Im Wasserfall aus Worten

Die Bedingung, ein Text auf Twitter dürfe nicht länger als 140 Zeichen sein, kann kreative Energien freisetzen. Tatsächlich gibt es zahlreiche Autoren und angehende Poeten, die mehr als nur Statusnachrichten schreiben, sondern den Microblogging-Dienst als eine Inspirationsquelle und ein Werkzeug für die kreative Textproduktion nutzen.

Der Autor sitzt vor einem kleinen, weißen Kästchen, daneben eine Zahl, die bei jedem Buchstaben, den er tippt, kleiner wird. Wie ein Countdown. Bei Eins muss der Punkt kommen. Kein seitenlanges Ausschweifen. Als User von Twitter ist man eben zu Kürze gezwungen. Manche in diesem Universum heißen wie Trickfilmfiguren oder längst verstorbene Autoren. Sie versuchen, jeden Tweet an ihre Rolle anzupassen und damit das Erbe der Person an die Twitterwelt weiterzugeben. Nur ein Rollenspiel? Nein, da entsteht Literatur.

Twitter als Schreibwerkzeug

Twitter ist mehr als ein Nachrichtendienst. Twitter kann zur Poesiemaschine werden oder zur Theaterbühne. Es entstehen improvisierte Dramen, die durch die Beiträge der teilnehmenden Charaktere wie ein Puzzle zusammengefügt werden. Die User twittern dort nur noch in “ihrer Rolle”. Ein Beispiel ist eine Adaption von Romeo und Julia. Darüber hinaus gibt es User, die andere dazu aufrufen, sich zum Beispiel ein 1-tweet-play, also ein Stück innerhalb eines Tweets, auszudenken.

Für das Schreiben im herkömmlichen Sinne (also mit mehr als 140 Zeichen ;), in Word, auf einer Schreibmaschine oder im Tagebuch), kann Twitter aber auch eine Inspirationsquelle sein. Denn Twitter ist ein Strom, der von Millionen von Menschen gespeist wird, die ihren Tropfen dazugeben. Manchmal plätschert das Wasser nur so dahin und manchmal fließt es mit einer enormen Geschwindigkeit. Wie ein Wasserfall, der unentwegt auf uns einwirkt. Und aus einem einzelnen Tropfen können reißende Bäche werden. Nämlich wenn 140 Zeichen viele Menschen bewegen, sodass sie eine Antwort darauf geben oder ihn an ihre Follower weiterleiten. Genauso wie wir Bücher lesen, empfehlen, sie verleihen, weiter verschenken.

Ein Tool, das einen Einblick in diesen Strom gewährt, ist die Twitterwall, die Tweets mit einem bestimmten Stichwort herausfiltert (Ein Beispiel hierfür die Twitterwall auf liquidwriting.org). Gleich einem Stream of Consciousness, der sich live aktualisiert, strömen die Gedankensplitter von vielen Menschen im Sekundentakt auf einen ein und regen so auch einen Schreibprozess an. Man muss schnell sein, um das Richtige für sich herauszufinden und manchmal wartet man lange. Doch irgendwann fällt der Tropfen, der hilft, in den Schreibfluss zu kommen.

4 Kommentare zu “Im Wasserfall aus Worten

  1. Ein sehr guter Artikel über das neue Schreiben. In 140 Zeichen gefasste Poesie oder von 140 Zeichen inspirierte Poesie scheint mir ein spannender Ansatz zu sein.

  2. Kunst und so auch die Poesie hat sich immer schon sehr schnell der aktuellen technischen Mittel bedient. Folgerichtig gibt es Poeten, die sich den Regeln von Twitter unterwerfen. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Dazu verweise ich auf die zwei Wettbewerbe zu Twitter-Lyrik vom Literatur Café. Literarisch/wissenschaftliche Bewertungen dürften irgendwann folgen.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.