• Zwischen Lärm und Übermorgenklang

    Strand, Meer, Tiere, Sonne, Stille, Meeresrauschen, Harmonie. Ein Mädchen im Paradies. Die Stimme der Protagonistin in Michaelangelo Antonionis „Il Deserto Rosso“ (kürzlich im Arsenal zu sehen) unterstreicht: Hier gibt es keinen Lärm. Dann werden Schiffe am Horizont sichtbar. Sie segeln umher wie Boote in der Badewanne, die kein Ziel, kein Anliegen und keine Besatzung haben.

    Die Stimme der Protagonistin verdeutlicht: Nur eines der Boote fährt ohne Steuermann (und wohl auch ohne Besatzung) umher. Womöglich könne es uns über diese Welt hinaustragen. Dann wird eine Gesangstimme hörbar. Wie auch das Boot, dringt sie in die präzivilisatorische Idylle ein, ohne dass man weiß, ob sie bereichert oder bedroht. Nun fragt der Sohn, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hat, die Protagonistin des Films: Wer singt? Seine Mutter antwortet: Alle.

    Sirenenhaft, einsam, kristallklar

    Alle singen. Alle werden hörbar – in der einen, seltsam unmelodiösen, seltsam atonalen Sopranstimme. Man hört diese Gesangsstimme nicht zum ersten Mal. Bereits zu Beginn des Films war sie zu vernehmen. Eine malerisch unscharf gestellte Industrielandschaft gibt polyphonen Noise von sich. Bald legt sich eine weibliche Gesangsstimme über die abstrakte Bild- und Geräuschkulisse. Sirenenhaft, einsam, kristallklar.

    Bis diese Stimme in der tagtraumhaften Erzählung über das Mädchen am Strand wieder zu hören ist, dominieren die Geräusche der Industrialisierung. Immer wiederkehrende Klangkörper sind Fabriken und Schiffe. Geradezu nervtötend, aber auch irgendwie schön. Handelt es sich um die innere Klangwelt der verstörten Protagonistin? Oder um eine immer lauter, immer invasiver werdende Außenwelt?

    Gelähmt durch die Maschinenwelt

    Die Protagonistin ist allein zu Haus, es ist nachts, und sie kann sich den beklemmenden Geräuschen nicht entziehen. Tagsüber sieht man, wie ein gigantisch anmutendes Containerschiff an ihrem Haus vorbeizieht. Die horizontal geformten Fenster sehen wie Schleusen aus, die das Vehikel und seine Geräuschlast kanalisieren. Sie sitzt mit ihrem Sohn zusammen. Er kann oder will seine Beine nicht bewegen.

    In seinem Zimmer liegen lauter mechanische Spielzeuge umher. Auf Knopfdruck beginnen sie sich zu bewegen: kreisend, gehend, etc. Hier packt die Mutter ihre Geschichte von dem Mädchen am Strand aus. Der Zuschauer weiß, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leidet. Sie kommt in der Maschinenwelt nicht klar, spricht in der dritten Person über ihre Probleme und erfährt ihr Leid als Delirium, hin- und hergerissen zwischen Angst- und Luststrom.

    Wahrnehmung im Schwebezustand

    Sie bekomme den Boden unter den Füßen nicht zu spüren, sagt sie in der dritten Person über sich. Es gilt zu verstehen: Sie schwebt. Im Schwebezustand entfaltet sie ein überempfindliches Gehör. Was sie hört, hört sie besser, stärker, genauer als andere. Es ist der Schwebezustand, der sie dazu befähigt.

    Und er ist der Gegenstand, den sie hört. Sie erfährt die Welt nicht im Liegen, Stehen, Gehen oder Fahren, sondern im Schweben. Sie erfährt eine Welt ohne Boden, ohne Halt. Es ist diese im Umbruch begriffene Welt, die sie hört. Alle singen. Alle hören. Planetarische Gemeinschaft – eine Grenzerfahrung zwischen Lärm und Übermorgenklang.


3 Kommentare zu Zwischen Lärm und Übermorgenklang

  • Rafik am 13.03.2010 09:04
    Interessanter Text. Was ist anders, wenn wir im "Schweben hören"?
  • im schweben hoeren? ich sitze oefter mal im Flugzeug und habe in dieser Situation ziemlich interessante hoererlebnisse: druck auf den ohren, rauschen, usw. aus den merkwuerdigen zustaenden werden dann auch mal kleine sound perlen
  • [...] Fähigkeiten einen irgendwie maximalen musikalischen Effekt erzielen wollten, was nicht selten in ohrenbetäubendem Lärm [...]

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