• NuitDebout in Frankreich: Ein Miteinander, das von der Hoffnung auf verborgene Zukünfte beflügelt wird

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    Seit Wochen versammeln sich Tausende von Menschen an öffentlichen Plätzen in Frankreich. Ihr Motto: NuitDebout. Es ist mehr als eine Demonstration. Die Menschen bestehen auf eine „reale Demokratie“, gegenseitige Fürsorge und ein solidarisches Verständnis von Zusammensein. Das Miteinander wird von der Hoffnung auf verborgene Zukünfte beflügelt, sprich: TACIT FUTURES. Die Soziologin, Aktivistin und Berliner Gazette-Autorin Marina Sitrin ist nach Paris gereist. Ein Bericht.

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    Zusammen zu feiern und sich Dinge auszumalen.
    Sich gegenseitig anzuschauen und zu lächeln.
    Keine Parteien, keine Grenzen, keine Label.
    Plätze besetzen und die Hoffnung wiederfinden.

    – Zitate aus den Interviews der NuitDebout TV Gruppe

    Tausende finden sich jeden Abend auf der Place de la République ein, mehr noch während der Tage und Nächte am Wochenende. Versammlungen, an denen Menschen jeden Alters und verschiedenster sozialer Schichten teilnehmen, werden jeden Abend um 18 Uhr abgehalten. Der Platz beginnt sich gegen 17 Uhr mit Kreisen aus stehenden und sitzenden Menschen zu füllen, sie reden unter Pappschildern, welche die Themen ihrer Diskussion kennzeichnen. Die Gespräche umfassen unter anderem Wirtschaft, Erziehung, Förderung, Feminismus, Wohnverhältnisse und Umwelt.

    Dann, gegen 17:30 Uhr, marschieren Schüler zusammen ein, unter Sprechchören und Gesang, hinter mit ihren Schulnamen bemalten Schildern. Zur Versammlungszeit gibt es immer auch Bereiche, in denen medizinische und juristische Unterstützung, Zugang zu neuen Medien und Büchern und Kochstellen angeboten werden. Und – irgendwie wie bei jeder Besetzung, die ich beobachtet habe – gibt es einen Meditationskreis einige Meter entfernt von den Trommlern.

    Alles ist so wunderbar bekannt, nachdem ich an ähnlichen Versammlungen und Platzbesetzungen teilgenommen habe, von New York bis Kalifornien, Athen bis Thessaloniki, Madrid bis Barcelona, Buenos Aires bis Cordoba – und und und…

    Überschäumende Demokratie

    Paris ist voll gelebter Demokratie. Echter Demokratie. Die Straßen und Plätze überfließend. Menschen sprechen miteinander und hören sich zu von Versammlung zu Versammlung. Immer weiter wachsend in der Anzahl, Herkunft und Diversität. Eine Bewegung, die als Aufstand der Schüler gegen die Tötung eines Mitschülers durch die Polizei begann und dann zu einem Massenwiderstand gegen einen möglichen Abbau lange aufrecht gehaltener Arbeitsschutzmaßnahmen wurde, verbreitet sich unter den Menschen, die auf den Plätzen sprechen, versuchen diese nachts zu besetzen, zurückgedrängt werden und dennoch am nächsten Tag wiederkommen, und am übernächsten, und am darauffolgenden.

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    Dies ist keine Demonstration. Die Menschen hier versuchen etwas anderes zu erschaffen. Sie stellen keine Forderung – sie reden miteinander, sie bestehen auf einer „echten Demokratie“ und meinen damit Diskussionen von Angesicht zu Angesicht über ihre eigene Lebenssituation und Dinge, die ihnen am wichtigsten sind.

    Und wenn und falls sie zu Forderungen kommen, dann werden diese aus dieser Art von Diskussionen entstanden sein – ohne Hierarchie und gemeinsam entschieden. Es gibt nunmehr allein in Frankreich Dutzende von Plätzen, auf denen nächtliche Versammlungen abgehalten werden. Viele weitere ähnlich organisierte Bewegungen entstehen, während ich schreibe, in anderen Teilen Europas und Kanadas.

    Die Diskussionsthemen variieren, obwohl die grundlegenden Unterhaltungen in den verschiedenen Kommissionen stattfinden und in den Nachbarschaften, in denen immer mehr Versammlungen entstehen. Über diese Diskussionen werden dann Kurzberichte auf der allgemeinen Versammlung abgehalten.

    Lernen von anderen Bewegungen

    Nach nur zwei Wochen hat die Versammlung beschlossen, dass das Anstreben von Konsens, obwohl er in vielfältiger Weise anziehend scheint, nicht funktioniert hat und praktiziert daher nun eine Kombination aus Wahl und Konsens. Die Bewegung lernt durch Praxis und zusammen mit Menschen aus anderen Bewegungen, wie Occupy Wall Street und 15-M, deren Teilnehmer auch auf den Plätzen anwesend sind um zu unterstützen und Erfahrungen zu teilen.

    So viele Dinge in Paris stimmen mit denen anderer Bewegungen auf der Suche nach echter Demokratie überein, von der Wichtigkeit von face-to-face Diskussionen, dem Ausschluss politischer Parteien, dem Streben nach horizontalen Verbindungen, dem Aufbrechen von Hierarchien und der Fürsorge füreinander so weit möglich – auch wenn es nur in diesen Stunden des Zusammenseins sein mag.

    Und natürlich verbreitet sich die Nutzung von Handsignalen, um die eigenen Gefühle in einer großen Menge zu kommunizieren, so wie das schnelle Bewegen der Finger (twinkling) um Zustimmung anzuzeigen oder das Kreuzen der Arme in der Luft um Ablehnung zu signalisieren. Die feministische Kommission hat ein weiteres Zeichen hinzugefügt, das die Evolution der Bürgerbewegungen belegt. Zwei Fäuste, die sich über dem Kopf treffen, weisen auf eine sexistische Anmerkung hin.

    Globale Ressonanz

    Ich habe mit Bürgerbewegungsteilnehmern an vielen Orten auf der ganzen Welt gesprochen, und fast alle meine Gesprächspartner – aus Spanien und den USA, Türkei, Griechenland und Argentinien – haben festgestellt, dass sie sich verändert fühlen, seit sie TeilnehmerInnen dieser Bewegungen sind: sie fühlen sich selbstsicherer und haben mehr Zuneigung für andere. Etwas verändert sich in einem, wenn man an Versammlungen teilnimmt, zuhört was Fremde zu sagen haben und füreinander sorgt.

    Natürlich ist da auch die Freude – in Musik, Liedern und Tanz manifestiert sich die Freude an einer neugefundenen Art des Zusammenseins. Ich habe vorher gescherzt über das Trommeln auf jedem dieser Plätze auf der Welt, aber es sind eben Orte, an denen die Menschen frei sind sich zu bewegen und zu fühlen.

    Trommeln kann ein Ventil für tiefliegende Emotionen sein, Gefühle des Zusammenseins und Wohlbefindens schaffen. In Paris erzählen die Menschen immer wieder, dass sie einander anlächeln, während 2011 in den USA die Menschen über die Umarmungen sprachen, die zur Begrüßung stattfanden. In Argentinien war ebenfalls eine Sprache der Zuneigung, Fürsorge und Liebe vorrangig.

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    Es ist klar, dass die Bewegung der öffentlichen Plätze – oder auch „Real Democracy Movements“ – die in den späten 2010ern begann, noch weit davon entfernt ist zu enden: sie bewegt sich, kommt wieder und wieder überall auf der Welt auf, während sie ihre Form ändert, was sie auch weiterhin tun wird. Bewegungen sind nichts lineares; sie bewegen sich, haben Ebbe und Flut.

    Die Bewegung in Paris mag sich weiterverbreiten und wachsen, bis sie genug öffentliche Macht hat von unten zu regieren. Oder sie verschwindet wieder von den Plätzen und wandert in andere Sphären des Lebens – vielleicht kommt sie sogar größer und stärker fundiert in Nachbarschaften, an Arbeitsplätzen und Schulen wieder auf. Oder eine Kombination aus beidem. Oder auch nicht. Die Zukunft ist noch nicht festgelegt.

    Einige Idee für das weitere Vorgehen

    Was bedeutet all dies für jene von uns, die an Orten leben, an denen Massenversammlungen noch nicht stattfinden – oder noch nicht wiederaufgenommen wurden?

    Ich nahm vor kurzem an dem Versuch teil einige mögliche Ideen für das weitere Vorgehen zu formulieren, ein offener Aufruf zur Diskussion darüber, wie die Agenda eines Volkes aussehen könnte. Anstatt zu diskutieren und darauf zu reagieren, was andere sagen, dass sie für uns tun werden – oder eben nicht –, fragen wir, was wir wollen und wie wir dies ermöglichen können.

    In diesem Schriftstück nutzen wir die Sprache eines Programmes, allerdings nicht im Sinne einer Plattform etwa einer politischen Partei, sondern als einen möglichen Plan für kollektive Aktionen. Der Hintergedanke dabei ist in Versammlungen Unterhaltungen zu inspirieren – idealerweise persönliche, face-to-face.

    Viele unterzeichneten dieses Schriftstück, die Menschen dahinter haben verschiedene Vorgeschichten und Zukunftsperspektiven. Die Intention ist es, Raum zu schaffen für eine Vielfalt an Standpunkten. Meiner etwa ist einer der direkten Demokratie und der Formierung lokaler und regionaler Versammlungen.

    Was du selbst tun kannst

    Das Schriftstück ist thematisch aufgebaut, mit Aspekten wie Gender, Gesundheit, Erziehung, Ethnie, Wohnverhältnisse und so weiter – Themen, die denen der Komissionen in Paris, der Arbeitsgruppen von Occupy und 15-M nicht unähnlich sind. Warum dazu nicht eine Unterhaltung mit einigen Leuten beim Mittagessen organisieren? An deiner Universität? Auf einem Platz?

    Wir müssen nicht mit der Erwartung beginnen, dass wir sofort eine NuitDebout, 15-M oder Occupy Wall Street starten. Wir müssen nur beginnen miteinander über unsere politische Agenda zu reden, und während wir dies von Angesicht zu Angesicht machen, umsichtig digitale Technologien einsetzen.

    Viele Menschen machen dies natürlich schon – aber unser Aufruf gilt der Fortsetzung dieser Gespräche, der Vertiefung und dem gemeinsamen Nachdenken über eine Zukunft, in der wir ein organisierteres Konzept davon haben, was wir wollen und wie wir dies ermöglichen können.

    Stell dir vor, vor Occupy oder NuitDebout hätten sich inoffizielle und offizielle Gruppierungen sowie Nachbarschaften und Schülergruppen schon grob auf eine Anzahl an Dingen geeinigt, wie zum Beispiel, das Recht auf Unterkunft und die Wichtigkeit der Besetzung leerer Häuser ist, um dies umzusetzen.

    Oder, um als Beispiel die Solidaritätsgesundheits-Kliniken in Griechenland heranzuziehen, die Menschen könnten beschließen, dass wir ein kostenloses Gesundheitssystem schaffen sollten, auf eine Art, die gleichzeitig die Bedeutung von Gesundheit und Fürsorge neu erfindet. Nach dieser grundlegenden Übereinkunft könnten die Arbeitsgruppen konkrete Vorschläge entwickeln oder Aktionen, die zeitnah stattfinden könnten.

    Dies ist es, was ich hoffe, dass dieses Schriftstück zu inspirieren helfen könnte dass Menschen zusammenkommen um darüber nachzudenken, was wichtig für uns ist und wie wir dies ermöglichen können. Selbst wenn es nicht jetzt sofort geschieht, könnte es die Grundlage für zukünftige Möglichkeiten bilden – und die Zusammenkunft von hunderttausenden Menschen auf Plätzen in einem Land oder einer Region ist eine sehr reale Möglichkeit für die Umsetzung der Dinge, auf die wir uns geeinigt haben.

    Eine neue Kraft erschaffen

    Ich bin überzeugt davon, dass es mehr Besetzungen öffentlicher Räume und Versammlungen geben wird. Bis wir in einer echten Demokratie leben, ist es an uns, solche Räume zu schaffen – und wir werden dies tun. Aber was wäre, wenn wir das nächste Mal mehr vorbereitet hätten? Mehr Unterhaltungen über die Dinge, die wir gemeinsam haben, die Dinge, die uns am wichtigsten sind? Könnten wir schneller fortschreiten? Fortschreiten, um Schulen und Arbeitsplätze zu übernehmen?

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    Hier stelle ich mir die Spanische Revolution der 1930er vor und wie sie in der Lage war so schnell fortzuschreiten, gerade weil die Menschen schon organisiert waren und miteinander seit Jahren darüber gesprochen hatten, was sie wollten und wie sie dies Realität werden lassen könnten.

    Ein Land zu übernehmen und es gemeinsam zu lenken, selbst Banken zu übernehmen, war viel weniger Gegenstand einer Debatte, da die Notwendigkeit einer so maßgeblichen Aktion schon in den Diskussionen der vorangegangenen Jahre eine generelle Zustimmung erreicht hatte. Ich beende meine Reflektionen mit einem Zitat, dass momentan auf der Nuit Debout-Facebookseite steht:

    „Wir sind mehr als 100.000 Menschen auf dieser Seite. Wir leben in 150 Städten, #partoutdbout, in Frankreich and dutzenden Städten überall auf der Welt. Wir sind außerdem #banlieuesdebout, #artistesdebout und viele andere Dinge! Wir sind 100.000 und werden bald Millionen sein – dabei eine neue Kraft zu schaffen, die die alte Welt verdrängen wird.“

    Anm. d. Red.: Die Fotos sind in Frankreich bei den NuitDebout-Aktionen entstanden und stammen von Guillermo Gomez und stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Übersetzung des Texts aus dem Englischen: Sarah Mousavi.


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