• Dummdeutsch

    Es ist wie die Reise in ein fernes Jahrhundert – vielleicht das neunzehnte, das siebzehnte christlicher Zeitrechnung? Musik ist etwas, das jeden angeht; Musik spricht von etwas, was jeden in seinem eigenen Leben zutiefst betrifft. Puh. Ne Nummer kleiner hammwers nich? Gut, es will eine Liebeserklaerung sein, das relativiert’s. Schwer ist’s dennoch, dieses Buch zu lesen. Mir faellt es schwer. Ist es nicht ungehoerig, die intime Liebesbekundung eines fremden Menschen zum einen zu seinen Lebzeiten noch oeffentlich zu machen oder gar sie zu lesen?

    Geht es mich an, wie die Autorin glaubt, ihre Liebe beweisen zu muessen? Nein. Ich lege das Buch beiseite, wird fuer Autorin und Leser das Beste sein. Das Rezensentenversprechen will aber gehalten sein (gerade auch das unentgeltliche) und so nehme ich es wieder hervor. Die Platitueden, Phrasen und Gemeinplaetze auf jeder Seite, in jedem Abschnitt und Satz nehmen aber kein Ende: Die Biochemie der Liebe muss erwaehnt werden, auch die Binse, die noch der verkoksteste Kulturkritiker eines Kundenmagazins hinkriegt, dass es am Ende doch immer nur um Liebe und Tod ginge.

    Der gediegenste bildungsbuergerliche Kanon wird nochmal an die Herz-Lungen-Maschine geflanscht: vom Hohelied Salomons, ueber den armen, zutodegerittenen Werther, die Riege vermeintlicher Meistergrossschriftsteller, -komponisten, -dichter und -dirigenten muessen herbeizitiert werden, auch ein paar Feigenblatt-Seitchen zum sogenannten Popjahrzehnt der 1960er duerfen fuer Cool Allemania nicht fehlen. Vor allem muss die Autorin sich als Kennerin und Vermittlerin jedes denkbaren Opernstoffes beweisen (was denn auch gut zwei Drittel des Baendchens einnimmt).

    Muessen wir an dieser Stelle noch ein Wort verlieren ueber Mozarts Genie, seine Kunst, seine Musik? Meine Uebelkeit steigt an, rettend moecht‘ ich rufen: Heil’ger Henscheid, Eckard, steh‘ mir bei! Und loesche flugs dies Dummdeutsch III. Gut, Heidenreichs Passione (soeben bei Hanser erschienen) ist lediglich ein Verlagsprodukt, das behauptet, einzelne Artikelchen und vernachlaessigenswerte Koluemnchen koennten schon durch duerres Hardcover und eine schmachtende, blondgelockte junge Frau im weissen Ballettkostuem auf dem Schutzumschlag, augenwischend angeschnitten, zum Buch werden. Was immer ein Fehler ist. Buendelung macht Misslungenes ungeniessbar.

    Passione ist ein Vademecum fuer die kunstsinnige Gattin mit beschraenktem Horizont, das brave Maedchen, den aesthetizistisch-verzaertelten Juengling, die tatsaechlich an eine Welt der Ehre und Ehrenmaenner, von Genie- und Kuenstlertum, der reinen Kunst, der reinen Wissenschaft, ja der Reinheit ueberhaupt glauben moechten. So ein Dreck! Ein ideales Buch fuer den geschmeidigen Neobourgois mit gediegenem Familienerbe und Einstecktuechlein (oder den, der dies gern waere und der Welt vorstellte). Ich bin sicher: Frau Heidenreich ist eine freundliche Frau, die es gut mit uns meint. Falls Sie aber Ihr sorgsam gehuetetes Sprachgefuehl bewahren wollen, rate ich Ihnen dringend von Erwerb oder gar Lektuere dieses Produktes ab. Und falls Sie tatsaechlich etwas ueber die Wirkung von Klaengen erfahren wollen: Lesen Sie Bruit von Jacques Attali, das tut Not.


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