• Ökonomisierung der Netzkultur: Strategien gegen die Vereinnahmung durch Konzerne und Regierungen

    Der Publizist und Wissenschaftler Eric Kluitenberg zählt zu den prominentesten Pionieren der europäischen Netzkultur – bereits seit den späten 1980er Jahren prägt er die entstehenden Szenen entscheidend mit. In seinen Schriften hat er Reibungsverluste an Politik sowie Wirtschaft verfolgt und im Zuge dessen aus großer Nähe die Ökonomisierung der Netzkultur analysiert. Berliner Gazette-Autor Clemens Apprich hat Kluitenberg befragt, denn er wollte wissen: Wie wird Netzkultur heute von der so genannten Kreativwirtschaft vereinnahmt?

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    Du warst einer der Organisatoren der Konferenz „From Practice to Policy“, die im Oktober 1997 in Amsterdam und Rotterdam stattgefunden hat. Gemeinsam mit der „Virtuellen Plattform Holland“ wurden hier Handlungsanleitungen im Umgang mit neuen Medien für politische Entscheidungsträger/innen ausgearbeitet. Worin bestand die Aufgabe dieser Initiativen?

    Eric Kluitenberg: Diese Art von Initiativen – neben der von Dir angesprochenen „Virtuellen Plattform Holland“ und der Konferenz „From Practice to Policy“ gab es zum Beispiel noch die Kampagne „We want Bandwith“, die auf der Documenta X in Kassel vorgestellt wurde – funktionierten auf einem sehr strategischen Terrain. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als das Internet mit dem WWW gerade erst zu einem echten Massenmedium wurde und plötzlich alle möglichen Interessen auftauchten. Nicht nur Unternehmen sondern auch Regierungen begannen sich zu fragen, wie sie damit umgehen sollten. Die sahen da eine neue Kultur entstehen, wussten aber nicht wirklich etwas damit anzufangen. Daher bestand für jene, die in diesem Bereich bereits aktiv waren, die Angst, dass nunmehr nationale Medienzentren wie das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe oder das Ars Electronica Center in Linz, dass so etwas plötzlich auch in den Niederlanden errichtet und damit die bisherigen Entwicklungen abgedreht würden. Stattdessen wollte man eigene, dezentrale Netzwerke schaffen, in denen sich kleine Organisationen mit jeweils eigenem Fokus zusammenschließen konnten. Die Gründe für Initiativen wie die „Virtuelle Plattform“ waren also sehr strategische, da man diese neuen Entwicklungen offen halten und eine Vielzahl an Herangehensweisen ermöglichen wollte.

    Bestand damit nicht auch die Gefahr einer zu großen Nähe vom Netzaktivismus zur Politik?

    Eric Kluitenberg: Zu diesem Zeitpunkt war die Idee, eine Koalition zwischen den AkteurInnen, die aus diesem neuen kulturellen Feld kamen, und den öffentlichen Stellen zu schaffen. Letztere hatten einfach keine Ahnung, was sie damit anfangen sollten, zugleich aber das Gefühl, dass sie das Geld, welches für diesen Bereich ja zur Verfügung stand, irgendwie klug investieren mussten. Das funktionierte eine Zeit lang auch ganz gut. Aber ich denke, dass das heute nicht mehr der Fall ist, weil Regierungen ihr Geld nur mehr dort investieren, wo sie sich den größten Vorteil erhoffen. Und das ist derzeit eben in der Kreativwirtschaft. Aus diesem Grund haben wir auch in den Niederlanden erleben müssen, wie all die Förderprogramme, die eigentlich für Kunst und neue Medien vorgesehen waren, zur Gänze verschwunden sind – die letzten mit den jüngsten Budgetkürzungen. Es gibt zwar noch eine offizielle Förderlinie auf staatlicher Ebene, aber diese ganzen Organisationen werden nunmehr auf die traditionellen Förderstrukturen für Kunst und Kultur verwiesen und nicht mehr über einen eigenen Topf für „e-culture“ finanziert.

    Weil Du die Kreativwirtschaft erwähnt hast: Wenn man sich beispielsweise die „Amsterdam Agenda“ durchliest, kann man den Eindruck bekommen, dass hier schon so etwas wie „creative industries“ vorgedacht wurden. Wurde damit bereits die Türe für eine spätere Ökonomisierung der Netzkulturen geöffnet?

    Eric Kluitenberg: Ja, aber das war eine Entwicklung, die zu diesem Zeitpunkt ohnehin stattfand. Der Unterschied liegt darin, dass es in unserer Vorstellung zuerst einmal um eine Investition in Kunst und öffentliche Infrastrukturen ging, die dann erst in weiterer Folge einen fruchtbaren Boden für mehr marktorientierte Projekte schaffen sollten. Es gab also nicht den direkten Zusammenhang zwischen einer öffentlichen Förderung für Kunst und einem möglichen ökonomischen Spin-Off. Dieser Zwischenschritt wird heute einfach umgangen und die Förderung für kulturelle Initiativen einfach gestrichen, um nunmehr gleich in die „creative industries“ zu investieren.

    Worin siehst Du gerade vor diesem Hintergrund die historische Bedeutung früher Netzkulturen in Europa?

    Eric Kluitenberg: Was hier beachtet werden muss, ist die politische Intention, die hinter einem Großteil der damaligen Projekte stand: Es ging um die Aneignung öffentlicher Räume und um die Verteidigung dieser öffentlichen Räume. Die Frage, die sich heute stellt, ist daher, wie wir solch eine kritische Haltung wieder erschaffen können – und zwar in einem Umfeld, in dem Menschen zunehmend mit elektronischen Geräten kommunizieren. Ich glaube, dass das noch immer eine sehr wichtige Aufgabe ist. Darüber hinaus ist die Situation heute wesentlich verzwickter, weil rechtliche Debatten über geistige Eigentumsrechte einer progressiven Entwicklung, die für die gesamte Gesellschaft um einiges günstiger sein könnte, im Wege stehen. Wir sprechen hier von milliardenschweren Industrien, die zur Durchsetzung ihrer Interessen politisches Lobbying betreiben und dabei unglaublich erfolgreich sind. Die zivilgesellschaftliche Antwort darauf ist noch immer viel zu schwach, um dem wirklich etwas entgegensetzen zu können – und das gar nicht mal so sehr aufgrund eines Scheiterns der Medien, sondern aufgrund eines Scheiterns von Demokratie selbst.

    Was bräuchte es Deiner Meinung nach, um diese Probleme zu lösen? Wie müssten öffentliche Räume in einer vernetzten Umgebung organisiert sein?

    Eric Kluitenberg: Die einzige Strategie, die derzeit Sinn ergeben würde, wäre eine Politisierung dieser ökonomischen Aspekte zugunsten einer echten öffentlichen Sphäre. Eine solche Argumentation leitet sich weniger aus den 1990er Jahren ab, weil es damals doch eher um den nicht-monetären Austausch ging – also jene Diskussion, die dann unter dem Begriff der „reinen Commons“ geführt worden ist bzw. nach wie vor geführt wird. Aber um in dieser Sache wirklich weiterzukommen, bräuchte es eine möglichst breite Diskussion darüber, warum diese schöpferischen Gemeingüter geteilt werden sollten, warum das letztlich auch für alle möglichen Geschäftsbereiche von Vorteil ist und wie damit Innovationsprozesse stimuliert werden können, aber auch soziale und ökologische Verantwortlichkeit gefördert werden kann. Die Idee der „Creative Commons“ beruht ja auf dem Aufbau eigener Strukturen, innerhalb derer Menschen gemeinsame Ressourcen schaffen und untereinander teilen. Darauf aufbauend ließen sich Geschäftsmodelle entwickeln, die durchaus konkurrenzfähig wären. Das hat viel mit der Verringerung von Grenzkosten zu tun, also jener Kosten, die mit jeder zusätzlichen Einheit eines Produkts entstehen. Bei einer commonsbasierten Produktion gehen diese Kosten gegen null, wie das Beispiel des „Open Access Publishing“ zeigt. Das wäre ein Fall, wo sowohl die Ökonomie als auch die Gesellschaft als Ganze profitieren könnten. Aber dazwischen stehen diese unglaublich mächtigen Lobbies, die effektiv die Interessen der Content-Industrien schützen und jede Weiterentwicklung erfolgreich sabotieren. Dem etwas entgegenzusetzen ist eine große Aufgabe, und es ist derzeit auch der einzige Bereich, wo ich eine Möglichkeit für Veränderungen sehe.

    Zum Schluss noch die Frage nach den taktischen Medien der 1990er Jahre: Siehst Du hierin eine Kontinuität zu heute? Wie müssten taktische Medien heute beschaffen sein?

    Eric Kluitenberg: Der ganze Bereich der sogenannten „social media“ ist heute doch sehr strategisch angelegt. Das liegt vor allem daran, dass diese Medien von kommerziellen Interessen und an der Börse notierten Unternehmen dominiert werden. Hier geht es letztlich darum, KonsumentInnenprofile zu erstellen und darauf aufbauend Werbung zu verkaufen. Ich sehe darin überhaupt nichts Taktisches! Aber so etwas wie WikiLeaks funktioniert sehr wohl auf einer taktischen Ebene. Auch deren Zusammenarbeit mit Mainstream-Medien entspricht genau dem, was man unter „taktischen Medien“ versteht: die Fähigkeit, auf fremdem Terrain zu operieren und darin kurzfristig einzugreifen. Außerdem muss man sich bewusst sein, dass die strategische Macht immer stärker ist, dass es aber immer auch die Möglichkeit zu kurzfristigen, taktischen Interventionen gibt. Es geht darum, bestimmte Probleme sichtbar zu machen und damit auch das öffentliche Bewusstsein gegenüber diesen Problemen zu steigern. Und natürlich können dann auch Facebook oder Twitter für solch eine taktische Medienaneignung verwendet werden – zumindest so lange es die strategischen Mächte zulassen.

    Wäre es dann nicht notwendig, wieder eigene Netzwerke aufzubauen? Also von der taktischen Aneignung zur strategischen Landnahme überzugehen?

    Eric Kluitenberg: Ich glaube nicht, dass das in der aktuellen Situation besonders produktiv wäre, weil heute alles soviel mehr vernetzt ist und wir es nicht mehr mit einer kleinen Gruppe avantgardistischer AktivistInnen zu tun haben, wie das vielleicht noch in den 1990ern der Fall war. Heute hat zumindest im Westen ein Großteil der Bevölkerung Zugang zu den neuen Medientechnologien. Das bedeutet aber auch, dass das Ganze ganz anders zu organisieren ist.

    Anm. d. Red.: Die Grafiken stammen von Mazlaghan Mazlaghani. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Interviews, das in dem Buch Vergessene Zukunft erscheint (transcript 2012).


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