • Really interesting stuff. I really like the idea of this renewed or reformed mission for the public library. Recently, at least her in North America, where libraries are having their funding cut back, they are moving towards a more commercialized model: they are pretty much the only indoor public spaces left, but they are increasingly filled with subcontracted cafes and commercial services.

    And their acquisition budgets have been slashed. Here at least, they all subscribe to huge ebook services which
    only publish and distribute a very small number of (almost exclusively American) bestselling titles. So the need to re-envision the purpose and potential of public libraries seems to me to be really important - and this purpose you outline here would, I think, be incredibly important. Not only would it allow for open access to "hot" data, it would also enshrine the
    library as a bastion of civil liberties, privacy, citizen's rights and old-fashioned values like truth, debate, inquiry and so on.

    I think one thing that went unsaid about Greenwald et al.'s monopolization of the Snowden files is that they justify it, in part, in the name of journalistic professionalism. If the data were all available, then, the fear is, it would not be handled with professional care: sure, thousands of independent or semi-professional or citizen journalists might pour over it, but would they create the sort of high-quality content Greenwald and co. have? I do not necessarily agree with this, but I have heard it from some journalists. The idea here is that, in order for these revelations to have an impact, they need to be scoured by professional investigative journalists and presented to the public in an accessible and reliable way.

    And for this to happen, someone needs to be paid, and for that to happen, someone needs to monopolize the data. I don't agree, as I say, but I think the economic justification is sort of the hidden piece here - no one wants to talk about it too publicly. Like libraries, investigative journalism, at least in North America, is slowly being killed off as newspapers and other media cut back services. So my friends who are investigative
    journalists are sympathetic to Greenwald and co.
  • Savila am 11.07.2014 08:38
    das muss ich gleich noch einmal lesen, das ist wirklich bersorgniserregend. Es ist die Frage, die mich nachdenklich stimmt, wieviel Demokratie unsere Welt heute noch in der Lage ist zu vertragen?

    Wer spricht heute noch von Medien_Demokratie?

    Wer spricht heute noch Medien-Pluralität?

    Es ist vielleicht doch ein großes Zeichen, vielleicht als Botschaft aus der Zukunft, dass drei, vier Medienhäuser weltweit die Aufklärung der Snowden-Files auf sich genommen haben. Vielleicht werden diese (oder andere) vier Medienhäuser in wenigen Jahren von allen anderen übriggeblieben sein um den Watchdog zu spielen.

    Ich meine zu spielen, ja. Weil das alles mit der Enthüllungsgeschichte auch ein großes Spiel ist: ein netter Spionage-Thriller. Wie bei einem Roman wurden die Lizenz-Rechte in ein paar Länder abgesetzt, wo dann die Eigentümer dieser Rechte den Stoff so gut verkaufen sie eben nur können.
  • "Doch wer soll die Dateien dann hosten? Ideal wäre eine öffentliche Institution, zum Beispiel eine Bibliothek."

    Interessanter Punkt!

    Dazu Julian Assange:

    “I see Wikileaks as a library. We’re the librarians who can’t say no.”

    Source:

    http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/jul/11/the-ultimate-goal-of-the-nsa-is-total-population-control
  • nathan fain am 11.07.2014 09:07
    "Building an analogy to Snowden, one may say: The impact of the Snowden files starts to unfold its full potential, where the whistleblower's intention ends"

    A prompt analogy but if also looked at from a different angle it presents justification for limited release: If the full potential is exactly what one wants to avoid.

    "In pursuing this aim, we have to keep in mind, that "it is the choice of the leaker to tell the journalist what to do with the material.", as Candea reminds us. So we need to convince people like Snowden to consider open access to their files."

    Pairing ones own actions in handling of the data to that of Snowdens intentions is the easy road out. Certainly one should considering his safety and need for insurance. I think beyond those issues, how the documents are handled should not depend entirely on his current opinion. In part because there are also other significant stake holders in these documents.

    When the Washington Post released their article a few days ago on the topic of the email cache they appeared initially to hold the stake of the US Gov on par with that of Snowden and the public. "Among the most valuable contents, which The Post will not describe in detail, to avoid interfering with ongoing operations..."

    Greenwald may hold human rights to be universal but he also appears to primarily look at the American constitutional angle for strategical means. Snowden too likely based his actions on this same angle but appeared to be conflicted with its scope when in his first QA he said "our founding fathers didn't say that all [US citizens] are created equal".

    The truth is that maybe this is the only effective route for change within the US but there is still a question of what should impact in Europe be. Certainly it goes well beyond the German/US turf war a the moment. I doubt anyone believes it was only Merkels phone that was monitored. And do people really think that it is only the German BND that is compromised?

    Beyond the US centric debate of constitutional rights of their citizenry, understanding the extent at which this harmed others will not be understood until the files are eventual reviewed by others. But this is not a unique situation and the same could be seen with the slow rollout of the cables from wikileaks and their initial core partners to eventually other journalist institutions with different national interests.
  • [...] Das öffentliche Interesse am freien Zugang zu den NSA-Dokumenten [...]
  • I really support this proposal and think we should further push the limits of our collective imagination. The news fraction has had their go at the documents. Now it is time for others to study them. Think of artists, programmers (building a search engine like cabledrum for the Snowdon pile, for instance), artistic interventions, NGOs worldwide that work in this field, investigative journalists, academic researchers that deal with surveillance, new media, political science etc. and think of the contexts that can make use of the documents that we are not even aware off, such as internet governance, textile production, agriculture, you name it. We do not know what others want to know.
  • Regarding the aspect of

    "Doch wer soll die Dateien dann hosten? Ideal wäre eine öffentliche Institution, zum Beispiel eine Bibliothek" -

    one might draw a connection to the ideas of a "critical librarianship" emerging, alas more in the US than yet in Germany.

    One key article is now available online via E-LIS (the major repository for scholarly papers in library and information sciene): Morrone, Melissa and Friedman, Lia: Radical Reference: Socially Responsible Librarianship Collaborating With Community. The Reference Librarian, 2009, vol. 50, n. 4, pp. 371-396. / http://eprints.rclis.org/23443/

    Although focused to the issues of the so called "Radical Reference" it might also generally at the same time sharpen and widen our understanding how libraries can act and interact more politically.

    "R[adical] R[eference] rejects a "neutral" stance and the commercialization of data and information, works towards equality of access to information services, "[c]onsiders the librarian as citizen as well as the librarian as professional," and "[e]mploys community coalitions and alliances between progressive librarians and with other like-minded groups."

    Personally and as someone with a LIS-background, I see plenty of obstacles for charging libraries with task of hosting and providing something as complex as the Snowden files. Traditionally, libraries focus on published content and, firstly, one needs to argue, how "published" leaked content is.

    Honestly, I currently perceive the mission of libraries move far beyond simply hosting content. Using and primarily considering them as a neutral hub for all (including controversial) material would narrow in a rather threatening way what libraries can and should provide to cultural and political activities. Libraries in this context may have a greater impact by sharing expertise of handling and connecting content and information with communities than by stepping in the firing line as deposits, which in the end can be as easily disconnected, shut down (or burned) as any fileserver.

    The task of libraries is to impart knowledge, literacies, competencies, and, if possible, a critical distance to simple truths as libraries document with their holdings all the possibilites, errors, and ramifications of what people called and call truth. In the first place, libraries need to be neutral in that way. Not as a mere filekeeper for digital leaks.
  • Rainald Krome am 11.07.2014 14:39
    WikiLeaks wurde stark kritisiert, weil sie für Transparenz gekämpft haben, ohne selber transparent zu sein. Ein ähnliches Problem ergibt sich auch hier, so scheint mir und der Beitrag zeugt in seiner Stossrichtung davon.

    Doch vielleicht ist der Vorwurf von seiner Perspektive her von vornherein falsch. Wenn es einen asynchronen Kampf gibt, können nicht synchrone Regeln gelten. Im Zweifelsfall heiligt das Mittel den Zweck.
  • @#1 Max Haiven: On the issue of professionalism: I also hear this argument repeatedly and I think that it is an important claim.

    Yet, we need to ask ourselves two very important questions with regard to that:

    1) are Greenwald & Co. the only professional journalists on this planet who can handle the Snowden files?

    2) are journalists the only actors who are capable of dealing with the Snowden files in a professional manner?

    To both questions my answer is clearly "no".

    Therefore I claim, we need to open the Snowden files!

    5.000 or 50.000 pros could work on them (in a variety of fields and disciplines) -- instead of 50 pros (like under the current condition)

    3) a third (sort of ensuing) question, that we can and that we should ask is: is the press the only system which is able to find ways to reach out to the people, that is, to create publicness? Also in that case my answer is: No.
  • @#2 Savila: I have the impression, that the great media narrative about the Snowden disclosures re-creates a media landscape prior to the massive pluralization and democratization by the Internet -- or if not such a landscape than at least the type of consumption inherent in such a media landscape: rather passive, devoid of the element of participation; rather monolithic, devoid of the challenges of horizontality.
  • @#6 Geert Lovink: Of course you could claim this about any major data leak. So how comes we seem to adhere such a big, well almost universal importance to this specific leak?

    Is it because of the kind of absolute universality that the surveillance industry is driven can only be encountered in an emancipatory way by being inversed? because we need to turn the "we want to know everything about everyone" upside down?

    Of course the challenge is to keep an Aristotelean-style approach to knowing... Yes, I like your phrase: "We do not know what others want to know."
  • @#7 Ben Kaden: I agree, the library in that context (and in general) can not be just a storage space. I defined 6 (open and dynamic) parameters in my text for what the library should do for us in the case of the Snowden files.

    What do you think about those six points? How do you see them related to what libraries already do? or would like to do?

    From your intervention I take, that we need to add further parameters to my list, like:

    * turn the files into an "intertextual corpus"

    * provide extensive "mediation services" to individuals and communities

    Do you have more concrete points to add?
  • @#4 nathan fain: Thank you for your comment. My response concerns two issues that you raise:

    "full potential is exactly what one wants to avoid."

    I can follow this argument. Yet, I am not sure about what you are trying to imply with "full potential". What Adorno's phrase implies in my view is, that potential is never full (can never be completed to the limits of someone's intention for instance). Instead potential impact is endless and endlessly plural.

    On top of that I wonder: What does it mean in practise and with regard to that specific case? Which "potential" did Snowden want to avoid?

    "Beyond the US centric debate of constitutional rights of their citizenry, understanding the extent at which this harmed others will not be understood until the files are eventual reviewed by others."

    This is an important argument, that echoes in my reading post-colonial claims, but also the problem whether other's are buying into the concerns we have for them and their reading.

    At the same time it raises the question of damage assessment in the context of surveillance. Is it when someone's privacy is invaded? is it when someone is accidentally killed on the basis of meta data?

    In both bases, those are complex issues of "mediation" and I wonder whether you have thought about how to resolve them? especially with regard to the pragmatic model for open access to big data leaks that I am trying to outline above.
  • nathan fain am 13.07.2014 17:30
    "I can follow this argument. Yet, I am not sure about what you are trying to imply with "full potential". What Adorno's phrase implies in my view is, that potential is never full (can never be completed to the limits of someone's intention for instance). Instead potential impact is endless and endlessly plural."

    potential impact is not always the desired effect. this is why from wikileaks to the washing post to der spiegel limitations and caution is used. of course this may have negative impact to positive potential but it is with the assumption that negative potential is reduced. the debate becomes one about who actually knows where the borders are. snowden did appear to have some reservations. this can be seen through the caution he took with his actions and in his own words. he described that he did not want this handled in a similar manner to the cables or iraq war logs. yet he also left open a great deal of ambiguity when in the first QA he said "our founding fathers did not say that all [US persons] are created equal."

    "At the same time it raises the question of damage assessment in the context of surveillance. Is it when someone's privacy is invaded? is it when someone is accidentally killed on the basis of meta data?"

    that is an important question. i think right now those with the documents are starting with the low hanging fruit that can be most clearly seen as an injustice. in doing so they mostly focus on US centric law and constitutional rights. this is a topic that the US public can digest most widely. the rest of the world (except perhaps germany) sits and waits for when the discussion of universal liberties will become relevant, while at the same time retreating into their own nationalists structures for protection. this issue, of what are the rights that should be provided to all people, will likely remain for another leak. obama's recent statement that perhaps EU citizens should be provided similar protections as americans will simply not be enough.

    to your question on how this debate should or could be mediated between both known and unknown stake holders, i have no answer. other than to say Snowdens documents do not yet bring the universal issues to the forefront. regardless, i think your questioning the arbitration of the data is worth while, if for no other reason than to give contrast to the error of ignoring such fundamental issues. the end result of continued ignorance is going to ultimately result if a very damaged brand for the US. because rather than dealing with everyones rights and allowing for legal recourse, thereby washing their books clean of the issue with a certain cost, it will plague their brand for many years to come.
  • "how about putting the Snowden files into a public library? how could that actuall work in that specific case? what is of interest to the public?"

    “I see Wikileaks as a library”, Assange said. “We're the librarians who can't say no.”

    i like this quote.

    in 'public library' project i run there is no central repository where one could just add books/documents. the idea is that when books/documents are cataloged and then shared it becomes part of the (distributed) 'public library'. using/(sharing with) my [let's share books] calibre plugin one adds her catalog/library to the others sharing at that moment here:

    https://library.memoryoftheworld.org/

    i think that the same logic applies for all wikileaks materials. responsibility goes to cataloging process. without it it is only bulk not library. and for classified materials there is also ("librarian's") responsibility in curating what should go into the catalog. in their case they have to be careful about people's lives and in my case it is about the knowledge one wants to spread (e.g. hate speech, ideology issues....).

    curating in (spontaneous) distributed systems becomes important because when people do their end of distributed system they go after their interests and passion they don't go llike robots doing everything of some kind (e.g. everything every published in some country).

    this is the reason i insist on importance of catalog(ing) and the difference with bulk (of information). when it goes deeper in discussion i try to theorize in the direction of catalogs being (proto)computers or information processing machines mostly using markus krajewski 'paper machines' book.
  • Das passt perfekt in unsere Diskussion: "Wenn wir einen Raum für kulturelle Produktion und Aktivismus wollen, gibt es keinen vernünftigen Grund zu erwarten, das Silicon Valley könnte uns diesen Raum geben. Die Mission der Unternehmen dort ist es, Investoren und Shareholdern zu dienen, nicht den Interessen der Zivilgesellschaft. Da nützen Analogien zwischen kommerziellen Diensten und Bibliotheken oder Dorfplätzen wenig – wenn wir virtuelle Dorfplätze und digitale Bibliotheken wollen, muss die öffentliche Hand sie direkt finanzieren."

    http://www.zeit.de/digital/internet/2014-07/astra-taylor-internet-regulierung
  • 1990 hätten es alle für eine absurde Idee gehalten, dem Deutschen Presserat Hoheitsrechte über den Aktenbestand der Stasi zu geben. Damals hat man den umständlichen und konstenintensiven Weg gewählt, um Daten- und Opferschutz garantieren zu können und Historikern und Wissenschaftlern einen vorrangigen Zugriff zu gewähren.

    Die Information der Betroffenen ist dabei aber wenigstens zum Teil auf der Strecke geblieben. Einerseits sind natürlich eine sehr große Zahl von Interessenten beruhigt darüber, nach vorläufigem Stand keine Bespitzelung erlitten zu haben. Andererseits ist der größte Teil an Informationen, die man über seine Umgebung, Familie oder örtliche Strukturen, Politiker, Beamte ec. zu wissen glaubt, das Recht zu haben, geheim und verborgen geblieben.

    Ich bin nicht sicher, ob der ganze Aufwand so seinen Zweck erfüllt hat. Und ich befürchte, das war von genau den Akteuren so gewollt, die man vorgeblich um ihre Macht bringen wollte.

    Wie will man das angesichts der Snowden-Daten eigentlich noch rechtfertigen?
  • Verknappt und konzentriert ausgedrückt, entwickelt Krystian Woznicki hier eine Utopie, die tatsächlich eine Überwindung der realen politischen Machtstrukturen der Welt zum Ziel haben könnte. Denn das Snowden-Material ist viel zu brisant, als das es in vollem Umfang frei zugänglich gemacht werden kann.

    Es dürfte nämlich das Potential haben, die herrschenden Machtverhältnisse total zu verändern. Auch die, die darüber z.Zt. verfügen, unterliegen m.E. stark dem Einfluss der Macht. Selbst Snowden ist letztendlich kaum frei. Ohne die schützende Hand Russlands bzw. Putins wäre der gesamte Coup kaum denkbar. Einzelheiten werden sicherlich im Laufe der Zeit noch bekannt werden. Weitgehend ungeklärt in diesem Zusammenhand sind die Positionenen der Medien im Internetkosmos mit seiner scheinbar grenzenlosen Offenheit. Auch dieser Diskurs, der schon vehement geführt wird, bleibt weiterhin utopisch. Es ist wichtig, Utopien zu haben, denn ohne Utopien stirbt die Hoffnung. Und das können wir uns kaum leisten.

    Es geht um die Grundpfeiler der Demokratie und grundsätzlich um die Errungenschaften der Aufklärung. Schaffen wir das nicht, fallen wir zurück in Zeiten totalitärer Barbareien. Die NSA macht das schon sehr deutlich. Von daher ist es notwendig, in solche Richtungen anhand konkreter Fakten und Möglichkeiten Denkmodelle zu schaffen und um deren Realisierung bemüht zu sein. Die angedachten Ansätze überzeugen.

    So brauchen wir Helden wie Julian Assange und Edward Snowden. Sie schaffen Veränderung, d.h. den ständig erneut erforderlichen Aufbruch von totalitären Machtstrukturen.
  • [...] 2014-0986.pdf Open the Snowden Files Updated (DE) July 11, 2014 [...]
  • [...] Open the Snowden Files! Das öffentliche Interesse am freien Zugang zu den Dokumenten der NSA-Gate [...]
  • [...] Dass es mittlerweile auch Kritik an der scheibchenweisen Veröffentlichungstaktik von Greenwald gibt, mit der Greenwald und andere das Optimum an Einnahmen zu erreichen suchen, sei nicht verschwiegen. So haben wir die wenigen Glücklichen im Besitz der Snowden-Dateien, die freilich keine Technik-Experten sind und denen nach zwei Stunden regelmäßig die Augen ausfallen, wenn es um Technik geht. Dann müssen sie schnell an die Tastaturen. So manifestiert sich das, was der investigative Journalist Seymour Hersh gegenüber der Berliner Gazette so formulierte: "Newspapers turn out to be not very interested in spreading the wealth."[...]
  • [...] Inakzeptabel und nicht im Sinne der Aufklärung ist auch, dass die von Whistleblower Edward Snowden enthüllten Dokumente nur einer kleinen Insidergruppe zur Verfügung stehen. Immerhin handelt es sich bei der Spionageaufklärung um ein öffentliches Interesse, und dem könnte doch auch öffentlich nachgegangen werden. Viel zu gefährlich, heißt es, kaum umzusetzen und so weiter. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki meint: Doch, es geht, und es muss auch gehen. [...]
  • At least https://www.nsa-observer.net/ is doing the storing / linking of all what's known...
  • "Why has there been no mass protest? Why no major upheaval?" - Great question!
  • mich interessiert die freisetzung digitaler informationen und deren wirkung im/auf den politischen prozess. insofern trifft der essay sehr viele punkte, die mir aus einer viel konventionelleren, institutionenorientierten perspektive zu denken geben.

    in meinem aktuellen seminar habe ich auch mit den studierenden darüber diskutiert, inwiefern die fälle manning/assange/wikileaks und snowden/greenwald/guardian-intercept miteinander verbunden werden müssen.

    ich denke, dass ich die ansicht dahingehend teile, dass eine "öffnung" der files und damit die "rückkehr" in einen wikileaks-artigen bearbeitungsmodus demokratiepolitisch sinnvoll sein kann. allerdings kauft man sich dann in der tat weitere probleme ein.

    genau diese ambivalenz scheint aber konstitutiv für prozesse des digitalen wiki-leaking zu sein. das snowden/greenwald-modell ist derzeit noch etwas anderes, es ist ein klassischeres investigativprogramm, das dann vielleicht auch an grenzen stößt, die es für wikileaks gar nicht gab - weil es von vornherein auf einen anderen modus programmiert war.
  • John Young von Cryptome.org hat einen "Demand for Accounting and Public Release of All Edward Snowden Documents" an folgende Organisationen geschickt:

    The New York Times, New York, NY
    The Washington Post, Washington, DC
    The Guardian, New York, NY
    Barton Gellman, New York, NY
    Laura Poitras, ACLU, New York, NY
    Glenn Greenwald, ACLU, New York, NY
    American Civil Liberties Union, New York, NY
    Electronic Frontier Foundation, San Francisco, CA
    John and Jane Does, Citizens of the United States

    Inklusive einer detailierten Auflistung seiner Forderung.

    Hier das original-Dokument:
    http://cryptome.org/2014/07/snowden-documents-demand-14-0714.pdf
  • Heute gibt es um 14:00 ein OPEN THE SNOWDEN FILES Interview mit Krystian Woznicki auf Deutschlandradio im Kulturmagazin "Kompressor".
  • [...] Aus der Diskussion um die Veröffentlichungspraxis der Snowdendokumente wird eines deutlich: Die Frage nach der Veröffentlichkeitspraxis ist nicht pauschal und einfach zu beantworten. Krystian Woznicki hat für die Berliner Gazette verschiedene Argumente diskutiert. Er plädiert für einen insgesamt offeneren Umgang mit den Snowden-Dokumenten, da er sonst eine Blockade für das “demokratische Potential” der Enthüllungen sieht. Einen besonderen Mehrwert ergebe es, könnten mehr Leute die Enthüllungen begutachten. Das ist logisch, denn die schiere Masse an Material bedarf einer Großzahl an Experten und es ist fraglich, ob ein begrenzter Kreis an Augen in der Lage ist, jegliche Implikation aus den Enthüllungen erkennen und bewerten zu können.

    Er kritisiert das Monopol, dass wenige Medien an den Dokumenten haben und für ihre eigenen Vorteile nutzen. Damit verfehlen sie Snowdens Ziel, der Öffentlichkeit zu dienen. Daher plädiert Woznicki dafür, Snowden selbst davon zu überzeugen, zukünftig einen anderen Weg einzuschlagen und über eine breite Veröffentlichung nachzudenken. Snowden jedoch hat in der Vergangenheit oft genug klargemacht, selbst entschieden zu haben, das Material Journalisten zu geben und diesen die Entscheidungen überlassen zu wollen. Hätte er das beabsichtigt, hätte er alles selbst veröffentlichen können, wobei Woznicki sich auf Mutmaßungen von Beobachtern beruft, “dass auch er nicht vollumfänglich zufrieden sein dürfte, was bislang mit seinem Material passiert ist”.

    Klar: Unbegrenzter Zugang zu den Dokumenten klingt erst einmal verlockend und man kann dabei kaum die eigene Neugierde leugnen. Aber es gibt ebenso gute Gründe, die gegen eine komplette Veröffentlichung allen Materials sprechen. Es könnte die Gefahr bergen, alles Pulver auf einmal zu verschießen. Durch unprofessionelle Aufarbeitung würde riskiert, dass die Aufmerksamkeit sich soweit verteilt, dass nur noch wenig Fokus auf bestimmte, besonders kritische Aspekte der Dokumenteninhalte übrig bleibt. Dementgegen steht ein Effekt, der bei der tröpfchenweiser Veröffentlichung von neuen Überwachungsprogrammen und -methoden eintritt: Das Abflauen öffentlichen Interesses und die Entstehung von Gleichgültigkeit. Das bemerken wir auch selbst, denn Kommentare wie: “Und was ist daran jetzt neu?” oder “Das hat man sich doch schon lange denken können” sind zahlreich und nehmen zu.

    Ganz weit vorn, wenn es um Gegenargumente zur Vollveröffentlichung der Leaks geht, ist Sicherheit. Auf der einen Seite die Sicherheit Snowdens, schon häufig wurde der verbleibende Dokumentenfundus als “Lebensversicherung” für den Whistleblower referenziert. Auf der anderen Seite steht die Sicherheit derjenigen, die in den Dokumenten erwähnt werden. Sei es wissentlich, weil sie aktiv in die Spähaffäre involviert sind, als Betroffene von Überwachungsmaßnahmen oder als unbewusste, unwillentliche Zuarbeiter des Geheimdienstapparates. Schon 2010 bei der Publikation der “Afghan War Logs” wurde Julian Assange und WikiLeaks vorgeworfen, sie hätten Blut an ihren Händen, da sie Informanten und Truppen der USA in Gefahr gebracht hätten. Eine solche Anschuldigungsrhetorik würde sich sicher auch im Falle Snowdens wiederholen, wie auch in Greenwalds obenstehendem Zitat anklingt.

    Dementgegen steht jedoch die Möglichkeit, Namen zu schwärzen, Hinweise, die zur Identifikation Einzelner führen könnten, zu redigieren und andere möglichen Vorkehrungen zu treffen, möglichst wenig Risiko bei der Veröffentlichung einzugehen. Woznicki nennt dazu das Hosten der Dateien bei öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken. Desweiteren macht er Vorschläge, wie man in Zukunft mit den Dokumenten umgehen kann, abseits von der Frage der gänzlichen Öffnung. Woznicki zititert Detlef Borchers, der fordert, dass jede Enthüllung mit “Informationen über das Material des gesamten Korpus angereichert sein [sollte], so lange diese Art der Information nicht die Identität des Whistleblowers preisgibt.”, desweiteren sollten Daten be- und verarbeitet werden können und so aufbereitet werden, dass sie verständlich sind.

    Zusammen mit den beständig wiederkehrenden Kritiken an aktuellen Veröffentlichungsmechanismen, wie im Beispiel von cryptome.org, können und sollten diese Argumente Ausgangspunkt einer breiteren Diskussion sein. Über die Rolle der Medien bei den Snowden-Enthüllungen, ihre Abhängigkeit und Neutralität bezüglich staatlicher, ökonomischer und anderer Einflussfaktoren und ihre Legitimation durch die Öffentlichkeit. [...]
  • Ich sehe das problematisch, weil es die Schutzstrategie von Snowden gefährden würde (nimmt man an, dass diese überhaupt funktioniert). Er argumentiert ja mit der sorgfältigen Auswertung durch Journalisten und dass diese letztlich verantwortlich für den Umgang mit dem Material sind. Er zeigt sich somit als verantwortungsbewusster Hinweisgeber und verweist auf die Presse, die nicht nur aufgrund ihrer Öffentlichkeitsfunktion, sondern auch als Gatekeeper Schutzfunktionen genießt. Er bewegt sich somit im Rahmen des konventionellen Whistleblower-Gerüst, das rechtlich geschützt ist.
  • Norbert B. am 15.07.2014 13:46
    @Christiane #29: gibt es überaupt einen funktionierenden, rechtlich abgesicherten Whistleblower-Schutz? Nein, oder? Sonst wäre Snowden nicht in Moskau. Warum also stützt er sich auf Dinge, die nicht existieren?
  • Mich würden ja mal die (eigenen) Motive derer interessieren, die sich für eine vollständige und sofortige Veröffentlichung aussprechen.
  • [...] Snowden-Dokumente"Ein wenig befremdlich". Journalist kritisiert exklusiven Medien-Zugang zu den Snowden-Dokumenten. Krystian Woznicki im Gespräch mit Gesa Ufer

    Krystian Woznicki, Gründer der Online-Zeitschrift "Berliner Gazette", fordert einen breiteren Zugang zu den Snowden-Dokumenten über die Aktivitäten der NSA. Andernfalls werde es 40 Jahre dauern, bis alle Details des Materials enthüllt seien.

    "Das mutet doch ein wenig befremdlich an", sagte Woznicki im Deutschlandradio Kultur. Die Hauptursache dafür sieht der Berliner Journalist darin, dass Edward Snowden exklusive Partnerschaften mit bestimmten Medien und Journalisten eingegangen sei. Zu deren Vermarktungsstrategie passe es wohl am besten, "erst mal ein paar Sachen zu enthüllen, das erste Buch dann zu bringen, dann ein paar weitere Sachen zu enthüllen, das nächste Buch zu bringen und so weiter und so fort", kritisierte der Gründer der "Berliner Gazette".

    "Ich sage nicht, wir sollten Glenn Greenwald absetzen und auch allen bislang beteiligten Redakteure und Journalisten den Job, den Auftrag entziehen." Vielmehr müsse der Kreis der Akteure, die Zugang zu den Snowden-Files hätten, deutlich erweitert werden.

    Auch in Deutschland gebe es weitaus mehr "Leute, die professionell in der Lage sind, journalistisch daran zu arbeiten" als lediglich Snowdens deutsche Medienpartner "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung", betonte Woznicki. Außerdem sollten auch Wissenschaftler und IT-Spezialisten Zugang zu dem Material bekommen und eine Stelle analog der Stasi-Unterlagenbehörde für Snowdens Material eingerichtet werden: "Ich denke, dass dieser Datensatz, dieser riesige Datensatz das einfach auch verdient hat, eine solche Stelle zu bekommen." [...]
  • [...] Krystian Woznicki, Gründer der "Berliner Gazette", fordert einen breiteren journlistischen Zugang zu den Snowden-Dokumenten über die NSA. Andernfalls werde es 40 Jahre dauern, bis alle Details enthüllt seien. Direkter Link zur Audiodatei: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/07/15/drk_20140715_1420_eb603f97.mp3 [...]
  • @#14: "the debate becomes one about who actually knows where the borders are. snowden did appear to have some reservations. this can be seen through the caution he took with his actions and in his own words."

    snowdens reservations have got to do primarily with the fact that he tries to establish for himself a basis in civil rights -- this basis exists for him only theoretically, as in his home country whistleblowers are not considered, respected and protected as such, but are divested of their civil rights and hence prosecuted as spies.

    his concerns with regard to that seem to be inseparably linked to the disclosures that his files are enabling.

    therefore his strategy is double edged. in a sense a double challgenge. time will show, whether he may want too much.

    but it is also possible that we debate this in public and provide for him basic consultation.

    therefor the question of the hour is:

    does snowden need to separate himself (and his situation) in a clear cut fashion from his files and the disclosures they enable?
  • @#15: "for classified materials there is also ("librarian's") responsibility in curating what should go into the catalog."

    this is a very good point as it underlines, that

    1) not only journalists are potentially capable to handle big data leaks -- the easy going (and irresponsible) attitude "leave it to the journalists" can not be sustained any longer against the backdrop of this insight.

    2) librarians need to enter the stage and embark upon experiments with methods appropriate to the needs of big data leaks. People like Snowden need a wide range of partners (not only journalists and lawyers) and hence they need a clear sign from the sector of public libraries, that they are up to the task.
  • @#17: "Ich bin nicht sicher, ob der ganze Aufwand so seinen Zweck erfüllt hat. Und ich befürchte, das war von genau den Akteuren so gewollt, die man vorgeblich um ihre Macht bringen wollte."

    Der Aufwand kann in diesem Kontext nicht groß genug sein. Und wenn es Defizite in dem von Ihnen beschrieben Fall gibt, dann müssen wir uns eher fragen: War der Aufwand groß genug? Was hätte man noch machen können, machen müssen?

    Hier geht es um das Spektrum von Vermittlungsfragen und die Frage, ob die Methoden und Ansätze nicht weiter ausgebaut werden müssten.
  • @#25: "allerdings kauft man sich dann in der tat weitere probleme ein. genau diese ambivalenz scheint aber konstitutiv für prozesse des digitalen wiki-leaking zu sein."

    man könnte auch ergänzen, dass die besagten probleme auch konstitutiv sind für prozesse der demokratie in zeiten des digitalen wiki-leaking und der digitalen gesellschaft im allgemeinen.
  • @# 29: "Er zeigt sich somit als verantwortungsbewusster Hinweisgeber und verweist auf die Presse, die nicht nur aufgrund ihrer Öffentlichkeitsfunktion, sondern auch als Gatekeeper Schutzfunktionen genießt. Er bewegt sich somit im Rahmen des konventionellen Whistleblower-Gerüst, das rechtlich geschützt ist."

    Die Frage ist, wo hört die Mission des Whistleblowers auf?

    Obwohl es wünschenswert ist, dass Snowden als "verantwortungsbewusster Hinweisgebe" weiter macht und dabei nicht nur einige wenige in der Presse, sondern möglichst viele in dieser Branche einbezieht und sogar auch Akteure darüber hinaus: Bibliothekare, Wissenschaftler, IT-Spezialisten, etc. (alles Leute, die auch eine "Öffentlichkeitsfunktion" haben und Gatekeeper-Kompetenzen vorweisen können) -- obwohl all das wünschenswert ist, spüren wir auch, dass es irgendwann die Zeit gekommen ist für Snowden die sich zurückzuziehen und genau jene Situation herzustellen, die er eingangs angestrebt hat: das Material für sich selbst sprechen zu lassen.
  • @#18: "Das Snowden-Material hat [...] das Potential, die herrschenden Machtverhältnisse total zu verändern. Auch die, die darüber z.Zt. verfügen, unterliegen m.E. stark dem Einfluss der Macht."

    Das ist ein guter Punkt und wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich die Fragen nach dem offenen Zugang aufwerfe. Natürlich ist der offene Zugang nicht die Wunderwaffe. Machverhältnisse werden sich darauf hin nicht von selbst in Luft auflösen.

    Deshalb lautet die Frage, ob 1) der Weg zum offenen Zugang über eine Verhandlung und Debatte darüber in der breiten Öffentlichkeit und 2) die Bereitstellung eines offenen Zugangs mit all seinen Herausforderungen (sofern sie angenommen und halbwegs bewältigt werden) -- ob beides eben nicht die Möglichkeit eröffnet, die Machtverhältnisse anders, tiefergreifender in Frage zu stellen, als es die bisherige Strategie vermag.
  • Ein weiterer Hinweis, was die Motivation hinter der aktuellen Verwertungsstrategie sein könnte, findet sich hier:

    "wäre alles material vor einem jahr auf wikileaks/cryptome aufgetaucht hätte es kurz aufgeflackert. aber dann wäre auch nix passiert. ein schockstarre wäre eingetreten aber dann hätten die geheimdienste und regierungen die zügel wieder in die hand genommen und Greenwald hätte kein schwarzpulver mehr übrig. Deshalb die Sache wöchentlich aufkochen und am köcheln lassen und immer wieder die Schlagzeilen damit entern."

    https://netzpolitik.org/2014/diskussion-ueber-den-umgang-mit-den-snowden-dokumenten-alles-veroeffentlichen-oder-portionierte-neuenthuellungen/#comments
  • [...] Berliner Gazette, 9. Juli 2014 Open the Snowden Files! Das öffentliche Interesse am freien Zugang zu den Dokumenten der NSA-Gate [...]
  • Noch ein anderer Aspekt: Mir ist nicht ganz klar, ob Snowden den Journalisten einen völlig freien Umgang mit dem Material zugestanden hat. Hätte er eine Offenlegung gewünscht, hätte er von Anfang an mit Wikileaks zusammenarbeiten können. Aber er hat sich ja dagegen entschieden. In jedem Fall sollte er es sein, der darüber letztlich entscheidet, weil er am meisten davon betroffen wäre.
    So wie ich seine Äußerungen verstehe, versucht er im Rahmen des konventionellen amerikanischen Whistleblowerrechts zu agieren und hofft wohl darauf, dass über kurz oder lang (wohl eher lang) der amerikanischen Öffentlichkeit der Nutzen dieses Leaks deutlich wird und ein Umdenken stattfindet. Dann könnte eine Rechtsreform in Bezug auf Sicherheitsbehörden auch ihn einschließen. In diese Richtung weisen ja auch Versuche der NSA nachzuweisen, dass Snowden seine Vorgesetzten eben nicht ausreichend vor Fehlentwicklungen gewarnt hat. Fehlgeschlagenes internes Whistleblowing ist nämlich die rechtliche Voraussetzung für legales externes Whistleblowing.
  • Corinna Haas am 16.07.2014 23:22
    Welche politische Körperschaft sollte denn ein Archiv (nahe liegender als eine Bibliothek) unterhalten, das geleakte Daten der NSA vorhält? Die Bundesrepublik Deutschland, oder vielleicht Russland? Eine Behörde wie die Gauck-Behörde? Die wurde nach dem Ende der DDR gegründet, die USA und die NSA gibt's aber noch... An welche möglichen Träger denkst Du?
  • Schon vor Snowden bin ich über zahlreiche öffentliche Dokumente in der Datenbank des Europäischen Rates gestolpert, in der u.a. Abhörschnittstellen erwähnt und beschrieben wurden. Das ist alles so technisch, dass es keiner versteht. Es war auch nicht mein Thema. Was Öffentlichkeit zieht, sind rote Heringe wie INDECT.

    Erst das Mysterium, das Geheimnisvolle bekommt die Blicke. Nimm ein brisantes öffentliches Dokument aus einer Regierungsdatenbank, z.B. des Rates, und stell es auf eine Whistleblowerplattform mit einer andeutenden Erläuterung über den Inhalt. Plötzlich erhält es die Aufmerksamkeit.

    Der splitternackte Körper ist per se unerotisch. Diese Dokumente sind ein wenig wie die Ausgrabung von Pompeji, die man besser unvollständig lässt, damit nachfolgende Generationen noch was zu entdecken haben. Wie das Porzellanzimmer in Charlottenburg oder die ägyptische Sammlung im Louvre bringt das Zuviel keinen Mehrwert. Die Sammlung interessiert nicht.

    Für mich ist überhaupt die größte Überraschung der Snowdenerzählung, dass er an Medienvertreter geraten ist, welche die Brisanz erkannt haben und nicht ignorant waren. Darum will ich die gar nicht so recht glauben.

    Im Moment gibt es reichlich groteske Forderungen an die Europäer durch die von den Enthüllungen wirtschaftlich betroffenen Unternehmen, alles ganz offen im Internet:
    http://acta.ffii.org/?p=2189
    und sogar der US Präsident diskutiert persönlich die Post-Snowden-Welt auf eine für Europa seltsam arrogante Weise mit seinem Export Council. Die Medienaufmerksamkeit ist nahe null und die Europäische Kommission scheint bei den TTIP Verhandlungen den gesunden Menschenverstand hinsichtlich dieser Zumutungen zu missen. All das ist nicht einmal geheim, es interessiert trotzdem kaum jemanden. Die öffentliche Polemik in Europa entzündet sich an der Intransparenz bei TTIP, bei dem, was öffentlich ist, schaut kaum jemand genau hin.
  • Silkie Carlo (http://silkiecarlo.com), who works with intelligence whistleblowers for a living, co-authored together w/ Arjen Kamphuis a handbook 'Information Security for Journalists'-- densly packed knowledge for investigative journalists who operate at the sharp end of the profession (either operating in scary countries or against scary opponents). It is however also very usable for other humans who just want to back up their UNDHR article 12 rights with some strong crypto.

    Last week they published an initial version of the handbook (PDF available):

    http://www.tcij.org/resources/handbooks/infosec

    They are currently processing feedback from journalists who have been trying it out and putting resources in place to do maintenance and translations into a dozen+ languages (including Arabic, Russian and Chinese).
  • I think you are right that the opening of the Snowden files has to be connected to a specific public institutional form - wether that is a library or some platform that could count as a library in the world of a networked public. However, I don't think there is a principle by which you can say that opening data such as the Snowden files automatically leads us to a self-organised public sphere with effects that are necessarily good.

    Connecting the justification of the opening of the Snowden files with the reasoning that that they are handled according to self-interest of a selected few who wants to keep in power reminds me of arguments put forward by technocrats in the 1970's (well chronichled by Adam Curtis doc "The Trap"). The result of that was the deregulation of well-fare states into a form we know now as neoliberalism and with that the intensification of processes of quantification of work and the private sphere in order to optimise value extraction.

    For me the world of data, even open data is a logical next step in the outsourcing of work - why are 100 000's of people working in free flowing self interest on the files necessarily better than 100 paid ones? I get the question of contextualised access here of course (hence the library) but there is still this underlying assumption of the quality of the public sphere somehow being reliant on its quantity.

    Based on this, I think it would be more adequate to speak of a full "disclosure" of the Snowden files rather than an opening - to indicate that it is a targeted revealing, not in the sense of being limited in number of those who have access, but in terms of a new qualitative approach. One of the great achievments of the full disclosure could be that Snowden himself steps more into the background and the issues come to the forefront - this is what he stated anyway from the beginning as his intention - so actually this would be more in line with the leaker's intentions after all.

    I am not so sure this diminishes the possible protection of Snowden since the wished outcome would be that there are concrete and constructive reactions from governments on the files once they are used to their full potential so to speak.

    You mention that there is an exceptional duration of interest in the Snowden files and associated topics of mass surveillance. But it's not as if these are really "new" topics and that there weren't an already ongoing public concern. Perhaps the focus on this as news might also be what makes it perpetually ineffective rather than that public interest has not yet been exhausted. The problem could be that the public's interest in this is the Snowden files as a recurring news item in the daily flow.

    Again, this brings me back to the question of what today counts as the public sphere (does it mean releasing documents to the "public" equated with the masses, maybe revisiting Elias Canetti would be worthwhile here). I know this is not exactly what you mean, and that the library form and the points at the end of the essay are attempts to deal with the specifics of releasing the files.

    The Snowden Files are in the form of a database most likely, and this form for me leads more to the archive than the library. In any case, the database needs an interface if to be made public and this will be the big question, what types of interaction will the users have with this data? A significant power can today be ascribed to the algorithmic and protological.

    It might be useful to think about the library, because of its function of serving the public but even this institution has certain cultural gatekeeper functions and cannot be thought of only as serving public good. So, working on the specifics of the platform that would host the files are probably the equivalent of working on the principles of access and index systems of the library. Even more important today since the level of meta data is more and more operational.
  • @#42: "In jedem Fall sollte er es sein, der darüber letztlich entscheidet, weil er am meisten davon betroffen wäre."

    Das ist eine Sache, die nicht als selbstverständlich gelten kann.
    Genauso wenig als selbstverständlich kann gelten, dass der Whistleblower sich im Zweifelsfall opfert, wenn er zum Whistleblower wird: sich in den Dienst der Öffentlichkeit stellt und dafür einen hohen, sogar den höchsten Preis zahlt.

    Aber: da das Whistleblowing kein Akt ist, der im Privaten sich vollzieht, sondern im Öffentlichen und im Dienste der Öffentlichkeit, ist das Stärkste Argument des Whistleblowers FÜR seine Tat eben dies: ohne seinen Akt wäre der Öffentlichkeit nicht deutlich geworden, wie sehr sie von bestimmten Mißständen betroffen ist. Und das Ausmaß dieser Betroffenheit kann nur nachvollzogen und ermessen werden, wenn die Öffentlichkeit die Möglichkeit hat, dies selbst abzuschätzen.

    Unter den gegebenen Umständen des exklusiven Zugangs zum Snoden Material ist dies nicht möglich (ganz nebenbei: es mehren sich Stimmen, die die Enthüllungen und deren Tragweite in Zweifel ziehen).
  • @#43: "die Gauck-Behörde? Die wurde nach dem Ende der DDR gegründet, die USA und die NSA gibt's noch"

    Genau, deshalb hinkt der Vergleich ein stückweit.

    Aber es geht dabei 1) darum, das öffentliche Interesse an Überwachung zu unterstreichen bzw. historisch zu belegen und 2) zu zeigen, dass der Fall in geo-politischer Hinsicht etwas komplexer gelagert ist und deshalb auch WikiLeaks als Best Practise Case herangezogen werden muss.

    Eine supranationale Institution wie die UN oder UNESCO wäre der richtige Träger für eine Behörde, die das Snowden-Material verwaltet -- wenn solche Institutionen nicht unter einem so erheblichen Einfluss der USA stünden. Umgekehrt: China, Iran, Kuba, Russland, Ecuador etc. würden das Unterfangen in vielerlei Hinsicht korrumpieren -- aufgrund fehlender Neutralität.

    Alle anderen Ländern trauen sich nicht -- siehe Deutschland in Fragen "Snowden als Zeuge befragen" oder "Snowden Asyl gewähren".

    Deshalb müsste der Ansatz "bottom up" und dezentral vonstatten gehen. Es könnten mehrere Stellen, in zahlreichen Ländern eingerichtet werden: Orte im Internet, in Kommunen und Städten. Ein loser Verbund, der sich untereinander austauscht und von einer rechtlich abgesicherten Körperschaft getragen wird, die von öffentlichen Spenden lebt, wie WikiLeaks in seinen besten Zeiten oder WikiPedia.

    Öffentliche Bibliotehken weltweit könnten jetzt damit anfangen die 5 % der veröffentlichten Files zu katalogisieren. Schon die erste öffentliche Bibliothek, die diesen Schritt macht, würde eine Weltnachricht hervorbringen. Das hätte mit Sicherheit ein erheblichen Impakt auf den Fortgang der Snowden-Affäre und auf den Umgang mit Leaks im Allgemeinen -- geschweige denn auf die Rolle von öffentlichen Institutionen in diesen wilden Zeiten..
  • @#44: "Erst das Mysterium, das Geheimnisvolle bekommt die Blicke."

    Ich kann dieser Argumentation folgen. Aber ich denke, dass diese Logik hier nicht greift, aus v.a. zwei Gründen:

    1) weil der offene Zugang nicht mit Nackheit gleichzusetzen ist. Das sagst Du im Grunde auch selbst, wenn du schreibst "alles so technisch, dass es keiner versteht." Sprich: selbst im offenen, ausgestellten Modus hat das Snowden-Material noch immer "das Mysterium, das Geheimnisvolle", da es anmutet wie "ägyptische Hieroglyphen".

    2) Dieser Aussage liegt die Annahme zu Grunde, dass das Snowden-Material nur dann ein Schatz für die Auswertungsmaschine der Medien und ihrer öffentlichkeitswirksamen Mechanismen ist, wenn es abgeschottet wird. Dabei kann das Ganze in der öffentlichen Bibliothek liegen, ab dem ersten Tag, und die Medien können sich daran machen, das Ganze zu bearbeiten -- Salami ist auch dann noch eine Option.

    Es geht doch nicht darum, ob ich alleinigen Zugang zu den Daten habe (ich weiß, man kann diese Tatsache stilisieren, wie Greenwald das macht), sondern: WAS ICH DARAUS MACHE. Die potenziellen Akteure, die daran Interesse haben könnten, sind in ihrem Vorgehen teils so unterschiedlich, dass "schlimmstenfalls" ein für die Sache gesunder Konkurrenzkampf um die interessanteste Deutung entstehen könnte.

    "Für mich ist überhaupt die größte Überraschung der Snowdenerzählung, dass er an Medienvertreter geraten ist, welche die Brisanz erkannt haben und nicht ignorant waren. Darum will ich die gar nicht so recht glauben."

    Was genau meinst Du damit?

    "Die öffentliche Polemik in Europa entzündet sich an der Intransparenz bei TTIP, bei dem, was öffentlich ist, schaut kaum jemand genau hin."

    Das ist ein guter Punkt und sagt viel über unsere Gesellschaft aus.

    Es bedarf einer besonderen Dramaturgie um hochkomplexe Themen wie TTIP und PRISM & Co. in die Öffentlichkeit zu tragen und im Gespräch zu halten.

    Wer gestaltet diese Dramaturgie? (Diese Frage impliziert auch die Frage nach dem WIE.)

    Wenn wir die Gestaltung dieser Dramaturgie (wie im Snowden-Fall) Spiegel und SZ überlassen, machen die das auf ihre Weise und zu den Bedingungen ihrer (privat-wirtschaftlichen) Interessen (die sie gerne hinter Floskeln über das Gemeinwohl und die Demokratie verstecken).

    Nein, wir sollten die Gestaltung dieser Dramaturgie stärker im öffentlichen Dialog aushandeln.
  • @#46: the quantative argument comes into play, when i critcize a quasi-monopolistic situation: only one player (or a cartel/club of them) has access, rather than a potentially endless plurality of players, which enables that type of public sphere, that gianni vattimo and others see arising in the late half of the 20th century.

    of course, decentralization and/or open access do not solve all problems per se. well, perhaps they create new ones (like mentioned by christoph bieber above). on top, they can be instrumentalized in different ways (e.g. in neo-liberal terms as you say).

    alright, but still we have to ask ourselves: where do we see greater potential for a democracy and public spheres to unfold?

    i do not think, that this greater potential lies in a quasi-monopolistic situation. it lies rather (especially in our networked times) in distributed, decentralized, potentially open structures.

    yes, we are talking about potential. not a machine, that works automatically.

    we are talking about a lot of work and time, that needs to go into realising this potential -- by 100 paid people as well as by 100 000 unpaid volunteers (call them citizens). both options are not mutually exclusive. no, they are options, that our society needs to provide and design. perhaps even regulate.

    like the platform, that hosts the Snowden material. a database? yes. this is probably the future of the (public) library anyway, if it is up to reinvent itself a little. perhaps even a post-database. a hyper-library. and yes, i also share your concern, that there can't be enough thinking going into the "design questions" of providing open acess.
  • katmini am 18.07.2014 17:36
    @Christiane: Snowdens erste Worte waren, er rechne damit, dass sein Leben ende, sobald er damit an die Öffentlichkeit geht und dass er damit "at peace" sei. Vorgestern zitiert ihn der Guardian (auf der Basis eines Exklusiv-Interviews in Moskau), dass er damit rechne in Guantanamo zu enden und dass er mit leben könne ("could live with it"). Das hört sich nicht nach einer Person an, die sich auf Whistleblower-Schutz beruft.

    Dann zu der Sache, was für ihn wichtig ist, also absolut höchste Priorität hat: Dass sein Leak nicht zu Veränderungen führt, dass die Sache an der Welt vorbei geht, ohne dass Reformen oder ähnliches passiert.

    Damit wären die Koordinaten ziemlich klar: Den Schutz des Whistleblowers in allen Ehren, aber die Sache (das öffentliche Interesse, die Resonanz, die Wirkung) hat Vorrang.

    Wenn man aber dennoch pro Whistleblower-Schutz als Priorität argumentiert, stellt man sich über Snowden und seine Absichten. Und wer das tut, kann auch in Betracht ziehen, das Material anders in die Welt zu entlassen, als er es bislang getan hat, eben um damit seine Mission, seinen "cause" zu unterstützen.
  • Das Verhüllte hat eine größere Anziehungskraft und entwickelt seine eigene Geschichte. Das Bernsteinzimmer ist berühmt, weil es verschollen oder vermutlich vernichtet ist. Teile davon sind aufgetaucht. Atlantis ist berühmt, weil es überall sein kann.

    Geheimdienste beflügeln die Fantasie, weil ihr Tun geheim ist. Effizient und effektiv ist es vermutlich nicht.

    >> "Für mich ist überhaupt die größte Überraschung der Snowdenerzählung, dass er an Medienvertreter geraten ist, welche die Brisanz erkannt haben und nicht ignorant waren. Darum will ich die gar nicht so recht glauben."
    > Was genau meinst Du damit?

    Für mich grenzt es an ein Wunder, dass sein Anliegen (was immer man davon halten mag) geklappt hat. Eine Bekannte, die ihn und sein Umfeld näher kennt, meinte er sei nicht der Smarteste. Ich will keine Verschwörungstheorie entwickeln, aber aus meiner Erfahrung scheint die öffentliche Geschichte unwahrscheinlich, das heisst nicht "falsch". Unwahrscheinlich, weil an so vielen Stellen etwas schief gehen kann. Das Wahrscheinliche ist der Rohrkrepierer.

    Bekannt ist z.B. der historische Fall von Personen, die Kenntnis über die Existenz der Vernichtungslager erlangt haben, und diese Kenntnisse teilen wollten mit bestimmten Diplomaten. Sehr erfolgreich waren ihre Schritte nicht. Nun kann man heute sagen "X wusste davon" und auch eine Polemik gegen "X" entfalten.

    Anderes Beispiel: Im WSJ Europe wurde auf der Titelseite von einem Skandal berichtet, der den Abgeordneten sein Amt hätte kosten müssen. Alles aus öffentlichen Quellen. Seine parlamentarischen Kollegen waren über den Artikel eher nicht erfreut, weil er ein hohes Ansehen als Fachmann genoss, und verstanden auch nicht den technischen Kernvorwurf. Statt dessen wurde diese Politiker neu zur Wahl von der CDU aufgestellt für eine weitere Periode. Einige Kampagnenorganisationen, die den Fall nicht genau verstanden haben, trollten ihn dann in den folgenden Jahren damit. Die Anschuldigungen, wie sie von diesen Advocay-Gruppen formuliert wurden, waren zwar "fishy" aber parlamentarisch "akzeptabel". Es wurde eine ungenaue Story lanciert. Was später überhaupt nicht gespielt wurde, war, dass ausgerechnet dieser Abgeordnete maßgeschneidert einen Änderungsantrag einbrachte, der seine Tätigkeit von Transparenzpflichten freistellte.

    Ähnliches hatten wir bei einem Verteidigungsminister, wo es nicht um falsche "Fußnoten" einer Arbeit und ein wenig Schummelei, sondern um die Redaktion von Fremdtexten als eigene wissenschaftliche Leistung ging, insofern sein Titelverlust und - aufgrund der Ressortverantwortung für die Bundeswehruniversitäten - sein Rücktritt nach dem ersten Zeitungsartikel feststand. Wir haben das Theater trotz eindeutiger Faktenlage verfolgt, und es wurde alles noch viel schlimmer.

    Anderes Beispiel Lobbyplag. Jeder der Beteiligten am Europaparlament wusste woher die Formulierungen kamen, und es war und ist eine vollkommen übliche und akzeptierte Praxis, dass Abgeordnete Änderungsanträge einbringen, die von anderen stammen. Erst die Webseite machte darauf öffentlich skandalierend durch eine Darstellung aufmerksam und stellte es als etwas Verwerfliches dar.

    Die journalistische Gefahr des Versagen ist immer bei Enthüllungen gegeben, dass Medien einfache Stories spielen. Im Falle der Cable zum Beispiel die wunderbaren Charakterisierungen der damaligen Politik durch die US-Botschaften.
  • Jensen am 21.07.2014 09:43
    Also alle Namen werden geschwärzt. Aber reicht das? Es handelt sich bei den Snowden Files um nicht irgendwelche Akten. Sind da nicht auch Abhörprotokolle bzw. -mitschnitte dabei? Angela Merkel on the phone oder Lieschen Müller beim Skypen mit Omi. Stellt man dieses Material offen, macht man damit nicht etwas ziemlich Idiotisches? Stellt man nicht Privates öffentlich aus? und vergoldet damit die kriminellen Maßnahmen der NSA?
  • Die Antwort lautet jein. In vielen Fällen mag es ausreichen, die Namen zu schwärzen. Es gibt aber natürlich auch immer wieder die Möglichkeit, von Strukturen auf konkrete Personen zu schließen. Beispiel Afghanistan. Wenn ich den Übersetzers in Peschawar schwärze, aber dort kommt nur ein Mensch in Frage, reicht das Weglassen des Namens natürlich nicht... Das ist einer der Gründe, warum Leaks eben meist nicht einfach zum Download angeboten werden.
  • http://networkcultures.org/blog/publication/no-07-radical-tactics-of-the-offline-library-henry-warwick/

    " Taking inspiration from ancient libraries as copying centers and Sneakernet, Henry Warwick describes the future of the library as digital and offline. "

    Perhaps a starting point to reflect on the library form in the digital era... far removed from the world of open data. Can we think about the distribution of the Snowden files beyond the inevitable website? Would it not make sense to give them a distributed form still based on trust and some form of intimacy?
  • @53+54: In diesem speziellen Kontext (Snowden-Files) handelt es sich NICHT um einen Datensatz, der im willkürlichen "Copy-it-All"-Modus erstellt wurde. Das heißt, es gibt darin nicht IRGENDWELCHE Dateien, sondern sorgfältig auswählte Dateien.

    Snowdens Auswahl erfüllt ein archivarisches Ziel: sie soll den Nuzer befähigen bestimmte Zusammenhänge zu verstehen und dafür ausreichend Anschauungsmaterial zur Verfügung stellen.

    Dafür sind (wie es aussieht) weniger die Inhalte NSA-Überwachung (also " Abhörprotokolle bzw. -mitschnitte"), sondern die Informationen darüber (so genannte Meta-Daten) zusammegetragen worden.

    Letztere legen offen, wie die aktuellsten Methoden der NSA-Datanverarbeitung funktionieren: gigantische Bestände automatisch (per Algorithmus) zu analysieren, was mit Inhalten "Abhörprotokollen bzw. -mitschnitten" nicht so einfach geht.
  • Moin Krystian,

    momentan geht man davon aus, dass Snowden über 1,5 Mio Dokumente gezogen hat. Ich denke, da kann man schon von einem "Copy All"-Modus reden. Er hat ja ganze Wikis und Datenbanken gerippt
  • @#57: Ich sehe das Problem auch, das Du beschreibst. Man nicht einfach alles ohne Weiteres veröffentlichen bzw. öffentlich zugänglich machen. Selbst wenn man die Namen geschwärzt hat geht das nicht, da man dann noch genau untersuchen müsste, wie mit den ganzen Wikis und Datenbanken umzugehen wäre.

    Was mich interessiert und die Forderung nach einer Öffnung und anderen Beteiligung der Öffentlichkeit in ein besonderes Licht rückt, ist das Besondere dieses Falls.

    1. Verhältnis

    Gehen wir von über 1,5 Mio Dokumenten im Snowden-Paket aus, die aus mehreren Jahren stammen, vorwiegend 2011 und 2012, viele auch asu 2013, dann ist das im Verhältnis dazu, was die NSA an Daten allein an einem einzigen Tag einsammelt eine ganz geringe Datenmenge. Das wiederum geht vielleicht auch auf technische Begrenzungen des Whistleblowers zurück, doch es deutet in erster Linie auf seine Absicht hin. Er wollte eine "repräsentative Auswahl" zusammenstellen. Er wollte der Welt ein Bild vermitteln (O-Ton im Greenwald-Buch)

    2. Inhalt

    Vielleicht banal, aber wichtig, weil eine weitere Unklarheit aus dem Weg geräumt werden kann: Bei den 1,5 Mio NSA-Dokumenten aus 2011-2013 handelt es sich nicht um (oder nur im geringen Maße) um Daten, die die NSA eingesammelt hat. Vielmehr sind es Dokumente, die Snowden aus den Vorgängen, internen Kommunikationen, etc. innerhalb NSA eingesammelt hat. Dokumente, die die Arbeit der NSA (und ihre Zusammenarbeit mit (teils ausländischen) Partnern, Auftraggebern und Auftragnehmern) dokumentierten. Auch das unterstreicht sein Ziel und den Zweck der Daten-Sammlung. Sie soll aufzeigen, wie die Überwachungsarchitektur gebaut ist, wie sie funktioniert.

    3. Ordnung

    Greenwald betont an verschiedenen die Ordnung in dem Snowden-Paket von über 1,5 Mio Dokumenten (und bislang hat ihm noch keiner, der das Material auch hat, wiedersprochen). Er spricht auch an verschiedenen Stellen von einem Archiv. Ein Archiv -- das wäre kurz gesagt das Gegenteil eines im Copy-It-All-Modus willkürlich und wahllos zusammengetragenen Datensatzes. Ein Archiv hat üblicherweise ein System, eine Logik, eine Rationalität, eine Ordnung, einen übergreifenden Sinn.

    Greenwald hebt hervor, dass Snowden diese Ordnung in dem Datensatz geschaffen hat -- offenbar nicht nur retroaktiv, sondern schon im Vorfeld gezielt (mit einem System vor Augen) zusammengetragen hat. Und, dass Snowden auch ein leitfaden entwickelt hat, damit man sich in dem Datensatz zurechtfinden kann: beispielsweise ein Glossar der Akronyme und Programm-Namen sowie ein "Wörterbuch" für interne Fachvokabeln.

    Offenbar hat Snowden weniger nach Themen sortiert, als vielmehr nach den Orten ("branch of the agency"), an denen die Daten hervorgebracht wurden.

    PS: Letzteres (zusammengenommen mit dem Rest des Wissens darüber) ermöglicht der interessierten Öffentlichkeit, zu rekonstruieren wie dieses Archiv (zumindest in seinen Ordnungskonturen) aussieht. Eine Liste der Orte ("branch of the agency") lässt sich anfertigen. Zudem kann man mit den 5%, die bisher veröffentlicht worden sind, gewissermaßen arbeiten und bei der Rekonstruierung des "Skeletts" als exemplarisches "Fleisch" nutzen.
  • Immer häufiger stellt sich die Frage, ob wir noch in demokratischen Gesellschaften leben und nicht längst wieder oder immer noch Machteliten (historisch: Feudalherren - Kirche - heute: Shareholder, Banken etc.) eigentlich über uns bestimmen. Und damit selbst unsere Politiker nicht mehr als Marionettenfunktionen haben.

    Auch wenn erst ein Bruchteil des Materials ausgewertet ist, hat Snowden uns mit seinem Coup überdeutlich zeigen können, das die Musik hinter den Kulissen gespielt wird. Welche Musik es ist, können wir bisher nur ahnen. Es dürfte das Lied des …. sein! Utopie hin oder her: Die Völker müssen erfahren und dafür kämpfen, was und von wem da gespielt wird, wollen sie nicht in längst überwunden geglaubte Sklavengesellschaften zurückfallen. Der von Krystian Woznicki angestoßene Weg würde zumindest mehr Transparenz herstellen.

    Dass sich die Machverhältnisse in der Welt z.Zt. neu ordnen, zeigen die BRICS-Staaten, die ganz deutlich dem globalen Führungsanspruch der USA mit sich bildenden Institutionen (Bank) und Handelsverträgen entgegentreten. Diesen Anspruch hatte Obama erst im Mai in einer Rede vor der Militärakademie West Point erneuert. Vor diesem Anspruch sind NSA und die Snowden-Daten zu sehen.
  • @#52: Wir neigen dazu, Schwarz/Weiß zu denken: entweder alle sind viel zu dumm (Logik: "der Einäugige unter den Blinden") oder schlauer, immer einen Schritt voran, immer besser informiert, immer am Drücker (Logik: Paranoia).

    Es ist wahrscheinluch nicht einfach, heute den passenden Ansatz zu finden, aber die S/W-Denke ist es definitiv nicht.

    Kurz:

    Auf mich macht Greenwald auch nicht den smartesten Eindruck. Aber was bedeutet das eigentlich genau? Wieviele Leute, die die Kapaziäten haben an einer solchen Sache journalistisch zu arbeiten, wären deutlich smarter? Wieviel smarter muss man sein, um an dieser Sache journalistisch zu arbeiten?

    Ich habe den Eindruck, dass Greenwald in vielerlei Hinsicht der "richtige" ist -- zumindest im Hinblick auf das, was er an "smartness" zu erkennen gibt. Ich würde behaupten: Die Welt um ihn herum ist etwa auf seinem Level. Die Medien, die Sicherheitsprogramme, die Dienste.


    "Für mich grenzt es an ein Wunder, dass sein Anliegen (was immer man davon halten mag) geklappt hat."

    Aber was genau hat geklappt?

    Wir sollten das Wunder in Frage stellen. Auch eben fragen, ob es tatsächlich ein Wunder ist.

    Verschiedene Dinge sind dem Investigativ-Projekt gelungen. Also etwa: Informationen beschaffen, öffentlich machen und Aufmerksamkeit erregen, über einen relativ langen Zeitraum.

    Jedoch wird vieles an diesem Prozess schöngeredet -- aus unterschiedlichen Gründen. Vieles wird ausgeblendet. Es gibt auch sehr viele Pannen, Defizite. Neben den von mir bereits im Text angemerkten, kann man noch viele Dinge auflisten.

    Das sind Dinge, die gemeinhin im äußerst positiven Licht erscheinen, bei genauerer Betrachtung aber gar nicht so positiv sind:

    * schlechte Zusammenarbeit der Investigativ-Akteure untereinander
    * schwach ausgearbeitete "Beweisführung" in Greenwalds Buch in Bezug auf Überwachungsprogramme
    * Ausbleiben einer tatsächlich globalen Debatte

    Worüber kaum jemand spricht:

    * Dezimierung aller Dokumente, die mit Großbritannien/GCHQ zu tun haben

    Dinge, die bereits als problematisch gesehen werden:

    * Verhalten der Gehemeimdienste bei Snowdens Reisen
    * Snowdens Verbleib in Moskau


    Ist die Snowden-Story in Anbetracht allein dieser Tatsachen noch ein Wunder?

    Nutzt es überhaupt, die Dinge derart zu begreifen?

    Sollten wir nicht lieber schauen, was genau wir von der Geschichte (dort wo sie auch wirklich greifbar ist) lernen können? Was wäre das überhaupt?
  • @#59: "ob wir noch in demokratischen Gesellschaften leben"

    bzw. ob die Form der Demokratie, wie sie derzeit im Einsatz ist, überhaupt die richtige ist. ob wir nicht eine neue Form der Demokratie brauchen, um dem Anspruch der Demokratie gerecht zu werden.

    "Dass sich die Machverhältnisse in der Welt z.Zt. neu ordnen, zeigen die BRICS-Staaten, die ganz deutlich dem globalen Führungsanspruch der USA mit sich bildenden Institutionen"

    Eben dies sollte uns auch zu denken geben, welche Wirkung die NSA-Enthüllungen haben können. Welche Reformen überhaupt "realistisch" sind

    1) im Hinblick auf einen Akteur, der entschlossen um den Erhalt seiner Vormachtstellung kämpft und

    2) im Hinblick auf Akteure, die um das Erringen der Vormachtstellung bzw. einer besseren Stellung im globalen Gefüge kämpfen und dazu eben auch im Surveillance- und Sicherheitssektor hochrüsten.

    Wo lässt sich in einem solchen Interdependenz-Geflecht politisch überhaupt ansetzen?
  • @#55: "The Personal Portable Library in its most simple form is a hard drive or USB stick containing a large collection of e-books, curated, archived and indexed by an individual user. The flourishing of the offline digital library is a response to the fact that truly private sharing of knowledge in the online realm is increasingly made impossible. While P2P sharing sites and online libraries with downloadable e-books are precarious, people are led to an atavistic and reversalist workaround. The radical tactics of the offline: abandoning the online for more secure offline transfer."

    This is an interesting and important tactics. But this seem to me like a solution on an individual/private level, not something that works for society as a whole.

    After all this is pretty much how Snowden, Greenwald, Poitras and Co. organise to share their NSA-archive right now.

    And that is also why we need to think beyond this -- creating new, secure forms of public sharing databases, archives, etc.
  • > Aber was genau hat geklappt?

    Die Enthüllung respektive der Verrat war kein Rohrkrepierer. Bei Präsident Obama spricht man von der Post-Snowden Welt.

    Ich denke das der Begriff des Whistleblowing etwas aus dem Maßstab geraten ist. Paul van Buitenen ist ein gutes Gegenbeispiel.
  • Krystian Woznicki am 25.07.2014 12:17
    @#63: "Die Enthüllung respektive der Verrat war kein Rohrkrepierer."

    kein Rohrkrepierer -- kein Sprenggeschoss, das schon im Lauf des Geschützes detoniert: aber vielleicht im übertragenen Sinne schon, wenn das Geschütz nicht der Medienkanal ist, sondern das Netz, dass die Gehirne und das Bewusstsein von Menschen erreicht. Das Sprenggeschoss hat hier nicht wirklich gezündet.

    "Bei Präsident Obama spricht man von der Post-Snowden Welt."

    Nun, das ist kein Maßstab. Obama redet auch von Terroristen, obwohl die Gefahr, die von ihnen ausgeht, deutlich kleiner ist, als er vorgibt. Und inzwischen werden Journalisten kriminalisiert und bekommen der Terror-Stempel aufgedrückt.

    "Ich denke das der Begriff des Whistleblowing etwas aus dem Maßstab geraten ist. Paul van Buitenen ist ein gutes Gegenbeispiel."

    kannst du das bitte etwas ausführen? was meinst du mit "Whistleblowing etwas aus dem Maßstab"? und wfor genau ist PvB ein gutes beispiel?
  • "bzw. ob die Form der Demokratie, wie sie derzeit im Einsatz ist, überhaupt die richtige ist. ob wir nicht eine neue Form der Demokratie brauchen, um dem Anspruch der Demokratie gerecht zu werden."

    Ich habe da eine etwas andere Sicht, Für mich ist der Zweck der Demokratie die Abstimmung von der Führung des Gemeinwesens mit der betroffenen Öffentlichkeit. Ziel der demokratischen Instrumente ist es "Bestreitbarkeit" von Herrschaft herzustellen. Ein idealer Diener ist einer, der mir das hinstellt, was ich gerade haben will, ohne dass ich ihm Anweisungen geben muss oder mit Entscheidungen "Wasser oder Wein? Jetzt oder später? So ein Glas oder so ein Glas?" belästigt. Ich bin der Boss, darauf kommt es an. Aus dieser Sicht ergeben sich andere Konsequenzen als bei klassischen Vorstellungen zur "Demokratieverbesserung", die auf mehr direkte Beteiligung hinaus laufen. Damit der Staat mein Diener wird, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, und demokratische Beteiligungsinstrumente sind nur ein Mittel zu diesem Zweck, die auch das Gegenteil bewirken können.
  • Paul van Buitinen ist ein EU-Beamter, der in seinem Geschäftsbereich Unregelmäßigkeiten gesehen hat, und damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Seine Enthüllungen führten zum Rücktritt der Santer-Kommission und besseren Regeln gegen Korruption und zum Schutz der Gemeinschaft vor Betrug.

    Das ist etwas anderes als jemand der in eine Struktur geht mit dem Ziel möglichst viele Dokumente an sich zu bringen, die er mit der Öffentlichkeit teilen kann.

    Die Idee des "rechten Maßes" ist sozusagen klassisches Erbe der Aufklärung.
  • Am Beispiel der Jstor Files von Aaron Swartz, beziehungsweise dem kompletten Mirror der russischen Library Genesis Ebook-Daten, steht technisch einer dezentralen Veröffentlichung eines Teils der Snowden Dokumente im Netz nichts im Wege.

    Es ist dabei zu bezweifeln, dass die Datensaetze strukturiert sind. Es handlet sich wohl eher um ein heterogenes Konvolut von Dokumenten aller Art: Powerpoint Slides, Pdfs, Excelsheets, Volltexte, Bilder, Sourcecode, Datenbanktabellen. Deren Aufbereitung kann selbstverständlich nicht Edward Snowden selbst bereitstellen. Außerdem gibt es sicherlich eine Vielzahl von Dokumenten die zurückgehalten werden müssten, weil bestimmte Sicherheitsrisiken und Persönlichkeitsrechte beeinträchtigt werden.

    Man kann also davon ausgehen, dass die Backups dieser Daten bereits wahrscheinlich in verschiedenen Komplettheitsgraden bei den eingeweihten Presseunternehmen liegen. Diese sind jedoch in der Regel inhaltlich und technisch überfordert und lassen sich von Experten aus der Szene beraten. So entstand ein kleiner internationaler Kreis von Eingeweihten, eine "Entourage" der Whistleblower, die nun zunehmend Gewinne aus ihren Aktivitäten schöpfen, und ausserdem mehr und mehr unter dem Druck stehen, beweisen zu müssen, dass 1) die Kurve der Aufmerksamkeit nicht abbricht, und vor allem, dass 2) durch die Exklusivität der Daten weiterhin maximale politische Wirksamkeit entsteht.

    Das bisherige Peu-A-Peu-Veröffentlichungsmodell von Edward Snowden steht also aus gutem Grund unter Legitimationsdruck -- nicht nur durch Cryptome, bzw. Wikileaks.

    Das Ende der Parabel könnte bald erreicht sein, um einen anderen Gang einzulegen, und eine größere und breitere politische Aufklärung zu bewirken, in welchem Ausmass Geheimdienste die Demokratie bedrohen, die sie verteidigen sollen.

    Die Bipolarität zwischen dem Totalitarismus der staatlichen Geheimdienste und der Anarchie der Cyberpunks führt zu einem End-Game-Szenario, in dem wir uns derzeit befinden.

    Einen zentralen Ort im Netz braucht es dazu nicht, sondern bloss eine autorisierte und zertifizierte Version, sowie eine Möglichkeit, für jeden die Authentizität des Datensatzes nachzuweisen. Hierzu braucht es nur wenig technische oder institutionelle Resourcen. Der Zeitpunkt wäre dann richtig, wenn der öffentliche Druck abnimmt, bzw. Reaktionen seitens der Obama Regierung und mit ihr kooperierenden Regierungen sich als nicht aussreichend erweist. Wichtig ist: Das Druckmittel einer Komplettveröffentlichung sollte für Edward Snowden erhalten bleiben.

    Das heißt, ein kompletter Dump ist nicht nötig. Es würde reichen ein Dossier von ein paar hundert Dokumenten zu veröffentlichen im Sinne der von Detlef Borchers geforderten technischen Hintergrundinformationen. Edward Snowden hat genug Berater und Feedback, um einen solchen "Handapparat für alle" zusammenzustellen.

    Ein größerer Kreis an Sicherheitsexperten, Bloggern, Wissenschaftlern könnte sich mit dem Material auseinandersetzen, es bewerten und verknüpfen. Der Nebeneffekt wäre eine Entzauberung der NSA und ihrer psychologischen Machtposition. Der Ausnahmezustand im Bereich der Internetsicherheit würde damit zum Business as Usual, zum Status Quo und Grundbestandteil jeder Softwareentwickelung, Standardisierung oder
    Bewertung von Ressourcenverteilung.

    Es ginge also um einen Kompromiss zwischen der bisherigen auf fortwährende Skandalisierung optimierten, letztlich journalistischen Enthüllungen, und einer systematischeren Bewertung dessen, mit welchen Mitteln, Strategien, und Doktrinen die Geheimdienste operieren und wie man darauf technisch, politisch und kulturell reagieren kann.

    Wenn sich eine Universität, oder mehrere NGOs dieser Daten annehmen, diese weiterveröffentlichen oder in einer kommentierten Version zur Verfuegung stellen (Wikipedia, Wikileaks, Cryptome, piratebay, EFF etc), dann gelten für alle die selben Startbedingungen. Es kann aus der Odysee des Edward Snowden ohnehin davon ausgegangen werden, dass sowohl die Geheimdienste in China wie aus Russland hier bereits mehr Einblick haben als die von wenigen Presseorganen versorgte Öffentlichkeit.

    Es braucht jedenfalls keine zentrale Verarbeitung der Daten. (Falls jemand ein Webinterface entwickelt, so würde sich dieses gut per github verbreiten lassen.) Die Exklusivitaet der Presse sollte zu Gunsten der Standards von Open Access, also Wissenschaftlichkeit in Ausgewogenheit mit den Gesetzen des Pressemarktes erweitert werden. Dabei ist besonders die Quellenlage für (internationale) Rechtsprechung, sowie ein fundierter öffentlicher Diskurs auf die Öffnung dieser Quellen angewiesen. Wer nun mit neuen Aussagen aufgrund dieser Daten an die Öffentlichkeit gehen möchte steht im selben Wettbewerb wie Greenwald & Co.

    Dieser hat seinen Job gemacht, und nun steht es an, weitere Experten aller Art an die Daten zu lassen. Dies muss nicht unkontrolliert geschehen, oder auch wenn die Presse dies begünstigt, personalisiert wie bei Julian Assange. Diese archaische Personalisierung um zentrale Symbolfiguren hat sowohl bei Snowden wie Assange der Sache selbst wenig gedient. Es ist ein Kommunikationsunfall, der den Inhalten nicht unbedingt dienlich ist.

    Der bisherige Snowden-Diskurs, hat nicht zuletzt durch seine journalistische Speerspitze, bzw. ein paar wenige Hacker und Künstler, den Bereich der öffentlichen Intellektuellen, kritischer Philosophen, sowie einer etwas langsamer arbeitenden kritischen akademischen Intelligentia noch nicht im ausreichendem Masse erreicht.

    Es ist besonders ein Nachteil der Art und Weise wie Debatten von Spiegel, New York Times, Guardian und Co auf den Prozess und den Markt der Meinungsbildung konzentrieren. (Man kann zur Kritik der Meinung gerne mal bei Deleuze "Was ist Philosophie" nachschauen...)

    Vergleichbares gilt für die Datenreihen bei wissenschaftlichen Studien usw. die auf Bedarf und Nachfrage immer verfügbar sein müssen. Es gilt nämlich auch im Gegenzug zu beweisen, dass es letztlich keine blosse Drohgebährde der NSA war, diese Dokumente zu leaken, also ein nicht unbeabsichtigter Disinformations-Coup, "Opensourcing" von Vapourware und z.t. möglicherweise weniger wirksame Mittel in der Öffentlichkeit aufzuwerten, eine massenpsychologische Machtdemonstration.

    Sicherlich sind die Versuche ungeheuerlich, und der Umfang größer als jemals erwartet. Doch ist der Wirksamkeit von BigData, also hier die Schaffung einer Art Globalen Schufa-Datei für politische Gesinnung, sowohl technische als auch konzeptionelle Grenzen gesetzt, mit denen auch Google & Facebook zu kämpfen haben. (machine learning, KI usw.)

    Denn wie zuletzt beim Absturz der Passiermaschine in der Ukraine, konnte die NSA bisher immer wieder an entscheidenden Punkten, ihre Wirksamkeit nicht beweisen, aufgrund dessen ihre Kompetenzen entschieden erweitert wurden, nämlich ein weiteres 9-11 vorzubeugen.

    Also ist wie in der Wissenschaft auch, nur mit entsprechenden Quellen und Beweisen eine Gegenhypothese zur "Post-Snowden-Situation" widerlegbar, welche die wahre Wirksamkeit und Reichweite der Mittel mit den psychologischen Folgen (Umfragen usw.) vergleicht.

    Es könnte sich zeigen, dass, ob Unfall oder nicht, die Wirkung keine andere ist, als die einer weltweiten Einschüchterung und Unterminierung von möglichem (revolutionärem) Widerstand, einer Drohgebährde im Falle des Ausnahmezustands weltweit genau zu wissen, an welche Türen geklopft werden muss. Nur der Zugang zu mehr Information kann solche nach dem "Snowden-Schock" möglicherweise plausiblere "Verschwörungstheorien" eindämmen.
  • Manuel Bonik am 27.07.2014 18:15
    Grundsätzlich ist mir die Überlegung sympathisch, grundsätzlich sollte sich jeder in solchen Dingen anhand der Rohdaten eine eigene Meinung bilden können. Warum werden zum Beispiel die Daten des CERNs sofort veröffentlicht, während große Teile der sogenannten Klima-„Wissenschaft“ privat bleiben? Warum ist „Mein Kampf“ in Deutschland nicht öffentlich?

    Auch die Snowden-Daten sollten nicht nur ein business case für bestimmte Journale sein. Allerdings wäre ich auch hier für einen eingeschränkten Zugang, der durch etwas Ähnliches wie eine Gauck-Behörde gewährt wird. Ja, der Kreis der „Privilegierten“ sollte größer sein, als er es im Moment ist, aber eingeschränkt auf Leute, die vorher ein professionelles journalistisches, wissenschaftliches etc. Interesse nachweisen. Diesen Nachweis zu erbringen, kann ja nicht zuviel der Mühe bei einem solch heiklen Thema/Material sein.

    Warum? – Ich stelle mir vor, wie da tausende von Spinnern, Verschwörungstheoretikern etc. sich auf die Daten stürzen und das Netz schließlich so verstopft ist mit unqualifizierten Meinungen, dass die qualifizierten kaum mehr zu entdecken sind. Und: Die NSA hätte in solch einem Scenario die perfekten Bedingungen darzustellen, dass da ohnehin nur Spinner etc. unterwegs sind und irgendwelchen Quatsch behaupten. Nicht, dass ich alles für die lautere Wahrheit halte, was Spiegel oder SZ täglich in die Welt pusten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass da Leute sitzen, die ihr Handwerk gelernt haben, ist doch relativ groß, wobei ich insbesondere an journalistische Standards denke wie z. B. die Trennung von Nachricht und Meinung.

    (Sorry für die späte Wortmeldung. Sitze im tiefsten finnischen Busch und freue mich, mal wieder Kontakt mit der Offline-Welt aufzunehmen.)
  • @#67: "ein kompletter Dump ist nicht nötig. Es würde reichen ein Dossier von ein paar hundert Dokumenten zu veröffentlichen im Sinne der von Detlef Borchers geforderten technischen Hintergrundinformationen. Edward Snowden hat genug Berater und Feedback, um einen solchen "Handapparat für alle" zusammenzustellen."

    Diesem Ansatz würde ich in diesem speziellen Fall zustimmen. Weil Snowden ( wie ich hier ausgeführt habe: http://berlinergazette.de/open-the-snowden-files/#comment-72930 ) sorgsam daran gearbeitet hat, mit seiner Sammlung eine solche Handreichung zu erstellen. Er ist selektiv und quasi-editorisch vorgegangen. Im zweiten Schritt könnte er eine öffentlichkeitsfähige Selektion für die betreffende Zielgruppe (Wissenschaftler, Techniker und alle anderen Journalisten) erstellen.

    Es ist wichtig dies zu bedenken, um das Argument zu relativieren, hinter JEDER selektiven Veröffentlichung befinde sich unweigerlich eine "versteckte Agenda" -- ideologisch, politisch, wirtschaftlich, whatever.

    Snowden hat schon immer mit einer Agenda gearbeitet -- und diese offengelegt. Jetzt müsste seine Auswahl an die Öffentlichkeit gelangen. Nicht die von irgendwelchen Leuten, die im Dienste der Öffentlichkeit auftreten und dabei ihre Agenda nicht offenlegen.

    "Es ginge also um einen Kompromiss zwischen der bisherigen auf fortwährende Skandalisierung optimierten, letztlich journalistischen Enthüllungen, und einer systematischeren Bewertung dessen, mit welchen Mitteln, Strategien, und Doktrinen die Geheimdienste operieren und wie man darauf technisch, politisch und kulturell reagieren kann."

    Ich würde es nicht als Kompromiss bezeichnen. Es gehört zum Alltag in der sog. Informationsgesellschaft, dass sich verschiedene Aketuere aus verschiedenen Feldern mit ein und demselben Stoff auf ihre spezielle Art und Weise beschäftigen.
  • @#65: "Ich habe da eine etwas andere Sicht, Für mich ist der Zweck der Demokratie die Abstimmung von der Führung des Gemeinwesens mit der betroffenen Öffentlichkeit. Ziel der demokratischen Instrumente ist es "Bestreitbarkeit" von Herrschaft herzustellen."

    Das Ausmaß, in dem die Geheimdienste ihre Macht, ihre Stellung, etc. ausgebaut haben, ihre Unverzichtbarkeit untermauert haben für das Regieren auch in freien Gesellschaften -- all das beruht sowohl auf der Entkopplung von demokratischen Prozessen als auch von den Rechenschaftsmechanismen, die eine Demokratie ausmachen.

    Wir sind derzeit weiter entfernt von einer "Bestreitbarkeit von Herrschaft" als wir es jemals waren. Land ist nicht in Sicht.
  • @#66: "Paul van Buitinen ist ein EU-Beamter, der in seinem Geschäftsbereich Unregelmäßigkeiten gesehen hat, und damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Seine Enthüllungen führten zum Rücktritt der Santer-Kommission und besseren Regeln gegen Korruption und zum Schutz der Gemeinschaft vor Betrug."

    Das ist ein sehr interessanter Fall. Entsprechend auch der ausführliche Eintrag bei Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_van_Buitenen

    "Das ist etwas anderes als jemand der in eine Struktur geht mit dem Ziel möglichst viele Dokumente an sich zu bringen, die er mit der Öffentlichkeit teilen kann. Die Idee des "rechten Maßes" ist sozusagen klassisches Erbe der Aufklärung. "


    1) Snowden hat nicht möglichst viele Dokumente an sich gebracht, sondern gezielt bestimmte Dokumente zusammengestellt um ein aufklärerisches Bild zu erzeugen.

    2) das rechte Maß orientiert sich hier daran, a) wie das besagte aufklärerische Bild erzeugt werden kann (muss man Big-Data-Wahn mit einem Big-Data-Archiv schlagen?), b) wieviel und was aus dem Archiv herangezogen werden muss, um vom Gewicht her als Beweis anerkannt zu werden (nicht wenige meinen, trifftig bewiesen sei noch nicht allzu viel) und c) wieviel Dokumente im Backup liegen müssen, um eine angemessene Lebensversicherung zu haben (die Enthüllung hat hier eindeutig eine andere Tragweite und adressiert einen nicht so skrupellosen Gegner).

    Kurz: die Idee des "rechten Maßes" als klassisches Erbe der Aufklärung ist wichtig, muss aber case by case austariert werden.
  • @#68: "Ja, der Kreis der „Privilegierten“ sollte größer sein, als er es im Moment ist, aber eingeschränkt auf Leute, die vorher ein professionelles journalistisches, wissenschaftliches etc. Interesse nachweisen."

    Es ist wichtig über den Zugang nachzudenken, insbesondere auch dann, wenn er eingeschränkt werden soll.

    1) Warum soll es nur ein professionelles (sprich: berufliches) Interesse sein, das die Zugangsberechtigung legitimiert? Müssten nicht auch Betroffene ran dürfen? Oder Leute, die ein ethisch oder politisch begründetes Interesse haben?

    2) Welche Berufe werden eigentlich als angemessen anerkannt? Tatsächlich nur Journalisten und Wissenschaftler? Wie sieht es mit Juristen, Unternehmern oder Politikern aus? Wie sieht es mit Künstlern aus? Wenn wir Künstler zulassen (und ich denke, das wäre auch sehr wichtig), weichen wir den professionellen Fokus stark auf. Wer ist Künstler? Wer nicht? Wie kann man das nachweisen?

    3) Wenn wir beim Berufskriterium bleiben: Dürfen nur Journalisten ran, die einen Presseausweis vorlegen können oder auch so genannte Blogger? Hier ist die Zugangsgestaltung qua Ausweis andernorts (etwa Bundestag) auf dem Stand des 20. Jahrhunderts stehengeblieben und erweist sich als ungebührliches und "undemokratisches" Exlusionstool par exellence.

    4) Und dann nochmal weg vom Berufskriterium: Gibt es beim eingeschränkten Zugang irgendwelche Begrenzungen hinsichtlich Herkunft? Darf ich aus Russland, Iran oder China kommen, um Zugang zu bekommen?

    und so weiter...
  • Andre R am 06.08.2014 09:49
    Krystian, eine Sache ist ganz klar, hier geht es auch um das Austarieren von Journalistenprivilegien, die nicht so eng rechtlich definiert sind, sondern mehr kustomarisch.

    In der Bundesrepublik gab es mit der Spiegel-Affäre ja z.B. so einen Fall, der für den zuständigen Minister nach hinten los ging.
  • Rainald Krome am 08.08.2014 12:01
    Es sollen neue Dokumente aufgetaucht sein ( https://firstlook.org/theintercept/article/2014/08/05/watch-commander ), die angeblich nicht aus dem Snowden-Archiv stammen!

    Ist das nicht ein gutes Argument für die Öffnung des Archivs? Zum Beispiel, um Gewissheit zu erlangen? Da geht es auch um Fragen der Authentizität von Dokumenten.

    Die Öffentlichkeit wird wie bei einem billigen Thriller auf die Folter gespannt. Wem nützt dieses Versteckspiel?
  • Manuel Bonik am 09.08.2014 16:10
    Ist sehr viel leichter, diese Fragen zu stellen, als sie zu beantworten. Ist auch ein alter Journalisten-Trick, dass man, wenn man keine belegbaren Fakten hat, man halt irgendwas behauptet und ein Fragezeichen dranmacht.

    Wer ist Journalist? Schwer zu sagen, ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Ich hab das studiert und kann eine Menge Veröffentlichungen nachweisen, aber das macht die Berufsbezeichnung nicht geschützter. Als mich vor einer Weile mal der Spiegel interviewt hat, hat der Kollege freimütig ausgeplaudert, dass auch beim Spiegel kaum gelernte Journalisten arbeiten. Sind in der Regel (ca. 80%) Juristen, oft Berufsabbrecher. Insgesamt ein sehr graues Graufeld.

    Presseausweis in der Regel kein gutes Kriterium. Muss man einer Gewerkschaft oder sonst einem Verband angehören. Aber dann doch ein Kriterium, um irgendwelche dahergelaufenen Blogger oder BILD-Bürgerreporter auszugrenzen. Immerhin. Ansonsten könnte man es anhand der Veröffentlichungen bewerten, aber wer ist dafür zuständig?

    Im Wissenschaftsbereich auch ganz schwierig. Sind Leute, die sich mit Gender-Theorie beschäftigen, Wissenschaftler? Sind es Leute, die den "Wirtschafts-Nobelpreis" (den Nobel ja nie gestiftet hat) kriegen? Zur Zeit beschäftige ich mich viel mit dem Thema Bullshit: Zunehmend treten erfolgreich Wissenschaftler auf, die es gar nicht gibt als Personen. Da werden Texte von Bullshit-Generatoren geschrieben (z. B. scigen) und schaffen es mitunter sogar durch die Peer Review. Auch das Thema Plagiarismus wächst natürlich ständig - viele und immer mehr Titel sind erschlichen!

    Hätte so gerne irgendwelche Antworten gegeben. Jetzt wurden es nur ein paar Hinweise, dass die Fragen noch schwieriger sind.

    Wäre mal interessant zu hören, was Präsident Gauck dazu sagt. Die seinerzeit nach ihm benannte Behörde hat ja ähnliche Probleme gehabt.

    Gleichwohl hätte ich gerne Kriterien und würde die Daten nicht jedem in die Hand geben. Wenn ich mir vorstelle, dass der NSA ein paar Hundert Blogger in Gang setzt und damit in Zukunft die Meinungslage bestimmt ...
  • [...] Krystian Woznicki/BerlinerGazette: [...]
  • hier ein link zu einem text im aktuellen tumult zur netz/freiheit/autonomie-debatte, der eine recht radikale position einnimmt. Vielleicht ist er für eure debatte interessant?

    Tumult auf Faust: In seinem Essay entlarvt Frank Böckelmann die in der gegenwärtigen Diskussion um das Internet vorherrschenden Konzepte von Privatheit und Macht als Phantasmen und skizziert einen möglichen, zukünftigen Umgang mit dem digitalen Dilemma:

    http://faustkultur.de/1893-0-Tumult-Privatheit-und-Macht-im-Internet.html

    Startseite rechts:
    http://faustkultur.de/
  • @#72: "Welche Berufe werden eigentlich als angemessen anerkannt? Tatsächlich nur Journalisten und Wissenschaftler? Wie sieht es mit Juristen, Unternehmern oder Politikern aus? Wie sieht es mit Künstlern aus? Wenn wir Künstler zulassen (und ich denke, das wäre auch sehr wichtig), weichen wir den professionellen Fokus stark auf. Wer ist Künstler? Wer nicht? Wie kann man das nachweisen?"

    In die Snowden-Debatte die KUNST und auch Künstler einzubringen, zeugt von großer Weitsicht und dem Bewußtsein, dass Vernunft und Logik Grenzen gesetzt sind. Kunst vermag es, darüber hinaus zu gehen. Was bedeutet das konkret in dem hier geführten Diskurs? Adorno wurde bereits erwähnt mit "dass die Wirkung eines Werks dort anfängt, wo die Intention des Autors endet.".

    Krystian Woznicki bezog das auf Snowden. Snowden ein Künstler und seine Aktion ein Kunstwerk? Auch wenn ich schallendes Gelächter weit und breit höre, warum nicht? Wie anders, als mit dieserart Aktionen ist der Realität heute noch beizukommen, wo ohne Hemmungen über den nächsten Weltkrieg, der ein Atomkrieg sein wird, palavert wird.

    Kunst bewegt sich seit der Moderne, seit Marcel Duchamp, Barnett Newman, Josef Beuys, Trevor Paglen und Mark Lombardi auf ebensolchen Bahnen. Vor kurzem wurde hier in diesem virtuellen Feuilleton geistreich über "Komplicenschaft" diskutiert.

    In diesem Sinne ist eine Komplizenschaft von Kunst und Politik denkbar, deren Ziel wäre, Transparenz der Machtstrukturen zu erreichen. Dann könnten Verantwortlichkeiten wirksam hergestellt werden. Snowden dürfte wahrscheinlich solches im Sinne haben. Denn ohne Transparenz der Macht ist Demokratie eine Farce.
  • Michelle Martin am 14.08.2014 10:40
    Erst einmal sei gesagt, dass ich deiner Forderung voll und ganz zustimme - Transparenz & Veröffentlichung von Daten, die ganz deutlich für die Öffentlichkeit bestimmt sind, ist richtig und wichtig, sofern diese Informationen mit Bedacht behandelt und Unschuldige geschützt werden.

    @#9: Hier sagst du "5.000 or 50.000 pros could work on them (in a variety of fields and disciplines) -- instead of 50 pros (like under the current condition".

    Nun drängt sich mir nach wie vor die Frage auf, wer wie welche Experten bestimmt? Es ist richtig, dass mehr Menschen aus verschiedenen Bereichen (Journalisten, Bibliothekare, Künstler etc.) und Ländern Zugang zu den Daten gewährt werden muss. Mit Sicherheit werden sich im Falle eines Falles jedoch etliche als angemessene weitere Experten verstehen. Doch wer genau bestimmt nun den Kreis und die exakte Anzahl weiterer Akteure?
  • BG Redaktion am 14.08.2014 11:35
    "Warum sind Massenproteste ausgeblieben? Warum hat es keinen Umsturz gegeben?"

    Slavoj Zizek schreibt (eigentlich auf WikiLeaks bezogen), eine Zeile im Schlusssong von Altmans Film Nashville könnte die Reaktion erklären:

    "You may say I ain't free but it don't worry me – Du sagst, ich sei nicht frei, aber das beunruhigt mich nicht."

    Die [...]Enthüllungen beunruhigen uns. Aber leider mögen viele Menschen das nicht.

    Quelle: https://www.freitag.de/autoren/jangreve/wikileaks-das-ende-der-unschuld-1
  • @#75: "Hätte so gerne irgendwelche Antworten gegeben. Jetzt wurden es nur ein paar Hinweise, dass die Fragen noch schwieriger sind."

    Das ist richtig und wichtig. Wir können die Fragen weiter ausdifferenzieren und somit besser UNSER ZIEL darstellen.
    Das Ziel, das ja offenbar darin besteht, ETWAS HERAUSZUFINDEN, darüber wie ein offener Zugang zu einem major Datenleak wie dem Snowden Archiv aussehen könnte.

    "Wäre mal interessant zu hören, was Präsident Gauck dazu sagt. Die seinerzeit nach ihm benannte Behörde hat ja ähnliche Probleme gehabt."

    Gauck ist in der Tat ein Akteur, den man in dieser Sache stärker fordern sollte. 1) wegen seiner damaligen Behörde 2) wegen seines großen Themas FREIHEIT und seines bisherigens SCHWEIGENS zu diesem seinem Herzensthema im Kontext mit NSA-Gate.
  • @#78: "eine Komplizenschaft von Kunst und Politik denkbar, deren Ziel wäre, Transparenz der Machtstrukturen zu erreichen. Dann könnten Verantwortlichkeiten wirksam hergestellt werden."

    Verantwortlichkeiten herzustellen gehört in unserer Gesellschaft zu jenen Herausforderungen, die wir noch nicht richtig einschätzen. Wir sehen noch nicht die Tragweite dieser Herausforderung. Wir sehen noch nicht, worauf das Dilemma zurück geht, dass es heute so schwer ist Verantwortlichkeiten einzugrenzen und im Zweifelsfall die verantwortliche Instanz zu finden.

    Es hat damit zu tun, dass sowohl Politik als auch Medien einer Tendenz der Vereinfachung frönen (ergo: Personifizierung von Krisen und Konflikten, etc.). Dies ist eine Gegenreaktion zur zunehmenden Komplexität -- ein Versuch, diese auszublenden und Vergessen zu machen.

    In der Komplexität der heutigen Welt aber verschwimmen Verantwortlichkeiten, bzw. werden einer Neubestimmung unterzogen, der wir uns stellen müssen. Mit einer Personifizierung von Krisen und Konflikten kommen wir da selten wirklich weiter. Und wir sollten langsam anfangen darüber nachzudenken, wie sinnvolle Modelle für Verantwortlichkeiten aussehen könnten. Noch erleben wir die kollekiven Nachwirkungen des Komplexitätsschocks...

    Die Transparenz-Forderung muss sich vergegenwärtigen, dass die Dinge deutlich komplexer werden, wenn sie sich durchsetzt.
  • @#79: "wer genau bestimmt nun den Kreis und die exakte Anzahl weiterer Akteure?"

    Wenn der Zugang OFFEN ist, dann stellt sich diese Frage nicht. Dann gibt es keine Ausgrenzung, dann können ALLE an die Dokument ran.

    Wenn der Zugang eingeschränkt ist (was wir im Rahmen dieser Diskussion im Gedankenspiel auch erproben), dann sollte in einem demokratischen Prozess über diese Einschränkungen verhandelt werden. Natürlich zunächst, warum Einschränkungen notwendig ist. Dann, wie sie genau aussehen sollen, etc.

    Wenn ich demokratisch sage, meine ich allerdings nicht einfach nur "das gehört im Bundestag diskutiert". Ich meine damit, wir brauchen eine öffentliche Debatte, an der sich möglichst viele, möglichst alle, die es betrifft, beteiligen.
  • @#73: "hier geht es auch um das Austarieren von Journalistenprivilegien, die nicht so eng rechtlich definiert sind, sondern mehr kustomarisch. In der Bundesrepublik gab es mit der Spiegel-Affäre ja z.B. so einen Fall, der für den zuständigen Minister nach hinten los ging."

    Ja, es geht auch um Journalistenprivilegien - speziell, wenn wir uns anschauen wie der Terrorismus-Vorwurf auf Journalisten angewendet worden ist im Rahmen der NSA-Gate oder wie die Computer der Zeitung The Guardian zerstört worden sind von GCHQ-Beamten.

    Doch gerade der Verweis auf die Spiegel-Affäre macht auch deutlich, dass die Zeiten sich geändert haben im Hinblick auf die Funktionsweisen der Demokratie.

    Hochrangige Politiker wie Wullf, Guttenberg, etc. sind in letzter Zeit wegen *vergleichsweise* unwichtigen Dingen gestürzt.

    Und die Frage ist, ob die Architektur bzw. das System der Demokratie es derzeit überhaupt zulassen würde, dass ein Rücktritt auf eine wirklich gravierende Ursache zurückgeht? Gravierende Ursachen wie krimineller Machtmißbrauch einer Regierung zum Beispiel.

    Die Demokratie (als System) erweist sich im Hinblick auf solche Probleme als eine Art Immunsystem, das nur in absoluten Ausnahmefällen nicht funktioniert -- nur um dann im Falle eines solchen Störfalls noch stärkere Abwehrkräfte zu entwickeln.
  • Andre am 21.08.2014 13:37
    Ich weiss man muss mit Biologismen vorsichtig sein, aber das Immunsystem der Demokratie kann auch eine Allergie haben. Allergie, heisst, wenn es an natürlichen Feinden fehlt, dann schlagen die Schlägertrupps deines Körpers halt bei ganz harmlosen Sachen wie Birkenpollen Alarm.

    Für mich war die Reaktion im Fall Wulff so ein Beispiel.

    Typisch Deutsch: Auf N24 die Doku wie Präsident Obama sich mit seinem fetten Heli (plus decoy) zur Air Force One (plus decoy) und dann damit zum Golf Spielen fliegen lässt, in der ARD die Talkshowrunde über den Skandal eines Ministerpräsidenten, den seine Fluggesellschaft von der Economy in die Businessclass geupgradet hat, ohne dass er das aus eigener Tasche beglichen hat oder irgendwelche Kaffee unbezahlt für Extrameilen bekommen hat. Eine Talkshowrunde, in der schon der Moderator pro Sendung mehr Geld einstreicht als gerade strittig ist.

    Schon die Sache, von einem Bundespräsidenten Entschuldigungen zu erwarten oder den Gegenstand von Anrufbeantworternachrichten zu leaken, das gehörte sich einfach nicht gegenüber dem Amt. Wenn ich glauben würde, dass mir bekannte Journalisten über meine Partnerin schmutzige Gerüchte verbreiten wollen, die meine
    "Parteifreunde" in der Provinz im Umlauf gesetzt haben, dann würde ich auch verbal übergriffig werden.

    Pressefreiheit heisst ja nicht Welpenschutz der Tiefkulturpresse vor Anwürfen. BILD als Opfer politischer Kriegserklärungen von Politikern, das war die dämlichste Sache am Wulff-Fall überhaupt.

    Journalist zu sein macht dich ja nicht jenseits der Rechtsordnung stehend. Da können wir dann mit einer kantschen Regel kommen, und uns fragen, was passiert, wenn das alle machen.
  • Entwicklungen am 22.08.2014 15:43
    Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber anscheinend ist die Aufmerksamkeitsschwelle für ES-Dokumente etwas zurück gegangen.
    Interesse und vor allem das Verstehen des Inhalts der nun veröffentlichten Dokumente ist eher für den Insider/Experten in seinem Ausmaß verständlich, bzw. das Interesse wie die NSA Hintertüren nutzt. Für den Otto Normalverbraucher muss die Erkenntnis sein: Alles ist möglich. Ohne Kontrolle/Richter, ob NSA,GCHQ oder BND. Technisch kann sich auf meinen Handy, PC umsehen, löschen, hinzufügen (Porno z.B.), ändern.
    GPS, Tracking etc. kann mich voll erfassen, mein Auto ferngesteuert werden, ebenso das Flugzeug, welches ich eventuell nutze.
    Um Enthüllungen (CIA-Dokumente z.B.) wieder in das Bewusstsein zu bringen, müssten auch die westl. Medien voll mitspielen. Aber was im Hintergrund bereits an Aufklärung läuft (z.B. mittels Schwarm-Intelligenz).
    Dem meisten ist z.B. 9/11 klar, welchen Aufmerksamkeitswert hat, z.B. eine Schlagzeile: 9/11 - alles gelogen?
    UUps, na dann bin ich aber echt überrascht!
  • WikiLeaks hatte es ja zuerst mit Offenlegen versucht. Ergebnis: Die Journalisten taten nichts, angeblich weil sie das Material nicht exklusiv hatten und ihre kostbare Zeit nicht mit Nachrecherchen verplempern wollten in Gefahr, dass ein andrer dann doch zuerst mit der Sensation rauskommt (klang wie eine miese Ausrede)... aber Assange ist ja auch Beispiel für eine echte Medienschlacht von CNN bis Wikipedia:
    http://jasminrevolution.wordpress.com/2013/01/27/assange-asyl-ecuador-eintrag-manipuliert-bei-wikipedia/
    der sog. Offshore-leak war etwas anderes, weil von anfang an Profi-Journalisten dahinter standen...
    http://jasminrevolution.wordpress.com/2013/04/05/schwarzgeldoasen-die-quellen-des-offshore-leak/
  • @#82: Ist unsere Welt heute tatsächlich derartig komplex, dass wir bzw. der Einzelne nicht mehr erkennen kann, wo die Verantwortlichen für die Missachtung der Menschenrechte zu suchen sind? Oder ist das "verschwimmen von Verantwortlichkeiten" lediglich eine gezielte Taktik der Medien im Dienste der Verantwortlichen zur Verschleierung?

    Es sind immer einzelne Personen, die Entscheidungen treffen, auch wenn sie sich hinter Institutionen verbergen - PolitikerInnen wie Manager, die verantwortlich sind, und von denen Transparenz eingefordert werden muss, wenn eine gesellschaftliche Ordnung sich demokratisch nennen will. Und Kunst und Künstler leisten hier immer schon einen wichtigen Beitrag. Es ist der Einzelne, der wie Snowden den Mut aufbringt und handelt, egal an welchem Platz er sich befindet.
  • Manuel Bonik am 25.08.2014 10:57
    Ad 88: Könntest Du mal genauer werden? Inwiefern sind Kunst und Künstler denn besonders transparent?
  • @89 OK Manuel, ich versuch's mal: Seit Kunst und damit Künstler autonom geworden sind, haben sie sich von Abhängigkeiten befreit. Sie werden zwar in Dienst genommen und können sich kaum dagegen wehren, aber ihre Arbeiten sind in der Lage, gesellschaftliche Strukturen parteilos zu öffnen bzw. sie in Frage zu stellen und somit transparent zu machen. Snowden, aber auch Assange haben gezeigt, dass das nicht auf Kunst und Künstler beschränkt sein muss. Doch Künstler tragen hier mehr Verantwortung als andere Mitglieder unserer "humanen" Gesellschaften. Kunst, die Kunst sein will, muss sich dieser Forderung stellen. Und nur damit legitimiert sie und der Künstler sich m.E. heute.
  • Manuel Bonik am 26.08.2014 11:44
    @90 Du hast, glaube ich, sehr spezielle Kunst und Künstler im Blick (welche? mal ein paar Beispiele?). Mein Eindruck ist eher, dass es vielen Künstlern herzlich egal ist, ob und welche Aussagen sie zur Gesellschaft machen; Hauptsache, sie dürfen am Kunstmarkt teilnehmen, ob mit Bullshit oder politischer Kunst oder sonst was. Und: Gehört es nicht fast schon zur Definition des "autonomen Künstlers" (Michelangelo ff.), dass ihm weniger um allgemeine Transparenz als vielmehr um Selbstverklärung zu schaffen ist?
  • @91: Im Kontex des hier geführten Snowden-Diskurses kommen nur Künstler wie Mark Lombardi, Marina Abramović, Trevor Paglen oder gar Bazon Brock und deren Arbeiten in Frage. Ihre Kunst ist weder marktkonform noch Selbstverklärung, sondern allein existenzieller Ausdruck aufgrund gesellschaftlicher Reflexionen, und Transparenz ist stets das Ergebnis.
  • @#88: "Ist unsere Welt heute tatsächlich derartig komplex, dass wir bzw. der Einzelne nicht mehr erkennen kann, wo die Verantwortlichen für die Missachtung der Menschenrechte zu suchen sind?"

    Personalfragen bleiben uns als politisches Register erhalten. Auch Kompetenz, Gewissenhaftigkeit, Überzeugungen, etc. können weiterhin einen Unterschied machen. Das zeigt sich auch in den derzeitigen Debatten um die Wahl des EU-Außenministers.

    Doch der Unterschied ist relativ klein im Verhältnis zum dem Elend von Macht und Machtmissbrauch, das heute im historisch absolut präzendenzlosen Ausmaß seinen Gang nimmt -- darin sind sich fundierte Zeitdiagnosen weitgehend einig.

    Millionen und Milliarden von Menschen sind von Unrecht, Ungerechtigkeit oder Ungleichheit betroffen. Allein die schiere Größenordnung zeigt: das Elend ist nicht auf eine einzelne Personalie und deren Entscheidungen zurückzuführen, es hat vielmehr systemischen Charakter.

    Dabei geht es hier nicht um DAS (böse) SYSTEM, sondern um eine Vielzahl von Systemen, die, auch bedingt durch neuste Technik, in einer komplexen Weise ineinander greifen.

    Verantwortung einzelner Person -- als gefühlte sowie als politische Kategorie -- muss neu gedacht werden. Auch um besser erkennen zu können, wann "Taktiken der Verschleierung" zur Anwendung kommen.
  • @#93: Bis vor kurzem hätte ich Dir komplett zugestimmt, weil ich ebenfalls die Gründe in der Komplexität und den Systemen gesehen habe, aus denen sich zu befreien wir keine Chance haben. Doch vor allem das Entstehen der jüngsten Welt-Finanzkrise und deren politischen Folgen in Zeiten einer globalen Weltwirtschaft, haben mich nachdenken lassen. Entscheidungen treffen immer Einzelne und die wissen, was sie tun. Das System, die Infrastruktur für das, was sie wollen, schaffen sie sich. Es gehört zu ihrer Strategie. Damit bauen sie ihre Macht auf und können dann nahezu alles tun. Willfährige Marionetten in Politik und Medien finden sich leicht und helfen gerne. So einfach ist das. Aber es gibt Störenfriede wie Snowden und vor allem in der Kunst, die Narren. Auf sie ist zu setzen. Hier sehe ich einen Weg mit einer Position, das Unerträgliche noch zu ertragen.
  • @#93: Ich denke nicht, dass man ‚nur‘ aufgrund der „schieren Größenordnung“ globaler Unrechtsverhältnisse statt von dem Handeln einzelner Akteure nun von der Verantwortung eines Geflechts von Systemen sprechen muss. Zu versuchen, Verantwortung von menschlichen Akteuren auf ein oder mehrere Systeme zu verschieben, verlagert das Problem letztlich nur auf eine andere Ebene und verschleiert im schlimmsten Fall die Verhältnisse noch. Denn es ist ja nicht unbedingt einfacher, kollektive oder Systemverantwortung zu definieren – im Gegenteil. Wer aus dem System trägt wie viel Verantwortung und warum? Ein System selbst kann man nur im übertragenen Sinne verantwortlich nennen, denn nur Menschen bringen die Voraussetzungen für ‚echte‘ Verantwortungsübernahme mit (wie bspw. Kommunikations- und Handlungsfähigkeit sowie Urteilskraft) und sind damit die einzigen ‚echten‘ Verantwortungsträger.
    Natürlich kann individuelle Verantwortungsübernahme nicht alles erklären und kumulative, synergetische, emergente, chaotische oder dynamische Prozesse stellen uns vor besondere Herausforderungen. Das hat bereits Hans Jonas in seinem Werk „Das Prinzip Verantwortung“ erkannt und Iris Marion Young hat in ihrem Buch „Responsibility for Justice“ versucht, ein Konzept dafür zu entwickeln, wie man mit globalen Unrechtsverhältnissen und dem häufig unmöglichen Versuch einer Zurückführung auf einzelne Individuen umgehen kann.
    Ich bin der Ansicht, dass man für solche komplexen Verantwortungsgegenstände wie bspw. globale Ungerechtigkeit eine Mitverantwortung trägt, die einerseits eine Verantwortung für einzelne Handlungen impliziert, die ich als Person ausführe, wenn ich bspw. Billigmarkenware kaufe. Mit dieser Handlung unterstütze ich Verhältnisse „struktureller Ungerechtigkeit“ (Young) und trage darüber die Verantwortung für globale Unterdrückungsverhältnisse mit. Andererseits heißt Mitverantwortung, dass ich mich aufgrund von Werten, die ich vertrete (vorausgesetzt es liegt mir etwas an einem konsequenten Lebensstil) bspw. politisch engagiere und versuche, direkt Einfluss zu nehmen. Auf diese Weise würde ich meiner tatsächlichen Verantwortung für globales Unrecht auf politische Weise gerecht werden. Sicherlich kann man anders seine Mitverantwortung wahrnehmen – moralisch, sozial, vielleicht sogar künstlerisch etc.
    Und um noch einmal eine kritische Perspektive vorzuschlagen: Wenn wir uns gar nicht mehr in der Lage fühlen, Verantwortung in irgendeiner Weise zu konkretisieren, also zu sagen, wer (Subjekt der Verantwortung), wofür (Gegenstand der Verantwortung), vor welcher Instanz, gegenüber welchem Adressaten und auf der Grundlage welcher normativen Kriterien verantwortlich zu nennen ist – wenn Verantwortung also zu einer bloßen leeren Phrase verpufft –, sollten wir vielleicht einfach nicht mehr von Verantwortung sprechen, sondern ein neues Wort für die zu komplexen Handlungszusammenhänge erfinden. Schließlich ist der Verantwortungsbegriff selbst noch nicht so alt (in Deutschland gibt es ihn seit ca. Mitte des 17. Jahrhunderts). Vielleicht ist es nun Zeit, sich wieder von ihm zu verabschieden?
  • I think it is a very good opinion, and it touches the matter right to the point. It also connects to what I am reflecting on at the moment: what are the consequences of the Snowden disclosures, are they really empowering people, or making them feeling that "there is no place to hide" with the consequence that hiding looks like the primary strategy?

    And what about the point of collectivization of media tactics, as we were doing at the end of the 1990s and beginning of the 2000s with Indymedia, free press, and similar? I have the impression that with this specific matter we are giving once again too much power to the traditional mass media system, which we tried to criticize through the whole hacker and activist experiences of the past 15 years...

    It is difficult to deal with this issue because from one side the point of empowering is crucial, but from the other side there are also problems of safety and many ethical choices. I am not sure it will be ever possible to open the Snowden files as you suggest, but for sure this is an important "provocation", or better a point that makes reflect - and opens a debate.

    My perspective is that it is important to reflect on strategies of hiding and encrypting, but it would be even more important to work on making people aware of the problem and reflect on strategies of collective empowerment. This is also what I am trying to do by spreading the concept of "disruption from within", that is very connected with the practice of whistle-blowing, but it is something that potentially belong to everyone.
  • [...] http://berlinergazette.de/open-the-snowden-files/ [...]
  • [...] English: http://berlinergazette.de/wp-content/uploads/Open-the-Snowden-Files_KW_E.pdf German: http://berlinergazette.de/open-the-snowden-files/ [...]
  • [...] der Herausgeber der Online-Zeitung “Berliner Gazette”, Krystian Woznicki, “Open the Snowden Files!” Die Monopolisierung des Zugangs zu den Original-Dokumenten durch die vom Whistleblower [...]
  • [...] Enthüllungs-Konkurrenz (ICIJ, NDR-WDR-SZ) jeder kritischen Diskussion entziehen, dass sie Proteste gegen ihre Veröffentlichungs-Praxis geflissentlich überhören und stattdessen versuchen, die [...]
  • [...] und Gute stillstehen und sorgsam mehr als die 94 v. H. jener Snowden-Dokumente wachen, die noch nicht veröffentlicht worden [...]
  • [...] Berliner Gazette, 9. Juli 2014 Open the Snowden Files! Das öffentliche Interesse am freien Zugang zu den Dokumenten der NSA-Gate [...]
  • [...] English: http://berlinergazette.de/wp-content/uploads/Open-the-Snowden-Files_KW_E.pdf German: http://berlinergazette.de/open-the-snowden-files/ [...]
  • [...] English: http://berlinergazette.de/wp-content/uploads/Open-the-Snowden-Files_KW_E.pdf German: http://berlinergazette.de/open-the-snowden-files/ [...]

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