• Schattengewerbe: Wall Street und Drogengelder

    Neben Energie- und Pharma-Konzernen genießen Banken eine Art Narrenfreiheit: Sie sind gegenüber der Gesellschaft quasi nicht rechenschaftspflichtig. Auf der illegalen Kehrseite dieser Medaille finden sich Drogenkartelle und Terrornetzwerke – auch ihre Geschäfte lassen jegliche Form von Transparenz vermissen. Berliner Gazette-Gastredakteur Andi Weiland zeigt am Beispiel der Wachovia Bank, wie beide Seiten zusammenarbeiten.

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    Drogen sind in der Popkultur wohl eines der schönsten Themen. Nicht nur wegen des Rauschs, sondern auch wegen der Geschichten. Der kriminelle Hintergrund würzt die besten Erzählungen – ob nun die ganzen Gangstergeschichten innerhalb der Zeit der Prohibition oder die Drogenkriege aus Mexiko. Auch aktuell gewinnt die Fernsehserie „Breaking Bad“, die sich mit Chrystal Meth befasst, immer mehr Zuschauer: Ein Chemielehrer aus New Mexico, der an Krebs leidet, will seine Operation mit der Herstellung und dem Verkauf von Chrystal Meth bezahlen. Innerhalb kürzester Zeit verdient er Millionen, gerät aber auch in den Drogenkrieg zwischen Mexiko und den USA und wird vom liebenden Familienvater zum Kriminellen, „he‘s breaking bad“.

    Was als sehr gut erzählte Geschichte die Zuschauer vor den Fernseher lockt, ist leider nicht nur Fiktion. Das Geschäft mit den Drogen ist ein Milliardengeschäft und besonders die Drogenkartelle in Mexiko versuchen dieses Geschäft mit aller Gewalt durchzusetzen. Mehr als 30.000 Menschen haben in dem Drogenkrieg zwischen den Kartellen und dem Staat in den letzten vier Jahren ihr Leben verloren. Allein diese Zahlen lassen erahnen, dass staatliche Institutionen in diesem Krieg nur am Rande eine Kontrollfunktion übernehmen.

    Wachovia Bank: Schockierende Enthüllungen

    In einem sehr guten, aber leider auch sehr erschreckenden Artikel deckt der Guardian auf, wie eine der größten US-amerikanischen Banken „Wachovia“ in diesem Drogengeschäft mitmischt. Im Februar 2005 stellte die Wachovia Bank, die heute zu Wells Fargo gehört, Martin Woods in der Anti-Geldwäsche-Abteilung in London ein. Solche Abteilungen sind für die Kontrolle der internen Abläufe wichtig, allerdings nicht mit staatlichen Kontrollinstanzen zu verwechseln. Schon bald fiel dem ehemaligen Scotland Yard-Officer Woods auf, dass Wachovia merkwürdige Transaktionen mit mexikanischen Filialen wie „Casas de Cambio“ (CDC) hatte. Von denen nahm Wachovia Wechselgeld an, ohne die Summen offen zu legen.

    Darüber hinaus hat Wachovia zwischen 2004 und 2007 über die CDC 373 Millarden Dollar entgegengenommen. In bar kamen nochmal 4,7 Millarden Dollar hinzu. Kurz, Wachovia hat für die Drogenkartelle fast 400 Milliarden Dollar gewaschen. Neben der Geldwäsche hat die Bank auch Teile der Logistik finanziert: so wurden mit dem gewaschenen Geldern Flugzeuge wie eine DC-9 im Wert von 13 Millionen Dollar gekauft. 2006 kontrollierten Soldaten eines dieser Flugzeuge, in dem sich 5,9 Tonnen Kokain befanden. Pro Gramm bezahlt man in den USA 27 Dollar. Die Flugzeuge haben sich also schnell rentiert.

    Als Woods seinen Chefs später die Ergebnisse zeigte wurde er laut einem Artikel im „Barrons“ von seinen Chefs schikaniert und bekam später sogar Morddrohungen. Er glaubt, dass Leute von Wachovia dem Drogenkartell einen Tipp gegeben haben. Woods wurde zu einem wichtigen Whistleblower, der nicht nur dieses Blutgeschäft offen legte, sondern auch ein noch viel größeres Problem: durch die Globalisierung des Bankenwesens und die fehlenden Kontrollinstanzen ist es möglich, solche Geschäfte zu machen.

    Nicht Cayman Island, sondern Wallstreet

    Nun ist dieser eine Fall öffentlich geworden. Warum aber haben diese Entdeckungen bislang wenig Gehör gefunden? Es wäre naiv zu glauben, dass Wachovia die einzige Bank ist, die mit Drogen Geld verdient. Die größten Geldwäschen passieren nicht auf Cayman Island oder der Isle of Man, sondern in London und der Wall Street. Allein eine Anklage gegen die sechstgrößte Bank der USA dürfte zu einer Finanzkrise führen. Andere Thesen gehen sogar soweit, dass ohne die Drogengelder, die US-Börsen zusammenbrechen würden.

    Die Arbeit der Ermittler war nicht in erster Linie durch Todesdrohungen behindert, sondern durch eine Art der Ignoranz von den Banken wie Behörden. Die Wachovia-Mitarbeiter konnten oder wollten einfach keinen Zusammenhang zwischen den Drogen und den Geldflüssen herstellen. Und überhaupt: Ist es wirklich so schlimm solche Geschäfte zu machen? Die finanzielle Bilanz dieser Geschichte: Die späteren Bußgelder wurden von Wells Fargo bezahlt: 160 Millionen Dollar, zwei Prozent des Gewinns 2009.

    Obwohl dieser Fall der perfekte Stoff für einen neuen Hollwood-Blockbuster ist, bleibt vorerst ein sehr bitterer Nachgeschmack. 1) Wachovia ist nicht die einzige Bank in diesem Schattenspiel. 2) Die geringe Strafe kann nicht als Abschreckung dienen. Der Teufelskreis bleibt also bestehen: so lange „seriöse“ Banken Kartelle durch Geldwäschen unterstützen, werden die ihren Machenschaften weiterhin nachgehen können.

    Anm.d.Red.: Die Bilder in diesem Artikel sind Screensaver-Motive der TV-Serie Breaking Bad.


18 Kommentare zu Schattengewerbe: Wall Street und Drogengelder

  • Chris am 04.05.2011 11:24
    Zum Thema internationale/ -isierte Kriminalität wird es in einem Montat eine dreitägige Konferenz in Berlin geben:
    http://www.boell.de/calendar/VA-viewevt-de.aspx?evtid=9753&crtpage=5
  • Silvia am 04.05.2011 12:16
    das ist erschreckend! und so heilsam, dass es mutige Menschen gibt, die sich engagieren und nicht abschrecken lassen!
  • Über die Drogenkriege in Mexiko und auch Kolumbien ist ja schon vieles bekannt gewesen, aber als ich mit dem Artikel im Guardian meine kleine Recherche zu dem Thema angefangen habe, konnte ich es irgendwann nicht mehr fassen. Es geht hierbei ja wirklich um Geldwerte die dem BIP kleiner Länder entsprechen und man wundert sich warum die Gewalt im Drogenmilieu immer mehr zunimmt. Paradox ist dabei wirklich, dass auf der anderen Seite die Staaten versuchen den Drogenhandel mit noch mehr Gewalt, noch höheren Zäunen und einer noch stärkeren Einwanderungspolitik von Mexiko in die USA zu bekämpfen, anstatt einfach nur den Geldhahn zuzudrehen. Mir ist bewusst, dass diese Überlegung sehr idealistisch ist, aber an dem Beispiel von Martin Woods sieht man auch, dass man nicht komplett allein damit steht.
    Leider hat auch der Einsatz von Woods bisher nicht mehr gebracht, als ein paar Artikel und ein paar Dollar Strafe, aber auf der anderen Seite eine große Gefahr für das eigene Leben.
    Und die Frage die in meinen Kopf bleibt: Wen soll der Staat schützen und wen schützt er?
  • rita magret wald am 04.05.2011 15:22
    es ist erschreckend, wie wenig man bisher darüber gehört/gelesen/gesehen hat. die wirklichen verbrechen finden heute in der finanzwelt statt. nur weil man die auswirkungen nicht sofort spürt wie bei einer naturkatastrophe und weil die banken eine so grosse lobby haben, wird alles unter den tisch gekehrt. eine wahre schande!
  • wajda am 04.05.2011 16:00
    ich war im nachhinein ein wenig irritiert über diesen artikel, weil da auch von einer tv-serie gesprochen wird, warum eigentlich? ich meine, banalsiert das die vorgänge in der bankenwelt nicht ein wenig? von wg. stoff für hollywood. es ist und sollte doch ausschliesslich stoff für die staatsanwaltschaft sein...

    auch wenn ich beim lesen selbst auch an kino denken musste:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Machete_%282010%29
  • @wajda, ich hoffe eigentlich nicht, dass mein Einstieg die Thematik banalisiert, weil die Fernsehserie (genau wie auch Machete) ziemlich extreme Beispiele für den Drogen- bzw. Grenzkrieg sind. Von dieser Fiktion aus wollte ich auf die Realität kommen und damit eigentlich nicht die Realität banalisieren, sondern die Fiktion realisieren.
    Als ich mich in das Thema eingelesen habe, dachte ich danach nur noch: Der einzige Unterschied zu "Breaking Bad" besteht darin: dass die Toten und Junkies in der Serie nicht real sind.
  • sabine aus bonn am 04.05.2011 16:34
    danke für diesen Beitrag!
  • Rainald Krome am 04.05.2011 20:49
    Der Journalismus-Professor Todd Gitlin ( http://en.wikipedia.org/wiki/Todd_Gitlin ) hat die Intransparenz der Banken kürzlich als ein Beispiel für die unglaublich großen Probleme genannt, mit denen der Journalismus in der heutigen Zeit konfrontiert ist. Wie kann man damit überhaupt noch umgehen? Wie kann man Öffentlichkeit schaffen in einem Bereich, in dem die kriminelle Energie so groß ist, die Verflechtungen so weitreichend, die Gegenspieler so mächtig und skrupellos? Ist da die Krisendisziplin Journalismus überhaupt noch in der Lage angemessen zu reagieren? angemessen als Kontrollinstanz aufzutreten?
  • neuro am 04.05.2011 21:10
    warum stehen die beiden Männer auf dem zweiten Bild mit AKW-Anzügen rum? warum gibt es auf den Tonnen das Symbol der Radioaktivität zu sehen? Was hat Crystal Meth und Drogenkriminalität mit Atom Kraft zu tun?
  • camper am 04.05.2011 22:40
    das passiert eine ganz schön große menge von dingen, die wir nicht verstehen, sind die dinge deshalb so böse, so schlecht, oder fehlt es einfach an vermittlung? ich habe gerade das hier gelesen und ich denke, wir blicken in eine welt, die wir nicht verstehen und wenn sie uns vermittelt wird, dann über hochglanzbilder oder schreckensmalerei, ach so hier die die geschichte:

    ( http://www.propublica.org/article/u.s.-senate-investigation-gives-new-details-on-magnetar )

    ( http://en.wikipedia.org/wiki/Magnetar_Capital )
  • camper am 04.05.2011 22:42
    mooooooooore: Podcast Pulitzer Special: Jake Bernstein and Jesse Eisinger on Wall Street Coverage
    http://www.propublica.org/podcast/item/podcast-pulitzer-special-jake-bernstein-and-jesse-eisinger/
  • Alfred W. McCoy ist ein Must Read in Sachen Drogenpolitik und Drogenökonomie, gerade in diesem hier von Andi Weiland skizzierten Kontext, da er die Rolle der USA bei der Produktion, etc. beleuchtet.

    Hier ein Interview mit ihm zum Themenfeld:

    http://pdr.autono.net/mccoy.htm
  • @camper, vielen Dank für die Links. Die sind wirklich sehr interessant und eine gute Ergänzung.

    @Reinald Krome, in diesem Fall sehe ich nicht das Problem primär bei den Journalisten, sondern bei den Sanktionen. In den letzten Jahren haben Banken oft genug bewiesen, dass sie kaum Prinzipien des Gemeinwohls verfolgen und haben damit sehr schweren realen und idealen Schaden in den Gesellschaften angerichtet, aber was hat sich geändert?
    Auch Wells Fargo, die ja die Wachovia übernommen hat, hat auch sehr gerne das lukrative Geschäft mit übernommen.

    @neuro, das radioaktive Zeichen auf den Tonnen verstehe ich auch nicht, aber die Schutzanzüge braucht man wohl bei der CrystalMeth-Herstellung.
    Aber was AKWs und Banken miteinander zu tun haben... Ich denke dass es da verschiedene Gemeinsamkeiten gibt, u.a. die Gewinnmaximierung zum Leidwesen der Gesellschaft. Ob Atomkraft oder Aktienmarkt: ein kleines Restrisiko bleibt halt immer. Zonk!
  • Artus Daniel-Hoerfeld via facebook am 05.05.2011 11:20
    Weshalb halten wir uns noch an Gesetze, wenn das Nichtbefolgen weitaus lukrativer ist?
  • Rainald Krome am 06.05.2011 17:30
    @andi #13: Sanktionen ja, aber Journalismus, hallo? das ist kann ein wichtiger Katalysator dafür sein, dass Sanktionen installiert werden. 1) Öffentlichkeit qua Journalismus 2) Debatten in der Politik 3) Sanktionen

    Es scheitert offenbar zuallerst an Punkt 1). Keine Öffentkichkeit bildet sich, die stark genug wäre weitere Dominosteine ins Rollen zu bringen...
  • [...] Dieser Text wurde am 4. Mai bei der Berliner Gazette veröffentlicht. [...]
  • sabine aus bonn am 09.05.2011 11:27
    der Drogenkrieg ist im Augenblick sehr aktuell, in einer traurigen Weise,... Mit einem Schweigemarsch haben mehr als 85.000 Menschen in Mexiko-Stadt gegen die Gewalt der Drogenkartelle und das Vorgehen der Armee protestiert. Ein Dichter hatte zu den vier Tage andauernden Protesten aufgerufen.

    http://www.rp-online.de/politik/ausland/85000-demonstrieren-gegen-Drogenkrieg_aid_995984.html
  • neuro am 09.05.2011 11:37
    gestern in Berlin: Anti-AKW vor dem Kanzleramt "Abschalten!" und Anti-Drogen am Brandenburger Tor --- Berlin demonstriert die komplexen Weltverhältnisse zusammen!

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