• Wendekränkungen: Warum die Wiedervereinigung Deutschlands heute ein Fall für Psychologen ist

    10709611166_ef5fccb21c_bkll

    Soziologen erforschen die Wiedervereinigung Deutschlands auf ihre Folgen hin. Unterbelichtet bleibt die psychologische Dimension und die Rolle von Kränkungen. Kulturphilosophin und Berliner Gazette-Autorin Yana Milev über die grenzüberschreitende Bedeutung von „Wendekränkungen“ vor dem Hintergrund des aktuellen Ukraine-Konflikts.

    *

    Mit dem Begriff „Wendekränkungen“ möchte ich ein Phänomen bezeichnen, über das in den letzten 20 Jahren kaum bis gar nicht gesprochen wurde: die systematische Zerschlagung kultureller Orientierungen und die Zersetzung von Identität durch die Medienpolitiken der deutschen Leitmedien Anfang der 1990-er.

    Der Begriff der Kränkung

    Der Begriff der Kränkung ist ein psychologischer mit dem die Verletzung eines anderen Menschen in seiner Ehre, seinen Gefühlen, insbesondere seiner Selbstachtung bezeichnet wird. Sigmund Freud prägte den Begriff der Narzisstischen Kränkung, wobei hier Narzissmus als natürlicher anthropologischer Zustand verstanden wird.

    Aus der Sicht Freuds ist nicht nur der Anthropos Opfer einer narzisstischen Kränkung, sondern die Menschheit überhaupt Opfer der durch die Wissenschaft verbreiteten Erkenntnisse. In erster Hinsicht hatte dies Konsequenzen auf die Vormacht der Religion in Fragen des Daseins (Kopernikus), der Herkunft (Darwin) und des Subjekts (Freud).

    Kurzum: die Antworten der Wissenschaft, der Aufklärung und der Psychoanalyse waren eine Kränkung des im christlichen Weltbild geprägten Menschen. Nach wie vor beschäftigt die Philosophen die anthropologische Kränkungs-Frage, die ganz offenbar im Wendekreis des Fortschritts angesiedelt wird. Doch was ist Fortschritt, wer ist der Urheber der Kränkung und darf man als Subjekt oder Kollektiv Kränkungen widerstandslos zulassen?

    5 Kränkungs-Typen

    Für die Wendekränkungen, die Zumutungen und Verletzungen des kulturellen Empfindens durch Medien, Treuhand und Konzerne verursacht, die innerhalb der 1990er Jahre im Wendedeutschland Einzug hielten, möchte ich 5 Kränkungs-Typen vorstellen. Nichtzuletzt gehe ich davon aus, dass es diesen historischen (Wende)Erfahrungen zuzuschreiben ist, weswegen wir dieser Tage auf eine geteilte Meinungslandschaft in Deutschland schauen.

    Zugegeben wird in einer Umfrage auf Zeit-Online, dass zwar die Mehrheit der Deutschen zunehmend „Moskau für gefährlich“ hält, die Ostdeutschen aber unter den Deutschen eine Ausnahme machen. Genau diese Grobrechnung mit dem beiläufig bagatellisierten Anteil an Ossis die aus der Reihe der deutschen Einheitsmeinung tanzen, gilt es zu dementieren.

    1. Die Kränkung der Zerschlagung politischer Orientierung

    Die in den 1980er Jahren von Michail Gorbatschow mit Perestroika (Umbau) und Glasnost (Transparenz) vorgestellten neuen politischen Perspektiven, haben Opposition und Dissidenten in der DDR beflügelt. Perestroika und Glasnost wurden als politische Programme in Bündnis 90 und Neues Forum positiv aufgenommen, aber auch in vielen nicht organisierten Sub-Szenen und Kreisen.

    Obwohl die Neuorientierungen aus der Sowjetunion kamen, mussten sie gegen den Staatsapparat verteidigt werden. Die Montagsdemos ab 1989 schienen eine Einigkeit zwischen Volk und Opposition demonstriert zu haben.

    Am Anfang standen die Montagsdemos, die in Leipzig ihren Ausgang nahmen, noch unter dem Motto „Wir sind das Volk“. Dies hat sich binnen kürzester Zeit zu „Wir sind ein Volk“ gewandelt. Unklar bleibt bis heute: hat das DDR-Volk das BRD-Volk dazu eingeladen an den neuentdeckten politischen Programmen Perestroika und Glasnost gemeinsam teil zu haben und sich für ein neues Deutschland zu engagieren, oder war der Ausruf „Wir sind ein Volk“ ein Aufforderung an eine Totalübernahme?

    Jedenfalls ist Zweiteres passiert und mit einem Schlag waren Opposition und die Stimmen der Dissidenten vom Tisch gefegt. Es wurde niemand mehr gefragt wie man sich eine gemeinsame Kultur- und Wohnzone vorstellt und gestalten will. Die Treuhand stand vor der Tür oder besser brach durch die Türen, stellte freundlich Ultimaten gegen Entschädigungen in einer Höhe, bei denen die Ostdeutschen große Augen bekamen und sogar freiwillig Hab und Gut verließen, um einen Gebrauchtwagen vom fliegenden Autohändler aus der BRD, die dort nicht mehr durch den TÜF gingen, zu erwerben.

    Das waren schlechte Deals, denn die Schrottkisten fielen bald auseinander, durch den TÜV kamen sie auch in Neudeutschland nicht und so blieben die Ossis ohne Bleibe, ohne Wagen und ohne Job. Die Landnahme Ost machte den Ostmenschen über viele Jahre betroffen und sprachlos und blieb eine Kränkung auf der emotionalen Ebene.

    2. Die Kränkung der habituellen Entwertung

    Zudem gesellte sich die Kränkung durch die Leitmedien verursacht, die den „Ossi“ definierten und ihre vor allem bis dahin treue Leserschaft aus der BRD ideologisch darauf vorbereiteten, was der Osten war und ist – ein Unrechtsstaat, menschenverachtend und wir die Opfer, die mit Bananen, Danone-Joghurt und Schrottkarren zu befreien sind. Der Westen hat sich als der Freiheitsbringer und Beschenker inszeniert und uns als die Affen im Zoo, Menschen zweiter Klasse.

    Dieser Wind wehte heftig und hielt noch einige Dekaden an, wenn nicht sogar bis heute, mit etwas abgeflachter Windstärke. Im Ergebnis der Medienwinde konnte sich die BRD wirtschaftlich, politisch und kulturell sanierten. Es war empörend und niederschmetternd in welcher Weise wir, die Ossis, sprachlos und mundtot gemacht wurden, denn auf eine solche Kriegsführung waren wir nicht vorbereitet.

    Dass wir Identität, Kultur und Alltag hatten wurde geradezu geleugnet, dass über Jahrzehnte eine Opposition gegen einen rigiden, kommunismus- und reformfeindlichen Staatapparat antrat – jawohl die progressive Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, später mit den Programmen Perestroika und Glasnost, war staatsfeindlich genug um betraft zu werden – war per se irrelevant, undiskutabel und sogar nicht tragbar. So fand sich der Ossi in einer von Spiegel, Stern, Bild, Süddeutsche, FAZ u.a. moderierten Umgebung wieder, die den Ossi unisono identitätslos, alltagslos, herkunftslos und kulturlos machte und zur desorientierten, entradikalisierten und leichten postkolonialen Beute herabsetzte. Das war eine habituelle Entwertung.

    3. Die Kränkung der Kapital-Entwertung

    Da niemand in der DDR konvertierbares monetäres Kapital besaß, nicht mal die Bonzen nennenswerte Valuta bunkerten, die sich mit dem Kapital eines BRD-Industriellen messen ließe, standen wir über Nacht als Bettler im eigenen Land. Da keine anderen Kapitalsorten gewertschätzt wurden und symbolisches Kapital in der DDR errungen, ebenfalls entwertet und ungültig gemacht wurde, begann die Mehrheit wirtschaftlich bei „0“.

    Das hieß, dass auch Verdiener, Menschen die 40 Jahre arbeiteten, mit nichts da standen. Währungsreform brachte uns die Westmark, ein Begrüßungsgeschenk und den Status der Insolvenz. Fast ein jeder wurde aus seinem einstigen Berufsfeld gerissen, Werke, Fabriken und Betriebe schlossen aufgrund der Treuhandübernahmen, neue Berufe mussten erlernt werden und jeder Pfennig umgedreht bevor er ausgegeben wurden, denn auch das Sparen begann bei „0“ und den alljährlichen Urlaub in Tschechien oder an der Ostsee konnten sich bald nur noch Wenige leisten.

    Monetär entmündigt, in die Arbeitslosigkeit geschickt, oder fremdübernommen in ein System der Werteschöpfung (des Geldmachens), zählte nur das Verdienen und der Kontostand, nicht mehr die Leistung, die Bildung und die Erfahrung, in den einstigen Berufen gewonnen. Der Ossi war hier von vornherein unterlegen und es gelang nur einzelnen aus den jüngeren Generationen (zwischen 1960 und 1970 geborenen) Fuß zu fassen.

    Aus der Soziologie kennen wir den Begriff der Kapitalsorten und wissen, dass es mehrere davon gibt. Wenn monetäres Kapital als moralischer, emotionaler, intellektueller und sozialer Gradmesser gilt, bei gleichzeitiger Entwertung anderer Kapitalsorten wie symbolisches, soziales, oder kulturelles Kapital, wird dieses Vorgehen von denjenigen, die den neuen Messverhältnissen plötzlich ausgeliefert sind, als totalitär erlebt.

    4. Die Kränkung der Bildungs- und Wissens-Entwertung

    In der DDR erworbene Bildung und Wissen wurde ungültig gemacht, nullifiziert. Ingenieure, Akademiker, Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte und Arbeiter per Massenentlassungen in die Arbeitslosigkeit geschickt. Wissenschaftliche Institute wurden aufgelöst und mit Westpersonal besetzt, die kamen in Scharen und in ganzen Seilschaften und bekamen zudem noch 10 Jahre lang die berühmte „Buschzulage“, während die DDR-Intelligenz in die Arbeitslosigkeit und später Hartz-IV gedrängt wurde.

    Zwar boomte die Frauenquote an den Unis aber schaute man genau hin, waren es Akademikerinnen aus der BRD, die eine Stelle an einer ehemaligen Einrichtung in der DDR besetzten. Investoren und Investments haben einen Kahlschlag von Lebens- und Arbeitsräumen auf dem Gewissen, der mit Marketing und Innovation moderiert wurde und als emerging market nur Eigeninteressen diente.

    5. Die Kränkung der Alternativlosigkeit

    Die gesamt DDR-Zone wurde ein prosperierender Markt für Immobilien, Medien, Öffentlichkeit, Kultur, Arbeitslosigkeit und Asylpolitik für Ostdeutsche. Kränkungen und Mehrfachkränkungen, Diskriminierungen und Mehrfach-diskriminierungen prägen die letzten 25 Jahre mehr oder weniger von Menschen in vier Generationen, den zwischen 1940 und 1970 geborenen Ostdeutschen.

    Dabei ist die Kränkung der Ökonomisierung und Verwertung sämtlicher Lebensbereiche, wie Geschlecht, Erotik, Sex, Beziehung, Familie, Freizeit, Reisen, Ernährung, Kleidung, Wohnen, Bauen, Denken, Sprache, Geburt, Tod u.a.m. eine der schwerwiegendsten weil nachhaltigsten Kränkungen. Denn das schlichte Existieren in sozialen und gesellschaftlichen Kontexten unterlag einer Quadratur der Ökonomisierung bis in die kleinsten Bereiche, feinsten Nuancen, die man Intimität nennt.

    Mit Vermarktungsstrategien wurde das Innerste nach Außen gekehrt und als solches zur Ware verkehrt. Anpassungsstrategien wie Lifestyle, Meinungs- und Genderstyling inklusive, regierten. Diese Perversion hat Viele krank gemacht. Über die Dunkelziffer der Selbstmordraten wurden noch keine aussagekräftigen Forschungsergebnisse vorgelegt.

    Das Buch von Vivian Heitmann „Unverbindliche Welten?“ ist eines der wenigen Resultate in dieser Hinsicht. Als Psychologin untersucht sie die Wiedervereinigung aus der Sicht von psychisch Kranken und ihrem sozialen Umfeld. Kurz, es handelte sich im Allgemeinen um einen Werte- und Sinnverlust, der keine Alternative zuließ, weil alle genuinen Alternativen ad hoc verwertet wurden.

    Deutsche Doppelmoral

    Es sind in einem Ausmaß Wendekränkungen für die zwischen 1940 und 1970-Geborenen passiert, die von den Betroffenen bitter erlebt wurden. Die letzte, offizielle Volkszählung ergab etwa 17 Millionen Einwohner die in der DDR lebten. Durch Ausreise- und Fluchtwellen, dürften es 1989 noch rund 15 Millionen Menschen gewesen sein. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, das auch Viele der 2 Millionen Flüchtlinge kein wesentlich anderes Schicksal im „Westen“ erwartete, als die im neuen Westen verbliebenen Ossis, bedenkt man die Zahlen der Zurückkehrer in den „Osten“ nach 1990.

    Sprechen wir einfach von einigen Millionen Menschen, ohne genaue Zahlenangabe, die sich schon bald als Wendeverlierer fühlten und mehrheitlich feststellen mussten, dass sie ihrer Lebensgrundlagen beraubt, oder diese zumindest in einer nicht mehr gut zu machenden Weise entwertet wurden (Arbeitslosigkeit, keine gleichberechtigten Karrierechancen, Verlust von Habitus und Gemeinschaft).

    Westdeutsche bei der Stellenvergabe bevorzugt

    Wie jüngst publiziert und in die Debatten gebracht, spielen soziale Hintergründe wieder eine Rolle bei akademischen Stellenvergaben. Wenn die Herkunft von akademischen Stellenbewerbern ins Gewicht fällt und bevorzugt der Kandidat mit signifikantem Stammbaum aus westdeutschen Wirtschafts- und Wissenschaftseliten gewählt wird, so ist erfahrungsgemäß ein Migrationshintergrund aus der DDR heute immer noch eine denkbar unvorteilhafte bis chancenlose Ausgangslage, weil dieser symbolisch für die Summe an moderierten Insuffizienzen steht, und somit für die Summe an Entwertungen und Wendekränkungen seit 1989 bis heute.

    Deshalb auch stehen die Ostdeutschen Merkel und Gauck für ein typisches Phänomen der Überassimilierung an die Werte der „Besatzer“, was Jakob Augstein richtig als Traumatherapie im Regierungskabinett diagnostiziert. Sie versuchen den düpierten Ossi zu ignorieren, ruhig zu stellen und medial zu erziehen.

    Während der Ostdeutsche Gauck das neoliberale Bewusstsein im Land anheizt und die Kanzlerin mit Obama um die Wette lächelt, wissen beide, dass es nach wie vor zwei Tarifzonen für Erwerbstätige gibt, nämlich Tarifzone Ost und Tarifzone West für gleiche Arbeit, dass gewisse Berufe für Ossis erst gar nicht erst zu haben sind und dass die Ostfrau das Schlusslicht in der gesamtdeutschen Sozialskala abgibt.

    Wendekränkungen sind überall

    Sie wissen ebenfalls, dass zwei Drittel der deutschen Gesamtarbeitslosigkeit und der Hartz-IV-Bezüge im Osten statistisch festgeschrieben sind. Wenn ein Land in dieser Weise mit zweierlei Maß misst und der Ostmensch immer noch das Nachsehen hat, dann muss von einer politischen Doppelmoral ausgegangen werden, die den knallharten Kolonialakt von 1989 bis heute permanent zu leugnen und zu übermalen sucht.

    Das Schicksal der Wendekränkungen ist kein ausschließlich deutsches Schicksal der 1990er Jahre, das versteht sich von selbst. Es wird von mir als erlebtes Beispiel angeführt und steht für weltweite Kriegs-Dynamiken und Annexionen, die in der Konsequenz ähnliche Schicksale hervorbringt: Flüchtlinge, Vertriebene, Arbeitslose, Arme, Benachteiligte, Heimatlose, Migranten, Fremde, Sprachlose, Rechtlose, Geduldete, Abgeschobene, Marginalisierte.

    Pierre Bourdieu hat sich mit diesem Phänomen zeitlebens als Ethnologe und Soziologe befasst. In dem Band „In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung“ sind seine Fotografien aus dem Algerienkrieg 1954-1962 erste Zeugnisse im soziologischen und politischen Kontext von Entwurzelungen und Wendekränkungen.

    Anm.d.Red.: Der erste Teil dieses Essays ist unter dem Titel Therapie für Massen? Feindbild-Propaganda, kaum beachtete Demonstrationen und alternative Medien erschienen. Das Foto oben stammt von melquiades 1898 und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


5 Kommentare zu Wendekränkungen: Warum die Wiedervereinigung Deutschlands heute ein Fall für Psychologen ist

  • [...] Originaltext [...]
  • AEB Goldbeck-Löwe, Berlin-Kreuzberg am 15.05.2014 11:57
    Danke,liebe Yana!

    Dazu > http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74090648.html ...
  • Uwe R. am 25.05.2015 10:48
    Danke, endlich mal eine ungeschönte Sichtweise auf die Vorgänge und Nebenwirkungen der sogenannten Wiedervereinigung. Eine, aus meiner Sicht, sehr tiefgründige-, realistische Gegendarstellung zu den, von den Leitmedien propagierten Darstellungen.
  • Claudia Dylla am 28.08.2016 13:16
    Gern würde ich dazu lesen und wünschte mir eine offene Kommunikation, auch in den öffentlichen Medien, endlich eine Richtigstellung und Neuerkennung der tatsächlich sattgefundenen Ereignisse, Geschichten und der Geschichte. Man spricht über Identität, Heimatverlust, Zerstörung, Vertriebensein, jeder "darf" Fragen dazu stellen, Forderungen und hat einen Anspruch auf Kenntnisnahme. Innerdeutsch aber findet man im westlichen Teil Deutschlands nur gähnende Leere und gähnende Lehre und nach wie vor Überheblichkeit, Arroganz ode reinfach nur Desinteresse. Die Folgen der Übernahme des Ostens durch den Westen tragen alle die, welche entweder arbeitslos, auf Sozialhilfe angewiesen und zu Dutzenden in entlegenen, längst von der Marktwirtschaft leer gefegten, ländliche Gegenden hausen oder die, welche aus wirtschaftlichen Gründen und aus Angst vor einem gesellschaftlichen und persönlichen Aus schließlich in den westlichen teil Deutschlands übersiedelten und, wenn nicht härtesten Vorurteilen, so mancher Häme und Geringschatzung oder verdeckter Diskriminierung ausgesetzt waren und sind. Alles ist belegbar, und erschütternd einfach. Das macht traurig und wütend. Und Wut ist ein wichtiger Katalysator für`s Denken und Handeln, und sei es auch nur auch schreibendes Handeln.
    Danke jedenfalls für diesen interessanten und guten Beitrag. CD
  • Claudia Dylla am 28.08.2016 14:02
    Nochmals möchte ich mich melden. Zum einen sehe ich beim Lesen, dass sich in meinem Beitrag eine Menge Fehler eingeschlichen hatten, dafür bitte ich um Entschuldigung. So merke ich auch, wie sehr mich dieses Thema bewegt und ... aufregt. Denn kaum wird darüber gesprochen, es ist gerade so, als gäbe es diese recht junge Deutschland-Geschichte nicht.
    Mir ist noch aufgefallen, dass der Titel des Beitrages schon auf ein Phänomen verweist, welches auch verhindern könnte, dass die wirklichen Geschehnisse und Hintergründe klar sicht - und hörbar werden: So halte ich es schon rein sprachlich für problematisch, das Schicksal von Tausenden, ja einem ganzen Volk, (die Summe von Einzelnen...) als "Fall" zu bezeichnen und obendrein einer Berufsgruppe "aus zu liefern", die ohnehin dafür bekannt ist, Wissen gepachtet zu haben, und dies nicht selten aus Büchern von, teilweise auch überholten, dennoch aufgrund ihres Rufes und ihres hohen Ansehens nach wie vor zitierten Lehrern der Psychologie. Dass gerade die Psychologie und eng einhergehend damit die Psychiatrie auch Schäden angerichtet hat, wird niemand in Zweifel stellen.
    Im Gegensatz dazu wird noch jetzt alle "ostdeutsche Larmoyanz", also jede kritische oder bedauernde Äußerung zum Niedergang der DDR als "ewig gestrig",rückwärtsgewandt und weltfremd lächerlich gemacht. In psychosomatischen Kliniken dient die ostdeutsche Herkunft als Kriteriumfür die Bewertung eines Krankheitsbildes. Wir wissen doch aber, dass "Kränkungen" im Allgemeinen immer als Problem des Gekränkten dargestellt werden und eine "narzistische Kränkung" dafür steht, der Betroffene sei entweder gefährlich/ oder nicht ernst zu nehmen. So jedenfalls begegnet es einem im gesellschaftlichen Alltag. Ich selbst habe in einem "Salon-Gespräch", eine Zusammenkunft von Literatur - und Musikliebhabern, Zeuge werden können, wie jemand, der in das Diktat der Schmähung von allem, was DDR war, die ostdeutschen Bürger eingeschlossen, nicht einstimmen wollte, mit Beschimpfungen und verbaler Gewalt zu tun bekam. Dabei hatte derjenige nur zu bemerken gewagt, dass in der DDR nicht "alles schlecht gewesen" sei. Eine ganze Salve von Aggressionen prasselte da auf ihn ein. Diese Erlebnis hat mich sehr nachdenklich gemacht. CD

Kommentar hinterlassen