• Crowdsourcing in Zeiten des Umbruchs

    Ob Naturkatastrophen oder Revolutionen – Regierungen müssen binnen weniger Stunden reagieren, doch meistens sind andere schneller. Die junge Geschichte des Crowdsourcings in Zeiten des Umbruchs zeigt: Es kommt nicht nur auf innovative Tools an, um Gruppen oder gar Massen zu koordinieren, sondern ebenso auf innovative Formen der Zusammenarbeit. Medienaktivist und Berliner Gazette-Autor Patrick Meier bilanziert.

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    Als der philippinische Präsident Joseph Estrada im Jahr 2001 nach Protesten aus dem Amt gedrängt wurde, beschwerte er sich bitter darüber, dass „der weit verbreitete Aufstand gegen ihn ein Coup de Text war.“ Tatsächlich waren die Massenproteste vor allem über SMS organisiert worden. Vergleichbares passierte gut zehn Jahre später bei den Fluten, die die Landeshauptstadt der Philippinen stillgelegt haben. Mithilfe von Mobiltelefonen und sozialen Medien haben normale Filipinos die Arbeit der Rettungskräfte crowdgesourct – allein und ohne Unterstützung der Regierung.

    Im Jahr 2010 brannten hunderte von Feuern in russischen Wäldern. Binnen Tagen hatten Freiwillige in Moskau eigenständig ihr crowdgesourctes Rettungskommando auf die Beine gestellt, welches von vielen als effektiver und sichtbarer als die Reaktion des Kremls angesehen wurde. Als Anerkennung für ihren Einsatz erhielten die Freiwilligen sogar hochkarätige Preise. Einige dieser Freiwilligen beteiligten sich auch an der crowdgesourcten Antwort auf die kürzlichen Fluten in Krymsk. Wie ihre ägyptischen „Kollegen“ sind viele Russen sehr versiert im Umgang mit Sozialen Medien und mobilen Technologien, verständlich im Angesicht der jahrelangen Erfahrung mit digitalen Aktivismus und bürgerlichem Widerstand.

    Auf der Höhe der ägyptischen Revolution im vorletzten Jahr sagte eine weibliche Aktivistin in Kairo: „Wir nutzen Facebook, um die Proteste zu planen, Twitter für die Koordination und YouTube, um der Welt davon zu berichten.“ Einige Wochen später nutzten ägyptische Aktivisten die sozialen Netzwerke, um ihre eigenen humanitären Lieferungen nach Tripoli zu organisieren und um libyschen Bürgern zu helfen, die unter den Kämpfen leiden mussten.

    Das Gleiche gilt für Iran während der Grünen Revolution im Jahr 2009. Überrascht es jemanden, dass junge und die digitale Sprache sprechende Iraner als Antwort auf die Erdbeben im Norden des Landes die Führung übernommen haben und mit sozialen Medien und mobilen Technologien Rettungskräfte crowdgesourct haben? Betrachtet man das Misstrauen in das iranische Regime, überrascht es dann wirklich, dass sie die Hilfe auf direktem Wege zu den betroffenen Orten bringen wollten?

    Tools und soziales Kapital

    Ob es nun an einem Tag politische Aktivisten oder Freiwillige Helfer an einem anderen Tag sind – die Individuen hinter den beschriebenen Bemühungen benutzen dieselben Tools, um zu mobilisieren und zu koordinieren. Und in diesem Prozess bauen sie soziales Kapital auf – starke und schwache Verbindungen – unabhängig davon, ob sie auf erdrückende Umstände oder Naturkatastrophen reagieren.

    Soziales Kapital bringt kollektive Aktion auf den Weg, die der Schlüssel für politische Bewegungen und humanitäre Antworten ist – online und offline. Während einige eher politisch sind, sind andere mehr daran interessiert, anderen in Notsituationen während einer Katastrophe zu helfen. In jedem Fall sind diese Individuen bereits Teil eines sich überlagernden Netzwerks.

    Einige Aktivisten sehen ihre freiwillige Katastrophenhilfe als eine indirekte Form von gewaltfreiem Protest und bürgerlichem Widerstand an. So berichtete die New York Times, dass freiwillige Helfer, die auf das tödliche Doppelerdbeben im Iran reagierten „eine Gruppe von jungen Iraner (war) – eine Mischung aus Hipstern, Offroad-Autoclubs und Kindern aus reichen Familien“. Sie „fühlten sich wie Rebellen mit einer Mission, angetrieben durch die Wut über weitreichende Beschuldigungen, dass Irans offizielle Hilfswerke den Überlebenden nicht angemessen Hilfe leisteten.“ Interessanterweise unterstützte Irans Führer diese Art von privater, unabhängiger Hilfsleistung durch die iranischen Freiwilligen.

    Die Macht der Bevölkerung

    Je schneller und besser bürgerliche Freiwillige auf Naturkatastrophen reagieren, umso schlechter ist das Bild der Regierungen, die anscheinend nicht angemessen auf die Situationen reagieren. Ihre Legitimität und Kapazität zum Regieren könnten durch andere Bevölkerungskreise in Frage gestellt werden. Sowohl Peking als auch Iran wurden bereits stark kritisiert für ihre Unfähigkeit schnell und angemessen auf die kürzlichen Überflutungen und Erdbeben zu reagieren.

    Noch wichtiger ist, dass diese crowdgesourcten humanitären Einsätze auch das Selbstbewusstsein der Aktivisten stärken können. Wie ein iranischer Aktivist bemerkte: „Durch die Organisation unserer eigenen Hilfsconvoys haben wir gezeigt, dass wir es auch alleine hinbekommen. (…) Wir sind nicht auf die Hilfe von anderen angewiesen.“

    Im benachbarten Pakistan hat die Regierung katastrophal versagt in ihrer Reaktion auf den zerstörerischen Wirbelsturm, der den Osten des Landes im Jahr 1970 traf. Bis zum heutigen Tage bleibt der Sturm Bhola der tödlichste bekannte Wirbelsturm – er tötete etwa 500.000 Menschen. Eine Woche nach dem Unglück gab der pakistanische Präsident zu, dass „Fehler bei der Handhabung der Rettungseinsätze (gemacht wurden), weil es an Verständnis um das Ausmaß der Katastrophe fehlte.“ Das Fehlen von zeitnaher und koordinierter Hilfe durch die Regierung führte zu massiven Protesten gegen den Staat. Sie waren der Auslöser für den Unabhängigkeitskrieg, der zur Abspaltung Bangladeshs geführt hat. Und das war in Zeiten, bevor es SMS gab.

    Durch das Zusammenkommen von Ärgernissen können Naturkatastrophen potentiell den Weg freimachen für einen Regimewechsel. Das ist umso wahrscheinlicher, wenn die Bürger, die auf die Katastrophe reagieren, auch fähige digitale Aktivisten sind (und umgekehrt).

    Anm.d.Red.: Die Grafik oben ist ein Auschnitt einer Safecast Map, die vier Millionen crowdgesourcte Strahlendaten visualisiert. Das Foto stammt von Lars Niki alias infrastructuredept, es steht unter einer Creative Commons Lizenz.


2 Kommentare zu Crowdsourcing in Zeiten des Umbruchs

  • Laura O. am 12.01.2013 14:02
    sehr hilfreich!
  • Ich denke auch, dass die Möglichkeiten des Crowdsourcing noch lange nicht ausgeschöpft sind. Wobei ich finde, dass der Begriff in der Berichterstattung zum Teil etwas überdehnt wird, wenn man ihn mit jeder Form des kollaborativen Zusammenarbeiten gleichsetzt.

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