Heute Sex-Arbeit, morgen Sex-Maschinen-Hack

Mit dem Aufkommen des Internet haben sich auch Beate Uhse und Co. neue Märkte erschlossen. Online kann man sich die schrägsten Sex-Toys kaufen, sexy Frauen im WebCam-Chat treffen oder eine Real Doll bestellen. Was ist (nicht) möglich? Literaturkritikerin und Berliner Gazette-Gastredakteurin Annika Bunse ist dabei, wenn eine Aktivistin, ein Sex-Maschinen-Hacker sowie ein „Queer Technologies“-Erfinder das Sex-Business unter die Lupe nehmen und eine Sex-Arbeiterin ihren wahren Alltag entblößt.

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Liad Kantorowicz Hussein ist eine junge Frau mit pink-grünem Haar. Nach dem letzten Wort der Eröffnungsrede zur Diskussionsrunde „Commercialing Eros“ steht sie auf und geht zu einem schwarzen Sofa mit abgegriffener Tigerfelldecke, lächelt kurz angebunden und zieht sich ihr rosafarbenes Pünktchenkleid mit Petticoat über den Kopf. Es folgen das Unterkleid und die Overknee-Strümpfe, nur Tanga und Top bleiben. Dann schaut sie noch einmal frostig ins Publikum, beißt in ihr Brötchen, beugt sich damenhaft vor zum Laptop und drückt auf „On“.

Im gleichen Augenblick ergreift Aliya Rakhmetova das Wort auf der Bühne rechts neben ihr. Doch plötzlich erstrahlt Liad übergroß auf den zwei Leinwänden über ihr, wie sie sich lasziv vor der Kamera räkelt und an ihrem Finger nuckelt. Wissenschaftlerin Rakhmetova erklärt gerade noch sachlich, dass sie die Performance der Sex-Arbeiterin Liad parallel zu ihren Ausführungen begrüße, da poppt schon Liads Chat mit potenziellen Klienten auf, den das Publikum über den Beamer verfolgen kann.

„Hi, ich freue mich zu hören, was du so alles bevorzugst“, schreibt sie da locker. Sofort entfaltet subtil-offener Sex seine Sogkraft. Alle sind gebannt von der unbekannten Grauzone – dem sonst geheimen Raum zwischen Sex-Arbeiterin und Kunden, der sich hier exklusiv auftut. Das Publikum wird darin freiwillig, unfreiwillig zum Voyeur. Immer wieder starren die Zuschauer fasziniert auf den Live-Chat, Kinnladen klappen herunter, wenn sich Liad vor ihrer Webcam berührt, ein Blick auf die reale Performerin, kurzes Kopf- oder vermeintliches Abschütteln, Versuche der virtuellen Verlockung zu entkommen und schnellstens wieder nach rechts, zur wissenschaftlichen Seite zu schauen, die sich Mühe gibt, gegen diese geballte Ladung Fleischeslust zu bestehen.

Willst du mit mir in den Privat-Chat?

Das erotische Kapital ist stark – Liad tippt gelangweilt und Brötchen kauend, dass sie gerade verdammt heiß und allein wäre. Ein erster Kundenfang ist schnell gemacht. Dieser transmediale Blick hinter die Kulissen des Sex-Business zeigt, dass darin auch nur ganz Alltägliches passiert und Hochglanzporno-Optiken sowieso nur schöne Scheinwelten sind. Schnell schreibt Liad noch hinterher: „Willst du mit mir in den Privat-Chat kommen?“, und beißt nochmal herzhaft in ihr Frühstücks-Baguette, was natürlich für den Klienten nicht zu sehen ist.

Rakhmetova wird derweil immer lauter und versucht ihre Power-Point-Präsentation mit statistischen Werten aufzupeppen. Doch Liad weiß sich gekonnt zu platzieren und nebenbei noch so einiges zu erledigen – sie ist hier der Vollprofi, wenn es darum geht Aufmerksamkeit durch Anrüchiges zu generieren.

Liads ungeschönter Sex-Arbeiterinnen-Alltag prallt also direkt auf dazugehörige Theorien – hier in Person von Aliya Rakhmetova, die etwas konsterniert über ihre schmale Hornbrille schaut. Wenn man sich dann auch wirklich konzentriert, der schlicht gekleideten Aktivistin auf der anderen Seite des Sexes zuzuhören, bekommt der Event die intendierte, metakritische Dimension, denn zu Liads konkreter Praxis gehört auch ein rechtliches Fundament. Rakhmetova ist Koordinatorin von „SWAN“, dem Sex Workers’ Rights Advocacy Network und sorgt genau dafür.

Ihre Organisation vereint NGOs, Wissenschaftler und Gruppen von Sexarbeiterinnen unter dem Auftrag die Menschenrechte für Prostituierte zu fördern. Sie betont in diesem Sinne mit streng erhobenem Finger: „Sex-Arbeit ist Arbeit. Es ist eine Arbeit wie jede andere, doch trotzdem erkennt das die Hälfte der Weltbevölkerung nicht an.“ Sie erläutert weiter, wie heute immer noch weggesehen werde, wenn es um die Belange der Prostituierten, Erotik-Darstellerinnen und anderen, im Sex-Gewerbe tätigen Frauen gehe.

Der Schwan gegen sexuelle Nötigung und Brutalität

Um überhaupt mit Repräsentanten des Staates und der Bevölkerung in Dialog über die Arbeitsbedingungen von Prostituierten treten zu können, müsse „SWAN“ mittlerweile zur Direktdarstellung greifen, um Aufmerksamkeit zu bekommen: „Wir gehen raus und nehmen die Gewalthandlungen gegen die Frauen mit Video- oder Handykameras auf. Dann stellen wir sie online, teilen es“, erklärt Aktivistin Rakhmetova das „SWAN“-Prinzip. Das soll den Blick der Öffentlichkeit aktiv auf die Arbeitswelt von Prostituierten lenken. „Wir wollen die Staaten und ihre Täter so beschämen, über das, was mit ihren Sexarbeiterinnen passiert“, sagt die Koordinatorin.

Das Netzwerk hat auch Zahlen zu dieser Thematik schaffen wollen und in Zentral-Osteuropa sowie Zentralasien eine Befragung von 238 männlichen, weiblichen und Transgender-Sexarbeiterinnen vorgenommen. Die Studie ergab, dass 42 Prozent der Prostituierten in diesem Erdteil Schläge und Beleidigungen durch die Polizei erfahren mussten, rund 36 Prozent sexueller Nötigung und Brutalität ausgesetzt waren. Vor allem die Kriminalisierung von Sexarbeit erhöhe die Anfälligkeit der Sexarbeiterinnen für Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, erklärt Rakhmetova noch abschließend.

Die Praxis auf dem Sofa links von ihr läuft derweil munter weiter. Liad, mittlerweile ohne schwarzes Top mehr, tippt „Miau“ und der Klient lässt ein tiefsinniges „Rrrrr“ verlauten. Aber dann wird es dem schnurrenden Kater zu viel. Plötzlich springt Liad der vorher noch eifrig über seine „Fisting“-Vorliebe schreibende Kunde ab. „Bist du noch da?“, schreibt die buntlockige Schönheit ungestüm, tippt einladend: „Ich habe einen unglaublichen Hintern“ – aber leider vergeblich. Danach herrscht auf einmal Flaute. Liad preist sich wieder im Forum an, beugt sich runter und schreibt heimlich SMS, während sie da verführerisch mit dem Hinterteil wackelt – sieht ja keiner. Sie muss aber nachlegen, denn es tut sich nichts.

„Fuck-Zilla“ – Die Zukunft des Sex?

Das ist wiederum die Chance für Jacob Appelbaum, der die theoretische Bühne betritt. Der bekannte Software-Hacker aus den USA lebte von 2006 bis 2008 im „Porn-Palace“ in San Francisco und hat dort für Kink.com gearbeitet. In einem alten Militärgebäude saßen die Mitarbeiter und Macher der Erotik-Plattform, die Bondage-Enthusiast Peter Acworth 1997 mit der Vision gründete, eine weltweit anerkannte und respektierte Gesellschaft zur Förderung der Akzeptanz menschlicher Sexualität zu schaffen, in der sich jeder einzelne befähigt sieht, seine eigene Sexualität ganz autonom zu erkunden. Doch der frei zelebrierte Sex war der Nachbarschaft von Kink.com ein Dorn im Auge: „Oft wurde vor unserem Gebäude protestiert“, erinnert sich Appelbaum, „’denkt an die Kinder’ und so weiter, bekamen wir da als Porno-Produktion zu hören.“

Kink.com habe neben der Video- und Live-Stream-Sparte auch eine richtige Marktlücke entdeckt, wie der Hacker schildert, „die mussten wir dringend professionell füllen“. Appelbaum berichtet darüber stolz und vielleicht etwas vollmundig: „Wenn du einmal Sex mit einer ‚Fuck-Machine‘ hattest, dann willst du nie wieder etwas anderes.“ Er scrollt die Seite herunter und zeigt das gesamte Sortiment der Sex-Maschinen, die das Team entwickelt hat. Besonders stolz ist „Kink.com“ auf den „Fuck-Zilla“, ein beängstigend aussehendes Tool, das mit einem Riesen-Vibrator ausgerüstet ist – mit „Kettensäge-mit-kleinen-Zungen” dran.

Der kleine Roboter mit den Dildo-Kettensägen-Armen erinnert aber eher an den traurigen Protagonisten eines Science-Fiction-Trash-Pornos, etwa „Horny WallE“. Er sieht zumindest komisch aus, ist keinesfalls erotisch, wahrscheinlich furchtbar kompliziert in der Anwendung und somit wieder mal ein Produkt männlicher Fantasien, vor dem Frauen lieber kreischend flüchten möchten – so, als hätten sie den echten Godzilla gesehen. „That´s the future of sex“, stellt ein Blogger mit Strickmütze hinter uns auch noch pathetisch flüsternd fest. Wenn es jedoch nach der vermeintlichen Zielgruppe dieser Maschine geht, die im Publikum fast durchgehend die Nase rümpft und abfällige Gesten gegenüber dem Sex-Bot zeigt, hat er einfach nur Unrecht.

Sexarbeit zwischen Utopie und Realität

Auf Liads Bildschirm will unterdessen der nächste Klient erst anbeißen, nachdem sie brav bejaht, dass sie sich auch selbst anspucken würde. Dann kommt er mit in den Privat-Chat, schreibt wenig, aber dafür durchaus Perverses und ist ein echter Schnellzünder: Nach nur etwa fünf Minuten ist er fertig und schon wieder ausgeloggt. Sofort schließt Liad ihren schwarz-roten Spitzen-BH und trinkt einen Schluck Mineralwasser, bevor eine wahre Sex-Bombe gezündet wird – aber auf dem angrenzenden Bildschirm.

Zach Blas ist von Queer Technologies und zeigt allen, wie man eine Gay-Bomb bastelt. Das ist eine Application, die die Entwickler dann Aktivisten, Agenturen und sozialen Bewegungen zur Verfügung stellen. „Wir benutzen Technologie um Waffen des Widerstandes für die Queer-Bewegung zu bauen“, erklärt die abgehackte Robotik-Stimme und Zach Blas im Surferlook grinst breit bei der Betrachtung seiner pinken Handgranate, die sich da fröhlich auf der Leinwand vor sich hindreht. Blas hat eine unsichtbare Bombe mit gesellschaftlicher Durchschlagskraft geschaffen: „Gay-Bombs materialisieren sich nur in Beziehung zu ihrem Opfern“, heißt es da hintergründig im Eröffnungsvideo.

Liad streckt sich erst mal auf ihrem Sofa, wirft sich das Top über und verlässt ihren Arbeitsplatz, um an der Gesprächsrunde teilzunehmen. Auch Liad ist Teil der Queer-Community, gründete eine der ersten Zweigstellen in Nahost und trat in Palästina für die Rechte von Prostituierten ein. Jetzt, nach „Feierabend“, erklärt sie ihre Performance, betont die Absicht, damit den abgeriegelten Raum zwischen Sex-Arbeiterin und Klienten öffnen zu wollen, denn darin wäre prinzipiell alles möglich: „Manchmal baut man eine echte Verbindung auf, es ist intensiv“, sagt sie, „man kann sich aber auch langweilen, ärgern, wird beleidigt oder erniedrigt – die Emotionen sind bei dieser Art von Interaktion multipel. Nie weiß man, was passiert.“

Dann streicht sich Liad Kantorowicz Hussein noch eine ihrer pink-grünen Haarsträhnen hinters Ohr, lächelt, lässt die Überlagerungen und Spannungen zwischen Sex und Business einfach mal stehen und zieht aus Sicht einer Aktivistin, aber auch aus der einer Sex-Arbeiterin Bilanz: „Hier in diesem Panel, in dem Netzwerkmodelle, sexuelle Bildsprache im Internet, Strategien von Online-Unternehmern und Queer Virality analysiert worden sind, geht die Tendenz doch dahin, etwas zu utopisch zu sein. Sex-Arbeit ist aber nicht utopisch. Sie ist ziemlich real.“

Anm.d.Red: Das oben beschriebene Projekt ReSource Sex war in Berlin im Haus der Kulturen der Welt während der 25. Transmediale zu erleben.

9 Kommentare zu “Heute Sex-Arbeit, morgen Sex-Maschinen-Hack

  1. ich konnte gar nicht aufhören zu LESEN! das ist gut geschriebener und echt kluger Sex – ein echter “brainfuck”…?!…
    und das bild ist klasse, hätte ich gern als poster!

  2. sehr schön, das ist echter stoff, wie ihn das leben webt, so soll das sein, in berlin ist das auch teil der tapette, leider lesen und hören wir dacon zu selten, leider!

  3. Merci ihr alle – Ich freue mich, dass die Reportage gefällt.

    Es war ein sehr intensiver Termin, der unheimlich viel Neues und mir bislang Unbekanntes zum Thema Sex veranschaulicht hat.
    Diese bewusste Korrelation von Sex-Praxis und -Theorie hat sehr gut gezeigt, was vor der Kamera und hinter den Schreibtischen des Sex-Business passiert.

    Ich frage mich aber zum Schluss noch, warum es auch heute noch so schwierig zu sein scheint, Berufe, wie sie Liad und andere Frauen ausüben, endlich mal als (seit anno domini) gegeben zu akzeptieren und den Frauen, die diese Profession ergriffen haben, auch ein gewisses Maß an Schutz zukommen zu lassen.
    Durch das verschämte Wegschauen verbleiben die Sex-Arbeiterinnen ungeschützt, obwohl der Raum, in dem sie arbeiten durchaus gefährlich ist…

    @1 Katja, vielen Dank für den Hinweis – ich kann den Williams+ On/Scenity-Artikel hier für alle ebenfalls sehr zur Lektüre empfehlen!

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