• Wie Social Media den Journalismus verändern

    Der Einfluss von Social Media auf den Journalismus wird immer deutlicher: Beim Guardian, auf CNN und bald bei der New York Times – überall entstehen neue Formen des kollaborativen Journalismus.

    Es war keine Liebe auf den ersten Blick, doch Nachrichten- organisationen haben mit der Zeit gelernt, Social Media zu nutzen. Im Jahr 2004 hat Facebook seine Webseite ins Netz gestellt, Twitter folgte zwei Jahre später. Heute nutzen fast alle Medienorganisationen diese Tools.

    Journalisten benutzen Social Media heute auf fünf verschiedene Arten. Alles hat zaghaft damit angefangen, diese Dienste zur Verbreitung und zum Feedback zu nutzen. Spannender sind die neuen Formen, die sich gebildet haben, allen voran kollaborativer Journalismus. Ein Beispiel dafür ist das Crowd Sourcing, oder das Einbeziehen der User in die Recherche.

    Aus Facebook-Freunden werden Redakteure

    Die meiste Erfahrung damit hat sicherlich der Guardian, der seinen Usern im Rahmen des Spesenskandals Britischer Abgeordneter Einsicht in ein 458.832 Seiten dickes Dokument gewährte, und dann mit weiteren Projekten experimenterte: Neben Investigate your MP’s expenses hat auch die vor kurzem gestartete World Government Data-Plattform viel Erfolg.

    Die neueste Entwicklung: Die Freunde auf Facebook oder Follower auf Twitter werden quasi die neuen Redakteure. Neue Dienste wie Paper.li und Twittertim.es weisen kuratorisches Potenzial auf: sie wandeln die Links, die Freunde oder Follower geschickt haben in ein Online-Zeitungslayout um.

    Freunde sind von Redakteuren als inhaltliche Selektionsinstanz schwer zu schlagen. Denn klar, was meine Freunde lesen, interessiert mich als User mindestens so sehr, wie das, was der schlaueste Redakteur heraussucht. Da wundert es nicht, dass die New York Times bald eine neue Plattform names news.me starten wird.

    Redaktionelles Urteil oder Selektion durch Freunde? Beides.

    Das Ostküstenblatt versteht den sozialen Aspekt der Nachrichten sehr gut. Schon vor zwei Jahren haben sie Facebook auf der eigenen Seite eingebaut und die TimesPeople-Plattform veröffentlicht; vor kurzem erst wurde eine Facebook-Box prominent oben rechts auf der Homepage integriert.

    Sie zeigt an, welche Artikel von Freunden gemocht oder kommentiert wurden. Offenbar hat die NYT keine Angst davor, dass neben dem Urteil der Redakteure die User auch wissen möchten, was ihre Freunde und andere interessante Personen lesen.

    News.me wird vom 14-köpfigen Research & Development-Team rund um Michael Zimbalist entwickelt. Auch wenn die NYT bisher noch keine Details veröffentlicht hat, kann man davon ausgehen, dass news.me Informationen von verschiedenen sozialen Plattformen zusammenträgt. Das Ziel: Das soziale Potential von Nachrichten und Texten nutzen und gleichzeitig den eigenen Inhalt prominent pushen.

    Hinter der Paywall und noch auf Social Media?

    Ein anderes Thema: Social Media und die Paywall. Dahinter steckt der Plan von Nachrichtenorganisationen, den User für Inhalte im Netz bezahlen zu lassen. Social Media für die Verbreitung von Nachrichten zu nutzen, ist unter Nachrichtenorganisationen allgemein etabliert.

    Was aber passiert, wenn der Leser für sie bezahlen muss? Pläne liegen dafür bereits vor, die ersten davon werden bereits umgesetzt. Die Londoner Times unter Medienmogul Rupert Murdoch hat diesen Schritt im Sommer getan, und die NYT plant im Jahr 2011 zumindest stückweise hinter hinter der so genannten “metered paywall” zu verschwinden.

    Müssen sich die Angebote, die eine Paywall errichten, aus den Social Media zurückziehen? Werden sie Links posten, für deren ganze Geschichte man zahlen muss? Oder die geposteten Artikel ganz zugänglich machen? Weil Journalismus immer kollaborativer und weil die Beschäftigung mit dem Leser immer wichtiger werden, ist das eine wichtige Entscheidung.

    Der Aufstieg des kollaborativen Journalismus

    Investigative Reporter wie Paul Lewis vom Guardian nutzen Social Media als Recherchetool, indem sie Leser direkt um Hilfe bitten und sie nach nach gefilmten Material oder Spezialwissen fragen. Ein prominentes Beispiel ist die Recherche zum Tod von Ian Tomlinson, für die Paul Lewis im letzten Jahr einen British Press Award gewonnen hat.

    Crowd sourcing-basierte Methoden mit denen die User einbezogen werden, eignen sich zudem dazu, Situationen besser zu beurteilen. CNN hat das nach dem Erdbeben in Haiti und zuletzt mit dem Sturm in New York bewiesen – sie hatten die besseren Bilder und nutzten sie nicht nur für das Internet, sondern auch für das Fernsehen.

    Auch neue Formen von Datenjournalismus wären ohne Hilfe der User nicht möglich gewesen, nicht die oben genannte Untersuchung der Ausgaben der MPs, und auch nicht die Untersuchung der Haushaltsausgaben, welche die britische Regierung in einem bahnbrechenden Projekt mit Hilfe des WWW-Erfinders Tim Berners-Lee ins Netz gestellt hat – selbst für eine ganze Detektivkanzlei sind das einfach zu viele Seiten.

    Social Media sind ganz sicher nicht repräsentativ, aber sie ermöglichen Journalisten auf ein “breiteres Spektrum von Meinungen und Stimmen” zuzugreifen, wie das der neue BBC World Service-Direktor Peter Horrocks betont hat, als er bei seinem Antritt im letzten Jahr die BBC-Redakteure aufrief, Social Media aktiv zu nutzen.

    Neu im Journalismus: Die statistische Wahrheit

    Zudem haben Social Media auch verändert, wie Journalisten die Rolle der “Quelle” verstehen. Social Media geben den Journalisten heute die Möglichkeit, mit den Leuten leichter Kontakt aufzunehmen. Wie der Online-Experte Dan Gilmore korrekt erklärt hat: Jede einzelne Quelle innerhalb der Social Media kann nicht überprüft werden, und das muss sie auch nicht.

    Man kann Social Media verstehen wie ein Mosaik: Durch Social Media ist der Journalismus um eine neue Form journalistischer Prüfung bereichert worden, der statistischen Wahrheit. Ein einzelner Beitrag auf Twitter mag falsch sein, aber das bedeutet nicht, dass wir bei hunderten von Beiträgen ein falsches Bild bekommen – wir bekommen überhaupt ein Bild. Wie jede journalistische Quelle muss man die Datenlage einschätzen, das ist ja nichts Neues. Neu aber: Damit wird aus dem Feedback schließlich ein Dialog.

    In den meisten Nachrichtenorganisationen müssen sich die Journalisten erst noch daran gewöhnen, dass Leser ihre Artikel kommentieren, korrigieren oder sich überhaupt zu Wort melden. Der nächste Schritt muss sein, aus diesem Feedback einen nützlichen Dialog zu machen. CNN hat gezeigt, wie das geht.

    Der User: Masse oder Quelle?

    Der iReport von CNN ist nicht nur prominenter Bestandteil ihrer iPhone-App, immer gut sichtbar auf der unteren rechten Seite. User, die sich registrieren, werden zudem nach detaillierten Kontaktdaten gefragt, und das nicht, um sie mit Werbung zu belästigen, sondern damit CNN-Redakteure sie kontaktieren können.

    Wie der Guardian hat auch CNN das Konzept hinter sich gelassen, die Nutzer nur als passive Masse zu betrachten. Mit iReport aktivieren sie ihre Leser und transformieren die Masse in eine verlässliche Quelle. Die Ergebnisse, wie man bei der Berichtungerstattung über Haiti im Fernsehen und Internet sehen konnte, sind beeindruckend.

    Jedes Medium, von der Tageszeitung über das Radio hin zum Fernsehen, erzeugt seine eigene Art von Journalismus. Vier Augen sehen mehr als zwei: Social Media bieten die Chance, aus den Nutzern aktive Quellen zu machen. Das könnte den Journalismus zuverlässiger machen als bisher.


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