• Als Kind weißt du noch alles

    In der Debatte um Lifelong learning herrschen neoliberale Vorstellungen von Effizienz und Optimierung vor. Der Musiker Dirk Dresselhaus, in den Charts besser bekannt als Schneider TM, nimmt in dieser Sache eine entspannte Haltung ein und zeigt, wie es auch ohne Abschlüsse, Weiterbildungsmaßnahmen und Zertifikate funktionieren kann. Seine provokante These: Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens haben wir bereits in der Kindheit auf dem Kasten.

    Ich war ab meinem dritten Lebensjahr im Kindergarten, ab dem siebten in der Grundschule und ab dem elften auf dem Gymnasium, welches ich nach der zwölften Klasse aus mangelndem Interesse verlassen habe. Es für mich ein schwieriger Moment als ich begriff, dass Schule vor allem „Leistung bringen“ heißt und nicht Unterhaltung und Leute treffen. Allerdings hat mir Leistung nur dann Spaß gemacht, wenn die Lehrer entsprechend kompetent und hart waren, was in meiner Schullaufbahn sehr selten vorkam.

    Manchmal war es sogar so, dass sich z.B. unser Englischlehrer in der Oberstufe dafür entschuldigte, Hausaufgaben aufzugeben. Und wir haben mit ihm zusammen ein ganzes Halbjahr lang J.D. Salingers „The Catcher In The Rye“ meiner Meinung nach völlig falsch interpretiert. Als der Unterhaltungs – und Soziallebensaspekt in der Schule hinter solch einem Pseudo-Leistungsstress verschwand, verschwand auch mein Interesse an Schule und ich ging einfach nicht mehr hin.

    Danach hatte ich verschiedene Jobs um mich über Wasser zu halten (Müllfahrer & Komissionierer in Warenlagern, Schraubenlegierer, LKW-Fahrer für einen Werkzeugvertrieb, Telefoninterviews als Marktforscher etc.). Für ein Jahr machte ich am Stadttheater Bielefeld ein Praktikum als Bühnenbildner-Assistent. Dort wollte ich mir meine Fachhochschulreife anerkennen lassen, um danach Kunst zu studieren. Das ist allerdings nie passiert, da ich eigentlich schon mit sieben wusste was ich mit meinem Leben anfangen wollte: Musik machen.

    Unsexy: Gitarrenunterricht für angehenden Rockstar

    Ich war als Kind großer Beatles-Fan und fand so eine Art Leben interessanter als andere Entwürfe. Also wurde ich von meinen Eltern zum Konzertgitarrenunterricht geschickt und dazu gezwungen, Lieder wie „Räuberhauptmann Zitterarm“ zu zupfen. Das fand ich äußerst unsexy und das hatte mit den Beatles sehr wenig zu tun. Natürlich übte ich nicht und schrammelte schon damals die gleichen zwei bis drei Akkorde vor mich hin, wie zum Teil heute noch.

    Danach wollte ich Schlagzeug spielen, da ich mir dachte, dass man mit diesem Instrument ja eigentlich nur laute, wilde Musik machen kann. Ich wurde von meinen Eltern zum Schlagzeugunterricht geschickt, wo ich plötzlich Noten für „kleine Trommel“ spielen lernen sollte. Das fand ich mindestens genauso unsexy wie „Räuberhauptmann Zitterarm“ zu zupfen.

    Obwohl ich auch „kleine Trommel“ nie übte, mauserte ich mich mit 14 Jahren ungewollt in eine Spielzeit des Jugendorchesters „Junge Sinfoniker“ als Beckenspieler hinein. Dort spielten wir unter anderem Dvořáks „Neue Welt“. Der Dirigent hasste mich, da ich, hypnotisiert von der Sinfonie, die ich sehr mochte und komplett unfähig die Partitur zu lesen, natürlich meine drei Einsätze in den gefühlten anderthalb Stunden komplett verhaute.

    Musikkarriere ohne Musikschule

    Danach habe ich mein Schicksal selbst in die Hand genommen und mit einigen anderen Musikinteressierten in meiner Schule die Band Minimum Security gegründet, mit der wir neben einigen nicht erwähnenswerten Peinlichkeiten auch Songs von The Cure, Iggy Pop und den Talking Heads spielten.

    Nach etwa ein bis zwei Jahren löste sich die Band auf und der Bassist Thorsten und ich spielten in der Fantasyrockband Annuvin, die unter anderem durch das jährliche Sennestadtfest so eine Art Lokalmatadoren-Status genoss. Auch diese Band löste sich nach zwei Jahren wieder auf und es folgte eine Zeit noch größerer, musikalischer Verirrungen. Eines Tages hatte ich keine Lust mehr, mein Dasein als Schlagzeuger in mäßig talentierten Rock-Pop-Bands zu fristen.

    Ich gründete mit dem schon erwähnten Thorsten die Band Hip Young Things, in der wir beide Gitarre spielten und sangen. Das Konzept der Band war, dass jeder ein anderes Instrument spielen sollte, als das gewohnte. Es entstand dadurch ein größeres kreatives Potential, da wir mit bewusst minimalen technischen Fähigkeiten einen irgendwie maximalen musikalischen Effekt erzielen wollten, was nicht selten in ohrenbetäubendem Lärm resultierte.

    Aber auch mein Leben als Vollzeitmusiker war logischerweise am Anfang nicht einfach, obwohl wir als Hip Young Things das ungeheure Glück hatten, ab 1991 einen Plattenvertrag bei Glitterhouse Records zu haben. Das ermöglichte uns einige Alben aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Das Problem war, dass ich der einzige in der Band war, der, außer gelegentlichen Jobs, nur Musik machte und alle anderen nebenbei noch etwas Vernünftiges studierten. Das führte irgendwann zu einem Interessenkonflikt und ich stieg aus der Band aus, um in unkomplizierteren Zusammenhängen weiterzumachen: „Better down the road without that load“ (Neil Young – Thrasher)

    Einen roten Faden für das Leben finden

    Was ich aus all dem gelernt habe? Ich kann auf jeden Fall empfehlen unter allen Umständen intuitiv den eigenen Träumen und Zielen zu folgen – insofern sie vorhanden und einigermaßen realistisch sind. Man darf nicht vergessen, dass wir auf diesem Planeten gelandet sind, um uns als die Person, die wir in diesem Leben sind, weiterzuentwickeln und zu wachsen. Es geht nicht in erster Linie darum irgendetwas zu machen, das lediglich dem physischen Erhalt dieser Person dient. Sondern auch darum, sich in immer wieder in neue und ungewohnte Situationen zu begeben um dadurch zu lernen.

    Das ist meiner Meinung nach auch der zentrale Punkt wenn es um Bildung geht. Natürlich ist schon fast alles aufgeschrieben worden und man kann sich alles erlesen. Das ersetzt aber nicht die eigenen Erfahrungen. Wenn man eine Leidenschaft hat, die als roter Faden dienen, sich aber gleichzeitig auch verändern kann, sollten man diese auf jeden Fall verfolgen. Ob nun als Hobby oder professionell ist eigentlich egal, solange man dabei bleibt.

    Bei mir war es so, dass ich alle anderen Optionen außer der Musik sehr früh ausgeschaltet habe, was nicht heißt dass ich mein Leben lang nur Musik gemacht habe oder in immer der gleichen Art und Weise. Musik war nur immer der zentrale Punkt an dem alle Fäden zusammengelaufen sind und die Ziele haben sich oft verändert. Es ist ein bisschen so wie in einem Computerspiel nur wesentlich interessanter. Man macht sich auf den Weg ein bestimmtes Ziel zu erreichen und es kommt ein Level nach dem anderen. Nach einigen Levels merkt man erst, worauf die ganze Reise hinausläuft und das hat dann unter Umständen gar nicht mehr so viel mit dem ursprünglichen Ziel zu tun.

    Der Weg ist das Ziel und auf dem Weg erlebt man so einiges. Dieses „einiges“ erfahren zu haben ist eine Art Bildung, die einem keine Schule oder Universität der Welt gezielt beibringen kann, sondern nur das eigene Leben selbst und dieser individuelle Bildungsprozess dauert höchstwahrscheinlich bis zum Ende dieses Lebens an.

    Zurück zu den Wurzeln: Badewannen- und Kochtopfsession

    Eine Anekdote aus meinem Leben, die diesen Punkt illustriert, wäre zum Beispiel, dass ich mit zwei Jahren im Garten meiner Oma stundenlang mit einem Holzkochlöffel auf einer Metallbadewanne herumgehämmert und damit meiner gesamten Familie den letzten Nerv geraubt habe (wie mir später berichtet wurde). Das war wahrscheinlich für mich eine der Initialzündungen des aktiven Musikmachens.

    Das hat sich in den Folgejahren durch erweiterte technische Mittel und Hörgewohnheiten über diverse stilistische Stationen wie Pop, Rock, Folk, Indierock, LoFi / Homerecording, Elektronik / Indietronics, Noise / Drone so weiterentwickelt, dass ich vor Kurzem Musik für ein Theaterstück aufgenommen habe, die fast ausschließlich mit einem Holzkochlöffel und einem alten Blechtopf entstand.

    Zwischen der Badewannen- und der Kochtopfsession liegen c.a. 38 Jahre musikalischer und sonstiger Erfahrung, die man im direkten Vergleich sicherlich hören würde. Oder vielleicht auch nicht. Denn als Kind weiß man eigentlich schon alles. Man vergisst es während des Erwachsenwerdens nur und versucht sich durch Bildung und sonstiges daran zu erinnern. Vielleicht kommt man durch alles Wissen der Welt einfach nur wieder am Ausgangspunkt an, allerdings mit einem anderem, erweitertem Bewusstsein. Das würde jedenfalls für die „der Weg ist das Ziel“ – These sprechen.

    Blick in die Zukunft: Von Lebenskünstlern lernen

    Im Grunde geht es also darum, durch seine eigenen Erfahrungen im besten Fall zu neuen Ergebnissen zu gelangen, die in dieser subjektiv elebten Form vorher von niemandem genau so gemacht wurden. Als „Lebenskünstler“ braucht man daher vor allem den Mut seiner eigenen Intuition zu folgen, ohne sich von gesellschaftlichen oder sonstigen Paradigmen zu sehr beeindrucken zu lassen.

    Wirkliche Bildung mündet im Idealfall in einem (persönlichen) Paradigmenwechsel des Denkens und der Art zu leben. Wenn ich versuchen würde, anderen meine Erfahrungen zu vermitteln, wäre es gut dort anzusetzen, wo bei ihnen die größte Angst und die größte Begeisterung liegt.

    Ich könnte mir in diesem Zusammenhang eine Verbindung von Studienreise und Workshop in einer Gruppe von Interessierten des gleichen Feldes vorstellen. Quasi wie als Musiker mit einer Band auf Tour zu sein oder eine Dschungel-Exkursion durchzuführen. So können wir gemeinsam durch extrem schwierige aber auch extrem positive Situationen gehen. Dadurch erfährt man eine Art Bewußtseinserweiterung die hilft sich mit neuen Informationen auseinanderzusetzen.

    Als kreative Lernmethoden würde ich in Workshops alles Denkbare zwischen den Eckpfeilern „kontrollierter Gebrauch von Lysergsäurediethylamid oder spitzkegeligen Kahlköpfen“ und „wie werde ich Mitglied bei der Künstlersozialkasse, wie setze ich Geschäftsessen etc. in meiner Steuererklärung ab und wie investiere ich die mir zur Verfügung stehenden Mittel (falls vorhanden) so, dass ein Synergieeffekt entsteht“ empfehlen, um sowohl die linke als auch rechte Gehirnhälfte gezielt zu stimulieren und in Verbindung treten zu lassen.


15 Kommentare zu Als Kind weißt du noch alles

  • Silvia am 15.06.2010 10:20
    Danke für diese "Lebensbeichte"! Schön, das auch mal ein längerer Text veröffentlicht wird. Die Illustrationen wissen auch zu gefallen. Von wem sind die denn, wenn ich fragen darf?
  • solfrank am 15.06.2010 10:25
    Kinder haben diese tolle Aufnahmefähigkeit, dieses wahnsinnige Potenzial Verknüpfungen herzustellen, aber Wissen? Ich würde Kinder als intelligent in einem besonderen Maße bezeichnen, und als überdurchschnittlich (auf andere Lebensabschnitte bezogen) neugierig. Aber Wissen? Wenn Wissen, dann verstanden als Nicht-Wissen. Kinder wissen, dass sie nicht wissen. Das ist es, was man später vergisst und verlernt.
  • @Silvia: Die Kollage und die Grafiken sind von Marcel Eichner (rollover mit der Maus oder anklicken und dann in den Link schauen, da stehen immer die Credits):
    http://berlinergazette.de/author/marcel-eichner/
  • Rainald Krome am 15.06.2010 10:35
    In dieser Gesellschaft gibt es eine zweifelhafte Vorstellung von Gewinnern und Losern, wie mich dieser Text hier zu denken bekräftigt. Nun, ein Link aus dem Netz zum Thema: http://www.bildblog.de/19699/der-wahre-loser/
  • @Solfrank: Dirk beschreibt ja ganz gut, welche Art von Wissen (oder Weisheit) er hier auf Kinder bezogen meint. Natürlich hat man als Kind kein Bücherwissen. Aber wie er in dem Text beschreibt, konnte er als Kleinkind schon jene Art von Musik machen, die er etliche Jahre später als professioneller Musiker auch machen will. Natürlich liegen dazwischen lange Jahre der Wissensaneignung.
  • rehse am 15.06.2010 12:48
    Guter Bericht. Leider klappt es ja in den wenigsten Fällen so. Die Gegenwart ist doch die Frage nach Zeugnissen, Zertifikaten usw. Gibt es mal Leerlauf im Dasein, dann hat man schnell ein Problem !Also besser mitlernen ! Muss ja nicht in jedem Fach 100% sein.
  • Pablo P. am 15.06.2010 12:50
    It took me four years to paint like Raphael, but a lifetime to paint like a child.
  • Jerome Kaiser am 15.06.2010 15:25
    @Pablo P.: now we're talkin!
  • @ rehse: wenn man es will oder zulässt, ist es so wie Du sagst...wenn nicht, dann nicht. Man hat immer die Wahl und verlieren kann man in beiden Richtungen nur sein Leben.
  • [...] den ersten Jahren des Lernens gibt es einen unerschütterlichen Glauben an das Wissen und ein fast bedingungsloses Vertrauen in [...]
  • [...] die hakenschlagende Tendenz, die meine weiteren Ausbildungsphasen wie auch die diversen Jobs in diversen Ländern im Anschluss [...]
  • [...] selbsterwählten Bildungskünstler zum sogenannten Lebenskünstler, der nun neuerdings immerhin eine neurowissenschaftliche Diagnose seines abnormen Lernverhaltens in [...]
  • [...] Physikaufgaben und deren Lösungen besprachen. Die Gruppe entstand aus den Treffen heraus, die zum Zwecke der Freizeitgestaltung stattfanden. Selbstverständlich hatten wir uns vorher auch bei den Freizeittreffen über [...]
  • [...] Zerlegung von Texten führt – ich wollte aber Texte zusammenbauen. Ich habe dann ein paar Jahre Hilfsarbeiterjobs gemacht, als Briefträger, Tankwart, Fabrikarbeiter, Vermessungsgehilfe, Zirkusarbeiter, all sowas, [...]
  • [...] Rahmen des Jahresthemas “Bildung” hat der Musiker Dirk Dresselhaus über eine vergleichbare Erfahrung geschrieben, während die Kulturvermittlerin Nora Sternfeld dazu aufgerufen hat, daraus einen [...]

Kommentar hinterlassen