• Politischer Protest im O-Ton: Video-Interviews mit VertreterInnen einer neuen globalen Bewegung

    Der Arabische Frühling, die Bewegung Occupy Wallstreet und die weltweiten Anti-AKW-Demonstrationen - 2011 war das Jahr des politischen Protests. Zwei Künstler haben ihn seit vergangenem Sommer begleitet. Bislang haben sie rund 80 Videoclips gemacht: Interviews mit Demonstranten, die die Geschehnisse in der Politik hinterfragen. Sie alle kommen zu Wort, ohne unterbrochen oder geschnitten zu werden. Berliner Gazette-Gastredakteurin Leonie Geiger hat die beiden Künstler getroffen. Sie bleiben im Interview anonym, weil das Projekt im Vordergrund stehen soll.

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    Ihr nennt Euer Projekt “systemfrage 2011+”? Was hat es damit auf sich?

    Die Berliner Künstlergruppe videoatonale arbeitet seit Ende August 2011 fortlaufend an einem neuen Projekt: systemfrage 2011+. videoatonale läßt in systemfrage 2011+ Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Alters sowie Aktivisten in bewusst ungeschnittenen Videointerviews und -statements zu Wort kommen, die sich für politische, menschliche und soziale Veränderungen einsetzen und engagieren. Sie kommen teilweise aus Bewegungen wie z.B. Occupy oder sind Einzelkämpfer, die sich ein Spezialgebiet gesellschaftlicher Relevanz erarbeitet haben.
    Gerade wegen des unverfälschten, vermeintlich einfachen Herangehens werden die Videos authentisch und besonders sehenswert. Die Interviewten mit ihren selbst gewählten Themen und ihren Gedanken sind das Zentrum. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. videoatonale gibt mit systemfrage 2011+ denen ein Forum, die im Fernsehen nicht oder nur für wenige Sekunden zu Wort kommen, die aber viel mehr und womöglich viel Essentielleres zu sagen haben, als allgemein gedacht wird. Ist es womöglich ein Fehler, tendenziell nur Prominente zu Wort kommen zu lassen? systemfrage 2011+ ist ein zeitgenössisches Dokument mit vielen Facetten und ein Abbild dessen, was momentan kollektiv gedacht und erlebt wird.

    Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

    Wir sind in das Projekt reingeschlittert. Es war der 26. August 2011. Irgendwann mittags. Es war total heiß und wir wollten einfach interessehalber sehen, was am Alexanderplatz geschehen war. Es sollte ein Camp aufgeschlagen werden. Wir saßen auf dem Boden und haben mit verschiedenen Leuten gesprochen. So haben wir erfahren, dass an diesem Abend eine Demonstration stattfinden sollte. Spontan haben wir beschlossen, da hinzugehen und die Kamera mit zu nehmen. Wir wussten gar nicht genau, was auf uns zukommen würde, und ob daraus ein Dreh werden würde.

    Dann passierten die unglaublichsten Dinge. Die Polizei griff einzelne Leute raus und wurde gewalttätig. Wir haben unsere Kamera aufgebaut und mit den Interviews angefangen. Wir waren erstaunt, was Menschen uns auf einmal erzählt haben. Da gab es zum Beispiel einen Herrn, der spontan in die Kamera rein sprechen wollte. Er war total schockiert, wie die Demonstration am Alexanderplatz abgelaufen war, und hat einen Bezug zur Stasi gezogen, denn viele Polizeibeamte hat aus DDR- Zeiten wiedererkannt. Er meinte, es sei wie damals. Da hätten sie auch grimmig geguckt und gesagt: Fragen Sie nicht. Gehen Sie weiter. Jedenfalls waren wir erstaunt und berührt.

    Dann sind wir immer weiter zu anderen Demonstrationen oder Camps hingegangen. Je nachdem, wie wir Zeit und Ressourcen hatten. Als Künstler hätten wir uns niemals träumen lassen, Interviews zu führen. Aber in diesem Kontext ist es genau die richtige Antwort.

    Wie funktionieren die Videos?

    Wir lassen die Fragen, die wir stellen, immer relativ offen und beginnen eigentlich immer mit: „Warum bist du eigentlich hier?“ Es ist eigentlich kein Interview, sondern eher ein Gespräch, in dem man nachfragt, wenn man etwas nicht verstanden hat. Viele Menschen erwarten von uns einen Fragenkatalog und wollen eine Frage nach der anderen gestellt bekommen. Am Anfang sind sie oft noch ihre eigenen Pressesprecher. Das verflüchtigt sich mit der Zeit und irgendwann kommt der Mensch dabei raus. Meistens wird es erst gegen Ende richtig spannend. Denn irgendwann vergessen sie, dass es eine Kamera gibt, und es entsteht eine Art Gespräch. Aber eigentlich hat es eher einen Hauch von einem Psychotherapeuten, der einfach gut zuhören kann und das auch signalisiert.

    Die meisten Videos sind ziemlich lang geworden. Spielt das eine Rolle bei der Rezeption?

    Mittlerweile sind es ungefähr 79 Clips und es haben insgesamt bestimmt 100 Menschen geredet, denn innerhalb von einem Clip kann es auch sein, dass andere Menschen dazukommen, wieder weggehen oder zu zweit oder zu dritt auftauchen. Es sind ungefähr 15 Stunden Material. Also braucht man mittlerweile schon sehr viel Zeit, um sich das alles anzugucken. Aber es gibt sehr viele Facetten in diesem ganzen Projekt: Von AKW über Hunger bis Kapitalismus und Demokratie. Deswegen auch diese Längen der Videos, die dadurch entstehen, dass jeder Mensch eigene Zusammenhänge aufmacht und andere Querverweise gibt. Und in dem Kontext ist es natürlich Zeit konsumierend für den Betrachter. Wir leben in einer Fastfood-Kultur und würden uns freuen, wenn wir einen kleinen Beitrag dazu geben könnten, das Ganze ein wenig zu entschleunigen, und auch das Zuhören zu fördern.

    In der Rezeption kann die Länge der Haken sein. Dass sich nicht so viele Menschen die Videos von vorne bis hinten ansehen. Nur welche Möglichkeit gibt es aus künstlerischer Sicht? Wir haben mal testweise probiert, einen Teaser zu schneiden. Man kann das so machen, dass er bestimmte politische Ansichten befriedigt oder auch das Gegenteil. Wir könnten da absolut steuernd eingreifen. Aber wir können unsere Arbeit nur machen, wenn wir nicht zu einem Sprachrohr werden.

    Gibt es also keinerlei Zensur?

    Wir haben uns vorgehalten, dass wir auf gar keinen Fall Rechtes publizieren werden, wenn jemand Gewalt androht oder kriegsverherrlichend ist. Wenn Namen genannt werden, werden sie rausgepiept. Wenn jemand Angst hat, wird er verpixelt und auch die Stimme verfremdet.

    Es ist immer die Meinung von den Leuten. Aber wenn wir irgendwas gar nicht vertreten können, dann nehmen wir uns heraus, es nicht hoch zu laden. Wir sind sozusagen für alle politischen Argumente offen, der Rahmen ist, dass wir Demokraten sind. In einem demokratischen Spektrum ist der Aspekt der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt sehr wichtig.

    Wie sieht die bisherige Resonanz auf das Projekt aus?

    Die Resonanz ist, was das Ergebnis und die Interviews angeht, durchweg positiv. Eine Ethnologin hat sich mal mit unserem Projekt beschäftigt und fand die narrativen Erzählungen ganz spannend. Inzwischen haben uns auch schon viele Leute gesagt, dass es auch historisch interessant werden kann. Das wird uns vielleicht überhaupt gar nicht mehr betreffen. Aber es ist für die nächsten Generationen interessantes Material, wenn man erforschen will, was die Menschen um 2011/2012 gedacht haben. Und wenn man es genau betrachtet und sich die Zeit nimmt, dann kann man ein kollektives Denken entdecken.

    Es ist interessant, dass obwohl wir in den Gesprächen nur wenig Input geben, immer wieder die gleichen Sachen auftauchen: Es krankt an verschiedenen Dingen und es mangelt an verschiedenen Dingen. Und im Grunde kommt auch immer wieder raus, dass Menschen Liebe haben wollen, ein Obdach, keine Angst – also so ganz einfache Dinge befriedigt haben wollen. Wir sind sehr gespannt, ob wir es noch schaffen, lange genug durchzuhalten das zu machen, ob man dann vielleicht im Zeitverlauf auch etwas sieht, ob da eine Veränderung stattfindet.

    Hat sich durch dieses Projekt euer Blick auf die Weltgeschehnisse geändert?

    Als politikinteressierte Menschen hatten wir schon einen theoretischen Blick. Aber durch die Erlebnisse mit betroffenen Menschen hat sich unsere Sichtweise sehr erweitert. Die Dinge wurden dahingehend neu sortiert, dass wir den Medien als vierte Gewalt nicht mehr viel zutrauen. Oder besser gesagt schon sehr viel zutrauen, aber in eine Richtung, die mit Demokratie für uns nichts zu tun hat. Wir haben von den Menschen viel gelernt. Berührt wurden wir eigentlich von allen, aber eine Antwort haben wir trotzdem nicht. Nein, wir haben die Antwort: „Wir wissen es nicht.“ Bevor wir uns damit beschäftigt haben, hatten wir die Antwort: „So und so ist es richtig“. So wurde uns das in den öffentlichen Medien beigebracht. Wir wären auf den gleichen Zug aufgesprungen. Aber jetzt, wo wir Menschen interviewen, können wir das so nicht mehr betrachten.

    Wir waren einmal auf einer “Pro Assad”- und am gleichen Tag auf einer “Anti Assad”-Demonstration, die eigentlich in unmittelbarer Nähe waren. Im Prinzip haben alle erzählt, dieses Blut soll nicht mehr fließen. Bloß auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Auffällig war nur – und das hat uns interessiert – die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Gruppen: Einmal wird eingeschätzt, dass Assad Schuld ist und auf der anderen Seite wird gesagt: Moment, Assad ist nicht der Verursacher der Auseinandersetzungen, sondern da sind andere Mächte im Spiel. Also stellt sich die Frage, in wie weit die Medien ein Indiz von gewissen politischen Interessen sind.

    Das Wort Occupy hat sich mittlerweile fest in den Medien etabliert. Wie ist eure Meinung und Beziehung zu Occupy?

    Es gab ein Leben vor Occupy und es gibt auch ein Leben nach Occupy. Irgendeine Zeitung hat mal von der Marke Occupy geredet, und wenn man ganz neu über die Dinge nachdenken will, dann muss man sich vielleicht auch mal von diesen ganzen Marketingbegriffen – zumindest für eine gewisse Zeit – lösen. Weil man, ohne es zu merken, mit diesen Begriffen in Denkweisen operiert, die man so vielleicht noch nicht genügend reflektiert hat. Einige Leute begreifen sich auch gar nicht als Occupy, obwohl man sie zu Occupy macht. Auch wir mussten uns oft dagegen wehren, als die Occupymedien eingeordnet zu werden. Da ist der Wunsch einzusortieren so groß, dass es geradezu ein Bedürfnis ist, dass man das dann auch in der Form befriedigt. Und das finde ich dann im Sinne Occupys den richtigen Schritt, sich nicht einzusortieren lassen für ein neues Nachdenken über die Dinge.

    Wie sieht die Zukunft der systemfrage 2011+ aus?

    Unser Projekt steht und fällt mit der Finanzierung. Wir haben eigentlich Interesse, weiterzumachen. Nur ist die Frage, wie lange wir noch – rein monetär – durchhalten. Wenn wir es nicht schaffen, irgendjemanden zu finden, der uns einfach für Material, das wir brauchen – also zum Beispiel Festplatten, Akkus, Licht – unterstützt, müssen wir aufhören. Wir machen es einfach so lange, wie wir durchhalten. Es ist ein Versuch. Und wenn unser Projekt nicht die nötige Resonanz von Unterstützern hat, dann fühlen wir uns auch nicht verpflichtet weiterzumachen. Vielleicht setzen wir uns in dreißig Jahren dann noch mal daran.

    Anm.d.Red.: Die Videos in diesem Beitrag sind ein Teil des Projekts systemfrage 2011+ und haben keinen repräsentativen Charakter.


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