• Digitale Avantgarde in der arabischen Welt

    In der arabischen Welt haben Menschen mit Zugang zu Sozialen Medien einen alternativen Raum geschaffen. Sie haben einen dynamischen Diskurs entstehen zu lassen und das öffentliche Bewusstsein wachgeküsst. Dann kam der arabische Frühling. Berliner Gazette-Autorin und Nahost-Expertin Jillian C. York bilanziert in ihrem Essay ein Jahrzehnt des Bloggens und das darauf folgende Jahr der Revolutionen.

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    Tunesien wurde 1991, nur vier Jahre nachdem Zine El-Abidine Ben Ali Präsident wurde, das erste arabische Land, das die Verbindung zum Internet herstellte. Die Öffentlichkeit hatte Zugriff ab 1996, aber die vielfältigen demokratisierenden Vorteile waren nur von kurzer Dauer. Im gleichen Jahr wurde die L’Agence Tunisienne d’Internet (ATA), die Tunesische Internetbehörde gegründet. Zu einer ihrer ersten Amtshandlungen gehörte die Einführung der Zensur.

    Über die nächsten zehn Jahre hinweg kam die ganze Region langsam online, darunter auch Saudi Arabien und Syrien. Unternehmer in Kairo, Beirut, Amman und Abu Dhabi wurden von der globalen Technologieblase angesteckt. Sie sahen das kommunikative Potenzial des Internets vor Web 2.0 und begannen Email-Services, Jobsuche-Seiten und Webforen einzurichten.

    Die Foren wurden Quelle für unbestätigte Nachrichten, Diskussionen, soziale Kommentare und politische Debatten. Sie ebneten den Weg für die zukünftigen Blogger der Region. In Ländern, wo politische Diskussionen ein Tabu waren und das Überschreiten von Grenzen wie Diskussionen über die Königsfamilie oder Debatten über den Islam, in der Verfolgung von Journalisten endete, öffneten Webforen neue Räume außerhalb der Gesellschaft, in denen politische Diskussionen relativ sicher waren.

    Der Aufstieg der Blogs

    Obwohl Onlinetagebücher beinahe so alt sind wie das Web selbst, ist der Blog ein Phänomen der Jahrhundertwende. Jorn Barger prägte 1997 den Begriff „Weblog“, der später zu „Blog“ gekürzt wurde und von Evan Williams, einem Mitbegründer der Blogger- und Twitterdienste, zusätzlich zu einem Verb gemacht wurde. Trotz einer geringen Nutzungsrate des Internets innerhalb der arabischen Welt bloggte die Online-Elite der Region, schätzungsweise gab es 25.000 Blogs. Am Höhepunkt der Microblogging-Ära, im Jahr 2009, zählten Forscher fast 35.000 aktive Blogs. Ägypten war an der Spitze der Blogosphäre, mit etwa 1.500 Bloggern in 2005, von denen mehr als die Hälfte auf Arabisch veröffentlichte.

    Mitte der 2000er Jahre war Bloggen nicht mehr nur die Beschäftigung von normalen Internetnutzern, auch Berühmtheiten, Nachrichten-Kommentatoren und Journalisten in den USA und Europa bloggten. Ende 2006 startete die New York Times ihren Blog, The Lede (der Vorspann), für die Diskussion der täglichen Nachrichten. Andere Mainstream-Zeitungen folgten diesem Beispiel sehr schnell.

    Facebook, YouTube, Twitter und Co

    Das Gleiche konnte man nicht für die arabische Welt sagen. Ein bekannter palästinensischer Blogger vermerkte, dass Persönlichkeiten im arabischen Raum kaum Blogs hätten. Die bloggende Bevölkerungsschicht wurde als „jung, technikorientiert und politisch nicht engagiert“ angesehen. Dennoch verzeichneten Beobachter bald die Ansiedlung von politischen und sozialen Debatten – und Aktivismus – innerhalb der Blogosphäre der Region. Diese Entwicklung kam mit zwei großen Faktoren einher: der schnelle Zuwachs der Internetnutzung in vielen Ländern, und die explosionshafte Entstehung sozialer Netzwerk-Services wie Facebook, YouTube und Twitter.

    Die arabische Blogosphäre ist trotz ihrer Bilingualität (und Trilingualität in Maghreb und dem Libanon, wo viele auf Französisch bloggen) einzigartig: Die gemeinsame Sprache hat eine Art transnationale Gemeinschaft geformt. Obwohl Forscher herausgefunden haben, dass die Blogosphäre vor allem länderbasiert organisiert ist, kommunizieren Blogger mehr und mehr über die Ländergrenzen hinweg. Es haben sich auch transnationale Aktivistennetzwerke gebildet, oft um gemeinsame Themen herum, z.B. Diktatur oder Zensur.

    Das Zeitalter der Sozialen Medien

    Im September 2006 öffnete Facebook seine digitalen Türen der Welt. Die Vielzahl an Features auf der Seite und der einmalige Ansatz eines sozialen Barometers erwies sich als nützlich für Jugendliche weltweit. Ende 2007 hatte die Seite schon mehr als 50 Millionen aktive Nutzer, im Januar 2011 war diese Zahl auf 650 Millionen gestiegen.

    Im gleichen Jahr wie Facebook erschien auch eine andere Plattform: Twitter. So gestaltet, dass man Nachrichten mit bis zu 140 Zeichen verfassen konnte, glich Twitter den Mangel an Features mit Einfachheit wieder aus. Die Möglichkeit von Mobiltelefonen zu „tweeten“ machte die Plattform noch zugänglicher und steigerte den globalen Anreiz.

    Im August 2007, ein Jahr nach Entstehen der Plattform, trugen die „Hashtags“ (die Raute wurde an kurze Wörter oder Phrasen gehängt, um Informationen zu sammeln) zu Twitters Erfolg bei. Gruppen konnten sich damit einfach um ein Thema herum organisieren. Der Gebrauch von Hashtags zur Organisation von Versammlungen brachte Twitter während der iranischen Wahl 2011 weltweiten Anschub.

    YouTube – neue Form der internationalen Verständigung

    Ein drittes Tool, das digitalen Aktivismus weltweit revolutioniert hat, ist YouTube. Entstanden 2005 und ein Jahr später von Google für 1,65 Millarden US-Dollar aufgekauft, erhielt YouTube bald den Titel „Netzwerk der Menschen“ vom Time Magazine, das „You“ zum Menschen des Jahres gemacht hatte. Die Zeitschrift bewertete die Plattform und andere soziale Seiten als „eine Möglichkeit zu neuen Formen der internationalen Verständigung“.

    Die Dienste, die zu Beginn für Unterhaltung genutzt wurden, erfuhren ein großes Wachstum in der arabischen Region und wurden mit der Einführung von Facebooks „Gruppen“ und „Seiten“-Funktionalitäten auch politisch genutzt. Twitter erlaubte Aktivisten Inhalte von Facebook, YouTube und auch von anderswo her bekannter zu machen und größere Aufmerksamkeit für ihre Sache an einen Ort zu erzielen.

    Die Verhaftung des berühmten ägyptischen Bloggers Alaa Abd El Fattah (auch bekannt als Alaa Ahmed Seif El Islam) im Mai 2006 trieb die Blogosphäre zum Handeln an. Nur drei Tage nach seiner Verhaftung am 7. Mai startete die Onlinecommunity Global Voices, zu der Fattah Verbindungen hatte, die Kampagne „Google-Bomben für Alaa“, in der Nutzer aufgefordert wurden, die Ergebnisse von Suchmaschinen zu manipulieren, um Aufmerksamkeit für den Fall zu generieren.

    Diese Methode, sowie die transnationale Natur von Global Voices, sorgte für internationale Beachtung der Verhaftung und hatte auch den ungeplanten Effekt, kulturelle Informationen weiterzutragen. Kampagnen für die Befreiung von anderen verhafteten Bloggern nutzen immer noch die Methoden und den Stil der „Befreit Alaa“-Kampagne. Sie überschreiten Ländergrenzen und haben sich bis nach Marokko und Syrien ausgebreitet.

    Global Voices – Community für Blogger

    Global Voices wurde 2005 als Medienseite gegründet und hat sich zu einer stabilen Community entwickelt, die eine Reihe von bekannten Bloggern und Aktivisten aus dem arabischen Raum beherbergt. Die Community hat sich oft für gemeinsame Ziele, wie die Unterstützung von verfolgten Bloggern, mobilisiert.

    Während die Gemeinschaft, die durch Global Voices entstanden ist, wichtig ist, hat die primäre Funktion, nämlich die Verteilung von Informationen aus der Blogosphäre hin zu einer allgemeinen Leserschaft, einen Einfluss auf Bürgerjournalismus. Übersetzer für die Seite haben die Inhalte arabischer Blogs einem Mainstream-Publikum verfügbar gemacht, und damit eine Reihe von Nachahmern ins Netz gebracht, die inspiriert von dem Projekt andere Übersetzungsprojekte initiiert haben.

    Blogs haben normalen Arabern erlaubt, sich „wieder mit Politik zu beschäftigen, und ihre analytischen und argumentativen Fähigkeiten zu schulen, und den Vorschriften zu entfliehen, die selbst die unabhängigsten arabischen Medien gezwungen sind anzuerkennen“. Der Aufschwung der sozialen Medien gab heranwachsenden Aktivisten noch mehr Möglichkeiten sich eine eigene Stimme zu verschaffen. Die entstandenen Tools wie YouTube, Twitter und Facebook gaben auch bestehenden Aktivisten neue Möglichkeiten auf ihre Tätigkeiten aufmerksam zu machen und gehört zu werden. Aktivisten nutzten diese neuen Möglichkeiten mit Vorliebe.

    Soziale Plattformen als Enthüllungswaffe

    Durch den internationalen Zorn, den die Verhaftung von mehr als 12 Bloggern und Journalisten in Ägypten zwischen 2000 und 2007 mit sich brachte, konnten andere Blogger die Gunst der Stunde nutzen und mittels der neu-gegründeten Sozialen Plattformen die Aufmerksamkeit auf Probleme wie Folter durch die ägyptische Polizei lenken. Der ausgezeichnete Menschenrechtsaktivist und Blogger Wael Abbas erhielt internationale Berühmtheit als YouTube 2007 seinen Account sperrte, weil dieser „unangemessenes Material“ enthielt. Abbas hatte über mehrere Jahre hinweg hunderte von Videos gepostet, die Folter und Polizeibrutalität offenbarten.

    Letztendlich entsperrte YouTube Abbas‘ Account wieder, sein Fall könnte sogar der Grund für die Veränderung der Firmenrichtlinien gewesen sein. Im Mai 2011, als sie die Richtlinien der Plattform vor dem Hintergrund der Videos aus Libyen ansprach, sagte YouTubes Nachrichtenmanagerin Olivia Ma, „diese Art von Gewalt würde normalerweise unsere Community-Richtlinien und AGBs verletzen und wir würden sie entfernen … Wir haben aber eine Klausel in den Richtlinien, die eine Ausnahme macht für Videos mit aufklärerischen, dokumentarischen oder wissenschaftlichen Anliegen… Wir werden unsere Richtlinien in Echtzeit an Situationen wie diese anpassen.“

    Wie Abbas hat es auch die Bloggerin Noha Atef geschafft, internationale Aufmerksamkeit auf die Folter zu lenken, die Ägypter durch die Hände der Autoritäten erfahren mussten. Atef, die 2006 begann, über Gewaltausübung zu bloggen, sagte, dass viele Ägypter nichts von der Folter wussten und dass „der soziale Unfrieden über die Folter ausschlaggebend für ihr Ende war.“ Atefs Blog, Torture in Egypt, war der Auslöser für spätere Anstrengungen wie Piggipedia, einem Sammelbecken von Flickr-Bildern, auf das Ägypter Fotos von Staatssicherheitsbeamten hochladen konnten.

    Tunesien: Republik, Königreich, Zoo oder Gefängnis?

    Digitaler Aktivismus erreichte 2007 auch Marokko, zu einer Zeit als der „Heckenschütze aus Targuist“, ein Bürgerjournalist im Süden des Landes, nur mit einer Videokamera bewaffnet die Korruption innerhalb der Polizei auf Video einfing, diese Bilder auf YouTube zeigte und damit eine nationale Debatte auslöste.

    Das arabische Land, in dem digitaler Aktivismus aber die vermutlich wichtigste Wirkung hatte, ist Tunesien. Trotz der frühen Einführung von Zensur ist die Internetnutzung des Landes sehr schnell gestiegen und erreichte im Jahr 2005 fast 10 Prozent. Gleichzeitig befand sich die Blogosphäre des Landes, die durch die Gründung des Onlinemagazins TUNeZine im Jahr 2000 als erste der Region entstand, in einem rasanten Wachstumsprozess. Ein Auszug von Blogposts in 2006 zeigt die Bandbreite der Themen, es wurde über den World Cup bis hin zur Normalisierung der Beziehung zwischen Tunesien und Israel gebloggt.

    Obwohl das Bloggen anfangs Tunesiern erlaubte Grenzen zu überschreiten, wo Journalisten dies nicht konnten, holten die Behörden bald auf und versuchten, Blogger zum Schweigen zu bringen, indem sie Tunesien zum ersten Land machten, das einen Blogger verhaftete. Am 4. Juni 2000 wurde der Gründer von TUNeZine, Zouhair Yahyaoui, verhaftet, nachdem er eine Online-Umfrage schaltete, in der er Leser einlud, darüber abzustimmen, ob Tunesien eine „Republik, ein Königreich, ein Zoo oder ein Gefängnis“ sei.

    Zensur bis der Aufschrei kommt

    Die steigenden Zahlen der verhafteten Blogger in Kombination mit ihrer Häufigkeit und der zunehmenden Zensur von Webseiten, u.a. auch der meisten Video-Plattformen, führte dazu, dass die tunesischen Blogger sich zu einer Bewegung für das freie Wort zusammenschlossen. Obwohl das Land oft für China oder den Iran von den internationalen Organisationen vernachlässigt wurde, war Tunesien Ende der 2000er Jahre zu einem der schlimmsten Online-Zensierer geworden und ließ sogar andere autoritäre Staaten wie Syrien hinter sich.

    Aber vermutlich war es die Sperrung der Video-Plattformen YouTube und DailyMotion, die zu einem landesweiten Aufschrei führte. Wie der Kommentator Ethan Zuckerman später in Ausführungen mutmaßte, die als „Cute Cat Theory“ bekannt wurden, ist „das Blocken von banalen Inhalten des Internets eine zwecklose Absicht. Es lehrt Menschen Dissidenten zu werden.“ In Tunesien und auch andernorts legten diese Geschehnisse den Grundstein für das, was später folgen sollte.

    Der Domino-Effekt

    In den letzten Wochen des Jahres 2010 wurde Tunesien der Schauplatz eines unerwarteten Aufstandes. Angefacht durch die Selbstverbrennung des jungen Obsthändlers Mohammed Bouazizi breiteten sich die Proteste schnell über das ganze Land aus. Am Ende forderten die Demonstranten das Ende des Ben Ali Regimes. Da internationale Medien kaum in das Land durften, begannen Blogger Fotos und Videos hochzuladen und Analysen der Ereignisse zu veröffentlichen.

    Al Jazeeras Berichterstattungen sowie die Übertragungen von France24 und anderen Sendern überschritten Ländergrenzen und hielten die Region in Atem. Blogger und Experten gleichermaßen folgerten, dass diese Entwicklung einen Domino-Effekt auslösen könnte. Tatsächlich rief die Facebookseite, die am 15. Januar in Gedenken an das ägyptische Folteropfer Khaled Said aufgesetzt wurde, am 25. Januar, dem Tag der Polizei, zu einem Tag der Wut auf. Inspiriert durch die Tunesier, denen es gelang Ben Ali am 14. Januar aus dem Amt zu heben, begannen ägpytische Blogger ihre eigenen revolutionären Ziele zu diskutieren.

    Etablierte Blogger wandten sich den bekannten Medien zu, um Ideen zu debattieren, aber eine beträchtliche Zahl von Ägyptern nutzte Twitter, um die Proteste vom 25. Januar mit dem Hashtag „#jan25“ publik zu machen und danach, um von allen Ecken des Landes live von den Protesten zu berichten. Twitters Beliebtheit als Protest-Tool während der iranischen Wahl 2009 war in der Region aufgefallen. Ägypter hatten gesehen, wie CNN und andere Medien die kurzen Tweets für die Berichte über die Geschehnisse vor Ort nutzten.

    Twitter – Revolution mit und ohne Internet

    Übersetzungen spielten eine elementare Rolle, als Ägypten am 27. Januar vom Internet abgeschnitten wurde. Als Antwort auf die Abschaltung wurden Unterstützer der Proteste schnell aktiv und schufen Einwahlmöglichkeiten und andere Verbindungen außerhalb des Landes. Ein solches Projekt ist Speak2Tweet. Der Service, kreiert von Google und Twitter, ermöglichte Nutzern eine internationale Nummer anzurufen und dort eine Nachricht zu hinterlassen, die dann ins Internet hochgeladen und bei Twitter gepostet wurde. Als arabischsprachige Nachrichten ankamen, wurden einige spontane Übersetzungsprojekte zusammengeschustert, darunter auch Alive, ein ägyptisches Medienprojekt, das eine öffentlich zugängliche Google-Tabelle für das Crowd-Sourcing von Übersetzungen nutzte.

    Als der Domino-Effekt sich etablierte und die Proteste auf Bahrain, Marokko, danach auf Libyen, Syrien und weitere übergingen, wurde offensichtlich, dass der Begriff „Twitter-Revolution“ treffend und relevant war. In Bahrain (#Bahrain, #feb14, #lulu), Libyen (#feb17), Syrien (#syria, #daraa, #mar15), Tunesien (#sidibouzid) und Marokko (#feb20) wurde mit Hashtags der Aufruf zur Aufruhr verbreitet. Die Hashtags waren später auch auf T-Shirts und in den Straßenprotesten zu sehen. In vielen Fällen sind die Hashtags zu den Symbolen des Protests geworden.

    Direkt Zeuge werden

    Obwohl Berichte die Wichtigkeit von Twitter und Facebook für die Organisation der Proteste betonten, wurde die Wirkung der Dienste in Bezug auf die Gewichtung von Bürgerstimmen und zur Gewinnung von internationaler Beachtung immer deutlicher. Die internationale Aufmerksamkeit aus dem Westen half den diplomatischen Verhandlungen in Tunesien und Ägypten auf die Beine, und auch das Einschreiten der NATO in Libyen sowie der Erlass von Sanktionen gegenüber Syrien trieb die transnationale Aufmerksamkeit und die Zusammenarbeit in der arabischen Region voran und führte zu einem gemeinsamen Voranschreiten.

    Trotzdem sollte die internationale Beachtung nicht automatisch mit Aktion verbunden werden. Die Bilder aus Syrien der letzten Monate haben nur verfestigt, was bereits bekannt war über das oft übersehene despotische Assad-Regime. Direkt Zeuge zu werden von Ereignissen, die man sonst nur über die Berichte von Auslandskorrespondenten kannte und deren aufwühlendste Momente meist geschnitten wurden, hat zweifellos das Denken von Individuen und Staatsbeamten gleichermaßen verändert.

    Ein Jahrzehnt der Bemühungen

    Das Jahr 2011 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr, das die arabische Welt veränderte. Von den frühen Triumphen im Januar und Februar hin zu den Konflikten in Libyen, im Yemen und in Syrien, die aufkeimenden Bewegungen in Algerien und Kuweit – ausländische Beobachter hatten zu Recht den Eindruck, die Region wäre von einem plötzlichen Fieber befallen. Was für viele plötzlich kam, ist aber das Resultat von fast 10 Jahren währenden Bemühungen. Ägyptischen Anti-Folter Aktivisten, tunesischen Freiheitskämpfern, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen war klar, dass eine Revolution unabwendbar werden würde, sobald die Zeit dafür reif war.

    Der tunesische Aktivist Sami Ben Gharbia, der 13 Jahre im Exil verbrachte, beschreibt die Rolle des Internets während der tunesischen Revolution als „die Arbeit eines Jahrzehnts“ und merkt an, dass Tunesier, die bereits im traditionellen Sinne Aktivisten waren, zu Bloggern wurden. Diese Blogger formierten sich on- und offline in einer Bewegung gegen die Online-Zensur.

    Die Ansichten von Einzelnen wie Ben Gharbia scheinen im starken Kontrast zu dem Standpunkt der Massenmedien zu stehen, die sich zumeist auf die Geschichte stützen, dass die Möglichkeiten der Verbindung durch digitale Dienste erst die Revolution entzündet hat. In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Aktivisten, die zuvor durch Zensur und Restriktionen unterdrückt wurden, nutzten die digitalen Tools als Hilfsmittel für die Organisation auf Wegen, die zuvor schwer zu begehen waren.

    Internetnutzung als Messlatte für den Erfolg

    Während diese Tools an einigen Stellen extrem hilfreich wurden, haben sie an anderen Stellen wenig erreicht und zum Teil sogar gegen die Opposition gearbeitet. Die Faktoren, die zum Erfolg von digital unterstützten Zusammenschlüssen beitragen, sind vielfältig. Einer davon ist die Internetnutzung, die wahrscheinlich eine Messlatte für den Erfolg ist.

    Das trifft aber nicht für Bahrain zu, wo 88 Prozent der Bevölkerung Internet haben, die Opposition aber wenig erfolgreich ist. Dazu kommen unzählige Offline-Faktoren: Das Niveau der Pressefreiheit im Land, die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung, und die Größe der Kluft zwischen Stand- und Landgemeinschaften.

    Der vielleicht wichtigste Faktor spiegelt sich in Ben Gharbias Worten: Die von den tunesischen Aktivisten aufgebauten Online-Netzwerke haben den „Geist des Wandels erweckt und nach der tunesischen Revolution eine Schockwelle in der Region entstehen lassen.“ Da die Tunesier seit einem Jahrzehnt Netzwerke aufgebaut haben, waren sie bestens vorbereitet, diese auch zu nutzen, als die Möglichkeit zur Revolte bestand. Syrien hingegen hat nur eine kleine Blogosphäre und einen geringeren Anschluss an das Internet; die Einheit der tunesischen Gemeinschaft ist hier nicht zu finden. In Verbindung mit einer starken, anti-oppositionellen Macht ist es schwierig für Aktivisten andere Bürger mit Hilfe von Online-Diensten zu mobilisieren.

    Den Informationsfluss steuern

    Es gibt keine einfachen Antworten auf die Frage, wie sich der Informationsfluss für einen guten Zweck steuern lässt. Dennoch wären internationale Analysten, Regierungen und selbst Technologiefirmen gut beraten, nicht nur auf die Bewertungen der westlichen Experten zu hören. Stattdessen sollten sie an die Quelle gehen und den Stimmen der Bürgerjournalisten und Dokumentaristen im Herzen der Aufstände folgen.

    Digitale Tools werden verstärkt von Aktivisten weltweit genutzt. Es gibt aber eine Reihe von Problemen in diesem Zusammenhang. Zuerst wäre da die Frage nach Redefreiheit. Die Verhaftungen von Bloggern weltweit im letzten Jahrzehnt ist ein Zeichen dafür, wie tief die Angst vor den Bürgerstimmen in den Herzen der Diktatoren und weniger diktatorischen Politikern sitzt. Besorgniserregender ist, dass Blogger und Nutzer von Sozialen Medien immer stärker beobachtet und zensiert werden, oft mit Unterstützung von Technologien aus dem Westen.

    In Libyen wurde kürzlich aufgedeckt, dass das Regime Überwachungstechnologien der französischen Firma Amesys genutzt hat. Die Regierungen in Saudi Arabien, Kuwait und Bahrain nutzen alle SmartFilter, ein Tool, das von der amerikanischen Firma McAfee entwickelt wurde. In Syrien veröffentlichte die Hacktivisten-Gruppe Telecomix Hinweise darauf, dass die Regierung Untersuchungstechnologie von der amerikanischen Firma Bluecoat verwendet. Die Richtlinien zur Internetfreiheit des U.S.-Innenministeriums schreiben die Online-Freiheit für alle fest, aber der Export von Überwachungs- und Zensurtechnologien in autoritäre Regimes durch amerikanische Firmen zieht diese Richtlinien ins Lächerliche. Es müssen Schritte getan werden, um den Verkauf solcher Technologien zu regulieren.

    Online Propaganda und soziale Medien

    Ein weiteres Bedenken ist die staatlich gesponserte Online-Propaganda, dessen berühmtestes Beispiel die 2008 entstandene chinesische 50-Cent-Armee ist. Seitdem hat es mehr Beispiele gegeben, u.a. das der Twitter-Trolle und Verschandlungen von Seiten durch die Elektronische Armee Syriens. Solche Propaganda-Versuche beschmutzen das Spielfeld und erschweren es, die wahren Stimmen zu erkennen. Und sie können Kritiker zum Schweigen bringen. Das Benutzen des Hashtags der “#Bahrain“ führt zu einem Strom an Antworten, die von Gewaltandrohungen zu „klarstellenden“ Kommentaren in Unterstützung des Regimes reichen.

    Nicht zuletzt gibt es die immer wiederkehrende Frage, ob es sich um Aktivismus oder sogenannten schlaffen Aktivismus handelt. Am Beispiel der Aufstände in Ägypten und Syrien wird deutlich, dass die Geschehnisse vor Ort, nicht die Sozialen Medien, der primäre Auslöser für den Sturz der Regimes waren. In Fällen, wo die Online-Demonstrationen auf das „Offline“ ausgeweitet wurden, so wie die Proteste um die iranische Wahl 2009, kann es zu falschen Hoffnungen auf Erfolg kommen. Aktivisten in den Sozialen Medien müssen darauf achten, die Unterstützung für ihre Arbeit nicht zu überschätzen.

    Es gibt trotzdem genügend Gründe optimistisch zu sein. Soziale Medien haben eine nie gesehene Umgebung geschaffen, in der Gleichgesinnte aus unterschiedlichen Netzwerken Verbindungen über geografische Grenzen hinaus aufbauen können. Sie lassen neue Bewegungen erblühen. Die Jugend kann über sprachliche und geografische Barrieren hinweg kommunizieren, was Auswirkungen haben wird, die bisher nicht greifbar sind. Es ist deshalb umso wichtiger, dass Netzwerke offen bleiben und Sprache frei bleibt.

    Anm.d.Red.: Der Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache in der Ausgabe Language, Identity & Politics des Georgetown Journal of International Affairs (Vol. 13 Issue 1) und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung. Aus dem Englischen übersetzt von Anne-Christin Mook. Alle Fotos stammen von Moe M und stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.


5 Kommentare zu Digitale Avantgarde in der arabischen Welt

  • mehr zum Arabischen Frühling, speziell zur Jasmin Revolution in Tunesien, dem Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (Tunis 2005) und der Rolle von WikiLeaks beim Sturz von Ben Ali, erfährt man in diesem Buch:
    Die Zerstörung von Wikileaks (Gerd R. Rueger 2011)
    siehe: http://anders-verlag.de/page2.php
    mehr zu Jillian York:
    Jillian York joined the Berkman Center in the summer of 2008 as project coordinator for the OpenNet Initiative. In that capacity, she worked with ONI's many volunteers and contractors around the world to carry out ONI testing for Internet filtering. She also blogged for ONI, conducted research, and coordinated DDoS and Circumvention research.
    Jillian also worked on the Herdict Web project, coordinating translation, blogging, and maintaining Herdict's social media presence.
    She is involved with Global Voices Online, where she is on the Board of Directors and serves as an author on the Middle East/North Africa team, as well as Global Voices Advocacy. She is also a member of the Committee to Protect Bloggers.
    As of May 2011, Jillian is the Director for International Freedom of Expression at the Electronic Frontier Foundation.
    Quelle:
    http://cyber.law.harvard.edu/people/jyork
  • Können Nerds Revolutionäre sein?

    So, wie sie in der US-Serie dargestellt werden, wohl kaum. Als unreife Technohippies, deren hauptsächliche Sorge darin besteht sich gegen andere Hippies (die kiffen und nicht patriotisch genug sind) abzugrenzen, bzw. als Idiot Savant, die unpolitisch nach oben buckeln und nach unten treten -von ihrem komfortablen platz in der sozialen hierarchie aus, sieh:
    http://www.big-bang-forum.de/
  • @Soseki: Nerds können Revolutionäre sein, natürlich. Bzw. Nerds SIND Revolutionäre! Einer wie NEO (in Matrix) ist das Übervorbild für den Nerd als Revolutionär. Es ist auch ganz einfach: Sie können etwas, das andere nicht können und das so gut, dass es fast wie Zauberei anmuten kann. Bisweilen. Wir trauen unseren Augen nicht, wenn die Nerds hacken und so. Wir bekommen es mit der Angst zu tun: "Eltern, bringt Eure Kinder in Sicherheit!" Sie sind mitten drin in der digitalen Revolution und an deren Sperrspitze. Ohne Nerds keine digitale Revolution.
  • und was ist mit Assange? der ist Vorzeige-Nerd und Vorzeige-Revolutionär in einem und er LEBT!
  • [...] politischen Unruhen gegen die Autokratien in Ägypten oder Tunesien wurden ausgelöst und bedingt durch inakzeptable Nahrungsmittelpreise und soziale [...]

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