• Entschleunigte Wortspiele: Twitter geht schnell, Aphorismen brauchen Zeit

    Grafik von Artotem (by-nc-sa)
    Ein Aphorismus – das ist ein prägnanter Gedankensplitter, der in der Literatur des 19. Jahrhunderts seine Blüte erlebte. Das ist natürlich schon eine ganze Weile her und man fragt sich: WAS BLEIBT vom Aphorismus in Zeiten der Echtzeitkommunikation? Der Microblogging-Dienst „Twitter“ zum Beispiel regt die Menschen zum „Wortspielen“ an. Doch für einen richtig guten Aphorismus braucht man auch richtig viel Zeit, meint Aphorismusforscher Friedemann Spicker.

    Ich kann nicht sicher sagen, welches der erste Aphorismus war, den ich gelesen habe. Aber an zwei prägende frühe Erfahrungen mit literarischen Kurzformen erinnere ich mich: Ich habe nach dem Realschulabschluss erst in einer Aufbaustufe Latein gelernt. Die lateinische brevitas, die Kunst, Dinge äußerst knapp und prägnant zu formulieren, hat mich als 16/17-Jährigen dann gleich so fasziniert, dass ich mir eine Liste dieser Sprüche angelegt habe.

    Ich beschäftige mich seitdem mit Aphorismen, sammele sie, gebe sie heraus und schreibe darüber. Um meinen Schreibtisch herum steht die Aphorismus-Bibliothek, die sich in diesen Jahren angesammelt hat, so weit sie nicht in das Deutsche Aphorismus-Archiv ausgelagert ist, das ich vor einigen Jahren mit Freunden in Hattingen gegründet habe. Ein Schritt reicht und diese alte Liste, die ich vor 40 Jahren in Büchmanns Geflügelte Worte eingelegt hatte, liegt wieder vor mir. Zwei Beispiele: Eram, quod es; eris, quod sum. (Ich war, was du bist, du wirst sein, was ich bin.) und In magnis et voluisse sat est. (In großen Dingen genügt es, auch nur gewollt zu haben.)

    Eine andere wichtige Erfahrung war die Begegnung mit Georg Christoph Lichtenberg. Für diesen an die Wand gehefteten Aphorismus muss ich nicht einmal vom Schreibtisch aufstehen: „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird, aber so viel weiß ich: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

    Der Aphorismus im Netz

    Ich nutze das Internet natürlich zum Mailen, Texte Verschicken, Recherchieren, aber ich bin (Jahrgang 1946) nicht mit ihm aufgewachsen. „Jeder ist ein Künstler“: das glaube ich nicht gerade. Und ich möchte doch einen Unterschied machen zwischen einem Erwin Chargaff und einem Graffito – trotz verschwimmender Grenzen zwischen Produzenten und Konsumenten, die Grenzen kenne ich nämlich gut.

    Aber jede Möglichkeit, die Sprache selber kreativ in den Mittelpunkt zu stellen und nicht nur unreflektiert als Werkzeug zu gebrauchen, sollte man nutzen, und gerade diese neuen Möglichkeiten beobachte ich mit Interesse. Das letzte Kapitel meines Buches Die Welt ist voller Sprüche (2010) heißt dementsprechend „Zum Selbermachen“ und gibt eine Anleitung zum Verfassen von Aphorismen. Wenn Texte im Internet Leser zum Selber- und Bessermachen anregen und sie diese Produkte wiederum zur Diskussion stellen: wunderbar.

    Sind Tweets Aphorismen?

    Twitter zum Beispiel bietet diese Möglichkeiten. Zwei Zeitungsartikel in letzter Zeit (Die Welt und Tagesspiegel) haben sich damit beschäftigt. Sie zeigen Proben dieser neuen alten Kurzformen. Ich finde es eine hochinteressante Entwicklung, die dem Aphorismus neue Bedeutung geben kann – wenn man die witzigen neuen Spontanerzeugnisse einfach mal an dem misst, was es da „sonst“ noch Großes gibt. Unter den Forschungsvorhaben, die ich mit dem Archiv ermöglichen will, stehen solche modernen Fragen mit obenan. Wo ist der angehende Magister, der daran Freude hat?

    Bild von Inha Leex Hale (by-nc-sa)
    Man könnte sich fragen, ob die Kurztexte bei Twitter überhaupt Aphorismen sein können, wenn der Autor sich gar nicht bewusst ist, sich dieser beziehungsweise überhaupt einer literarischen Form bedient zu haben? Ich sage ja, unbedingt. Die Definition ist sekundär und deskriptiv. Sie kommt also nach den Produkten und sie kann nicht vorschreiben, was ein Aphorismus zu sein hat. Die Gattung hat sich verändert, bestimmte Muster sind auch ermüdet. Was kann es Besseres geben, als dass neue Formen sich im Alten entwickeln. Der sperrige Begriff „Aphorismus“: wenn er sperrt, dann vermeiden wir ihn doch einfach und wortspielen Witzig-Erkenntnishaftes.

    Schnell gelesen ist nicht schnell verstanden

    Aphorismus: ist kurz, geht schnell, passt gut in unsere Zeit. So denkt man, wenn man zu kurz und zu schnell denkt und wenig Erfahrung mit dem Lesen (oder gar Schreiben) von solchen Kurztexten hat. Die besten von ihnen sind langlebig und nachhaltig: sie sind nicht in Sekunden wegzulachen oder wegzunicken, sie haken sich fest, sind „unflüchtig“, wenn man so will. Oder sind Sie mit diesem hier blitzschnell fertig? „Erleben gibt Fülle, Verzicht Profil.“ (Hans Kudszus)


16 Kommentare zu Entschleunigte Wortspiele: Twitter geht schnell, Aphorismen brauchen Zeit

  • Twittern kann das Herz erweichen /
    mit nur hundertvierzig Zeichen.
  • Rafik am 10.06.2011 02:57
    danke schön für diesen stimmungsvollen, poetisch angehauchten Bericht aus dem Bauch des Aphorismus-Architekten! Mir gefällt die singende Sprache... Vielleicht ist das auch eine Verbindung zu Songtexten bzw. Refrains, die sich hier Gehör verschafft, denken Sie nicht auch?
  • stekram am 10.06.2011 14:51
    wunderbar!
  • Twitter als Raum für literarische Experimente: Sehr spannend und anregend. Eine Sache verstehe ich nicht ganz: Ein Aphorismus braucht immer viel Zeit, oder kann es nicht auch manchmal ganz schnell gehen? Sind Aphorismen nicht auch immer Gedankenblitze?
  • Sanne am 10.06.2011 16:26
    Spannend, wie sich eine so alte Gattung plötzlich neu erfindet! Nur wissen die Neu-Erfinder/Twitterer meist gar nichts von ihrem Einfluss auf die Literatur.
  • Stella Netzgezwitscher am 10.06.2011 16:32
    Wie lange braucht ein routinierter Twitterer für einen richtig guten Tweet?
  • Erika Pattschull am 10.06.2011 16:39
    Hm, ich finde das alles recht optimistisch. Bin selbst auf Twitter - aber ein poetischer Tweet ist mir noch nicht untergekommen. VIelleicht habt ihr ja mal ein paar Beispiele...
  • @Erika: Weniger poetisch, aber eben aphoristisch bzw. wortspielerisch wären zum Beispiel diese Tweets aus meiner Favoritenliste:
    "Morgen ist auch noch ein Alltag"
    oder
    "Wir fragen nicht, wie's uns geht, sondern nur, woran's liegt."
    oder
    "Telefon klingelte. Scheint aber nicht wichtig zu sein, sonst hätten sie eine Mail geschickt."
  • Danke für den tollen Text, der hat mich sehr gefreut, weil ich ja auch ab und zu mal was twittere und diese Beschreibung meiner eigenen Definition schon sehr nahe kommt. Wie meine Definition genau ist, kann ich aber nicht sagen.

    @Stella: einen guten Tweet kann man glaube ich nciht erzwingen, sondern wie der Text schon sagt, es sind Gedankenblitze und so ist das auch bei mir. "Gute" Tweets (gemessen daran, wie viele Sterne oder RT sie haben) schreibe ich manchmal in fünf Minuten. Andere worüber ich auch nochmal nachdenke, kommen manchmal nicht so gut an. Das ist eine sehr subjektive Einschätzung, die auch eigentlich keine Aussage hat, denn wie bei so vielen Sachen, kommt es beim Twittern auch manchmal einfach nur aufs Timing an. :)

    @Erika, was verstehst du unter einen poetischen Tweet?
  • @#9: es scheint also ganz unterschiedliche Bewertungskriterien zu geben für einen "guten Tweet": literarische, subjektive und mehr so soziale (wie kommt es bei den anderen an, etc.).

    @Herr Spicker: Mich würde interessieren was für Kriterien Sie haben! Messen Sie die Güte eines Tweets am Kanon des Aphorismus? Oder hat die digitale Kommunikationskultur inzwischen neue Maßstäbe entstehen lassen?
  • Ein gut verständlicher Text, den man gerne von vorn bis hinten liest!
  • Lest doch einmal das Buch von Herrn Spicker. Auf unserer Homepage findet Ihr auch eine Leseprobe www.brockmeyer-online.de oder www.brockmeyer-verlag.de. Ein guter Aphorismeus kann ein Geistesblitz sein oder auch viel Feilerei benötigen, bis er stimmt! Z.B. der Titel eines neuen Aphorismen-Buches in unserem Verlag: "Kriecher stolpern nicht". Wie viel Politiker fallen Euch da ein?
    Norbert Brockmeyer (Verleger)
  • Vorneweg: was und wie hier kommentiert wird, gibt mir glatt den Glauben an die Menschheit wieder. Wer ist bei dieser Sammlung dabei: "Aphorismus war gestern. Die besten Tweets seit ihrer Erfindung"?

    Zu 1: Seid mit dem Herzen, ob hart oder weich, vorsichtig. Da hab ich so viel Dummes aus der Literatur aufgelesen, da geht einem das Herz auf, villeicht, aber nicht der Kopf.
    Zu 2: "singende Sprache". Was man niht alles über sich lernt. Übrigens, Rafik, Treffer: Ich bin Sänger.
    Zu 4. Es ist so was mit den Blitzen. Es kann oder muss auch harte Arbeit nach dem Blitzen folgen, erst dann sieht er dann vielleicht aus wie ein Gedankenblitz.
    Zu 10: Ja, die Sache mit den Kriterien. Die meinen hab ich in diversen Sammlungen hoffentlich erkennen lassen. Neue Maßstäbe in der digitalen Kommunikationskultur? Kann ich nicht beurteilen, aber "schlecht" wird auch in der modernsten Übermittlung nicht "gut". Man kennt ja die Sache mit der Mogelpackung, und Twitter-Aphoristiker sollten keine Verpackungskünstler sein.
  • neuro am 17.06.2011 11:15
    cool!
  • "Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit, er ist entweder die halbe Wahrheit oder anderthalb." Karl Kraus

    Schöne Grüsse aus der Freidenker Galerie

    Rainer Ostendorf
    www.freidenker-galerie.de
  • Ein wirklich guter Artikel. Hier ein schöner Aphorismus von Goethe:

    "Mit Mädeln sich vertragen, mit Männern rumgeschlagen, und mehr Kredit als Geld, so kommt man durch die Welt."
    Johann Wolfgang von Goethe

    Schöne Grüsse aus Osnabrück

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