• Draußen, die Hölle: Auf der Sraße leben in Berlin

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    Wegschauen, nicht drüber nachdenken, abhaken. In Berlin sind tausende Menschen ohne Wohnung. Doch wer kennt jene Nachbarn, die man überall in der Stadt hat? Der Musikwissenschaftler Niklas Handrich stellt in seiner Reportage zwei Berliner vor, die auf der Straße leben oder gelebt haben.

    *

    „Guten Tag, liebe Fahrgäste, mein Name ist Martin und ich lebe auf der Straße…“ Just in diesem Moment, als dieser auditive Eindringling an meiner Aufmerksamkeit herumkratzt, bemerke ich, wie sich dieselbe verstärkt dem Buch auf meinem Schoß hingiebt. Der Blick wird schärfer und die gelesenen Sätze brennen sich doppelt so intensiv in die Gedanken ein wie zuvor.

    Ich schäme mich. Und doch warte ich ab, bis sich die Schritte neben mir entfernen, bevor ich aufschaue. Martin ist ungefähr in meinem Alter, Mitte bis Ende zwanzig; er trägt zerlöcherte Jeans, hat einen Rucksack und sein Schuhwerk hat eindeutig schon bessere Tage gesehen. Er durchläuft den Zug und fragt hin und wieder, ob jemand eine kleine Spende für ihn hätte. Die übrigen Passagiere reagieren wie ich: Zuerst keine Reaktion, dann ein klammheimlicher Blick, eventuell noch ein Rümpfen der Nase.

    Martin hat kein Glück in diesem Waggon. Dennoch wünscht er allen eine angenehme Weiterfahrt und einen schönen Tag, bevor er den Wagen verlässt, um woanders sein Glück zu versuchen. Die Fahrt geht weiter, als wäre nichts geschehen, und zwei Stationen später beginnt das Spiel aufs Neue.

    Vom Erzählen über Obdachlosigkeit

    Hinter jedem Obdachlosen steckt doch ein individuelles Schicksal, das seine eigene Geschichte erzählt. Aus dieser Flut von Geschichten und Begebenheiten ergibt sich dann eine Menge, die die Obdachlosen umfasst. Sehr ordentlich gedacht, aber kann das funktionieren?

    Ich überlege, was mich genau an diesem Thema rührt und beschäftigt und drehe mich im Kreis; und das im positiven Sinne, denn ich komme zu meiner Eingangsfrage zurück: Warum schaue ich weg, warum die anderen? Wo fängt Gesellschaft an und wo hört sie auf und wer darf dazugehören? Obdachlose sind mitten unter uns, jeder Bürger dieser Stadt begegnet täglich bestimmt einem Dutzend. Doch wenn man „sie“ trifft, werden sie zumeist ignoriert, man beschäftigt sich nicht gerne mit dieser „Schicht“, vielleicht gibt man mal etwas, um das Gewissen zu beruhigen, aber dann wird schnell wieder zum eigentlichen Prozedere übergegangen.

    Sie riechen unangenehm, benehmen sich unzivilisiert, sind häufig betrunken… und sie betteln. Doch wie würde man selbst reagieren, wenn es keinen privaten Raum mehr gäbe? Keine vier Wände um einen herum, die Schutz bieten, vom Innen und vor dem Außen. Schlafen auf einer Bank oder unter einer Brücke. Ausruhen auf dem Gehweg der eigentlichen Gesellschaft. Kurz rasten hinter dem Geldautomaten.

    Ist dies – oder besser – sind SIE eine Unterschicht im Sinne einer Untergesellschaft, einer Subkultur? Gibt es Regeln auf der Straße? Verhaltensmuster? Eine Hierarchie? Gibt eine Ordnung, oder ist sich jeder selbst der Nächste? Die übrige Gesellschaft verschließt die Augen und lenkt sich ab. Bezeichnenderweise gibt es keine realistische Statistik zu Obdachlosenzahlen in Berlin. Laut Berliner Senat handelt es sich um eine Menge von 2000 bis 4000 Menschen, die ohne Obdach und auf der Straße leben. Der Berliner Mietverein sprach im Jahre 2013 von rund 8000 Obdachlosen. Bei anderen Institutionen gehen die Zahlen teilweise in weitere Höhen.

    Klar, nicht jeder Obdachlose geht zum Amt und wird registriert, manche verschwinden aus dem offiziellen Raum. Ebenso, wie der Lebensraum zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, umschließt eine Art Nebel die Angaben: Leben in einer nicht erfassbaren Grauzone. Wie viele es auch sein mögen, mit einigen von ihnen möchte ich sprechen und versuchen herauszufinden, in was für einer Gesellschaft (-sform) sie leben und was sie über die Welt um sich herum denken.

    Das ist Andi

    Andi ist „Baujahr ’64, eigentlich aus Kreuzberg. SO 36, weißte? So’n richt’jet Kellerkind. Det Übliche. Hab morjens immer meene Schulmappe jenomm‘, hab der Mutter ’nen schönen Tag gewünscht und denn det Leben jenoss’n…“ Doch davon lande man nicht zwangsläufig auf der Straße, und das lockere 40 Jahre nach der Schulzeit, werf ich ein.

    Nein, das stimme, sagt er. Sein Vater starb, als er noch sehr jung war, die Mutter fing an zu trinken und er mit den Kumpels Scheiß zu bauen, zu stehlen, einzubrechen. Dann eine Ausbildung zum Schweißer, („Mein Vater hat früher immer gesagt: Junge, sei schlau, geh auf’n Bau.“) Gelegenheitsarbeiten hier und dort, auch im Krankenhaus habe er gearbeitet, „Wäsche und so’n Zeug rumgekarrt“. Da wurde dann die Stelle irgendwann gestrichen und es ging bergab. „Gewohnt hab ick denn bei meiner Oma, die hat mich bei ihr schlafen lassen“, und wieder Diebstahl und Einbrüche, um sich über Wasser zu halten.

    Irgendwann haben sie ihn dann drangekriegt, das war schon etwas später, „Da hatt‘ ick dann schon Frau und Kind… na und dann erstmal für fünf Jahre innen Bau.“ Als er wieder rauskam gab es keinen Anschluss mehr für ihn, keine Einkehr. „Ick hätt eigentlich allet machen können. Ick weeß, wann Metall heiß genug is‘ zum Biegen, oder Spalten, ick seh dit, aber kriegst keene Stelle. Ick hab damals zu meener Mutter gesagt – wir hatten son Verhältnis; ick und meene Mutter – da hab ich gesagt: Knast is scheiße, aber die Hölle is draussen. Drinnen kannste arbeiten und kriegst dreimal am Tag was zu essen, aber draußen…“ Natürlich gab es fürs Erste eine Wohnmöglichkeit, mit fünf anderen zusammen. „Det ha‘ ick da aber nich‘ ausgehalten. Dann bin ich da raus und denn uff die Straße“. Zehn Jahre ist das jetzt her.

    Das ist Sascha

    Sascha und ich kennen uns schon förmlich, wir wurden einander vermittelt und haben einen Termin zum Gespräch verabredet. Einiges weiß ich schon über ihn: Er ist inzwischen runter von der Straße, hat wohl eine Wohnung, und irgendwann innerhalb der letzten anderthalb Jahre eine neue obere Zahnreihe erhalten. Er gliedert sich wieder in die Gesellschaft ein, kennt aber das Leben auf der Straße.

    Sascha ist sehr hager und groß, hat langes Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden ist, und einen gewaltigen Schnautzer. Außerdem ist er verhältnismäßig jung, bestimmt noch keine 40 Jahre alt. Nichtsdestotrotz hat er acht Jahre auf der Straße verbracht.

    Man kennt ihn hier in der Gegend, denn er ist sehr hilfsbereit und packt überall mit an, wo es von Nöten ist. In dem Café, in dem wir uns treffen, wird er, fröhlich und beim Namen genannt, begrüßt, wie ein alter Bekannter. Er sei hier gewissermaßen Stammgast, sagt er. Er kenne den Laden schon seit dem Tag der Eröffnung. Dann zeigt er hinter sich auf die vorbeilaufende Hochbahnbrücke: “Damals hab ich da drüben gepennt”.

    Auch wenn wir nicht erst ein “Vertrauensverhältnis” aufbauen müssen, gibt es Dinge, über die er nicht sprechen möchte; vieles davon hat mit seiner Familie und seinem Verhältnis zu derselben zu tun. Sein Werdegang und der Grund, warum er auf der Straße landete, betrifft wahrscheinlich auch 98% aller anderen Obdachlosen. Es geht um eine Substanz, die frei verfügbar und gesellschaftlich annerkannt ist, die in den “richtigen” Situationen entweder den Fall aus den sozialen Systemen beschleunigt, oder anschließend nahezu abschließen kann: Alkohol.

    Einmal im “Kreislauf” angekommen, fiel es schwer – gab es nahezu keine Option – daraus auszubrechen. Sascha arrangierte sich, erlernte zu überstehen. Beispielsweise, indem er sich mit anderen zusammenschloss, um in dieser zielorientierten Gruppierung gemeinsam ein Bahnticket zu kaufen und in den kalten Monaten in südlichere Gefilde zu reisen. Lieber auf der Straße unterwegs, als sich einzugestehen, dass keine eigene Möglichkeiten bestehen und sich in Notunterkünften niederzulassen. Das Leben selbst in der Hand haben, soweit es eben geht.

    So kam es hin und wieder auch zu Zwischenfällen, die ihn zwangen den Ort wieder zu wechseln. Mal in Verbünden, mal allein, zweieinhalb Jahre unterwegs, bevor er wieder nach Berlin zurückkehrte. Nach ein paar Jahren wohnte er trotzdem vorübergehend in einer Notunterkunft, war aber noch nicht bereit, die Straße und das einhergehende Leben restlos hinter sich zu lassen; sich auf ein neues Leben einzulassen.

    Stille Sitzungen

    Auch er war eher ein stiller Typ, er bettelte zwar, doch drängte sich nicht auf. “Stille Sitzungen” nennt er das. Und er hielt sich stets an die Konventionen des öffentlichen Rahmens. Wenn er merkte, dass der Suff überhand nahm und er die Kontrolle verlor, zog er sich zurück.

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    Irgendwann muss sich der Wunsch und Wille geformt haben aus diesem Leben auszubrechen, etwas zu ändern, von der Straße runterzukommen. Sascha entgiftete sich selbst; er hörte einfach auf zu trinken: Cold Turkey. Er suchte sich Beschäftigungen, half Securities, übernahm kleine Aufgaben, wenn er welche ergattern konnte. Somit schaffte er sich selbst ein regelmäßigeres Leben und sorgte dafür, dass er bei denen, die ihn kannten, gern gesehen war.

    Inzwischen wohnt er, nachdem er einige Zeit in einer “feuchten” Einrichtung (in Maßen durfte Alkohol vorrätig sein und konsumiert werden) zubrachte, heute in einer Wohngemeinschaft. Sein Ziel ist es eine richtige eigene Wohnung zu beziehen, vielleicht im nächsten Jahr. Arbeiten tut er auch. Nur mit der Ordnung hat er es noch nicht so, sagt er etwas verlegen.

    Während -, und nachdem er mir seine Vergangenheit chronologisch berichtet hat, kommen wir häufiger auf das Thema der Gesellschaft, der Wahrnehmung durch diese. Auch Sascha gibt leider Grund zu der Annahme, dass die meisten Leute von zwölf bis mittags denken, oder es sich außerordentlich einfach machen.

    Positive Erfahrungen

    Als ich ihn zum Thema der Rivalitäten auf der Straße (oder Hierarchien) befrage, erzählt er mir, dass er mal einen Stammplatz verlor: Jemand anderes setzte sich auf seinen Platz und Sascha war “unbesonnen” genug, es zuzulassen. Anscheinend verhielt sich dieser Platzwart seiner Umwelt gegenüber unangemessen; pöbelte und vermittelte einen schlechten Gesamteindruck. Das nächste Mal, als Sascha auf seinem Platz saß wurde er weggejagt. Ähnliches passierte häufig in Geschäften, ganz nach dem Motto: Ein Obdachloser klaut, alle Obdachlosen klauen. Somit erschwerte man sich gegenseitig das Leben.

    Doch als ich ihn frage, ob der Hauptteil seiner Erfahrungen negativer Natur seien, zögert er, überlegt kurz und antwortet schließlich mit einer Verneinung: Es gleiche sich eigentlich aus, denn er habe auch unglaublich positive Erfahrungen gemacht. Als Beispiel erzählt er von einer Begebenheit, die sich ereignete, als er vor dem Eingang einer Kaufhalle saß: Den Mitarbeitern war er bekannt, denn auch hier half er aus, wenn es etwas zu tun gab.

    Ein Kunde beschwerte sich beim Marktleiter über den “Penner vor der Tür”; genauer gesagt nur über dessen Anwesenheit, denn Sascha sprach nicht, saß einfach nur da. Doch dieser Anblick genügte besagtem Bürger, um zum Beschwerdeeinreicher zu mutieren. Der Marktleiter, beruflich dazu verpflichtet, ging mit vor die Tür, schaute von rechts nach links (ohne Sascha direkt anzusehen) und sagte: “Ich sehe nichts, aber die Richtung dort sieht so aus, als könnten Sie dort gut hingehen…”

    Wir sprechen noch lange über Gesellschaft, Wahrnehmung, die Medien. Sascha besitzt inzwischen einen Fernseher, schaut aber nur Sport und die Nachrichten. Als wir über Unterhaltungssendungen wie das Dschungelcamp sprechen,sagt er: “Ich würde gerne mal eine Sendung sehen, in der Politiker mit Obdachlosen das Leben tauschen – für ‘ne Woche oder so… Ich gäbe denen circa zwei Tage…”.

    Anm. d. Red.: Die Fotos stammen von Jonathan Kos-Read und stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.


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