• Tokio nach 3/11: Löst sich der Zusammenhalt auf?

    Panik, Verwirrung, Frust. Vier Wochen nach dem 11. März stehen die Menschen in Japans Hauptstadt vor der Herausforderung, sich von den negativen Vibes der Katastrophe und den alten Übeln des Großstadtlebens nicht unterkriegen zu lassen. Unsere Tokio-Korrespondentin Jacinta Hin schildert den (inneren) Kampf.

    In der ersten Woche nach dem Erdbeben vom 11. März spürte ich ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl in Tokio. Es fühlte sich an, als ob sich unsere urbanen Egos zurücknahmen und wir durch unsere gemeinsame Erfahrung zu einer Gemeinschaft wurden. Trotz allem was passiert war und dem andauernden, sich ausbreitenden Horror, sah ich auch viel Schönes in diesen ersten Tagen.

    Jetzt, vier Wochen später, sehe ich viele dieser nervigen Egos, inklusive mir, die sich wieder wie vorher benehmen. Egos, die dazu tendieren, mit unseren guten Gemütern ihre Spiele zu treiben und unsere Aufmerksamkeit weg von diesem Sinn für Gemeinschaft zurück in die Vereinzelung zu lenken.

    Meine eigene innere Möchtegern-Königin ermahnt mich immer wieder, meine eigenen Bedürfnisse über die der anderen zu stellen und mich erst um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Gleichzeitig bemängelt sie, dass ich selbstsüchtig sei und so wenig für jene tue, die Hilfe brauchen. Sie fragt sich, warum ich nicht schon längst da draußen, oben im Norden, bin und mich nützlich mache und tut das, was ich aus der Ferne mache, als unzureichend ab. Sie ist eine laute und herrische Möchtegern-Königin.

    Jeder Beitrag zählt

    Aber wenn ich auf meine innere Stimme höre, dann sieht es anders aus. Dann höre ich, dass jede Tat zählt, dass jedes bisschen Hilfe einen Unterschied macht. Dass egal welche Form oder Größe die Hilfe hat, sie immer aus der gleichen Quelle kommt und zum gleichen Ort geht.

    Ich ermahne mich, dass es kein „uns“ oder „sie“ gibt. Dass ich nicht meine Zeit verschwenden sollte, indem ich mich klein fühle im Gegensatz zu den Menschen auf der Erde, die Tag und Nacht dafür arbeiten, dass Essen und tägliche Notwendigkeiten die Notunterkünfte und Evakuierungscamps erreichen.

    Dass ich nicht urteilen sollte über die „panischen“ Leute, die aus Angst vor Schäden durch Strahlung, die Stadt schnellstmöglich verließen und uns, die Bleibenden, zurückließen. Ich ermahne mich sogar, dass „diese” Tepco-Leute und andere ignorante und arrogante Bürokraten und Offizielle niemals jemandem schaden wollten und genauso besorgt und darauf bedacht sind, die Situation in den Griff zu kriegen, wie der Rest von uns.

    Zurück zu einem neuen Japan

    Meine innere Stimme sagt mir auch, dass ich nicht diesen zwiespältigen, polarisierenden Gefühlen nachgeben, sondern stattdessen zu diesem Gefühl der Gemeinschaft zurückkehren sollte. Diesem starken Gefühl der Kommunikation, das ich in den ersten Tagen nach dem Erdbeben hatte. Und dass ich, statt tausend verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun und jede Organisation mit allem was ich habe unterstützen zu wollen, ich mich auf ein Ziel konzentrieren und dann agieren sollte.

    Wir haben viel zu tun und viele Entscheidungen zu treffen. Wir müssen eine Ebene finden und uns gleiche Ziele stecken. Eine Stimme sein, für ein neues, beseeltes Japan.

    Also habe ich neue Absichten: den Ärger gehen lassen; mich wieder stark fühlen; wissen, dass jede Stimme und jeder Beitrag zählt; und ohne Zweifel oder Unsicherheit glauben, dass meine eigene Stimme und mein eigener bescheidener Beitrag genauso zählt. Nie wieder Vereinzelung, keine Unsicherheit. Zurück zu Gemeinschaft und Zusammenarbeit. Geerdet sein, in dem, was ich kann, als Teil eines großen Ganzen.


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