• Kalkül und Leidenschaft: Maike Brochhaus‘ intellektueller Post-Pornofilm „Häppchenweise“

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    Wer kennt es nicht? Die nackte, wilde Lust wie sie in semi-pornografischen Homevideos zum Ausdruck kommt. Maike Brochhaus Debütfilm „Häppchenweise“ ist eine geradezu analytische Vermessung dieses Terrains und zeigt dabei konstruierte sowie inszenierte Formen der Lust. Die Dramaturgin und Berliner Gazette-Autorin Katja Grawinkel kommentiert.

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    Jenz und Till haben sich zusammen aufs Sofa gekauert. Er trägt nur Boxershorts, die seinen steifen Penis eher schlecht als recht bedecken. Jenz knallbunte Unterwäsche wird die nächsten Szenen nicht überstehen. Wenn die beiden sich bald stöhnend auf dem Flokati wälzen, wird nur das großflächige Tattoo auf der rechten Flanke von ihrer Nacktheit ablenken. Sie wird seinen Penis in den Mund nehmen und rhythmisch den Kopf auf und ab bewegen. Er wird ihre Brüste, ihren Po kneten, schließlich ihre Schamlippen lecken und mit dem Finger in ihre Vagina eindringen.

    Es ist die zentrale Szene in Maike Brochhaus‘ Debütfilm „Häppchenweise“, der jetzt in Köln Premiere feierte. Als „postpornografisches Experiment“ bezeichnet sie, was sie da mit sechs Darstellern und einer kleinen, technischen Crew in einem besetzten Haus in Köln-Kalk verwirklicht hat. Brochhaus hat Kunst auf Lehramt studiert und promoviert nun zu den Grenzen zwischen Kunst und Pornografie.

    Der queere Filmemacher Bruce LaBruce ist ihr Forschungsgegenstand. „Häppchenweise“ hat nicht viel mit den morbiden Metaphern in LaBruces expliziten Filmen gemeinsam, die auf den großen Filmfestivals gezeigt werden. Es ist ein zärtlicher Film, der die Sexualität jenseits der Klischees von YouPorn oder Hollywood zeigt.

    Um ihn zu verwirklichen, hatte Brochhaus Unterstützung aus dem Internet eingeworben. Via Crowdfunding waren über 10.000 Euro zusammen gekommen. Der Mindestbetrag, um das Filmprojekt anzuschieben. Die Postproduktion konnte damit nicht abgedeckt werden, auch keine Honorare für die Darsteller. Das ist bei kleinen Filmprojekten keine Seltenheit. Dass schon vor der Premiere zahlreiche Internetuser den Download des Films vorbestellten, ist dagegen bemerkenswert. Die Tilgung der Kosten rückt in greifbare Nähe.

    Ein (un)gefährliches Spiel

    Die Versuchsanordnung, die die Unterstützer neugierig gemacht haben dürfte, sieht so aus: Sechs Personen lernen einander kennen. Sie essen zusammen, trinken Cocktails, reden über Sex und spielen Flaschendrehen. Die/Derjenige, auf den die Flasche zeigt, zieht eine Karte von einem der drei Stapel. Die Aufgaben und Fragen reichen von harmlos bis scharf: „Wie kann dich jemand beim ersten Treffen überraschen?“„Erzähle, wie du es dir selber machst.“ „Küsse jemanden aus der Runde so, dass er oder sie nicht mehr aufhören will.“ Die Dinge nehmen ihren Lauf, während hinter den Kulissen die Tonbänder mitlaufen. Eine Kameracrew filmt durch einseitig verspiegelte Scheiben jede Bewegung. Brochhaus zeigt, dass für die Generation YouPorn Big Brother eine mediale Kindheitserinnerung ist, die man beliebig für die eigenen Zwecke gebrauchen und dekonstruieren kann.

    Ist es das Spiel, der Alkohol oder eine authentische Anziehung zwischen den beiden, das Jenz und Till eng umschlungen auf dem Teppich landen lässt? Das erfährt der Zuschauer nicht. Es ist auch egal, denn die Szene ist heiß. Selbst hartgesottene Porno-Routiniers kann sie nicht kalt lassen. Das hat etwas mit dem medialen Setting zu tun. Hier versuchen sich weder zwei sogenannte Amateure an einer professionellen Pornoästhetik, noch werden heimlich zwei Unschuldige beim Liebesspiel beobachtet. Darsteller und Zuschauer begegnen sich auf einer Ebene jenseits von Voyeurismus und Exhibitionismus. Sie sind Akteure, die wissen, was sie tun. Sie lassen sich mit Freuden von der Hitze des Augenblicks mitreißen.

    Jenz und Till sind das Zentrum der Szene. Jedoch rührt die Spannung, die sie so besonders macht, nicht unwesentlich vom Verhalten der anderen Darsteller her. Nach und nach verlassen sie den Raum und weichen auf die Terrasse aus. Die Absicht, die beiden auf dem Sofa „alleine zu lassen“, wirkt vor dem filmeigenen Setting absurd. Aber auch irgendwie ehrlich. Die Gruppe überlässt das Paar den Blicken der Zuschauer, die gerade einen spannenden Moment von echter, inszenierter Intimität erleben. Das ist hier kein Widerspruch.

    Nun hockt Jenz auf dem Schoß Tills. Sie zieht seinen Kopf zu sich und raunt, dass sie jetzt viel zu nervös sei. Die zwei tauschen noch ein paar Küsse, ziehen sich dann wieder an und gesellen sich zu den anderen. „Und? Hattet ihr Sex?“ Die Antwort ist unentschlossen: „Ja! Nein! Also… wer weiß das schon?“ Ja, hatten sie! Denn es war heiß, innig, erregend und schön. Da würde das geneigte Publikum sofort zustimmen. Nein, hatten sie nicht! Denn es kam nicht zum klassischen, heterosexuellen Geschlechtsakt, wie er im (Bio-)Buche steht. Die Penetration blieb aus. So tief sitzen sie. Die Muster, wie wir über Sex denken und sprechen. Sie werden lange nicht nur von der allseits proklamierten Pornofizierung der Gesellschaft geprägt.

    Ehrliche Gespräche über Sexualität

    Gegen solche Konventionen führt Maike Brochhaus ihren Film ins Feld. Der lebt sowohl von den ehrlichen Gesprächen über Sexualität als auch von den intimen Szenen. Es geht darin um sadomasochistische Blinddates, um schwulen Sex. Es geht um Liebesbeziehungen zu mehr als einer Person gleichzeitig und zu unterschiedlichen Geschlechtern. Das alles findet in einem Umfeld statt, das einem von der letzten WG-Party bekannt vorkommt. Aber eben nur ein wenig. Denn der Brochhaus‘ Film ist trotz des Experiments, das ihm zugrunde liegt, ein sorgfältig editiertes Werk geworden, das den Namen verdient.

    Aus vielen Stunden Material, aufgenommen von neun Kameras während des elfstündigen Drehs, hat die Regisseurin heraus geschält, was sie zeigen wollte: Eine 70-minütige Komposition zum Thema Sexualität, die Intellekt und Instinkt gleichzeitig anspricht und die Trennung zwischen beiden irgendwie absurd erscheinen lässt. Der Film gelingt ohne große tabubrecherische Geste als das, was Till sich in der Eröffnungssequenz von ihm erhofft: „Ein antibürgerliches Statement.“

    Anm.d.Red.: Mehr zum Thema finden Sie in unserem Dossier Pornorama. Das Foto stammt von Julian Röder.


8 Kommentare zu Kalkül und Leidenschaft: Maike Brochhaus‘ intellektueller Post-Pornofilm „Häppchenweise“

  • oiuz2093 am 31.03.2013 19:41
    danke für den tipp!
  • Helga S. am 02.04.2013 12:13
    Hallo, vielen Dank an K. Grawinkel für den Text! Meine Frage ist nun, was an dem Film ist "postpornografisch"? Ich kenne postmodern noch aus dem Studium aber unter postpornografisch kann ich mir nichts vorstellen - was sind da die Parameter und wie erfüllt der Film sie? Danke schonmall eure Helga
  • femism 2.0 am 02.04.2013 13:05
    ich will jetzt keine gender/porno-debatte anstoßen (wie ich es sonst gerne tue:) - mich interessiert viel mehr, was am ende steht von dem "antibürgerlichen statement". kann es so etwas heute denn noch geben? ist das nicht etwas nostalgisch? (68er und so...) was denkt ihr?
  • Liebe Helga,
    Postpornografie ist ein sehr komplexer Begriff und es gibt verschieden Ansätze, ihn zu erläutern oder zu definieren. Ich habe es auf schönschrift.org mal so versucht:

    "... Die Postpornografie-Szene... ist eine Mischung aus akademischer Beschäftigung mit Pornografie, Performancekunst und radikalem politischen Aufbegehren gegen sexualisierte Formen der Macht. Einerseits bejaht sie die Lust am Pornografischen, andererseits versteht sie sich aber in vielerlei Hinsicht als Alternative zum Porno-Mainstream. Mit queeren Mitteln werden hier Darstellungen erzeugt, die den Handlungsspielraum derjenigen erweitern sollen, die normalerweise sowohl im Mainstream-Porno, als auch in einer auf Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit basierenden Gesellschaft am Rande stehen: Homo-, Trans*- und Intersexuelle oder auch einfach nur Personen, die nicht auf ein Männer- oder Frauenklischee festgelegt werden wollen, dem sie nicht entsprechen. ..."
    http://schönschrift.org/artikel/post-porn-poetry-maxim-gorki-theater-berlin/

    "Häppchenweise" kann für mich in erster Linie deshalb als postpornografisch bezeichnet werden, weil Sexualität und Pornografie hier in ihrer Komplexität behandelt und teilweise dekonstruiert werden, ohne dass man das Lustvolle daran negiert.
  • Helga S. am 04.04.2013 15:33
    oh, vielen dank!
  • Kimmy am 05.04.2013 12:16
    Bei dem Satz "Selbst hartgesottene Porno-Routiniers kann sie nicht kalt lassen." musste ich schmunzeln!
  • Rainald Krome am 06.04.2013 20:50
    danke! Einige Sätze wollte ich zweimal lesen. Zum Beispiel:

    "Brochhaus zeigt, dass für die Generation YouPorn Big Brother eine mediale Kindheitserinnerung ist, die man beliebig für die eigenen Zwecke gebrauchen und dekonstruieren kann."

    Das klingt spannend. Sehr ambitioniert. Was der Film da zeigen soll. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir richtig vorstellen kann, wie das genau funktioniert.

    Also die Generation YouPorn ist so total auf sich zeigen und sich entblössen aus, also sie hat die Augen von der Überwachungsindustrie immer auf ihren Schultern, weil sie beim gucken von Pornos immer heimlich überwacht wird und weil sie selbst pornografisch in der Netz-Öffentlichkeit auftritt. Das lese ich aus diesem Satz. Aber ich lese das nicht unbedingt aus meinen Beobachtungen. Die Leute sind ja nicht immer zugleich Konsument und Produzent von YouPorn - oder? Das heißt, dass viele, die nur konsumieren, die Begegnung mit Big brother niemals gemacht haben, niemals bewusst. Wie kann es dann eine Kindheitserinnerung sein?

    Dann dieser Satz:

    "Darsteller und Zuschauer begegnen sich auf einer Ebene jenseits von Voyeurismus und Exhibitionismus. Sie sind Akteure, die wissen, was sie tun. Sie lassen sich mit Freuden von der Hitze des Augenblicks mitreißen."

    Also hier werden die Post-Big-Brother-Subjekte in ihrem Selbstverständnis beschrieben. Sie dekonstrieren die Psychologie und Kondititionierung der Überwachung und Selbst-Überwachung, WEIL SIE WISSEN WAS SIE TUN? also, dass sie überwachen bzw sich überwachen lassen und im Zuge dessen trotzdem oder gerade deshalb quasi angegeilt so richtig in fahrt kommen.

    Das klingt nach den speziellen Leuten in STRANGE DAYS, die nicht mehr richtig erregt werden, wenn sie nicht im Überwachungsvideo-Kontrollkreislauf angeschlossen sind.
    Kurz: ein bisschen pervers...
  • boyzone am 07.04.2013 07:51
    mich wunderts mal auch, bin sonst ja nicht so. aber was ist denn jetzt emanzipiert? was genau? oder haben wir davon nur eine ahnung?

    ein zitat aus der serie community:

    sexuelle belästigung? warum sollte ich jemanden belästigen, der mich sexuell antörnt.

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    kommt es aus dem munde eines alternden politikers ist es aggressiver sexismus. kommt es aus dem munde eines nicht mehr jungen politikers mit hipper sonnenbrille ist es modern.

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