• Porno oder Politik? Der Filmemacher Bruce LaBruce über Zärtlichkeit in einer fetischisierten Welt

    Agit-Porn-Film, Polit-Porno-Satire, Post-Pornografie – diese und andere Wortneuschöpfungen wurden gebildet, um die Filme von Bruce LaBruce in ein Korsett zu stecken. Die Kulturwissenschaftlerin Anika Meier traf den Filmemacher aus Kanada und sprach mit ihm über Moral und Ethik in Porno-Produktionen, Internetpornografie, Porn Studies und über Zärtlichkeit in einer fetischisierten Welt.

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    Irgendwo zwischen Kunst, Pornografie und Politik angesiedelt, arbeitet Bruce LaBruce seit den 1980er Jahren als Filmemacher, Autor, Regisseur, Fotograf und Künstler. Der Kanadier begann seine Karriere als Ikone des schwulen Underground-Films mit der Herausgabe des ersten schwulen Punkfanzines J.D.s und etablierte sich mit insgesamt 11 Filmen als Ikone des Queer Film.

    Seine Filme sind Hybride, die die Ästhetik von Independent-Filmen mit meist schwulen pornografischen Szenen verbinden. Bruce LaBruce verhandelt politische Themen über das Explizite, Distanzlose. Er nutzt Pornografie um Grenzen aufzuzeigen und analysiert deren Parameter, indem er sie dekonstruiert, umnutzt und neu kontextualisiert.

    Skin-Heads, Zombies, Punks, Marxisten, Revolutionäre und Pornostars geben sich die Klinke in die Hand. The Raspberry Reich nimmt beispielsweise den deutschen Links-Terrorismus auf die Schippe, der revolutionäre Inhalte nur noch als Paraphrasen und leere Zitate kennt, der dafür aber homosexuellen Sex als Akt der Befreiung feiert: „Fuck me for the Revolution!“ ist das Stichwort, das man etwas polemisch auch als Schlüssel zu Bruce LaBruce‘ Arbeit sehen könnte.

    Wir organisieren gerade eine Porn Studies Konferenz und haben im Zuge dessen bemerkt, dass es vielen Menschen schleierhaft erscheint, Pornografie zu untersuchen. Wie begegnest du solchen Problemen?

    Naja, die Leute werden misstrauisch. Sie denken, man hat unlautere Absichten. Aber es ist schon verrückt, das ist eine Multimillionen Dollar Industrie, die einen immensen kulturellen Einfluss hat und trotzdem wird das Thema größtenteils noch unter den Teppich gekehrt. Wenn man sich überlegt, wie einflussreich und durchdringend Pornografie ist, kann man es kaum fassen, dass es nicht mehr Symposien und Konferenzen zu dem Thema gibt.

    Es ist eines dieser Dinge, das die Leute peinlich berührt oder sie ignorieren es, so eine Art bourgeoise Verleumdung, dass da eine Bedeutung außerhalb der offensichtlichen Bedeutung sein könnte. Es gibt eine totale Doppelmoral in Bezug auf Pornografie. Viele Menschen gucken es und denken anscheinend, dass sich Pornofilme auf zauberhafte Weise selbst produzieren, dass niemand dahinter steht, es keinen Verantwortlichen gibt, dass es keine Industrie ist, kein Produkt, das komplett in ökonomische und kulturelle Prozesse eingebunden ist.

    Die Leute konsumieren Pornografie, aber sie verurteilen Leute, die Pornos produzieren, darin teilnehmen oder es in einem akademischen Kontext erforschen wollen. Das ist wie jede andere Form von kulturellem Wesen. So wie Kunst oder Wissenschaft und es muss erforscht werden, weil es so dermaßen durchdringend ist.

    Und ja, ich denke, Aufmerksamkeit auf die Vorgänge von Pornografie zu lenken, macht die Leute sensibel gegenüber Vorurteilen, die dagegen existieren oder auch Probleme innerhalb der Industrie, wie zum Beispiel das Ausbeuten der Frauen und die Art und Weise, wie Pornografie unsere Sexualität verändert. Auch Wahrnehmungskonzepte und Ideale von Geschlecht und Körper spielen dabei eine Rolle.

    Wie positionierst du dich, wenn es um Ausbeutung geht?

    Als ich anfing, Filme mit sexuellem Inhalt zu machen, habe ich mich selbst nicht als Pornomacher gesehen. Aber selbst damals hatte ich eine Regel. Ich habe damals in meinen eigenen Filmen mitgespielt. Die Regel war, dass ich niemanden bitten würde etwas zu tun, dass ich nicht auch selbst machen würde. Ich denke, ich hatte eine ganz gute ethische Position.

    Es gibt diese Vorstellung, dass Pornografie ein amoralisches Universum ist. Keine Grenzen, keine Ethik, keine Moral – komplett falsch. Um genau zu sein, ist das eine Umgebung, in der die Leute einen ziemlich stark ausgerichteten ethischen Kompass brauchen, um die Grenzen anderer Leute ausloten zu können.

    Man muss sichergehen, dass Leute nicht ausgebeutet werden, denn so viele emotionale Dinge sind mit Sex verknüpft. Die meisten Leute haben doch emotionale oder persönliche Schwierigkeiten. Ich denke, es gibt viele verantwortungsbewusste Pornofilmemacher, die ethische und moralische Vorstellungen immer mitdenken. Und dann gibt es Pornofilmer, die unethisch handeln und Leute ausnutzen, wie in jedem Zweig der Geschäftswelt.

    Als du mit dem Filmemachen begonnen hast, hat das Internet unser Leben noch längst nicht so stark beeinflusst. Wie schätzt du das Internet als einen Vermarktungszweig ein?

    Als ich anfing, diese Filme zu machen, startete mein Produzent Jürgen Brüning gerade seine Pornofilmfirma Cazzo (ital. für „Schwanz“, Anm. d. Interviewer) Film. Inzwischen gibt es 7 oder 8 Porno-Schmieden in Berlin. Ich begann also, richtige Pornofilme mit professionellen Schauspielern zu drehen. Und ich hatte die Idee, eine hardcore und eine softcore Version von jedem Film zu machen.

    Die softe Version war fürs Kino gedacht und für Festivalvorführungen und die härtere Version hatte lange, ungeschnittene Sexszenen, wurde unter einem anderen Titel vertrieben, hatte eine andere Verpackung und wurde von Pornofilmverleihern vertrieben. Es gibt Leute, die machen Kunstfilme, die auch sexuellen Inhalt haben, die aber trotzdem eher bei “Kunst” oder “Independent“ Filmverleihern vertrieben werden. Oder man macht eben Pornografie, das hat einen völlig anderen Distributionsweg.

    In Bezug auf das Internet hat sich die gesamte Landschaft geändert, die Paradigmen. Heute kommt es darauf an, passende einzelne Szenen herzustellen, Narrative gibt es fast gar nicht mehr, daher hat es nicht mehr dieselbe Konnotation zum Mainstream Film. Das hat ein völlig anderes Wesen, eher fragmentarisch, es basiert nur noch darauf, Sexszenen zu verkaufen, keine Geschichte. Es geht um Live Streaming, nicht um DVDs. Pornografie ist viel mehr Internet basiert geworden.

    Die These der Anthropologin Clarissa Smith ist, dass Leute Pornos nicht nur der Erregung wegen gucken, sondern dass sie Pornos für verschiedene Dinge nutzen. Interessiert dich, was die Leute mit deinen Filmen machen?

    Es ist total interessant, zu überlegen, was die Leute mit meinen Filmen machen. Manche Leute behaupten, sie sehen meine Filme nicht nur als Porno, sondern als eine Dekonstruktion, eine Art Analyse von Pornografie oder als politischen Ansatz.

    Und andere wiederum sagen, es törnt sie an, dass ich einen intellektuellen Prozess mit expliziten sexuellen Bildern kombiniere. Sie finden das allein schon stimulierend. Zu Anfang als ich begann, meine Filme in Kino zu zeigen, hatten die Leute Sex während der Film lief, das war komplett neu außerhalb des Pornokontextes.

    Ich bin überrascht, dass es nicht mehr Leute gibt, die sich mit Pornografie beschäftigen, sie für Propagandazwecke verwenden, Werbung oder politische Intervention. Es überrascht mich, dass Leute damit nicht multitasken und es für zahlreiche Zwecke verwenden.

    Ist Zärtlichkeit für dich so etwas wie ein letztes Tabu inmitten der ganzen hardcore Genres?

    Na ja, das ist kompliziert. Es gibt diesen bestimmten Typus von Pornos, der versucht, reichhaltiger oder liebevoller zu sein. Das ist sehr ambivalent, denn das funktioniert nicht unbedingt als Porno. Vielleicht weil es so eine persönliche Sache ist, dass es schwierig ist, diese Paradigmen in einem Pornokontext anzuwenden.

    Aber dann gibt es Pornofilme von Frauen für Frauen, was Leute glauben lässt, diese Filme sind eher reichhaltig oder liebevoll. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Es gibt viele Frauen, die sehr harte Pornos machen. Leute wie Sasha Grey, die extremen Gonzo Porn macht, der sehr masochistisch ist. Da werden Szenen gedreht, die sehr degradierend gegenüber Frauen zu sein scheinen. Aber das ist eben nur ein Ausdruck ihrer sexuellen Lust und sie scheinen sich sehr darüber im Klaren zu sein, was sie da tun. Sie haben die Kontrolle über ihre Karriere.

    Dieses Zitat basierte auf meinem Film HUSTLER WHITE und ein französischer Kritiker sagte, “in einer Welt wo die Norm extremer Fetisch und sexuelle Gewalt sind, ist das letzte Tabu Zärtlichkeit“. Das ist interessant. Denn viele Leute tendieren dazu, extreme sexuelle Fetische und extremen Sex als etwas zu betrachten, das nur Menschen machen, die keine Emotionen haben oder nicht fähig sind, liebevoll zu sein. Und ich glaube, das stimmt nicht. Jeder hat bestimmte Fantasien, die extrem sind und Menschen, die solchen extremen Fetischen nachgehen, sind keine Monster oder emotional verkrüppelt.

    Anm.d.Red.: Anika Meier führte das Interview gemeinsam mit Lisa Andergassen. Das Motiv oben ist ein Standbild aus dem Film Hustler White.


2 Kommentare zu Porno oder Politik? Der Filmemacher Bruce LaBruce über Zärtlichkeit in einer fetischisierten Welt

  • [...] Die Kulturwissenschaftlerin Anika Meier hat den kanadischen Filmemacher, Autor, Regisseur, Fotograf und Künstler Bruce LaBruce getroffen und sich mit ihm über Moral und Ethik in Porno-Produktionen, Internetpornografie, Porn Studies und über Zärtlichkeit in einer fetischisierten Welt unterhalten. Das Gespräch zwischen den Beiden ist in der Berliner Gazette zu lesen. [...]
  • riccipoveri am 04.10.2012 12:21
    Huuii !
    Bruce LaBruce rules !! Schön dass er mehr Aufmerksamkeit erhält gerade ausserhalb der "Szene". Einer der wenigen Produzenten/Regisseure die auch was im Kopf haben (wie man ja auch an den Filmen erkennen kann). Das Interview ist leider sehr kurz, so dass aber die nicht sehr herausragenden Fragen zu entschuldigen sind. Maria Beatty ist in diesem Zusammenhang ebenfalls unbedingt zu empfehlen.

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