• Sehnsucht, WhatsApp und Zigaretten: Das Leben von geflüchteten SyrerInnen in der Türkei

    tayfung
    Laut offiziellen Zahlen befinden sich aktuell knapp 2,7 Millionen geflüchtete SyrerInnen in der Türkei. Der Berliner Gazette-Autor und Aktivist Tayfun Guttstadt hat in den vergangenen vier Jahren viele von ihnen kennengelernt. Durch Freundschaften wuchs sein Interesse daran, mehr zu erfahren, über jene Menschen, die eigentlich weiterreisen wollen. Eine Reportage.

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    Es ist warm in Antalya im November 2015, nicht so schrecklich heiß und schwül wie im Hochsommer, aber warm genug, um im Shirt und mit kurzer Hose im Garten zu sitzen. Misha und Warid sitzen mir gegenüber, ich schenke Tee ein. Sie haben ihn nötig, sind noch immer angestrengt, müde, deprimiert.

    Willkommen zurück, sage ich, freundlich, interessiert, aber ohne Euphorie, die war mir beim Anblick ihrer Gesichter vergangen. Sie waren auf eine Reise mit ungewissem Ausgang aufgebrochen, ihre Wiederkehr ist wenn nicht enttäuschend, so doch überraschend, die Freude des Wiedersehens groß. Sie schweigen weiter, Misha dreht sich eine Zigarette, nimmt einen kräftigen Zug. So war es nicht gedacht gewesen. Wollten wir uns nicht eigentlich bei einem Kaffee in Berlin wiedersehen?

    So viel Anstrengung, so wenig Hoffnung?

    Dann fängt er an, zu erzählen. Ein Schlauchboot hatten sie gekauft, dazu einen Motor und weitere Ausrüstung, in Istanbul, wo wir uns noch ein letztes Mal auf einen türkischen Kaffee in Kadıköy getroffen hatten und wo sie rumliefen wie Touristen mit ihren Sonnenbrillen und Flip Flops. Absurd, wie sie damals aussahen, wie in Istanbul verirrte Surfer, obwohl eigentlich eine lebensgefährliche Reise auf sie wartete. Mit Bussen und Taxen waren sie anschließend an die Küste gefahren, um dann die Grenze nach Griechenland auf dem Wasser zu umfahren. Das Meer hatte leichte Wellen, als Misha das Schlauchboot aufpumpte und zu Wasser brachte. Warid schaute sich derweilen in der Nähe nach möglichen Beobachter*innen um und pinkelte vielleicht irgendwo in die Büsche, das letzte Mal auf türkischem Boden, so der Plan.

    Misha packte ihr weniges Hab und Gut in die wasserdichten Taschen, die Papiere und Telefone nochmals in Plastik verschlossen, während der Wellengang stärker wurde. Er kämpfte mit dem zusammenpressen des Gepäcks und schaute leicht erschöpft aufs Meer hinaus. Was er sah, muss ihm unreal vorgekommen sein. Die Wellen hatten das Boot mitgerissen, schon zu weit, um es zurückzuholen. Leere Blicke warf er dem Horizont zu. Kann das wahr sein?, mag ihm durch den Kopf gegangen sein – so viel Anstrengung, so wenig Hoffnung?

    Warid kam zurück, begriff nur langsam, was passiert war. Misha sagte es ihm. Auch er begann mit dem leeren Schauen, für eine Weile, bis sie sich irgendwann gegenseitig anblickten: Lass uns nach Hause gehen. Frustriert kamen sie in Antalya an und schlossen sich für eine Woche in ihre Zimmer ein. Erst danach habe ich erfahren können, was passiert war. Mittlerweile war Majd bei uns eingezogen, in der Annahme, Misha kehre nicht wieder. Angesichts der abrupten Veränderung begnügte sich Majd mit der Schlafcouch. So lebten in diesem schönen alten Haus im Zentrum Antalyas schon drei Menschen aus Syrien, den ständigen Besuch und die nach Europa Durchreisenden nicht mitgezählt.

    Fahr hin und sieh selbst

    Neben Misha und Majd mit mir im Erdgeschoss lebte Maryam im ersten Stock, mit dem schönen Balkon, der auf den Garten blickte. Es war ein schönes Morgenritual: Misha rief laut aus dem Garten in den ersten Stock: Maryam! Joujou! Sie trafen sich regelmäßig auf Kaffee und Zigaretten, zwei der Grundnahrungsmittel der Syrer*innen. Maryam ist nach 25 Jahren in Mexiko nach Syrien zurückgekehrt, um ihre Mutter noch einmal zu sehen, bevor sie starb. Im Anschluss kam sie in die Türkei und war für knapp ein Jahr unsere Nachbarin. Ich dachte, ich bin eine Person ohne Vaterland, ohne Heimat. Für mich sollte das alles nichts bedeuten. Aber als ich dann, nach 25 Jahren, wieder syrische Erde betrat, konnte ich nicht anders, als mich zu Boden zu werfen und den Boden zu küssen, gestand sie mir einst. Zu Beginn hatte sie behauptet, Französin zu sein – zu sehr hatten sie die ständigen Fragen nach ihrer Herkunft genervt.

    In Antalya schlägt sie sich mit Sprachunterricht durch – Englisch, Spanisch, Französisch, alle spricht sie fließend –, stellt zudem Schmuck aus Silber her. Und raucht. Einer ihrer Ahnen stammt angeblich aus Antalya, irgendwo müsse sein Grab sein, sagt sie. Maryam selber sieht schon steinalt aus, ist aber fit und aktiv. Assad …, sagte sie einmal zu mir in einer angeregten Unterhaltung, Assad ist schlimmer als Hitler. Glaubst du es mir nicht?, schaute sie mich prüfend an, dann fahr hin und sieh selbst. Ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, zu widersprechen. Sie war meist recht grob, fast unfreundlich in ihrem Benehmen, aber ebenso herzlich, was ihre Bereitschaft zu helfen und zu teilen angeht.

    Die Versammlungen der jüngeren Syrer*innen in unserem Garten hingegen liefen stets unglaublich vergnügt ab. Es wurde ununterbrochen gelacht, geschrien, geprustet. Machte ihnen das alles in Syrien wirklich nichts aus? Die Zerstörung ihrer Nachbarschaften, der Tod von Verwandten und Freunden, die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit? Über die Situation in Syrien spricht keiner. Nie. Mit mir ja, manchmal, und dann ging es stets mehr um die Geschichte des Nahen Ostens, ethnologische Analysen, nie um die aktuelle Situation.

    Schweigen

    Die Syrer*innen, die ich kenne, schweigen sich meist zur politischen Situation in Syrien aus. Unvergessen bleibt mir der grenzenlos erzürnte und doch hilflose Blick Yazens, als wir gemeinsam vor einer Bar saßen und ein türkischer Linker laut herausposaunte, er unterstütze Assad mit Leib und Seele, schließlich sei er säkular, daher fortschrittlich. Yazen und ich schauten uns eine Zeit lang still und ernst an, ich versuchte zu erahnen, was er fühlt.

    Dann ging sein Blick in ein erschöpftes Lächeln über. Was soll’s… Soll Assad uns doch weiter ermorden. So geht es doch schon seit Jahren, sagte er leise in meine Richtung. Für eine Diskussion fehlte ihm die Kraft. Der schlaksige Yazen mit seinen langen schwarzen Locken und seine Freundin Sara – blond, sehr weißhäutig und ein wenig mollig, wie sie war, hätte sie auch aus Schleswig Holstein kommen können – waren unsere Vormieter. Das alte Haus ohne Klimaanlage war nichts für sie, die mehr Bequemlichkeit gewohnt waren.

    Doch sie hatten sich verkalkuliert, die in Aussicht stehende Wohnung in einem der für Antalya typischen weißen Blockbauten nicht bekommen. Yazen rief mich am Boden zerstört zu Hilfe: Bitte, komm mit, ich brauche einen Türken. Niemand will uns eine Wohnung geben, weil wir Syrer sind. Aus seinem Blick sprach eine ungekannte Verzweiflung. Normalerweise hatte er immer kleine Augen und ein plattes Lächeln, was sicher auch an den Joints lag, die er von morgens bis abends rauchte und dessen Zutaten er sich von den Roma-Jungs besorgte, die tagein, tagaus vor seiner alten und unser neuen Haustür abhingen und musizierten.

    Ja, das bin ich

    Misha ist genervt von allem, was mit Syrien, dem Nahen Osten, Arabern und Islam zu tun hat. Deshalb hat er auch seinen Namen geändert. Er ist kein Araber, und schon gar kein Muslim, so sagt er. Einmal hätte ich fast den Postboten mit einer Dokumentensendung für ihn abgewiesen, weil ich seinen vorigen – und offiziellen – Namen nicht kannte. Er lag halbnackt auf seinem Bett, starrte an die Decke und kratzte sich am kugelrunden, behaarten Bauch, als ich ihn fragte, ob er irgendjemanden Namens Mustafa ibn-Aras kenne. Belustigung und Unbehagen mischten sich in seinem Gesicht, oder wie man sich halt fühlt, wenn eine ungewollte Realität einen in unerwarteter Komik einholt. Ja. Kurzes Nachdenken, an die Decke starren, nochmal am Bauch kratzen. Das bin ich. Es handelte sich um seinen neuen syrischen Pass, ausgestellt von der Botschaft in der Türkei.

    Misha arbeitete damals als Koch in einem Restaurant, das bei Tourist*innen sehr beliebt ist. Viele Bars, Cafés und Restaurants hat er als gelernter Koch in seinem Leben schon betrieben, jetzt ist er selbst Angestellter. In der Türkei sind Syrer*innen als billige Arbeitskräfte gefragt, vor allem in Bereichen ohne Kundenkontakt, aber auch in touristischen Cafés und Kneipen, weil viele von ihnen besser Englisch können als Türk*innen. So finden sich ehemalige Englischlehrer*innen, Restaurantbesitzer*innen und Ingenieur*innen in quälend heißen Küchen, kleinen Wäschereien oder billigen Bars wieder.

    In Antalya leben aber weit weniger Syrer*innen als man vermuten könnte. Das Zentrum des türkischen Tourismus ist zwar ein Magnet für ungelernte Arbeiter*innen – kurdische Binnenflüchtlinge zum Beispiel – und wuchs durch diese innerhalb der letzten zehn Jahre auf eine Stadt mit weit über einer Million Einwohner*innen an. Die Stadtverwaltung fürchtet aber um das Image Antalyas. Der Anblick bettelnder syrischer Kinder könnte den Tourist*innen durchaus den Urlaub verderben, ein Einbrechen der Besucher*innenzahlen wäre für Antalya der Tod und für die Wirtschaft der Türkei ein schwerer Schlag. Mittlerweile ist dieser Fall nicht aufgrund der Geflüchteten, sondern wegen Erdoğans Flirt mit den Dschihadist*innen eingetreten: Antalya ist so leer wie nie, die wirtschaftliche Lage dort katastrophal.

    Verpiss dich!

    Viele grundlegende Dienste, die der türkische Staat den »Besuchern« (wie die Geflüchteten noch immer auch aus offiziellem Mund genannt werden) gesetzlich zugesichert hat, werden den Syrer*inen in Antalya versagt, darunter der Krankenhausbesuch. Verpiss dich!, soll ein Arzt einen jungen syrischen Vater angebrüllt haben, der mit Frau, vier Kindern und insgesamt knapp 20 weiteren Personen in einem zerfallenen Haus wohnt. Staatliche Hilfe gibt es so gut wie keine, und so versucht eine kleine Anzahl an Freiwilligen, wenigstens manche der Geflüchteten mit dem Nötigsten zu versorgen.

    Ein iranischer Freund, illegal in der Türkei, weiß, wo die wirklich armen Syrer*innen leben. Wir suchen sie zwischen Bergen von Altglas und Altpapier auf – das Sammeln von Wertstoffen ist in der Türkei ein eigener kleiner Wirtschaftszweig. Wir werden herzlich empfangen, durch die zerbrochenen Fenster zieht es, überall sind Kinder, außerdem viele Frauen. Man macht uns Tee, die Männer rauchen, pusten den Rauch in den Raum, in dem wir alle wie aufeinander gestapelt sitzen. Klamotten, Schuhe, Matratzen, Windeln, Milch … Hadise geht mit den Frauen in einen anderen Raum, um ihre weiteren Bedürfnisse gesondert zu besprechen, was sich als notwendig erweist.

    Gerade dieser Teil der Gesellschaft, die ganz armen, hat meist ein sehr konservatives Weltbild. Die Frauen waren ausnahmslos verschleiert. Auf jede fielen im Durchschnitt über vier Kinder, und zwei der Frauen waren erneut schwanger. Sexuelle Aufklärung kann von diesen Hilfsgruppen, die kaum mehr sind, als eine Gruppe Freunde, die ein wenig Altkleidung zusammentragen und verteilen, wohl kaum geleistet werden, zudem hier grundverschiedene Weltbilder aufeinanderprallen. Jedenfalls haben uns unsere »aufgeklärteren« syrischen Freunde davon abgeraten, dieses Thema anzurühren – das bringe doch eh nichts. Dabei hat Erdoğan doch versprochen, dass wir ins Krankenhaus gehen können!, beschwert sich der Vater über den Arzt. Ist er sauer auf Erdoğan? Oder beruft er sich auf ihn, den Helden vieler Syrer*innen, um den Arzt anzuklagen? Ach, uns verarscht der doch auch die ganze Zeit, sagt Hadise. Ich bin mir nicht sicher, ob unser syrischer Freund sie verstanden hat.

    Sehnsucht, Whatsapp und Zigaretten

    In jenen Tagen, Monate vor Mishas und Warids kleiner Odyssee, wohnte ein weiterer Syrer, Nawras, für eine Zeit bei uns – Misha brachte es nie übers Herz, auch dem entferntesten Bekannten die Bitte um Bleibe auszuschlagen. Die meisten Besucher*innen benahmen sich wie Gäste: Sie kamen mit Geschenken wie einer Flasche guten Wodkas, blieben ein paar Tage und fuhren dann weiter, zum Beispiel nach Bodrum, um sich von dort nach Griechenland schmuggeln zu lassen, während wir angespannt auf Nachricht warteten. Nawras aber blieb unaufgefordert über zwei Monate. Er wirkte unentschlossen und unzufrieden, war gut genährt, stets sauber rasiert und frisiert, trug ausschließlich weiße Polohemden. Er vermisse sein bequemes Leben in Syrien, wie der ehemalige Versicherungskaufmann mir regelmäßig versicherte.

    Mit der Zeit hatte er rausgefunden, in welchen Geschäften er die Lebensmittel finden konnte, welche den syrischen am ähnlichsten waren – der Joghurt, das Öl, die Gewürze, das Brot… Die Türkei war nichts für ihn. Wenn er nicht mit mir sprach, saß er auf der Schlafcouch im Wohnzimmer und starrte auf sein Telefon, welches ununterbrochen vibrierte. Kam man nachts in den Raum, sah man nur sein vom blauen Schimmer des kleinen Bildschirms erhelltes Gesicht im Dunkeln, welches reglos die eintreffenden Mitteilungen aufzusaugen schien. Meine türkischen Freund*innen nannten ihn nur Der mit dem Telefon. Eltern in Damaskus, Schwester im Libanon, Cousin in den Niederlanden, bester Freund in Dubai, Job verloren, Heimat zerstört – sein Leben bestand aus Sehnsucht, Whatsapp-Chats und Zigaretten.

    Einmal am Tag ging er für eine Stunde spazieren, die Zigarettenschachtel in der Brusttasche des Polohemds, das Telefon griffbereit in der Hosentasche. Antalya ist viel zu heiß, stöhnte er mich mit einem verzweifelten Lächeln an, als er schweißüberströmt wiederkehrte. Irgendwann fand er mit Mishas Hilfe eine Wohnung in einem Neubau mit Klimaanlage – dass wir keine hatten, war ihm jeden Tag aufs Neue aufgefallen – und ich sah ihn nie wieder.

    Andere sollte ich wiedersehen. Direkt über unserem Wohnzimmer wohnte Önder, ein junger Türke. Er hatte oft Besuch von den Syrern Halil und Alam, welche, genauso wie er, stets für ein Bier und eine Runde durch Antalyas Bars zu haben waren. Eines Abends drang jedoch nicht wie sonst oft das Gelächter der Jungs durch die dünne Decke, sondern wunderschöner Gesang auf Arabisch, der mich nicht losließ. Ich gesellte mich zu der in Nostalgie versunkenen Runde und lernte Leen kennen, eine junge Frau aus Aleppo, die gerade ihren Freund in Antalya besuchte. Normalerweise lebt sie in Istanbul, wo ich sie knapp ein Jahr später wiedertraf.

    Anm. d. Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Gestrandet, das im Unrast-Verlag erschien. Das Foto stammt von Krystian Woznicki und steht unter einer Creative-Commons-Lizenz.


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