• Bei Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, oder: Das Problem mit “Rechtslinken”

    Rechtspopulisten wollen: Politische Korrektheit („Zensur!“), Diversität („Regenbogen-Trallala“) und Bewegungsfreiheit („Umvolkung“) abschaffen. Das Resultat einer solchen proto-faschistischen Revolution, die die Volkssouveränität im Zeichen einer identitären Demokratie einsetzen würde, wäre fatal. Das liegt auf der Hand. Doch was, wenn vermeintlich Linke dabei mitmachten, weil sie die Interessen des “kleinen Mannes” schützen wollen? Theatermacher und Autor Kevin Rittberger wühlt in den Untiefen der Gedankenwelt Rechtslinker. Ein Essay in zwei Teilen.

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    Nach dem Rollback, was wäre dann? Man wäre unter sich, man verfolgte nationale Interessen, man leugnete den Klimawandel, man arbeitete am Mythos der Deutschen, man ließe Andersaussehende und Andersdenkende aus dem Volkskörper ausscheiden, man gestaltete die Bespielung der Kulturinstitutionen im national-erbaulichen Sinne, man verabschiedete die „Moralkeule“ Auschwitz und vollzöge eine Wende um hundertachtzig Grad, man feierte das Patriarchat, d.h. die binäre Geschlechterordnung und man befeuerte den chauvinistischen Wettstreit der Völker durch einen als globalisierungskritischen Befreiungsnationalismus getarnten biologistischen Rassismus. Man könnte einander in Ruhe die Kronjuwelen abjagen, jene sagenumwobene soziale Frage. Man wäre tatsächlich unter („echten“) Männern.

    Auch in den letzten Jahren haben identitätspolitische Fortschritte, die immer noch nicht weit genug gediehen sind, darauf hingedeutet, dass „aus einer marginalisierten Perspektive Missstände aufgezeigt werden, die mitten ins Herz der Gesellschaft führen“ (Patricia Putschert). Um sichtbar zu werden, müssen die Marginalisierten, die nicht marginal sind, strategisch auf jede Differenz Bezug nehmen, die eine Ausgrenzung, Hierarchisierung, Benachteiligung begründet, während Hochwohlgeborene der Mehrheitsgesellschaft nicht (mehr) darum kämpfen müssen, verschont zu bleiben.

    Marc Lillas herabwürdigende Bezeichnung eines rein „kulturellen Theaters“ meint hingegen mit Ta-Nehisi Coates, dass „die Anliegen weißer Männer als ökonomisch gelten, während alle anderen sich angeblich nur über ihre Gefühle austauschten“. Dabei verkennen die selbsternannten neuen Heilsbringer der sozialen Frage, dass sie immer noch den „Gottes-Trick“ (Donna Haraway) anwenden, der die bisherige Marginalisierung nur wiederholt.

    Es muss tatsächlich für Gleichheit gekämpft werden

    Wenn Identitätspolitik nun damit gelabelt und desavouiert wird, dass sich an der Spitze einer vom Neoliberalismus profitierenden Elite mitunter auch weibliche CEOs of Colour befinden, wäre vielmehr ein allgemeiner Diskurs über Leistungsgerechtigkeit angebracht, als die neuerlich Anerkannten partikular um ihre Meriten zu bringen. Identitätspolitik im emanzipativen Sinne ist nämlich gar keine „liberal-individualistische Anerkennungspolitik“, die sich „nur auf Diversifizierung von Hierarchien konzentriert, anstatt Letztere zu verringern oder gar abzuschaffen“(Nancy Fraser).

    Ob bei den „Gilet Jaunes“ oder den deutschen „Aufständischen“, welche bisher de facto unbewegter daher kommen: Es muss tatsächlich für Gleichheit gekämpft werden, um nicht in den Dunstkreis der Rechten zu geraten. Die gelben Westen etwa sind auch Projektionsfläche vieler rechter Leute von links, welche sich schon seit Jahren populistisch geben und ihr binäres Weltbild – oben die kosmopolitische Elite und ihre AnhängerInnen, unten die abgehängten Armen – bestätigt sehen. Rechte Leute von links setzen hier auf eine neue Hauptwidersprüchlichkeit, welche den Rassismus und Sexismus vieler WutbürgerInnen an deren schlechte Wirtschaftslage knüpft und damit nur allzu gut versteht.

    Rechte Leute von links weisen in diesem Zuge gesellschaftliche Fortschritte in Sachen Sprachpolitik und transkulturelle Öffnung, Feminismus, Diversität und Inklusion in ihre Schranken, wenn nun unter dem Deckmantel des Links-Populismus die Anrufung des Volkes auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden kann. Wo die einen in ihren einfachen und unterkomplexen Antworten verstanden werden wollen, sollen sich die anderen, welche sich ohnehin schon an Benachteiligung und Ausgrenzung gewöhnen mussten, auch weiterhin hinten anstellen. Es wird nach Wichtigkeit sortiert und nach verständlichem Ausdruck. Rechte „Aufständische“ von Links wagen, weil sie eine einfache Story erzählen wollen, darum sogar die Querfront. Wir wissen nicht erst seit dem Fall Relotius, dass für eine einfache Story einige Lügen nötig sind.

    Spaltung anstatt Brückenbau

    Gerade recht kommt den rechten Leuten von links, welche Biomärkte und kleinbäuerliche Landwirtschaft immer schon mit Verachtung straften, nun manche klimapolitikfeindliche Forderung der Gelbwesten rund um das viel zitierte „Sie reden vom Ende der Welt, wir vom Ende des Monats“. Und während verteuerter Sprit wirklich existenzbedrohend sein kann, mag etwa der Kampf der Landwirte gegen das Glyphosat-Verbot ökologisch wirklich zweifelhaft anmuten. Doch rechte Leute von links suchen genau hier gezielt nach Spaltung und nicht nach Brückenbau und Überzeugungsarbeit – wie dies etwa KlimaaktivistInnen von „Ende Gelände“ mit der Forderung nach „Abfindungen für Arbeiter*innen statt Profiten für RWE“ vormachten.

    Und so wie die Klimagerechtigkeitsbewegung angesichts einheimischen Arbeitsplatzerhalts und Lohnkämpfen der Stammbelegschaften für mindestens unwesentlich bis verzichtbar erklärt wird, so steht es auch um die identitätspolitischen Forderungen nach Gleichheit oder die Verteidigung der Menschenrechte im Mittelmeer: Unbrauchbar, wenn der deutsche Arbeiter, dem die Lohnarbeit ja zurecht als Gängelung erscheinen mag, nichts davon hat. So kann es rechten Leute von links gelingen, mit bemühtem Klassenkampfpathos mühelos zu spalten.

    Welch ein Furor muss rechte Leute von links dazu verlocken, die soziale Frage zu renationalisieren? Gilt es die Mitte, welche allzu gerne rechts wie links Extreme verortet und dabei selbst den Extremismus des Weiter-so verkörpert, derart schwindlig zu spielen, damit das Pendel wenigstens in irgendeine Richtung ausschlägt? Wieso weisen rechte Leute von links, die sich mit linken Leuten von links verwechseln, den Applaus von linken wie rechten Leuten von rechts nicht ab, wenngleich sie von linken Leuten von links darauf hingewiesen werden? Welches metapolitische Manöver verwirrt eigentlich wen? Sind falsche FollowerInnen wichtigere Motivatoren als die Kritik von möglichen Gleichgesinnten, welche die Spaltung und damit eine weitere Schwächung vorhersehen? Muss der Populismus des 21. Jahrhunderts zwangsläufig die Grenzen zwischen Linken und Rechten verwischen, um die da unten gegen die da oben in Stellung zu bringen?

    Warum nicht allein den zusammengekürzten Sozialstaat für die erschreckende Kinderarmut verantwortlich machen, anstelle Geflüchteten obendrein noch den anschwellenden Faschismus anzukreiden? Wieso ist die Animosität auf alles Kosmopolitische so stark, dass das Reden mit Rechten, der Konsens über einen vorgeblichen linksliberalen „Gesinnungskorridor“, ja, ein symbolpolitischer Schulterschluss vor dem Hintergrund des vorgeblich unterrepräsentierten kleinen Mannes wichtiger erscheint, als die seit Mitte des 19. Jahrhunderts internationale und seit Ende des 20. Jarhunderts zusehends intersektionale Solidarität mit den Ausgebeuteten, Erniedrigten und Geflüchteten dieser Erde? Muss das unabgegoltene Versprechen von Gleichheit, Freiheit und Solidarität im Zeitalter des Anthropozäns und der damit einhergehenden Unausweichlichkeit der Klimakrisenbewältigung durch eine WeltbürgerInnengesellschaft (und nur durch diese!) nicht endlich gelingen? Ist etwa noch Zeit für Grabenkämpfe?

    Vier wohlwollende Affirmationen verirrter Rechtslinker

    1. Strategisch: Die von Rechtspopulisten inmitten der dauerhaften, globalen Krise Verführten müssen ihre wahren Interessenvertreter neu kennenlernen. Dazu bringt man ihnen neben Finanzmarkt- und Elitenverachtung auch Verständnis für die Ideologien der Ungleichheit, ergo der Verlockung einer Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft entgegen, um sie dann wieder zu re-solidarisieren, also vom rechten Weg zurück auf den linken zu bringen.

    2. Moralkritisch: Linke Leute von links sollen ihre Moral schärfen, um die eigentliche Interessenvertretung zu gewährleisten („Der kleine Mann braucht keine Allgender-Toilette!“) und nicht individuellen Befindlichkeiten aufzusitzen, auf die sich inzwischen auch neoliberale Unternehmensphilosophen in ihren Empowermentseminaren berufen. Moral heißt ferner Widersprüche auszuhalten, also hören, was die Rechten sagen, anstatt sich vor jedem Streit moralistisch über sie zu empören. Anempfohlen werden „Verhaltensweisen der Kälte“. Oder anders gesagt: Man muss sich eben warm anziehen!

    3. Taktlos-taktisch: Der Gestus des ungemütlichen Denkers (Mark Lilla, Bernd Stegemann, Wolfgang Engler, Robert Pfaller, Slavoj Zizek u.a.) mag den ein oder anderen weißen Mann, der am „Ende des Patriarchats“ (Margarete Stokowski) von des Gedankens Blässe angekränkelt scheint, wieder hinter dem Ofen vorlocken – und ihn neben der inszenierten, rechten Selbstviktimisierung als hartnäckigen Verteidiger einer untergegangenen Klassenpolitik profilieren. Es mag ihn gegen weichgespülte Linksliberale in Stellung bringen. Es mag den Anschein erwecken, volksnäher zu sprechen und sich die Grammatik nicht durch immer neue Striche und Sternchen verbauen zu lassen. Bevor man gesilenced wird, lieber nochmals das Maul aufreißen!

    4. Metapolitisch: Man übernimmt das Gepolter der Rechten und zeigt dem Volk, dass es sich nicht auf die Zunge beißen muss, wenn es wieder einmal „besorgt“ ist. Die wirklichen Ängste der täglich von Abschiebung Bedrohten und von Bürgerwehren Gejagten dürfen auch mal übergangen werden, weil der kleine Mann jetzt mal so reden soll, wie ihm der Schnabel gewachsen ist! Die Rechtslinken stehen dafür gerade, dass das noch als Klassenpolitik durchgeht!

    Identitätspolitik von rechts

    Wenn sich rechte Leute von links (nur) den Belangen des kleinen Mannes andienen, kippt die Kritik an linker Identitätspolitik in ihr Gegenteil, in Identitätspolitik von rechts. Anerkennungserfolge werden mit Umverteilungsforderungen gegengerechnet, als nähmen die inzwischen und künftig von Diskriminierung Verschonten den unter der Armutsgrenze Lebenden etwas weg. Hier wird Systemkritik mit Sündenbockrhetorik verwässert. Rechte Leute von links wirken hierdurch nun auch noch daran mit, dass überhaupt noch gerettete Geflüchtete inzwischen keiner mehr aufnehmen will: Auch das sind Verhaltensweisen der Kälte.

    Wer um eine plurale, multilaterale und schwer zu synchronisierende Klassenpolitik und die Öffnung des Begriffs der Proletarisierten weiß – und die von der weißen Mehrheits- und Klassengesellschaft seit jeher Ausgebeuteten, Ausgeschlossenen und Diskriminierten (Frauen, POC, LSBTI, Menschen mit Behinderung, Geflüchtete) nicht zur Nebensache erklärt -, wird hinter dem ganzen rhetorischen Popanz rechter Leute von links auch Chauvinismus und Privilegienerhalt vermuten müssen, den das völlige Zurückweisen von Kritischer Weißseinsforschung und der eigenen imperialen Lebensweise beinhaltet. Im Kampf gegen die rechtspopulistischen Regierungen muss es aber darum gehen, Klimagerechtigkeit, Identitätspolitik und Klassenpolitik zusammen zu denken und nicht das eine gegen das andere auszuspielen.

    Anm. d. Red.: Lesen Sie den zweiten Teil des Essays hier. Das Foto oben im Text stammt von Mario Sixtus und steht unter CC-Lizenz.


5 Kommentare zu Bei Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, oder: Das Problem mit “Rechtslinken”

  • Nerdonia am 22.01.2019 07:16
    Da kommen mir zwei Dinge zu kurz: 1.Der neue Geist des Kapitalismus, der Freiheitsrede ökonomisiert hat.
    2.Die Frage, woher die power der neurechten Diskurse stammt: Dass da einfach die linksrechten Rechtslinken etc. vom Himmel fielen glaube ich kaum. Die Mediendominanz der angeblichen "Migranten-Krise" ist zu hinterfragen -teils müssen ARD/ZDF ja staunend selber zugeben, dass ihre Zuschauer sich eigentlich auch viel mehr für die soziale Frage, ungerechte Einkommensverteilung usw. interessieren als für die neusten Hetzdiskurse (Kölner Silvestergrapscher und imaginierte Folgefälle davon, die den immer wieder RT gebetsmühlenhaft vorgeworfenen "Fall Lisa" in Masse und Penetranz weit in den Schatten stellen). Ihre dominante Migranten-Berichterstattung ändern ARD&Co danach aber nicht.
    3.Die klaffende Einkommensschere + stetig verschärfte Ausbeutung (die selbige finanziert) ist es, die den Sündenbock Migration zur Ablenkung braucht: Die Masse soll mit aller Medienmanipulationsgewalt von der Linkspartei, die als einzige dagegen Politik machen könnte (ob sie es ggf. dann auch tun würde, kann man nur hoffen) weggetrieben werden -notfalls eben zur AfD.
    4.Würde das "Problem" der "Asylantenflut" in den Schlagzeilen durch jenes der Reiche-Schmarotzer-Plage ersetzt, nebst Berichten über wie Mehltau unser Land überwuchernde Luxusvillen, wie Maden in den Häfen wimmelnde Yachten und wie Schmeißfliegen uns umschwirrende Schwärme von Privatjets der Millionärspest (ist ja nicht der Herr Merz allein), dann würden sich sehr schnell Mehrheiten z.B. für höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern finden. Es hat seinen wohldurchdachten Grund, dass stattdessen die Islamisten allabendlich als Buhmann durch die Wohnzimmer gejagt werden.
  • Moritz Reichelt am 24.01.2019 10:51
    Also jetzt werden Linke zu Rechten erklärt, wenn sie im linken Mainstream nicht mitschwimmen. Genau die Art von pauschalen Totschlagargumenten, die die Freiheit der Rede zur Farce macht. Nur mal ein Beispiel aus diesem Text: niemand leugnet den Klimawandel, aber die Behauptung, die Wissenschaft könne ihn annähernd erklären, ist ebenso falsch. Hier werden diejenigen die sich mit den gegenwärtigen Theorien nicht zufireden geben, einfach in die rechte Ecke abgeschoben. Das ist Lagerdenken und Selbstgerechtigkeit. Schade. Ich hatte gedacht, dass bei euch ein unabhängiger Geist herrscht und das, was linke Politik in Zukunft ausmachen könnte, ohne den Ballast von gängigen Vorurteilen entwickelt werden könnte.
  • Nerdonia, danke für die Ergänzungen!
    Dennoch verstehe ich 1. nicht: Der neue Geist Kapitalismus hat (die) "Freiheitsrede" kapitalisiert? Was bedeutet das?
    Und Anmerkung zu 2. Die "power" der Neurechten, die so neu ja nicht sind, über die mensch hierzulande streiten kann - Naika Foroutan von #unteilbar etwa sagt es waren immer 20%, nur zeigen sie sich nun anders - wird sicher nicht weniger, wenn sich Menschen, die sich als Links bezeichnen, mit ihren simplifizierenden Stories bei den Rechten andienen, um Stimmen zu fischen bzw. Wechselwähler einzusammeln. Die Stimmen sind ohnehin verloren - und zum Spott auf die sogenannten Kosmopoliten kommt dann der Schaden (der Spaltpilz). Was das Agenda Setting anbelangt: D'accord.
  • Nachtrag an Nerdonia: Ich frage nicht nach Boltanski/ Chiapello, also was bei denen steht, sondern bin skeptisch, wie dies gelesen wird. Also halte nichts davon zu behaupten, dass emanzipatorische Politik abgegolten ist, sobald sie auf einem Werbeplakat oder als Managementsprech auftaucht.
  • An Morit Reichelt: Wenn ich "Totschlagargumente" lese, möchte ich eigentlich gar nicht reagieren, das ist nur zynisch vor dem Hintergrund der kriminalisierten Seenotrettung.
    Haben Sie was zu Klimagerechtigkeit zu sagen oder wollen Sie Ihren Fußabdruck behalten? Das ist vielleicht die Gretchenfrage.
    Und was war och gleich "linker Mainstream"? - das würde mich doch sehr interessieren. Und die Quergeister wären dann die, welche den Klimawandel durch Anzweifeln desselben (bzw. seiner Beweisbarkeit) hinausschieben?

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