• Jenseits von Identitätspolitik: Warum wir ein neues Vokabular des Klassenkampfes brauchen

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    Trumps Erfolg und die Siegeszüge der Rechtspopulisten in Europa, lassen die Linke aufschrecken. Haben sie etwas falsch gemacht? Warum kann sie jene Leute nicht mehr mitmehmen, die gegen sozioökonomische Gewalterfahrungen kämpfen? Lässt der Fokus auf gender und race-awareness es nicht mehr zu, ökonomisch Benachteiligte ins Boot zu holen? Der Philosoph und Berliner Gazette-Autor Rainer Mühlhoff fordert, ein neues Vokabular des sozialen Klassenkampfes zu finden, das eine neue Politik der Solidarisierung befeuern kann – jenseits von Identiätspolitik.

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    Im ersten Teil dieses Essays habe ich vorgeschlagen, Trumps Wahlerfolg nicht einfach durch Protestwahlverhalten zu erklären, sondern durch eine positive Identifikation von WählerInnen mit Trump. Einer Identifikation auf Grundlage gemeinsamer Demütigungserfahrungen, in der die politischen und persönlichen Ächtungen, die Trumps Kampagne begleiteten, mit der sozioökonomischen Gewalt- und Ohnmachtserfahrung bestimmter WählerInnen der Unter- und Mittelschicht resonieren können. So wurde deutlich, dass Trump’s ‚Attraktivität‘ vielleicht weniger auf Ebene politischer Sachargumente, als in seiner Haltung zum politischen Betrieb zu fassen ist.

    Anti-Sexismus und awareness-Politik

    Ohne in das überstrapazierte Thema von einem möglichen ‚Versagen‘ der Linken als Mitursache für den heraufkommenden Rechtspopulismus westlicher Gesellschaften einstimmen zu wollen, möchte ich an die vorangegangene Analyse nun die Frage anschließen, welche Konsequenzen sich daraus für eine links-demokratische politische Praxis ergeben könnten. Damit wird zugleich der Blick gewendet, von der Rede über Trump und seine WählerInnen zur Rede politisch aktiver Menschen über sich selbst – auch hier in Deutschland.

    Um direkt auf einen kontroversen Punkte zuzusteuern, möchte ich eine Diskussion darüber anregen, was der Mechanismus der fatalen Identifizierung in Scham und Demütigung speziell für die Wirkung anti-sexistischer und anti-rassistischer Sprach- und awareness-Politiken bedeuten könnte. Zum Beispiel geht es um die Frage, ob die empörte öffentliche Reaktion auf die verbreitete Audioaufnahme mit Donald Trumps sexistisch-chauvinistischen Prahlereien gegenüber Billy Bush seinem Wahlkampf vielleicht mehr genützt als geschadet haben könnte.

    Zunächst ist klar, diese Aufnahme liefert einen pointierten Beleg für Trumps charakterlich tief verankerte Verachtung für Frauen, für seine reaktionäre soziale Weltsicht und ein Exempel von Männerbündigkeit, das durch die apologetische Formel „locker room talk“ nochmal bestätigt wurde. Dennoch ist die Frage, ob es nicht erfolgreicher gewesen wäre, dies kurz aber klar auszusprechen, anstatt einen globalen Wutschrei der Empörung daraus zu machen. Dies war nämlich ein Schrei, der von Beginn an zu künstlich und sensationalisierend war – denn wer für diese Einsicht prinzipiell empfänglich ist, hatte zu diesem Zeitpunkt des Wahlkampfs längst verstanden, dass Trump ein Sexist ist.

    Und so hat die Echokammer der Sexismusempörungen, in der viele Leitmedien und linke politische Stimmen für einige Tage wie gebannt waren, doch vor allem der eigenen Ohnmacht eine gewaltvolle Massenresonanz gegeben. Die sozialkritisch-emanzipatorischen Diskurse um gender-Diskriminierung und sexual harassment, die sich der enormen historischen Leistung des Sichtbar- und Artikulierbarmachens struktureller Gewalt und gegensteuernder gesellschaftlich-politischer Forderungen rühmen können, wurde hier unversehens als Vehikel eines kollektiven Wutausbruchs und moralischer Ächtungen missbraucht.

    Empörung über Sexismus – für wen funktioniert das?

    Dieser Modus einer Diskussion, die kaum mehr Neues sichtbar machen konnte und der wegen der Befangenheit seiner Akteure in ihrer Empörung eine Politisierung des Falls eher verhinderte als förderte, hat meines Erachtens großen Schaden angerichtet: Die moralische Ächtung im Fall des groping tapes hat die meisten der Empörten nämlich blind dafür gemacht, dass Trump selbst mit diesen Ächtungen kaum getroffen wurde, wohl aber solche WählerInnen, für die der Feminismus bedauerlicherweise schon immer nur ein Schimpfwort war.

    Entlang der in Teil eins beschriebenen Struktur der fatalen Identifizierung lässt sich nachvollziehen, dass jeder einzelne Sexismus-Schrei, der sich eigentlich gegen Trump richtete, viel mehr diejenigen Menschen traf, die im Geheimen ihre eigene Welt so wahrnehmen, dass Trumps ‚Lebensweisheiten‘ über sexuelle Kontaktaufnahmen tatsächlich ihrer sozialen Realität entsprechen. So viel sozialer Realismus muss sein: Eine solche milieu-situierte Weltsicht, eine solche Sozialisation, ein solches Funktionieren der Geschlechterverhältnisse ist leider in einigen Umfeldern ziemlich real, und sie bringt Subjekte hervor, die diese Welt als ihre Welt leben müssen und diesen Interaktionsmustern ausgesetzt und verhaftet sind.

    Wie zum Beispiel Didier Eribons aktuell viel debattierter Essay erkennen lässt, schürt die öffentliche Moralisierung und Skandalisierung solcher Verhältnisse aus einer privilegierten Position kontraproduktiverweise bloß die Gefühle von Scham und Demütigung betroffener Subjekte und Milieus. Die Empörung über Sexismus zieht dann über zahlreiche strukturell davon betroffene Menschen eher hinweg und bringt sie gegen den kritischen Diskurs auf, als sie mitzureißen.

    Leidenschaftlich-fatale Bindung

    Ich spreche hier weniger von den Reaktionen solcher Männer, die sich in Geschlechterbeziehungen schon immer wie Donald Trump verhalten und in ihm jetzt einen Helden mit dem nötigen „Mut zur Wahrheit“ sehen. Ich beziehe mich allgemeiner auf solche Menschen, die – egal in welcher gender-Rolle – alltäglich sexistischen Verhältnissen ausgesetzt sind und diesen durch einen Lock-in Effekt ihres sozialen Umfelds auch zunächst ausgesetzt bleiben.

    In solchen Fällen ist es nachvollziehbar, dass ein gender-Diskurs in dem Moment zur hegemonialen Moral wird und auf Gegenreflexe stößt, wenn er zum Vehikel massenmedialer, aus überlegener Position artikulierter Ächtungen wird, anstatt den Betroffenen selbst als Waffe der selbstbestimmten Artikulation und Entgegnung anvertraut zu sein.

    Wendy Browns Konzept der wounded attachments kann auch in dieser Situation helfen, die leidenschaftlich-fatale Bindung an die eigenen sozialen Verhältnisse begreifbar zu machen, die eben auch dann besteht, wenn sie nicht Lust sondern Leid bedeutet – und das kann auch Menschen in konventionell heterosexuellen, patriarchalischen Umfeldern betreffen. Eine solche Bindung an die soziale Funktionsweise eines Milieus und die darin konstituierten Identitäten kann jedenfalls nicht gelöst werden, indem die Macht, sich zu Entsetzen, den Betroffenen entrissen und von wortführenden StellvertreterInnen übernommen wird.

    Für eine Politik der Solidarisierung

    Diese Überlegung ist eine der möglichen Konsequenzen, die speziell eine linke Politik aus der Trump-Wahl ziehen könnte. Dabei kommt es mir auch auf den strategischen Punkt an, dass linke politische Akteure die Einwände gegen das Zur-moralischen-Gewalt-Werden der political correctness nicht den Stimmen von CDU, CSU und AdF überlassen sollten – dazu hat sich prompt Ursula von der Leyen angeboten. Es ist dringend erforderlich, einen Kampf gegen Xenophobie, Rassismus und Sexismus gleichberechtigt mit einem Kampf gegen Klassenunterdrückung und sozioökonomische Formen von Gewalt zu verbinden – um nicht die klassische Klientel linker Politik an die rechten Parteien zu verlieren.

    Dem rechten Lager fällt es leicht, die ‚populären Klassen‘ auf Kosten von Feminismus und Antirassismus anzusprechen. Das ist für sie deshalb besonders einfach, weil sie ihre Position über ein antagonistisches Ressentiment (gegen Antisexismus und Antirassismus) definieren können, anstatt positive Begriffsprägungen und emanzipatorische Diskurse in Bezug auf sozioökonomische Gewalterfahrungen anstrengen zu müssen. Dass diese beiden großen sozialkritischen Grundstoßrichtungen – Kampf gegen identitätspolitische und Kampf gegen ökonomische Diskriminierung – nicht auseinanderdriften sondern in einer breiten Solidarisierung integriert werden, sollte das wichtigste Ziel und Alleinstellungsmerkmal linker Politik sein. Wer, wenn nicht eine linke Bewegung, wird es verhindern, dass sich – wie derzeit sichtbar – zwei eigentlich doch solidarisierungsfähige emanzipatorische Anliegen gegenseitig zerfleischen?

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    Carolin Emcke formulierte am 27.11.2016 im Gespräch mit Didier Eribon (siehe Videomitschnitt): Es gelte, in eine Diskussion zu finden, die Verteilungsfragen nicht gegen Artikulationschancen ausspiele. Auch wenn das treffend klingt, ist ein entscheidender Punkt aber doch, dass Artikulationschancen nicht allein Gegenstand, sondern selbst die Voraussetzung der Teilhabe an einer Diskussion sind.

    Schaffung von Artikulations- und Anerkennungschancen

    Eribon weist in diesem Sinne zurecht darauf hin, dass die Mobilisierung der populären Klassen keine bloße (Um-)Verteilungsfrage ist, sondern sich erstens auf die Schaffung von Artikulations- und Anerkennungschancen und zweitens auf die Aktivierung und Einbindung der Betroffenen in den Diskurs richten muss. (Genauso ist natürlich der Feminismus kein alleiniger Kampf um Artikulationschancen, sondern auch um Verteilungsgerechtigkeit in vielen Dimensionen.)

    Ganz ähnlich wie im Fall des Feminismus bedeutet das die Schaffung oder Rehabilitation eines passenden Vokabulars für die sozioökonomischen Gewalt- und Demütigungserfahrungen von Mitgliedern populärer Klassen. Erneut geht es also um eine selbstbestimmte Arbeit des Sichtbar- und Artikulierbarmachens gesellschaftlicher Missstände und Forderungen in einem Feld, wo aktuell viel Wut und Hass vorzufinden ist, viele Ressentiments, viele sexistische und xenophobe Verschiebungen von Wut auf Sündenböcke.

    Dass hingegen aktuell sehr wenig passendes Vokabular für eine neue Thematisierung der sozioökonomischen Klassenverhältnisse zur Verfügung steht, liegt nicht zuletzt auch daran, dass dieses Vokabular in den letzten 40 Jahren durch die neoliberale Vereinnahmung einiger linker Stimmen und durch die Drohkulisse des Kalten Krieges systematisch diskreditiert und abgebaut wurde (siehe dazu neben dem genannten Buch von Eribon auch Philip Mirowski).

    Weil die Entstehung einer solchen Artikulationspraxis nur unter großflächiger Einbeziehung der Betroffenen selbst erfolgreich sein kann, beginnt das Projekt der Verbindung von Verteilungs- mit Anerkennungsfragen bereits im Kleinen, auf der Ebene lokaler politischer Begegnungen und der Gestaltung von Räumen für politischen Austausch. Und das hat mitunter unmittelbare praktische Konsequenzen für die AkteurInnen linker politischer Bewegungen.

    Denn es kann für jede/n einzelne/n bedeuten, einen gewichtigen politisch-ethischen Konflikt zu umarmen: Einige der Menschen, die es entlang der Achse sozioökonomischer Gewalterfahrungen zu mobilisieren gilt, sind entlang der Achsen Anti-Rassismus und Anti-Sexismus aktuell nicht positiv ansprechbar, vielleicht erscheinen sie sogar im persönlichen Umgang schwer erträglich, wenn sie die awareness- und Sprachpolitiken linker Räume nicht beachten.

    Daran zeigt sich, dass sich das Problem einer Ausspielung von Verteilungs- und Artikulationschancen schon in der Mikropolitik der Interaktionsformen und situativen Rahmungen politischer Begegnungen stellt. Vielleicht fordert es auch eine neue Auseinandersetzung mit der Macht der Sprache heraus, nämlich in Gestalt der Frage, ob die Sprachlichkeit des eigenen Milieus im Fall einiger – gleichwohl nicht aller – linker Räume nicht aktuell die Tendenz besitzt, zu einem Kodex moralischer Identitätsbeweise zu werden.

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    Wenn Mitglieder der ‚populären Klassen‘ in politische Gruppen und Diskussionen eingebunden werden sollen, deren Fokus zuletzt verstärkt auf dem Kampf gegen Rassismus und Sexismus lag, dann ist erneut zu bedenken, wie schwer oder leicht es tatsächlich ist, in den vorhandenen Räumen dieser Debatten zu sprechen – wie leicht es passieren kann, dass darin so manch ein argloser Sprechversuch fortlaufend in Fettnäpfchen tritt.

    Verschiebung des Politischen ins Moralische

    Natürlich ist Sprache eine gewaltvolle strukturelle Ebene u.a. der geschlechtlichen und rassistischen Diskriminierung in vielen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Situationen. Und es passiert leider ziemlich häufig, dass es Menschen gibt, die bestimmte sich als inklusiv und offen verstehende politische Räume (z.B. lokale Diskussionsgruppen oder Aktiventreffen) aufsuchen, um ihren Ressentiments freien Lauf zu lassen und zu sagen, was ihrer Meinung nach „ja wohl mal gesagt werden darf“.

    Es geht mir nicht darum, das hinzunehmen oder zu legitimieren – dennoch muss aber die Verschiebung vom Politischen ins Moralische diskutiert werden, die gegenwärtig häufig zu beobachten ist: Wenn eine bestimmte Sprache zum moralischen Code der legitimen Zugehörigkeit zu einem politischen Raum oder Milieu wird, kehren sich situativ nämlich die Gewaltverhältnisse um.

    Die im Zusammenhang mit der Sprache betrachtete Diskriminierungsfrage wird dadurch unwillentlich entpolitisiert (weil nicht mehr auf ihre politischen und strukturellen Mechanismen befragt) und ins Moralische verschoben – und zugleich werden bezüglich der am Diskurs des Raumes beteiligten Menschen Ein- und Ausschlüsse produziert, die eigentlich politisch reflektiert werden sollten.

    Blockwartmentalität einiger Linker

    Wie also können politisch links orientierte Menschen anstatt der immer häufiger antreffbaren Blockwartmentalität zu einer Praxis ihrer anti-sexistischen und anti-rassistischen Grundeinsichten finden, die es ihnen dennoch erlaubt, auf Augenhöhe auch Subjekte aus rassistischen und sexistischen Milieus anzusprechen, zu adressieren und zu hören?

    Auch das ist nun eine Frage der Haltung, des êthos, – in der politischen Praxis, in der Gesprächskultur politischer Räume. Auch in der Selbstreflexion des politischen Handelns tritt hier die in Teil eins anhand von Trump thematisierte Dimension des êthos auf den Plan: Was heißt es heute, links zu sein? Nicht als eine Ideologie oder ein Katalog politischer Forderungen, sondern einmal in der ethischen Dimension betrachtet, in Bezug auf die Art und Weise, sich in die politische Begegnung hineinzuhalten?

    In diesem Sinne möchte ich mit einem Vorschlag zur Diskussion schließen. Vielleicht kann eine Solidarisierung zwischen Menschen, die durch sozioökonomische Gewalt diskriminiert werden, und Menschen, die entlang der Strukturen gender oder race diskriminiert werden, dadurch erreicht werden, der/dem jeweils anderen mit der Haltung eines hypothetisch-wohlwollenden Grundvertrauens zu begegnen: Wenn ein Mensch nach unten tritt, sich in Hass und Demütigung gegenüber vermeintlich unterlegenen ergeht, dann verraten sich darin Gewalt und Demütigung, die dieser Mensch (und sein Milieu) vielleicht ein Leben lang selbst vom jeweiligen „oben“ seiner gesellschaftlichen Stellung erfährt.

    Der Rassismus und Sexismus der populären Klassen ist konstitutiv verknüpft mit der sozioökonomischen Stellung dieser Klassen. Deshalb ist es auf der Ebene persönlicher Begegnungen doppelt demütigend, wenn eine moralisierende Haltung gegenüber Rassismus und Sexismus eine implizite Zutrittsvoraussetzung kritischer Diskurse ist, die für mehr soziale Gerechtigkeit kämpfen.

    Diese sozialpsychologischen Hypothese liefert schließlich auch einen inhärenten Grund dafür, warum der Kampf gegen sozioökonomische Unterdrückung mit dem Kampf gegen Alltagssexismen und -rassismen verzahnt werden kann und muss: Beide Formen der Diskriminierung stützen sich nämlich wechselseitig, sie gehen in vielen Fällen auf eine gemeinsame sozioökonomische Ursache zurück – und für diese gilt es, ein neues Vokabular des sozialen Klassenkampfes zu finden.

    Anm. d. Red.: Den ersten Teil dieses Essays können Sie hier nachlesen. Die Fotos stammen von Daniel Lopez Garcia und stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.


3 Kommentare zu Jenseits von Identitätspolitik: Warum wir ein neues Vokabular des Klassenkampfes brauchen

  • Enttäuschend. Vor allem nerven die rhetorischen Manöver: "ohne ... das Wort reden zu wollen" - und dann wird genau dem das Wort geredet, nämlich "das mögliche 'Versagen' der Linken als Mitursache für den Aufstieg des Rechtspopulismus". Entweder ist das unaufrichtig oder einfach verwirrt. Sehr wahrscheinlich ersteres, denn dann wird noch von "linker Blockwartmentalität" gesprochen. Sorry. Das ist Sarah Wagenknecht Niveau: "AfD light". Dabei geht es von einer sehr dummen Voraussetzung aus: die Arbeiterklasse sei a) weiß, b) tendenziell rassisstisch & sexistisch. Also erstens bleibt festzustellen, dass die Arbeiterklasse, wenn man diesen Begriff gebrauchen möchte, nicht weiß ist und es nie war. Und zweitens gibt es nicht nur wohlhabende LBGTG-Menschen, sondern in allen Schichten - und Klassen. Schon die Annahme, dass es sich bei dem Kampf um gleiche Rechte für alle um ein Elitenprojekt handelt ist - sorry: einfach nur dumm. Und übersieht eines: die AfD, das sind eben nicht nur die sog. "Abgehängten", die ArbeiterInnen, Angestellten und Arbeitslosen, sondern oft der fetteste Mittelstand, Leute, die sich für Intellektuelle halten. Gerade aus jenen, die um Verständnis für die sog. "Abgehängten" werben spricht selbst das Symptom, das sie kritisieren: die Verachtung der Unterschichten. Im englischen gibt es dafür ein gutes Wort: "Classism". Dieses Wort macht die Klassendiskriminierung den anderen Diskriminierungsformen vergleichbar - that's the way to go, bro, nicht dieses Geschwurbel, das von falschen, aber leider viel zu oft geteilten Voraussetzungen ausgeht. Sorry.
  • André am 17.02.2017 00:05
    "Zunächst ist klar, diese Aufnahme liefert einen pointierten Beleg für Trumps charakterlich tief verankerte Verachtung für Frauen, für seine reaktionäre soziale Weltsicht und ein Exempel von Männerbündigkeit, das durch die apologetische Formel „locker room talk“ nochmal bestätigt wurde."

    Was hat man denn öffentlich erwartet von Trump? Konterkariert es denn diese Sendung oder sein Image? Sind die früheren Zuschauer dieser Sendung des "Fleischbeschaus" angewidert, dass so etwas hinter den Kulissen gesprochen wurde?


    Die strukturelle Gewalt scheint ein puritanischer Moralcode in den Staaten verbunden mit einer öffentlichen Tendenz, diesen offensiv zu verletzen. Wenn die Linke Sittenwächter spielt, also die klassisch konservative Position einnimmt, vorgeblich zugunsten von "Opfern" von Rassismus und Sexismus, ist das eine bittersüße Sache.
  • Andreas B am 22.02.2017 14:32
    Der Autor schreibt: "Natürlich ist Sprache eine gewaltvolle strukturelle Ebene u.a. der geschlechtlichen und rassistischen Diskriminierung in vielen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Situationen."
    Richtig, und sie ist die gewaltvolle strukturelle Ebene, die der Identitätsbildung des bildungsbürgerlichen Milieus dient und maßgeblich dabei hilft, es von der Restbevölkerung abzugrenzen und über sie zu erheben.

    Nirgendwo auf der Welt ist die Undurchlässigkeit für die sogenannten bildungsfernen sozialen Schichten so ausgeprägt wie hierzulande. Es geht eben nicht nur darum was man sagt, sondern auch darum wie. In ihrer großen Mehrheit ist die Linke, unabhängig von ihren unterschiedlichen politischen Spielarten, eine bildungsbürgerliche Veranstaltung. Die Sprache im Artikel von Rainer Mühlhoff drückt das beispielhaft aus.

    Insofern könnte ein erster Ansatz für eine verständlichere Vermittlung richtiger Inhalte und Kritiken darin bestehen, über den eigenen Sprachgebrauch und den verwendeten Abstraktionsgrad nachzudenken. Sich allgemeinverständlich auszudrücken, bedeutet nicht platt zu werden.

    Angesichts der immer lauter werdenden Wutbürger*innen, die fälschlicherweise vorwiegend den sogenannten bildungsfernen Schichten zugerechnet werden, ist in linken Kreisen wieder verstärkt von gesellschaftlichen Klassen die Rede. Vielfach wird auch "das Proletariat" bzw. "die Arbeiterklasse" bemüht.

    Das ist auch eine Form von Identitätsbildung, in diesem Fall einer sinnlosen. Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht klassen- oder schichtspezifisch zuordenbar. Auch die Zumutungen des Systems in Gestalt von Sachzwängen wirken quer durch die Gesellschaft. Natürlich verfügen die einen über mehr Geld und damit über mehr MÖglichkeiten als die anderen. Aber dem grundlegenden Zwang, als vereinzelte Individuen dem Geld nachjagen zu müssen, sind alle unterworfen. Deshalb denkt auch der "kleine Mann" meistens wie der "große Mann", er hat nur weniger Möglichkeiten.

    Ich bezweifle sehr, dass Rechtradikalismus, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus etc. dadurch verschwinden, das Geld gerechter verteilt wird oder alle arbeiten dürfen bzw. müssen.

    Eigentlich geht es schon lange nicht mehr um monetäre Umverteilung sondern darum, dass die Individuen gemeinschaftlich darüber bestimmen können, was sie für ihre Lebensgestaltung benötigen, wie sie es herstellen und wie sie miteinander Teilen. Dazu gehört auch, sich mit diskriminierenden Einstellungen und Verhalten auseinandersetzen. Dann allerdings vor dem Hintergrund einer grundsätzlich gesicherten Existenz ohne Konkurrenzwang und durch Geldfetischismus geprägte Vorstellungen und Verhalten, auf die ich persönlich Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus zurückführe.

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