• „Wir sind intrinsisch kooperativ“: Gemeingüter als radikal politisches Projekt – die Schlüsselprinzipien

    Frei verfügbare, aber begrenzte Ressourcen sind durch Übernutzung bedroht. Dieses Problem kennen wir allzu gut, es ist die Tragik der Gemeingüter. Können Gemeingüter gerettet werden? Und können sie ein radikal politisches Projekt für sozialen Wandel werden? Die Wissenschaftlerin und Aktivistin Danijela Dolenec beleuchtet im ersten Teil ihres Essays die Voraussetzungen für ein solches Vorhaben.

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    Gemeingüter sind ein intellektuelles Prinzip, eine politische Philosophie, ein Satz an sozialen Prämissen und ein experimenteller Weg, eine spirituelle Disposition, eine allumfassende Weltanschauung, eine neue Politik jenseits von Markt und Staat und eine Sprache, die uns hilft aus der Sackgasse des Marktfundamentalismus zu fliehen. Hier zeigt sich: Das Konzept der Gemeingüter hat viele Interpretationen.

    Gemeingüter haben eine Vielfalt an Theorien und viele Formen von Aktion inspiriert. Ist man aber daran interessiert, sozialen Wandel hervorzurufen, dann sollte das Ziel darin bestehen, die bestehenden Ansätze nach Prinzipien mit transformativem Potential zu erkunden. Ich möchte an dieser Stelle das Potenzial der Gemeingüter als ein politisches Projekt erörtern.

    Dazu stelle ich hier die Arbeit von Elinor Ostrom vor, aus der sich die Schlüsselprinzipien für das Gemeinwohl als radikal politisches Projekt herausziehen lassen. Ihr im Jahr 1990 erschienenes Werk Governing the Commons ist wichtig um das Paradigma der Gemeingüter als politisches Projekt herauszuarbeiten.

    Der Mensch ist „nicht nur rational“, sondern auch sozial

    Die im vergangenen Jahr verstorbene Politikwissenschaftlerin vertritt in ihrem Werk die These, die Menschen seien „besser als rational“. Dieses Konzept widerspricht nicht der Anschauung, dass wir rationale Lebewesen sind, die danach streben Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Es widerspricht aber der zutiefst pessimistischen These des rationalen Akteurs, nach derer alle Entscheidungen im Leben auf eine rationale Kosten-Nutzen-Rechnung reduziert werden können.

    Ostroms Ansatz besagt, dass wir „nicht nur rational“ sind. Denn unsere Handlungen und Entscheidungen haben eine tiefliegende Verbindung zu Normen und sozialen Beziehungen. Es wird eine Sicht des Menschen als zutiefst sozialer Akteur entwickelt: kommunikativ, vertrauenswürdig und kooperativ. Als Kontrast zur neoklassizistischen ökonomischen Perspektive, die davon ausgeht, dass kollektive Handlung nicht passieren kann oder zum Scheitern verurteilt ist, impliziert Ostroms empirische und theoretische Arbeit, dass Menschen natürlicherweise sozial Handelnde sind.

    Wir leben in einem Netz von sozialen Beziehungen mit verwurzelten Normen und Werten. Wir sind intrinsisch kooperativ. Dadurch ist kollektive Veränderung möglich und kann zu zukunftsfähigen und gerechten Regierungshandlungen führen. Ohne ein solches Konzept der Menschheit brauchen wir keine Theorien über emanzipierenden sozialen Wandel.

    Demokratie als Methode und Ziel

    Ostrom warnt, dass es nicht einfach ist, Regeln kollektiven Handelns zu entwickeln, die zukunftsfähiges Regieren ermöglichen. Das gilt unabhängig davon, ob wir natürliche Ressourcen regeln oder den Sozialstaat erhalten wollen. Der Beweis für diese Schwierigkeit ist die Masse an sozialen und ökonomischen Ungleichheiten in aktuellen Gesellschaften sowie die schnelle und scheinbar unhaltbare Zerstörung unseres natürlichen Lebensraumes. Damit kollektive Handlungen zukunftsfähiges und gerechtes Regieren hervorbringen, muss dieses stark demokratisch sein, es muss sich qua Selbstorganisation stützen und mit dem Prinzip des Unterhändlers arbeiten.

    Ob wir von Gemeingütern im Kontext der Organisation eines Produktionsprozesses einer Fabrik oder der Gestaltung von Mechanismen für die Bürgerbeteiligung bei der Entscheidungsfindung in lokalen Gemeinschaften sprechen – das Grundprinzip für die bindenden Regeln sollte das einer demokratischen Absicht sein. Demokratie ist hier sowohl Methode (als prozedurales Prinzip, dass Regeln legitimiert) und Ziel (Regeln sollten im Interesse der Menschen sein).

    Selbstorganisation und kollektive Eigentumsrechte

    Mithilfe des Konzepts von Gemeingütern kritisiert Ostroms Arbeit die klassische Dichotomie von Staat und Markt. Ihr Hauptargument ist, dass die Regulierung durch den Staat und durch private Eigentumsrechte institutionelle Lösungen sind, die Gemeinschaften von oben auferlegt werden. Ostrom ist gegen einen zentralisierten Leviathan als gutes Mittel für die Regulierung von natürlichen Ressourcen und gegen Privatisierung als Möglichkeit, Ressourcen des Gemeinwohls wie Wälder und Fischbestände zu regulieren.

    Stattdessen erforscht und theorisiert Ostrom Beispiele von kollektiver Handlung, in der Gemeinschaften sich selbst zu nachhaltigen, eigenständigen Kooperativen organisierten. Ostrom schlägt nicht vor, dass wir den Kapitalismus oder den Staat abschaffen sollten. Sie verteidigt die Gemeingüter betreffenden Regierungsprinzipien als Ergänzung zu Staat und Kapitalismus. Sie spricht sich dafür aus, dass in manchen Situationen die beste Methode zum Steuern von Ressourcen die Selbstorganisation und kollektive Eigentumsrechte seien.

    Den Staat sieht Ostrom als Ermöglicher für die Entwicklung von verschiedenen Formen der Selbstorganisation und des Selbstmanagements in Gemeinschaften. Einige der von ihr in diesem Zusammenhang beschriebenen Konflikte tauchen wiederholt in aktuellen Diskursen über die Gemeingüter auf – beispielsweise bei der von Felix Stalder angestossenen Debatte.

    Anm.d.Red.: Der zweite Teil dieses Essays erschien hier und dessen dritter Teil hier. Die Bilder im Text zeigen Ausschnitte einer im Jahre 1972 entstandenen Aufnahme des Proctor Kraters (NASA).


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