• Ohne Tabu: „Ich befriedige meine Kinder, wenn sie Schwierigkeiten beim Einschlafen haben.“

    Eltern drehen am Rad, Kinder und Jugendliche kennen keine Grenzen, die Sittenpolizei ist überfordert – willkommen im Wilden Westen der Sexualität. Dieser scheinbar rechtsfreie Raum wird in dem preisgekrönten Film „Polisse“ schonungslos vermessen. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki skizziert das schwer greifbare Gefühl, ohne Tabu zu leben.

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    „Ich befriedige meine Kinder, wenn sie Schwierigkeiten beim Einschlafen haben.“ sagt eine Mutter im Verhör. Ein Vater arabischer Herkunft meint: „Ich habe sie verheiratet als sie 14 war.“ Ein Turnlehrer gesteht: „Es war wie eine echte Liebesbeziehung.“

    Wenn Erziehungsberechtigte in Polisse über Kinder sprechen, dann hört es sich an, als würden sie über ihre Sexualpartner reden, sie kennen keine Reue. Und wenn sie über ihre Sexualpartner sprechen, hört es sich an, als würden sie über ihre Kinder reden: „Ich mag sie am liebsten, wenn sie rasiert ist, wie ein kleines Mädchen.“

    Recht auf Sex im rechtsfreien Raum

    Die Kinder, die aus diesen Elternhäusern kommen, wirken verstört. Nicht immer traumatisiert: „Papa hat mich viel zu doll lieb.“ Häufig fehlt ihnen das Gespür für Grenzen. Teils naiv, teils aggressiv fordern sie ihr Recht auf Sex sein. Vor allem dann, wenn es ein Mittel zum Zweck ist: „Aber es war ein wirklich schönes Handy.“ „Na und?! Man kann doch nicht derart freigiebig Blow Jobs verteilen.“

    „Pädophilie, das ist eine Krankheit.“, erklärt Polizistin Iris einem Jungen, der verständnislos dreinblickt. Sein Turnlehrer ist gerade dabei, ins Gefängnis zu wandern: „Wenn er krank ist, warum geht er dann nicht ins Krankenhaus?“ Die Polizistin: „Wer ein Gesetz bricht, muss bestraft werden.“ „Aber er war so nett zu mir.“

    Die Welt scheint Kopf zu stehen. Doch nicht Surrealismus, sondern Dokumentarismus bestimmt die Erzählung. Maïwenn, die Regisseurin, kennt das Milieu aus erster Hand. Sie hat eine Einheit der Pariser „Kinderschutzpolizei“ bei ihrer Arbeit begleitet, Geschichten aufgesogen, Bekenntnisse mitgeschnitten. Es muss erschütternd gewesen sein.

    Wohin steuert die Gesellschaft?

    Was sie davon in „Polisse“ wiedergibt, ist Drastik pur. Es gibt hier kein Tabu. Und die Polizisten, die täglich mit dem Wahnsinn zu tun haben, scheinen am wenigsten darauf vorbereitet zu sein. Alle sind überfordert. Außer vielleicht die ein oder andere Figur, die alles gelassen nimmt: Gehört sie zu einer total emanzipierten Avantgarde der Gesellschaft? Oder ist sie der Inbegriff von Perversion und Verfall?

    Anm.d.Red.: Das Foto oben ist ein Standbild aus dem Film „Polisse“. Es zeigt Maïwenn in der Rolle der Mélissa, die als Fotografin die Arbeit der Kinderschutzpolizei dokumentiert.


6 Kommentare zu Ohne Tabu: „Ich befriedige meine Kinder, wenn sie Schwierigkeiten beim Einschlafen haben.“

  • Marissa am 25.11.2011 11:28
    Danke für diesen drastischen Schnappschuss. Ich werde mir den Film auf jedenfall auch ansehen.
  • @#1: Dann aber schnell ins Kino! der Film läuft nicht mehr so lange.
  • achim am 25.11.2011 13:25
    der Filmemacher Michael Haneke hat mal gesagt (sinngemäss): das meiste Übel in der Gesellschaft, also Kriminalität, Pathologien, etc. entspringt kaputten Familien.

    Was der Artikel "skizziert" scheint den Untergang der Gesellschaft anzukündigen.

    Aber ist es wirklich so schlimm?
  • jorge czyterspiler am 25.11.2011 16:06
    Interessanter Film und interessante Frau. Wenn ich auch die Kombination des schwierigen Themas, samt Foto der Regisseurin mit einer 5000€ Kamera auf einer ebenso teuer korrigierten Nase, etwas irritierend finde. Naja, "caviar gauche" halt. Werde mir den Film trotz allem natürlich einverleiben.
  • Silvia am 25.11.2011 17:13
    schockierend, ich kann nur den Kopf schütteln. Muss so etwas in der Berliner Gazette beschrieben werden?
  • Jürgen am 25.11.2011 18:48
    Perversion und Verfall gab es schon im Alten Rom, er wird heute nur schneller sichtbar gemacht. Oder braucht der moderne Mensch den Dauerschock? Dennoch: Auf das sich immer wieder ein Filmemacher, Fotograf, Journalist oder Buchautor finde, der den Dreck auch in der kleinsten Ecke findet. Besser wäre aber noch, ihn vorher wegzuräumen.

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