• Willkommenskultur und Warteschlangen: Drei Geflüchtete sprechen über ihre erste Zeit in der BRD

    20740843824_36a45dcd08_bkl

    Sie waren wochenlang unterwegs, bevor sie nach Deutschland gekommen sind: Waleed, Naji und John sind drei junge Männer aus Syrien, die viel erlebt haben. Lange Warteschlangen vor dem LaGeSo und anderen Ämtern, Hilsbereitschaft und Willkommenskultur. Wie nehmen die jungen Menschen wahr, was sie hier erleben? Die Gender-Forscherin Julia Molin hat mit ihnen gesprochen. Ein Interview.

    *

    Könnt ihr zunächst etwas über euch erzählen? Was habt ihr gemacht, bevor ihr nach Deutschland gekommen seid und warum habt ihr Syrien verlassen?

    WALEED: Mein Name ist Waleed. Ich komme aus Syrien, aus Salamiyya in der Regian Hama. Ich kam hier im August 2015 an. Syrien habe ich aus vielen Gründen verlassen. In erster Linie wollte ich einfach überleben. Ich wollte ursprünglich nicht nach Deutschland. Ich wollte nach Belgien. Doch in Ungarn wurden wir aufgehalten. Unsere Fingerabdrücke wurden genommen. Das einzige Land, dass den Dublin-Deal bricht, ist Deutschland.

    Ich weiß nicht, warum gerade ich so ein verdammtes Glück hatte. Ich kam hier an und nach eineinhalb Monaten bekam ich die Erlaubnis, für dreieinhalb Jahre zu bleiben. Viele Menschen kommen hier an, weil sie Deutschland lieben. Doch die müssen teilweise acht bis neun Monate warten. Alles nur wegen Bürokratie. Ich habe eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, eine Arbeitserlaubnis, Personalausweis. Ich kann innerhalb Europas reisen, ganz ohne Visum.

    20740833714_6bbd352d0c_bkl

    NAJI: Mein Name ist Naji. Ich bin 23 und komme auch aus Hama. Eine der wichtigsten Gründe Syrien zu verlassen, war meine Einberufung in die Armee. Sobald man mit dem Studium fertig ist, wird man eingezogen. Ich hatte noch zwei Monate, bevor ich mein Studium beendete.

    Also habe ich das Studium abgebrochen – ich wollte nicht zur Armee. Ich habe Management studiert. Ich dachte, dass ich mein Studium hier in Deutschland beenden könnte. Aber ich denke nicht, dass das gehen wird. Als ich beim Jobcenter war, wollten sie noch nicht mal einen Blick auf meine Zertifikate werfen.

    JOHN: Und ich bin John. Naji ist mein Bruder. Auch ich wollte nicht eingezogen werden und habe deswegen Syrien verlassen. Ich wollte eigentlich hier studieren. Vielleicht wird es dazu kommen, wenn meine Unterlagen anerkannt werden. Ich hoffe es!

    Wie lange habt ihr von Syrien nach Deutschland gebraucht und welche Route habt ihr genommen?

    NAJI: Es dauerte 23 Tage und wir haben alle möglichen Fortbewegungsarten genutzt. Wir sind sogar über Berge geklettert! In Deutschlannd haben wir uns in Horst registriert und dann wurden wir mit dem Zug nach Berlin geschickt. Zum LaGeSO.

    Wie lange habt ihr dort gewartet?

    NAJI: Die Situation am LaGeSo war am Anfang nicht so problematisch. Als wir zum ersten Mal da waren, gaben sie uns einen zweimonatigen Aufenthalt in einem Hotel. Egal welches Hotel. Leider akzeptieren Hotels kaum noch LaGeSo-Papiere. Schließlich haben wir eins in Marzahn gefunden, da blieben wir zwei Monate. In dieser Zeit verschlechterten sich die Zustände am LaGeSo rapide.

    21371828201_fc57a36ae8_bkl

    JOHN: Wir mussten 21 Tage warten. Irgendwann haben wir dann die nötigen Unterlagen bekommen. Aber wir hatten trotzdem nichts. Kein Geld.

    WALEED: Wir sind also um zwei Uhr nachts zum LaGeSo. Als sie die Tore aufmachten, waren wir die ersten in der Reihe. Dann heißt es: „Renn!“.

    NAJI: Es ist eine ziemlich lange Strecke. Zwei Minuten lang durchrennen, nicht anhalten. Ich kann ziemlich schnell rennen. Das Problem war nur: Dass man sich in verschiedene Schlangen stellen muss, Schilder weisen darauf hin. Doch wie soll man lesen, wenn man rennt? Ich habe mich also falsch angestellt und es hieß: „Komm morgen wieder!“.

    WALEED: Wir warteten den ganzen Tag am LaGeSo. Bis sie geschlossen haben. Wir hatten keine Unterkunft mehr, also warteten wir auf einen Bus, der einen in irgendein Camp mitnehmen sollte. Es war schon Herbst und etwas kalt. Dann trafen wir Christina. Sie erzählte uns, dass es Menschen in Deutschland gibt, die Gäste aufnehmen. Wir hatten zwei Tage nichts gegessen, nicht geschlafen. Da haben wir gesagt: „Ja, klar!“.

    NAJI: Die Freiwilligen am LaGeSo machen einen tollen Job. Sie geben Getränke heraus, Kleinung. Alles.

    Wie behandelten euch die Angestellten vom LaGeSo?

    JOHN: Das Problem sind die Übersetzer. Sie übersetzen einfach was sie wollen. Und man muss sich wahnsinnig anstrengen, wenn man etwas braucht. Wir wollten den „BerlinPass“, weil wir die Stadt erkunden wollten. Doch ständig wurden wir vertröstet. Es hieß, wir würden den Pass beim nächsten Termin bekommen.

    WALEED: Doch der Pass ist wichtig, damit man überhaupt etwas unternehmen kann. Die ganze Zeit im Hotel, da wird man doch verrückt. Wir sind doch nicht hergekommen, um doch noch zu sterben. Kein Essen, kein Geld, keine Möglichkeit, sich zu bewegen.

    Wie schätzt ihr die Situation am LaGeSo jetzt ein?

    NAJI: Ich denke, wenn sie irgendwas hätten verbessern wollen, dann hätten Sie es längst getan. Ich denke, es geht genau darum: Es soll schlimmer werden.

    JOHN: Andere Städte behandeln Geflüchtete nicht so, nur in Berlin gibt es diese Zustände.

    NAJI: Ich denke, die machen das für die Medien. Damit die Leute irgendwann sagen: „Guck, wir nehmen zu viele von denen auf!“ Dabei sind das ganz einfache Abläufe.

    21175641038_45df254960_bkl

    WALEED: In arabischen Ländern nennen wir die Deutschen gern „Maschinen“. Weil sie alles hinkriegen, schnell und ordentlich. Aber als wir das hier erlebt haben, hat sich unser Bild verändert.

    Was denkt ihr jetzt über Deutschland?

    NAJI: Es ist ziemlich verkorkst.

    In Deutschland sprechen wir von einer „Willkommenskultur“, viele Freiwillige helfen den Geflüchteten. Habt ihr euch denn „willkommen“ gefühlt? Wurde euch geholfen?

    WALEED: Ja, ich habe viel Unterstützung durch Deutsche erfahren. Nicht durch die Regierung. Ich bekomme meinen Lohn vom Jobcenter und sie bezahlen meine Miete.

    NAJI: Ich mag die Menschen hier in Deutschland. Sie übernehmen Verantwortung. Zuerst war ich gar nicht auf die Hilfe von Deutschen angewiesen, denn die Situation am LaGeSo war ja zunächst nicht so schlimm. Als die Regierung ihre Aufgaben nicht mehr wahrnahm, sind die Menschen eingesprungen.

    JOHN: Ja, die Leute übernehmen Verantwortung, wenn die Regierung versagt. Und es gibt viele Probleme, große Probleme. Und die Leute helfen, immer mehr. Ich habe in meiner Zeit hier erlebt, dass es wirklich so etwas gibt, wie das Gute im Menschen. Und ich mag das sehr.

    Vielleicht haben ja alles von uns eine Verantwortung?

    WALEED: Ja sicher. Ehrlich gesagt, steht die Welt doch gerade ziemlich scheiße da. Die Regierungen versagen … Ich bin politisch. Also ich befasse mich seit 2006 mit Politik. Wenn Merkel sagt, „Flüchtlinge sind willkommen“ – das ist doch alles nur Politik. Sie haben halt keine Ahnung, wie sie diesen verdammten Krieg in Syrien beenden sollen.

    21352743972_4edb1861aa_bkl

    Vielleicht sollten sie damit aufhören, Waffen in die Region zu verkaufen. 2015 hatte Deutschland Einnahmen in Höhe von 6,35 Milliarden Euro. Verdammt noch mal. Und dann sagt die Verteidigungsministerin, dass weniger Waffen exportiert werden sollen. Saudi Arabien bekommt Waffen, und die werden „für den Frieden“ angeschafft, nicht um für die Menschen in Syrien. Und Russland verkauft Waffen an den Iran und Nord Korea.

    NAJI: Vielleicht sollten wir das Thema wechseln…

    WALEED: Nein, nein. Sagt doch nicht „refugees welcome“ und verkauft weiter Waffen. Ich war mal ein großer Fan von Europa. Ich träumte davon, in die USA zu gehen. Mir ging es gut in Syrien. Ich habe alles dort gelassen. Ich habe von Europa und den USA geträumt, weil es hier Freiheit gibt.

    Aber ich will nicht als „Flüchtling“ herkommen. Nicht so. Ich will einen Job, Freunde, ausgehen, was auch immer. Nun habe ich hier Freunde gefunden und ich will sagen: „Danke deutsche Regierung, wegen euch habe ich diese tollen Menschen kennengelernt.“

    JOHN: Es wäre toll, einfach als Person angenommen zu werden, nicht als „Flüchtling“. Das ist nur ein Wort, es wird mit Bedeutung aufgefüllt, je nachdem für welchen Zweck es gerade gebraucht wird.

    Anm. d. Red.: Das Interview entstand im Rahmen eines Berliner Gazette-Seminars an der Humboldt Universität Berlin. Julia Molin hat dort gemeinsam mit KommilitonInnen Theresa Pudzich und Daria Kappel ein Blog-Projekt gestartet, das sich kritisch mit der Willkommenskultur in Deutschland auseinandersetzt. Die Fotos wurden vergangenen September auf einer Demonstration in London aufgenommen. Sie stammen von Manos Simonides und stehen unter eine Creative Commons Lizenz.


1 Kommentar zu Willkommenskultur und Warteschlangen: Drei Geflüchtete sprechen über ihre erste Zeit in der BRD

  • Chris Skargen am 10.02.2016 15:32
    "Eine der wichtigsten Gründe Syrien zu verlassen, war meine Einberufung in die Armee. Sobald man mit dem Studium fertig ist, wird man eingezogen."

    Zwar ist die Fahnenflucht ist ein guter Ansporn für den Augenblick, aber langfristig führt das zum persönlichen Trauma, das zeigen viele Beispiele. "Wie soll man jemanden respektieren, der sein Land im Stich lässt?"

Kommentar hinterlassen