• Interkultur und Schule: Es geht um unsere Zukunft!

    In Schule und Uni hat Mark Terkessidis am eigenen Leib erfahren, was es in Deutschland bedeutet, einen Migrationshintergrund zu haben. Seither setzt er sich als Aktivist, Wissenschaftler und Journalist mit den Themen Rassismus, Migration und Integration auseinander. In unserer Umfrage zum Thema BILDUNG skizziert er ein „Programm Interkultur“, das als Innovationsprogramm für den gesamten Bildungsbereich funktionieren könnte.

    Zunächst habe ich vor allem am Gymnasium erlebt, was der berühmte Migrationshintergrund für Zuschreibungen auslösen kann – bei Personen, die es doch eigentlich besser wissen sollten. Lehrer haben mich als Mini-Fachmann für Griechenland angesehen, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht dort war. Sogar von der griechischen Antike sollte ich etwas verstehen.

    Das ist heute noch ein Problem. In einem naiven „interkulturellen“ Verständnis glauben Lehrer, dass Schüler irgendein „genetisches“ Wissen über ihre Herkunft haben – „Ayşe, komm mal nach vorn und erklär uns den Islam“. Kinder sind aber in der Schule, um was zu lernen.

    Die neofeudale Universität

    Die Erfahrungen der Uni betrafen vor allem Bürokratie und Vetternwirtschaft. Ich habe da feststellen müssen, dass die Bundesrepublik ganz zu Unrecht als Leistungsgesellschaft gilt – die Vergabe von Stipendien etwa hat primär zu tun mit der Hausmacht des „Doktorvaters“, mit dem „Stallgeruch“ von Korporationen usw. Das ist völlig intransparent. Und dann wollte ich auch noch eine qualitative Arbeit über Rassismus schreiben – „the dirty word“.

    Mit Ende 20 und vier Buchpublikationen habe ich kein Stipendium bekommen. Mit 35 dann plötzlich doch, hauptsächlich wegen der richtigen Kontakte. Meine Publikationsliste habe ich zuletzt nicht mehr vollständig mitgeschickt. Sie hätte ja jemand Angst machen können.

    In Deutschland ist man nicht primär interessiert an Individualität und Differenz, an realen Problemen und pragmatischen Lösungen, sondern an der Allokation von Sicherheit in bestehenden Netzwerken. Und daraus ergibt sich heute meine Kritik am Bildungssystem.

    In den Schulen kann man derzeit je nach Ort eine Reihe von interessanten Veränderungen beobachten – Jahrgangsübergreifendes Lernen, Projekt- und Werkstattarbeit etc. An der Uni allerdings gehen neofeudale Netzwerke, hierarchische Organisation und neoliberaler Wandel derzeit häufig eine infernalische Fusion ein.

    Lehrende und Lernende: Zeit für einen Perspektivwechsel

    Wenn man heute ein Werk aus dem Bereich der Pädagogik aufschlägt, dann wird man seitenlang erschlagen mit steriler Theorie. Theorie ist wichtig, aber nicht, wenn sie völlig abstrakt bleibt. Und genauso abstrakt treten viele Pädagogen auch an junge Leute heran. Das pädagogische Verhältnis scheint intakt: Es ist klar, wer lehrt und wer etwas zu lernen hat. Und wenn dieses Verhältnis scheitert, dann liegt das niemals am Apparat, den institutionalisierten Selektionsmechanismen oder den falschen Methoden der Lehrenden, sondern immer an den Defiziten der Lernenden. Die haben wahlweise ADS oder Sprachprobleme.

    Tatsächlich aber ist der Lehrende selbst ein Subjekt mit Interessen, Schwächen und Eitelkeiten und eben verwickelt in ein Verhältnis – im Lernenden trifft er ständig sich selbst wieder. Und das muss man bedenken. Insofern geht es darum, nicht nach den Defiziten zu schauen, sondern nach den Potentialen – was könnte mich am Lernenden interessieren, was kann er, was ich nicht kann?

    Schon in den 1970er Jahren hat man festgestellt, dass das „proletarische Wissen“ anders organisiert ist als das der Mittelschicht. Jugendliche konnten zwar schlecht einen Besinnungsaufsatz schreiben, aber ein Mofa auftunen oder alle Mannschaftsaufstellungen von Alemannia Aachen seit der Saison 60/61 runterrasseln. Heute können sie sich durch Grand Theft Auto bewegen wie der Bildungsbürger durch ein Stück von Schiller.

    Es geht also darum, bei individuellen Erfahrungen und Möglichkeitsräumen anzusetzen und dort zu schauen, was entwickelt werden kann. Der Maßstab ist nicht der Kanon des Bildungsbürgers – das ist eine von den vielen reitenden Leichen, die zwar längst tot sind, aber weiter eine Wirkmacht haben, weil es keine konsequente Veränderung gibt.

    Eltern fliehen aus „Problembezirken“

    Ich sehe an Bildungsinstitution als trans- bzw. interkulturellen Raum positive Energien, aber auch schwerwiegende Probleme. Es ist ja ein bekanntes Phänomen, dass die Mittelschichtseltern, wenn ihre Kinder schulpflichtig werden, aus den Gegenden fliehen, wo zu viele Kinder mit Migrationshintergrund leben – die gelten ja immer noch per se als problematisch.

    Allerdings hat diese Fluchtbewegung auch noch mit etwas anderem zu tun. Viele Eltern sind sehr unzufrieden mit der traditionellen Ausrichtung der Schulen, an denen weiterhin Frontalunterricht stattfindet, ein veraltetes System der Leistungsbewertung gepflegt wird etc. Da sie aber von den staatlichen Schulen nichts mehr erwarten – die Reform dauert und dauert – gründen sie in privater Initiative private Schulen, die dann sehr progressiv sein können, aber auch selbst finanziert werden.

    Ein Programm – nicht nur für die Kinder am Rand

    Im Grunde sehe ich also ein erhebliches Potential für ernsthafte Reform in Sachen Bildung, aber die Gefahr liegt darin, dass diese Bewegung in Privatisierung von Bildung übergeht, was natürlich die sozialen Verwerfungen auf die nächste Ebene hebt. Ich glaube also, dass es dringend einer kollektiven Initiative bedarf, um eben die kollektiven Bildungseinrichtungen entschieden neu auszurichten.

    Momentan leben wir in einer Situation, in der die alte institutionelle Ordnung, die Einrichtungen, Ressorts usw. im Grunde nicht mehr wirklich mit den neuen Gegebenheiten und Ansprüchen korrespondiert. Gleichzeitig hat die Politik Angst, diese Ordnung anzutasten, weil sie auch ein System von Privilegien ist.

    Um zuletzt noch mal auf die Kinder mit Migrationshintergrund zurückzukommen, die ja generell gern als „Problemkinder“ wahrgenommen werden: Der Moment, in dem diese Kinder in erster Linie als Individuen gesehen werden, die unterschiedliche Hintergründe, Voraussetzungen und Potentiale haben, die es aufzunehmen und zu entwickeln gilt, ist genau der Moment, wo die Bildungseinrichtungen insgesamt und für alle Kinder auf dem richtigen Weg sind. Ein Programm Interkultur wäre also kein Programm für die armen Kinder am Rand, sondern ein Innovationsprogramm für den gesamten Bildungsbereich. Es geht um die gemeinsame Zukunft.


10 Kommentare zu Interkultur und Schule: Es geht um unsere Zukunft!

  • Silvia am 14.12.2010 10:01
    Danke! Das gibt zu denken. Meine eigenen Erfahrungen sehen so total anders aus. Aber Sarazin spricht mir dann doch nicht aus der Seele. Insofern danke für den anregenden Beitrag.
  • Diese Erfahrungen kenne ich nur zu gut. Und das nicht als "Migrant", sondern auch als ADSler und sonstwie aus der Reihe Tanzender in der Schule. Insbesondere diese pauschalen Zuweisungen von Wissen oder Neigungen, oder eben auch NichtWissen, seitens der Lehrer, fielen mir oft auf. Das hatte allerdings nicht nur mit ethnischem Hintergrund zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit Äußerlichkeiten und Pauschalisierungen alles Art! Rothaarige waren dann auf einmal ausgewiesene Keltenexperten oder sollten über Irland oder Schottland referieren. Etwas Kleinere waren für Napoleonische Ausführungen prädestiniert...Sportler sollten ad hoc den gesamten Muskeltonus des Körpers erklären..das ließe sich ewig fortsetzen. Hat eher generell mit Pauschalisierung zu tun. Persönliche Vorlieben, Abneigungen oder private Verbindungen wurden sehr deutlich gepflegt. So wurde mir schon auf dem Gymnasium klar, das Demokratie wohl nur dieses Wort aus dem Geschichtsunterricht ist. Das müsste doch der "Grieche" in der Klasse erklären können, oder?"
  • [...] Mehr zur Kritik von Terkessidis am deutschen Bildungssystem im Berliner-Gazette-Artikel: „Interkultur und Schule: Es geht um unsere Zukunft!“. [...]
  • Rainald Krome am 14.12.2010 22:52
    @ Offer: Gute Pointe zum Schluss! Ich kann aber ehrlich nicht ganz glaube, dass aufgrund solcher Pauschalisierungen tatsächlich alle möglichen Menschen nach vorn an die Tafel geholt werden um etwas zu erklären, ich selbst habe das nicht so erlebt.
  • Nicht immer an die Tafel geholt, aber stets mit Zwischenrufen penetriert, rhetorische Fragen gestellt ("nicht wahr?"), bei mir im Rheinland seinerzeit gerne leicht ironisch angewürzt, aber trotz allem ständig präsent. Da konnte ich keinerlei Abstufungen zwischen Ethnien oder sonstigen Alleinstellungsmerkmalen ausmachen, rassistisch war man bei mir nicht, sondern einfach nur etwas tumb und unverschämt...
  • Rainald Krome am 15.12.2010 01:07
    dumme Lehrer also, oder was will uns das sagen?
  • Michael Hoeldke via facebook am 15.12.2010 01:22
    Im Prinzip richtig, aber das Zitat "...dann wird man seitenlang erschlagen mit steriler Theorie..." gilt (vielleicht abzüglich "steril") auch für dieses Schriftstück selbst. Schade.
  • Laura Kürbitz via facebook am 15.12.2010 01:22
    Ich habe leider den Eindruck, dass das Problem nicht die "sterile Theorie" ist, sondern die Abwesenheit eines roten Fadens in diesem Text. Und wie kann man denn die Interkultur nun pflegen?
  • Ich glaube dass ein Lehramtsstudium nicht unbedingt eine allumfassende Schutzimpfung gegen menschliche Schwächen darstellt, oder? Eher Überforderungsanzeichen, also Psychologie, als Dummheit...nes pas? Wie der Spanier unter den Schülern so sagt...
  • Wolfgang Müller am 15.12.2010 18:05
    Es geht darum, überhaupt ein Gespür für die strukturellen Grundlagen dieser so "unterschiedlichen" Wahrnehmung und sich daraus ergebenden Verhaltensmuster zu entwickeln.
    @joerg müsste zb. zunächst klären, wo er selbst steht, wenn er sagt "rassistisch war man bei mir nicht, sondern einfach nur etwas tumb und unverschämt..". Ich weiß ja nicht, ob joerg nun selber weiß oder eben nicht-weiß ist. Denn als Schwarzer bekommt man wohl oft gleich alle drei Punkte ineinander verwoben ab: Rassismus, Tumbheit und Unverschämtheit. Als Weißer könnteich mich nur schlecht zum ganz persönlich betroffenen Zeugen von Rassismus machen, da muss ich schon die Erfahrungen "Betroffener" ernst nehmen. Rassismus ist eben nicht irgendwie "das selbe" wie Tumbheit oder Unverschämtheit - auch wenn das die neo-individualliberalistische Mehrheit inzwischen glaubt.

    http://www.jungewelt.de/2010/12-04/015.php

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