• Zwangsprostitution: In Südkorea kämpfen die letzten überlebenden „Comfort Women“ um Gerechtigkeit

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    Seit 23 Jahren demonstrieren die letzten überlebenden „Comfort Women“ („Trostfrauen“) jede Woche in Seoul. Das Militär hatte sie während des Krieges zur Prostitution gezwungen. Nach Annäherungen in den 1990er Jahren ist Japan unter der aktuellen Regierung von Shinzo Abe wieder davon abgerückt, die Verbrechen der eigenen Armee einzugestehen. Berliner Gazette-Autor Alexander Krex traf einige der Frauen vor Ort. Eine Reportage.

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    Am letzten Mittwoch im Juli drängen sich rund 300 Koreaner vor der japanischen Botschaft in Seoul, Schüler, Mütter, ein paar Nonnen, ein paar Kameramänner. Die Polizei hat Absperrbänder gespannt und versucht die Straße freizuhalten. Auf der Ladefläche eines blauen Hyundai, der quer auf dem Gehweg parkt, steht eine Frau und ruft ins Mikrofon: „Es sind nur noch 48 am Leben. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Dann schreit sie: „Freiheit!“, streckt eine Faust in die Luft, „Freiheit für die Großmütter“.

    Die Demonstranten wiederholen den Satz im Chor und schwenken selbstgebastelte Schilder. Viele tragen Ein-Mal-Regenmäntel aus Plastik, bis eben hat es genieselt. Der Himmel ist tiefgrau. Drüben, in der schmucklosen Botschaft aus roten Backsteinen, sind trotzdem alle Jalousien runtergelassen. Die Japaner können es nicht mehr hören.

    Seit 1992 protestieren die sogenannten Trostfrauen jede Woche vor der Botschaft, ihre Mittwochsdemos haben es sogar ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft. Sie wollen, dass Japan endlich zugibt, Frauen vor und während des zweiten Weltkriegs systematisch zur Prostitution gezwungen zu haben. Sie stammten aus Korea, China, von den Philippinen und aus anderen ostasiatischen Ländern. Schätzungen gehen von bis zu 300.000 Betroffenen aus. Konservative Japaner, darunter Politiker und Professoren, sagen bis heute, es seien Prostituierte gewesen die nur ihren Job gemacht hätten.

    Zwangsprostitution während des zweiten Weltkriegs: Die Forderungen der „Trostfrauen“

    Diese Woche sind zwei ehemalige „Trostfrauen“ gekommen, sie sitzen auf Plastikstühlen in der ersten Reihe. So viele Unterstützer wie heute haben sie nicht immer, manchmal sind es nur eine Hand voll. Aber kurz vor dem 70. Jahrestag der Kapitulation Japans ist die Aufmerksamkeit groß. Am 15. August feiert Südkorea seine Unabhängigkeit, von 1910 bis 1945 stand es unter japanischer Herrschaft. Seouls Innenstadt ist voller Flaggen, sie sind über die Glasfassaden der Wolkenkratzer gespannt, sie hängen von Laternen. Der Stolz auf das, was die junge Nation seit dem Ende des Koreakrieges erreicht hat, ist groß. Innerhalb von zwei Generationen ist Südkorea von einem armen Land zu einer wohlhabenden High-Tech-Nation aufgestiegen. Die Geschwindigkeit mit dem das „Wunder vom Han-Fluss“ wahr wurde, stellt selbst das Westdeutsche Wirtschaftswunder in den Schatten.

    Eine Genugtuung aber fehlt noch, die offizielle Entschuldigung Japans für die Zwangsprostitution. Korea will sie bald hören, denn die Überlebenden sind alle um die 90 Jahre alt. Das Schicksal der „Halmonideul“, der „Großmütter“, wie sie hier genannt werden um den hässlichen Euphemismus „Trostfrauen“ zu vermeiden, beeinträchtigt das Verhältnis beider Staaten bis heute. Die Internationale Gemeinschaft steht hinter Korea. Vergangenes Jahr forderte der UN-Menschenrechtsausschuss erneut, Japan solle die volle Schuld anerkennen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich dafür aus. Bei ihrem Japanbesuch im März sagte sie, es sei an der Zeit, die Angelegenheit angemessen zu regeln. Konflikte aus Kriegszeiten stünden einer Versöhnung im Wege. Der japanische Außenminister fand Merkels Äußerungen unpassend, gegenüber Journalisten sagte er, dass man die Aufarbeitung von Kriegsschuld in Deutschland und Japan nicht vergleichen dürfe.

    Vor der Botschaft steigen jetzt ein paar Highschool-Jungs auf die Bühne, sie haben ein Lied vorbereitet. In ihren weißen T-Shirts sehen sie aus wie eine K-Pop-Band, Nebensache, dass ihre Choreographie nicht wirklich synchron ist. Ein paar Mädchen kichern, ein paar Jungs schütteln die Köpfe, die meisten aber finden den Auftritt gut, es geht ja um den Inhalt. Das Lied handelt von den Dokdo-Inseln, zwei winzigen Klippen im Japanischen Meer – Korea zieht den Namen Ostmeer vor – um die beide Länder streiten. Noch so eine Sache, finden sie hier, bei der sich die Japaner die Geschichte zurecht biegen, indem sie koreanische Quellen ignorieren, die die Zugehörigkeit der Inseln seit dem Mittelalter belegen. Man könnte sagen die „Trostfrauen“ sind das Symbol für all die Ungerechtigkeiten, die man Japan vorwirft. Man könnte auch sagen, Koreas Politik instrumentalisiert die Frauen.

    Dann ist plötzlich Stille. Eine der beiden Großmütter ist von ihrem Stuhl aufgestanden und nach vorn gekommen. Sie heißt Gil Won-ok Gil, ist 87 und trägt einen hellen Sonnenhut mit aufgenähter Blüte. Sie spricht leise aber deutlich ins Mikrofon: „Die Leute sagen, Korea sei befreit. Aber wir Großmütter sind noch nicht frei – solange nicht, bis Japan zu seinen Taten steht und Wiedergutmachung leistet.“ Sie wünsche sich, sagt sie noch, dass es Präsidentin Park Geun-hye gelingen werde, die Japaner zu überzeugen. Die Hoffnungen sind groß, dass Präsident Shinzo Abe den 70. Jahrestag der Kapitulation dazu nutzen werde, auf Südkorea zuzugehen. Mindestens genauso groß sind die Zweifel.

    Japans Deutung der Geschichte

    Denn Abe verfolgt einen nationalistischen Kurs, das Verhältnis zu Japans Nachbarn scheint ihm egal zu sein. Abe wird als der konservativsten Regierungschef seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Er wolle, hat er einmal gesagt, „Japan zurückbringen“ und mit dem „Masochismus“ der Nachkriegszeit Schluss machen. Mit einem auch im eigenen Land umstrittenem Gesetzesentwurf stärkte er kürzlich die Rolle des Militärs. Außerdem ließ er Schulbücher auf die patriotische Linie der Regierung bringen. Darin werden die Dokdo-Inseln, die in Japan Takeshima heißen, neuerdings zum eigenen Territorium gerechnet. Die „Trostfrauen“ tauchen in Schulbüchern ohnehin nicht auf.

    Tae-Gyun Park ist Professor für koreanische Geschichte an der renommierten Seoul National University. Er sagt, es ist nicht nur die Frage der „Trostfrauen“, die einer endgültigen Versöhnung im Weg steht, sondern die unterschiedliche Bewertung der Kolonialherrschaft insgesamt. „Die Rechten in Japan sind immer noch der Meinung, sie hätten ein unzivilisiertes Korea zivilisiert. Aber für uns war das eine dunkle Ära.“ Abes Revisionismus findet Park „sehr traurig“, und zwar auch, weil die koreanische Regierung ähnlich plump reagiert. „Derzeit gibt es sechs verschiedene Geschichtsbücher für den Unterricht in Korea. Demnächst sollen sie durch ein einziges ersetzt werden, das die offizielle Linie repräsentiert.“

    Die Schulbücher sind nur ein weiteres Kapitel im langen Kampf um die Deutungshoheit über die Geschichte. Spätestens seit dem 14. August 1991 wird dieser Kampf im Fokus der Öffentlichkeit geführt. An diesem Tag gab sich die erste Koreanerin, Hak-soon Kim, als Opfer der Zwangsprostitution zu erkennen. Mehr als 50 Jahre nachdem sie vom japanischen Militär aufgegriffen wurde, erzählte sie ihre Geschichte. Mit ihr bekamen die bis dahin namenlosen Frauen ein Gesicht.

    Bald tauchten auch die ersten schriftlichen Quellen auf, die die Existenz von Einrichtungen belegten, in denen Frauen zum Sex gezwungen wurden. Ein japanischer Professor hatte sie im Archiv des Verteidigungsministeriums gefunden. Unter diesem Eindruck bat der damalige japanische Ministerpräsident Miyazawa Kiichi bei einem Korea-Besuch um Verzeihung. Die Geste wurde jedoch wenig später vom Ergebnis einer japanischen Untersuchungskommission konterkariert, die keine Beweise dafür gefunden haben wollte, dass die Frauen gegen ihren Willen in die Bordelle gebracht worden waren.

    Das Kono-Statement: Japan räumte Schuld ein, Premier Abe sieht es heute anders

    Eine zweite Untersuchung seitens der Japaner kam 1993 zu einem anderen Ergebnis. Daraufhin gab der Minister Yohei Kono eine Erklärung ab, in der er anerkannte, dass die Frauen unter Zwang gehandelt hätten und, dass die japanische Armee an ihrer Rekrutierung beteiligt war. Letzteres versuchte Japan bis dahin abzustreiten, denn die Zwangsbordelle wurden in der Regel von privaten Unternehmern betrieben – aber eben im Auftrag der Armee. Die Erklärung des Ministers, das sogenannte „Kono-Statement“, war das Ergebnis langwieriger Verhandlungen, in denen beide Länder um die endgültige Formulierung gerungen hatten. Im Gegenzug für die Anerkennung der Schuld Japans verzichtete Südkorea auf Reparationen.

    20 Jahre lang hat keine japanische Regierung das Kono-Statement in Frage gestellt – bis 2012, als Shinzo Abe an die Macht kam. Er ließ es noch ein Mal überprüfen, um, wie er sagte, die Glaubwürdigkeit des Dokuments zu stärken. In Wahrheit ging es aber um das Gegenteil. Die Kommission stellte die Verhandlungen mit Südkorea in den Vordergrund und implizierte, das Statement sei nicht das Resultat historischer Tatsachen sondern politischer Korrektheit gegenüber Südkorea. Für die „Großmütter“ war es ein großer Rückschlag. Ihnen ist besonders wichtig, dass Japan anerkennt, sie zum Dienst in den Bordellen gezwungen zu haben. Sie wollen ihre Ehre zurück. Die halbe Wahrheit schmerzt sie am meisten.

    Ja, manche Mädchen sind zunächst freiwillig mitgegangen, weil ihnen ein Job versprochen wurde. Ein harter Job, sicher, die meisten Mädchen hatten nichts gelernt, aber eben ein ganz normaler Job. Was dann kam, will man sich nicht vorstellen: Dutzende Männer an einem Tag, Chemikalien mit denen sie sich waschen mussten um Schwangerschaften zu verhindern, Willkür, Schläge, Ohnmacht. Bei Kriegsende sollen Tausende umgebracht worden sein, um die Sexsklaverei zu vertuschen.

    Die Geschichte von Il-chul Kang

    Jedes Mal, wenn Il-chul Kang aus ihrem Leben erzählt, sagt sie diesen einen Satz: „Sie haben mich gezwungen mitzugehen, das ist die Wahrheit.“ Kang ist eine von zehn Frauen, die im House of Sharing leben, einer buddhistischen Einrichtung für ehemalige „Trostfrauen“. Das Haus liegt eine Autostunde südöstlich von Seoul, mitten im Wald. Kang ist 87, sie sitzt auf ihrem Bett, das von Familienfotos umstellt ist, für ein Sofa ist kein Platz. Vor dem Fenster hängen regennasse Kieferzweige. Bevor sie erzählt, streicht sie ihr rosafarbenes Halstuch glatt.

    Kang wurde 1943 rekrutiert. Sie erinnert sich, dass zwei Männer sie holten, ein Japaner und ein Koreaner, sie erklärten ihr, sie müsse in einer Kleiderfabrik arbeiten. Doch sie kam in eine Wäscherei in China, wo sie Uniformen in einem Fluss waschen musste. Danach musste sie sich ein paar Wochen lang um verwundete Soldaten kümmern, die erblindet waren. Als die Verwundeten zurück nach Japan geschickt worden waren, schleppten sie Kang in ein von Stacheldraht umgebenes Zwangsbordell. Sie war 16. Weil sie neu war und als „rein“ galt, besuchten sie vor allem hochrangige Militärs, die Geschlechtskrankheiten fürchteten. Sie bezahlten mit Gutscheinen, wer keinen hatte, sei von den Aufpassern weggeschickt worden. Manche Männer gaben ihr noch eine Münze als sie mit ihr fertig waren.

    Das House of Sharing wurde gebaut, damit die Frauen, von denen viele ein Leben lang arm waren, wenigstens im Alter gut versorgt sind. Sie wurden hier her eingeladen. Dabei war es gar nicht einfach sie zu finden, denn viele lebten noch immer in den Ländern, in denen sie 1945 von den Japanern zurückgelassen worden waren. Während des Krieges waren sie immer dort, wo die Soldaten waren, und die waren dort, wo geschossen wurde. Die Frauen bewegten sich mit der Front, teils durch mehrere Länder, manche starben in den Gefechten. Die meisten waren in China als der Krieg endete. Später berichteten sie, dass ihnen niemand gesagt habe, dass es vorbei war. Ohne ein Wort chinesisch zu sprechen, schlugen sie sich irgendwie durch. Einige heirateten einen Einheimischen, auch Kang, wie sonst hätte sie überleben sollen. Erst 2000 kehrte sie zurück um im House of Sharing zu leben, ihre Kinder leben inzwischen auch in Korea.

    Japans Medien berichten über die Zwangsprostitution

    Vor wenigen Wochen waren 17 japanische Journalisten hier, um die Großmütter zu interviewen. Auch sonst kämen regelmäßig japanische Besucher, erzählt ein Mitarbeiter, in letzter Zeit aber immer weniger. Er glaubt, das liege an den revisionistischen Tendenzen die derzeit in Japan populär sind. Erst kürzlich habe ein Lehrer einen geplanten Besuch mit seiner Klasse absagen müssen, erzählt er, weil er von Eltern bedroht worden war. Geschichte, so scheint es, kühlt nicht in dem Maß ab, wie die Zeit vergeht.

    Als die Großmütter im Dezember 2011 zum 1000. Mal vor der japanischen Botschaft demonstrierten, wurde ihnen zu Ehren eine Statue errichtet: Ein sitzendes Mädchen im Hanbok, dem traditionellen koreanischen Kleid. Sie steht für all die Frauen, deren Jugend endete, als die Japaner und ihre koreanischen Helfer sie mitnahmen. Ihr Blick ist auf die gegenüberliegende Straßenseite gerichtet. Das Mädchen aus Bronze hat einen langen Atem.

    Anm.d.Red.: Das Foto oben wurde von Joonyoung Kim bei den Wednesday demonstrations in Seoul aufgenommen. Das Foto steht unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 2.0).


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