• Wie ein flügelloser Schmetterling

    Flüssiges Schreiben kann auch ein Schreiben über Architektur und ihre Einbettung in ihre Umgebung sein. Das Liquid Writing-Seminar fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt – genau der richtige Ort, um über Verflüssigungen im Stadtraum nachzudenken.

    Berlin, die technische und gesellschaftliche Urbanität der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, ist 1945 im Urstromtal untergegangen. Zurück blieb jede Menge Schutt und ein entwaldeter Tiergarten. Dessen Boden und ein wieder das Fließniveau vorindustrieller Zeiten erlangter Grundwasserspiegel gaben ideale Wuchsbedingungen für den großflächigen Anbau von Kartoffeln. Lediglich die Spree floss wie eh und je von Ost nach West. Daran änderte auch der aufziehende Kalte Krieg nichts.

    Der Tiergarten jedoch wurde über Nacht Grenzgebiet und Planungsraum für die Internationale Bauausstellung 1957. Zwischen Hansaviertel und Brandenburger Tor, am Südufer der Spree, ließen die Architekten Hugh Stubbins, Werner Düttmann und Franz Mocken auf feuchten Grund einen künstlichen Hügel aufschütten. Auf diesen setzten sie eine Kongresshalle. Sie wurde zum öffentlichen Symbol westlicher Freiheit und öffentlicher Ort eines neuen, demokratischen Gemeinwesens.

    Am Spreewasser nippen

    Die Umsetzung der politischen Botschaft fand ihre Entsprechung in der gebauten Architektur: Die offene Plattform der großen, begehbaren Dachterrasse mitsamt der zentralen Freitreppe war ein Symbol des freien Zugangs. Das große, scheinbar freitragende Dach war mehr als wasserdicht: Es stand für Modernität und als abstraktes Zeichen und freie Skulptur für den amerikanischen Freiheitsbegriff. Mit der Wiedervereinigung beider Stadthälften verblasste die symbolische Bedeutung der Halle. Aus dem auch als „Leuchtturm der Freiheit“ umschriebenen Monument wurde 1999 das Haus der Kulturen der Welt.

    Von der Nordseite der Terrasse fällt der Blick auf die Spree, Berlins berühmtestes Fließgewässer: In diesen Tagen raut eine kräftige Brise die Wasseroberfläche auf. Ausflugsdampfer schieben Wellenkämme vor sich her, die an den zu Betonwänden umgebauten Ufern in Gänze wieder auf das Gewässer zurückgeworfen werden. Die wie wild tanzende Wasseroberfläche zieht die Blicke der zahlreichen Cafégartenbesucher an. Ihre über die Wasseroberfläche wandernden Augen scheinen sagen zu wollen, dass sie lieber am Spreewasser nippen würden, als an Kaffee, Cola oder Hefeweizen.

    Nach dem städtischen Burnout

    Menschenleer hingegen ist es jenseits der schmalen Uferpromenade, im unterhalb der Dachterrasse anzutreffenden Restaurant. Ihr linienhaftes, bewegungsloses Interieur zieht niemanden so recht an. Schaut man sich im weiteren Haus um, scheint die ursprüngliche Botschaft des Leuchtturms verflossen. Nüchtern, still, wie ein schon lange nicht mehr genutztes Boot liegt es am Spreestrand.

    Östlich des Leuchtturms der Freiheit schließt sich eine Wasserkunst an. Wie tot wirkt sie in ihrer linienhaften Einfassung. Das weitere Umfeld der ehemaligen Kongresshalle ist von zahlreichen großen Laubbäumen geprägt. Auf dem feuchten und fruchtbaren Boden des Urstromtales ist nach dem städtischen Burnout wieder ein Waldgarten herangewachsen, der dem Spreewasser, und umgekehrt dieses dem Waldgarten zufließen würde, wenn der Mensch sie denn ließe.

    Fließenergie gelähmt

    Das Fließende ist jedoch nicht des Menschen Ding. Sein Denken und Fühlen ist gleich dem in ein Kanalbett gezwungenen Spreewasser reguliert. Mensch, Fluss und Gartenwald ähneln sich damit. Sie sind ihrer Spontanität beraubt. Der Mensch darf sich nicht dem Spreewasser hingeben, der Fluss nicht über die Ufer hinauswachsen, der Wald sich nicht mit beiden verbinden.

    Diese Trennung lähmt. Der Leuchtturm der Freiheit, das Haus der Kulturen der Welt ist ein flügelloser Schmetterling. Er wartet auf das Zusammenfließen von Spreewasser, Gartenwald und Mensch. Die daraus entstehende Fließenergie ließe ihm Flügel wachsen, unentbehrlich für einen Aufbruch in die Zukunft.


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