• Der Fluch der Minerva, die Sonne der Nacht oder die Dämmerung der Knechte

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    Die Eule der Minerva steht für Klugheit und Weisheit. In der römischen Antike ist sie auch als Unglücks- und Todesvogel gefürchtet. Bei Hegel war es die Eule der Minerva, die bei Dämmerung aktiv wurde: Dort wo es dämmert, kann die Philosophie erst einsetzen. Gleichzeitig gilt: Nie war die Nacht von undurchdringlicherem Dunkel für die Intelligenz als jetzt. Theatermacher und Berliner Gazette-Autor Alexander Karschnia verwebt Texte zu einem Aufruf: Jetzt! Ist die Nacht!

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    Hegels Eule der Minerva, die an seinem Lebensabend ihren Flug begann, flog in die „Nacht des Proletariats“ – nach Paris, für Walter Benjamin die „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“. Noch liegen die Strahlen der Gaslaternen mit der Abenddämmerung im Streit, schon bald haben sie gesiegt. Düster und zerfahren wie das Licht selbst erscheint die ruhelose Menge: ‚la multitude‘. Es ist erlaubt, ab und zu anzuhalten, es ist nicht erlaubt zu schlafen! Müßiggänger streunen herum und Arbeiter, die statt ihre Arbeitskraft zu reproduzieren, sich in Kneipen treffen oder in Kellern, wo sie Texte redigieren, Zeitungen drucken, philosophieren oder den Aufstand vorbereiten, die sog. ‚Schwarzröcke‘, Tag und Nacht in der Tracht der Trauer, denn jeder Tag könnte jemandes Beisetzung sein. Oder das Signal zum Aufstand kommen – jetzt!

    Als unsichtbare Polizei der Revolte sorgen sie dann für den Erhalt der Ordnung, also der Nacht, in der die Feuer der Barrikaden leuchten wie die Sterne, für Hegel der „Aussatz des Himmels“. Im Himmel wie auf Erden gibt es nur noch Müßiggänger und Aktivisten, damals wie heute: Das „unergründliche Dunkel des Massendaseins in den großen Städten“ ist es, das die besten und bösesten Dichter der Moderne fasziniert, von Baudelaire bis Brecht; wohl wissend, dass jeder Mensch ein Geheimnis mit sich herumträgt, das, würde es bekannt, ihn überall verhasst machen würde – sei es, dass er oder sie einmal den dunklen Drang verspürt hat, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen, um mit dem elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen: einer Welt herrenloser Knechte, die Kollaborateure macht aus uns allen.

    Geistige Erleuchtung und militärische Informationsbeschaffung

    Zu dieser Stunde der Nacht sind alle großen Wachenden tot – und wir haben sie getötet. Nie war die Nacht von undurchdringlicherem Dunkel für die Intelligenz als jetzt. (Tiqqun) Jetzt ist die Nacht und langsam dämmert uns, wenn wir in unsre Rechner blicken, dass alles, was wir anschauen, uns anschaut: sämtliches Licht der Welt zieht sich auf den kleinen schwarzen Fleck einer Pupille zusammen und verwandelt es in die helle Nacht eines Bildschirms: Aufklärung hieß immer schon geistige Erleuchtung und militärische Informationsbeschaffung. Souverän ist, wer dem Anderen die Angst vor dem Tod nimmt, der Sicherheit verspricht vor Terroranschlägen, Selbstmordattentätern, Serienkillern, Viren oder Surrealisten, die mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge schießen – jetzt!

    Es ist das Milieu der bewaffneten Bohème, das Benjamin in seinem Buch über Baudelaire beschrieben hat, der sowohl der verrufene Dichter als auch der verrufene Kaiser entstammte: die finstere Welt von Berufsverschwörern, die sich unter der schwarzen Fahne der Nacht versammeln. Seit dem Staatsstreich (18. Brumaire) bestanden die alten Arbeiter-Assoziationen nur noch als kommerzielle Compagnien fort, im Verborgenen planten sie den Tyrannenmord. Dem gegenüber steht der dunkle und tiefe Traum eines mystischen Anarchismus à la Gustav Landauer: „Nicht andere umzubringen, sondern sich selbst.“ Souveränität, nannte das der Hegelleser Bataille oder das Denken des Herren.

    Wie die alten Verschwörer traf sich in den letzten beiden Jahren vor dem letzten Weltkrieg eine Gruppe von Soziologen und versuchte, die Kräfte der Dunkelheit zu entfesseln, um die Mächte der Finsternis zu bannen, die sie von der anderen Seite des Rheins bedrohten. Wie an Horkheimers Institut beschäftigten sie sich mit Sozialforschung und der Dialektik der Aufklärung: Doch anders als die Frankfurter wollten die Franzosen den Mythos, der Aufklärung geworden war, nicht aufklären, sondern beschwören: Sakralsoziologie nannten sie das Ganze und erforschten die dunkle Seite der Macht: das Opfer. Die meiste Zeit nur als dunkles Gefühl empfunden, tritt sein Wesen erst im Licht der Sakralsoziologie hervor als Versuch, im Angesicht des Todes ein klein wenig Haltung einzunehmen. Das Wesen der sakralen Sprache: sowohl grauenerregend, als auch vertraut zu sein, in alltägliche Redewendungen wie Jetzt ist die Nacht! So lautet die Parole der Verschwörung – einer offenen Verschwörung, die sogar so offen ist, dass man gar nicht mitbekommt, dass man Teil von ihr geworden ist.

    Durch Zerstreuung zur Klarheit

    Man spricht den Code (die Redewendung), ohne jemals von irgendjemand in irgendetwas initiiert worden zu sein. Die Macht und die Magie der Sprache: eine Hell-Dunkel-Umkehrung. Nicht durch Aufmerksamkeit gelangen wir zur Klarheit, sondern durch Zerstreuung, dadurch, dass wir die Gedanken schweifen und die Wörter über ihre wortwörtliche Bedeutung hinaustreten lassen, sie ihrem inneren Widerspruch überlassen, ihrer Dunkelheit. Denn nur so werden wir sehen, was wir sonst nicht sehen können: durch den Kontrast zur Dunkelheit. Sie ist unsre einzige Hoffnung im Kampf gegen das von allen Seiten einbrechende Licht – jetzt! ist die Nacht!

    Und damit befinden wir uns im Herzen von Hegels Philosophie. Dieser Satz, den ich mir gestern Nacht aufgeschrieben und aufgehoben habe, hat sich heute morgen zwar erhalten, aber als etwas, das nicht Nacht ist; aber ebenso hat es sich auch gegen den Tag, der dieses Jetzt jetzt ist, erhalten als etwas, das auch nicht Tag ist. Es hat sich also dadurch erhalten, dass etwas anderes, nämlich der Tag und die Nacht nicht ist. Es ist weder dieses noch jenes, kann aber ebenso sowohl dieses als auch jenes sein: so beschreibt Hegel die Negativität, die man als Mensch, als handelndes Wesen ist. Handeln heißt negieren, Arbeit verrichten Sachen vernichten. Das ist die ganze Dialektik. Das steckt natürlich alles in diesem einem Wort, von dem Hegel so viel Aufhebens macht: der Aufhebung. Das kann man leicht nachvollziehen, so kann man sich ja auch fühlen – gut oder schlecht aufgehoben. Oder man hebt sich etwas für später auf. Damit man noch was zu tun hat.

    Aber was passiert, wenn es nichts mehr zu tun gibt, wenn mein Bedürfnis zu handeln, meine „Negativität“ keine Beschäftigung mehr findet. Ist das ein Missgeschick oder eine Chance? Wie soll denn der Knecht, der ja bekanntlich derjenige ist, der den Herrn anerkannt hat, vom Herrn anerkannt werden, wenn er nicht mehr arbeiten kann für ihn? Das macht ihn natürlich gemeingefährlich und deswegen muss man ihn Tag und Nacht überwachen. Ich muss also kämpfen, ich muss handeln, damit anerkannt wird, dass es nichts mehr zu tun gibt, dass man nicht mehr handeln kann: ich muss zum Menschen der „anerkannten Negativität“ werden laut Bataille – d.h. es muss möglich sein, dass ich jetzt, am Montagmorgen auf die Straße gehe und zum Nächstbesten sage: „Jetzt ist die Nacht!“ Und der antwortet: Genau! Jetzt ist die Nacht, genau jetzt!

    Wir brauchen eine Ökonomie des Verlusts!

    Dazu braucht es die Hell-Dunkel-Umkehrung: Dass man lebt, ist ja eben deshalb nicht zu empfinden! Der gelebte Augenblick ist am dunkelsten. Am Fuße des Leuchtturms ist kein Licht. (Auch eine Redewendung.) Es müsste also darum gehen, diese Dunkelzone auszuweiten – zur Zukunft: Das ist ja die Zukunft, dieses Dunkel. Erst vor diesem Dunkel erkennen wir das Jetzt! Und erst durchs Jetzt die Zukunft: Jetzt, Zukunft. Jetzt!

    Nicht die Geschichte ist also zu Ende, wie das seit Hegel alle hundert Jahre wieder verkündet wird, sondern die Arbeit, bzw. wenn die Geschichte zu Ende ist, dann deswegen. Die Arbeit wird vom Knecht verrichtet, laut Hegel, der sich auch selbst für einen Knecht hielt, er sprach ja immer von der „Arbeit des Begriffs“ und der „Arbeit des Negativen“ usw. Wie soll also der Knecht als derjenige, der den Herrn anerkannt hat, nun vom Herrn anerkannt werden, wenn es für ihn nichts mehr zu tun gibt? Ist also die bürgerliche Dämmerung, in der wir uns befinden, eine Dämmerung des Knechts? Oder war es nicht von jeher die Knechtschaft, die den Mangel an Licht in die Welt gebracht hat, fragt Bataille in Die Aufhebung der Ökonomie. Ist sie es, die die Sonne verdeckt wie eine dunkle Wolkendecke, ihren Glanz von den Dingen abzieht, so dass sie in aller Deutlichkeit vor uns liegen: grau in grau gebrauchsfertig?

    Das ist der Fluch der Eule, dass man heute noch der Meinung ist, die Welt sei arm und die Arbeit notwendig. Aber die Welt krankt an ihrem Reichtum! Wir müssen uns verschwenden – wie die Sonne: wir sind im Grunde nicht als ein Ergebnis der Sonnenenergie. Diese Energie kann man nicht ewig behalten, man muss sie wieder abgeben, verausgaben – die Sonne ist das Symbol einer anderen Ökonomie, einer Ökonomie des Verlusts, nicht des Gewinns: des Opfers. Jetzt ist die Nacht Tag.

    Anm.d.Red.: Dieser Beitrag entstand im Rahmen der internationalen Konferenz Einbruch der Dunkelheit, bei der das Performance-Kollektiv andcompany&Co. mit dem Lecture-Concert „Der Fluch der Minerva“ zu sehen war. Eine Einführung zu der Konferenz von Krystian Woznicki ist unter dem Titel Gewohnheiten und Gesetze in der Berliner Gazette zu lesen. Die Konferenz „Einbruch der Dunkelheit. Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle“ war eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Foto oben ist in diesem Augenblick entstanden und wurde von Andi Weiland aufgenommen. Es steht unter einer Creative Commons Lizenz (cc by 2.0). Weitere Fotos von „Einbruch der Dunkelheit“ hier.


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