• WikiLeaks vs. Microsoft: Wem gehört die Stadt?

    Die Aufstände in Tunesien und Ägypten haben zweierlei deutlich gemacht. 1. Die Stadt ist der zentrale Ort politischer Veränderung. 2. Das politische Bewusstsein des Bürgers ist maßgeblich ein technologisches Bewusstsein. Krystian Woznicki zeigt in seinem Essay wie der WikiLeaks-Gründer Julian Assange in diesem Zusammenhang zu einer Symbolfigur wird. Spätestens seit seiner Nominierung für den Friedensnobelpreis inspiriert Assange eine grundlegende Neubewertung des Hackers – vom High-Tech-Terroristen zum Prototypen eines mündigen Stadtbürgers.

    Wir müssen die Stadt als einen Knotenpunkt denken: Hier kommen fast alle relevanten sozialen Klassen zusammen; hier bündeln sich diverse kritische Infrastrukturen der modernen Welt. Hier schlummert also auch das politische Potenzial, das kleinere und größere Veränderungen in Gang setzt. Die jüngsten Aufstände in Tunis und Kairo sind dafür das beste Beispiel. Sie zeigen aber auch: Damit sich dieses Potenzial entfaltet, bedarf es eines Auslösers, Katalysators. In den westlichen Medien ist diese Rolle Netzwerken zugesprochen worden, so unterschiedlich wie WikiLeaks, Facebook und Twitter.

    Ich bin kein Befürworter dieser Theorie (siehe: Die Revolution, die uns bevorsteht). Dennoch glaube ich: Wir müsen die Rolle von WikiLeaks als Katalysator noch einmal neu betrachten. Es geht mir dabei nicht um vormals geheime Regierungsinformationen, die WikiLeaks veröffentlicht hat und die mit Blick auf die Aufstände immer wieder als Ursache herbeizitiert werden. Es geht mir vielmehr darum die WikiLeaks-Veröffentlichungen als ein Ereignis zu begreifen, das Menschen in neuer Weise miteinander zusammenbringt. Menschen, die sonst nebeneinander ihren Interessen nachgehen, fangen jetzt an, ihre Kräfte zu bündeln. Um es mit den Worten des Cyber-Philosophen Franco Berardi zu sagen:

    Die Lektion von WikiLeaks ist die Aktivierung von Solidarität, Komplizenschaft und Kollaboration unter diversen Akteuren der flexibilisierten Arbeitswelt: Hardware-Techniker, Programmierer, Journalisten, etc. arbeiten Hand in Hand mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen, die totalitäre Macht zu destabilisieren.

    Es sei dahin gestellt, ob man hier von einer neuen Supermacht sprechen sollte – wie im Vorfeld des zweiten Golfkriegs im Hinblick auf die transnational sich organisierenden Demonstrationen (vgl. dazu Jonathan Schell). Entscheidend ist: Die Stadt ist deutlich als ein Ort des politischen Umbruchs erkennbar – offen für alle Menschen sich daran zu beteiligen. Kaum ein anderer personifiziert diese Offenheit besser als WikiLeaks-Gründers Julian Assange: Er ist Journalist und Hacker, Unternehmer und Aktivist, Wissenschaftler und Diplomat.

    Sie werden sagen: Das ist quatsch! Warum reaktiviert ausgerechnet ein aus dem Rucksack Lebender ohne festen Wohnsitz mit seiner Arbeit den Ort der vermeintlich Sesshaften als politische Bühne? Doch die Stadt ist im zunehmenden Maße ein Durchgangsort und eine Schnittstelle von diversen Bewegungen. Kurz: die Stadt wird von einer wachsenden Menge von hochgradig mobilen Menschen “bevölkert“, oder sagen wir: frequentiert.

    Der Dauer-Nomade Assange steht an der Sperrspitze dieser Entwicklung. Und er zählt als Symbolfigur des politisch mündigen Bürgers in einer weiteren, möglicherweise noch etwas entscheidenderen Hinsicht zur Avantgarde: Assange hat ein ausgeprägtes technologisches Bewusstsein, das in der Metropole von heute unabkömmlich ist. Überspitzt formuliert: Wer kein technologisches Bewusstsein hat, kann die zeitgenössische Stadt nicht begreifen.

    Welches Betriebssystem hat die Stadt?

    Wer in den 1990er Jahren etwas über die zeitgenössische Stadt erfahren wollte, buchte einen Forschungsaufenthalt in Celebration – einer Stadt in Florida, die von Disney erbaut wurde, samt Disney-Schulen, Disney-Post, etc. Der Kulturforscher Andrew Ross hat Celebration kenntnisreich beschrieben und analysiert. Nachzulesen in seinem Buch The Celebration Chronicles.

    Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Konzerne wie Disney nicht mehr das Maß aller Dinge. Heute greifen globale Konzerne aus der IT-Industrie nach der Weltherrschaft. Microsoft, Google und Co. unterstreichen ihren Machtanspruch nicht Disney-like mit einer Modell-Siedlung. Ihr Regime bildet sich nicht plakativ auf Fassaden oder in der Struktur eines von ihnen erschaffenen Stadtrasters ab. Vielmehr wird es unter den Oberflächen von Städten wirksam.

    Statt also ins Reisebüro zu gehen, gilt es heute einzutauchen in die immer dichter sowie komplexer und im Zuge dessen immer unscheinbarer, ja: unsichtbarer werdenden Netzwerke des urbanen Raums. Wer heute etwas über die zeitgenössische Stadt erfahren möchte, braucht nur ein paar Werkzeuge, beispielsweise Handy und Netbook. Und eine bestimmte Haltung: den Mut zum Experiment und die Lust am Selbermachen.

    All das hat übrigens der Cyberpunk vorgedacht – ein von angloamerikanischen Schriftstellern zu Beginn der 1980er Jahre ins Leben gerufene Science-Fiction-Genre. Die von Global Playern aus dem IT-Bereich beherrschte Stadt erscheint im Cyberpunk comichaft überzeichnet: der urbane Raum ist dunkel und wird von Dauerregen geplagt. Derart dystopisches Vokabular vermischt sich mit dem Zeichensatz der Atopie: Während auf den Straßen die nasse Nacht des Ghettos herrscht, lässt sich der Rest der gebauten Umwelt nicht greifen, nicht beschreiben, nicht einordnen, weil sich alles in Netzwerke verflüchtigt und letzten Endes ortlos wird.

    Die Atopie wird von den IT-Konzernen kontrolliert, die Dystopie wird durch sie hervorgebracht. Wer (außer der Elite) begreift diese Machtkonstellation? Wer hat (außer der Elite) Zugang zur Atopie? Wer hat (außer der Elite) überhaupt Zugang zu Werkzeugen? Einige wenige, die sich nicht in den Straßen mit billigen Drogen das Hirn wegpusten oder an Armut krepieren, haben das entsprechende Bewusstsein und besorgen sich die Werkzeuge, mit denen sie sich Zugang zu der atopischen Sphäre der Stadt verschaffen.

    Es ist ein einsamer Kampf – meistens ist es “einer gegen das System”, wie in Escape from New York, in Matrix oder in Tron. Ein Jungs-Traum. Doch wir wollen nicht ins Träumen kommen. Die comichafte, teils pubertär anmutende Überzeichnung im Cyberpunk sollte uns vielmehr helfen, die Verhältnisse im digitalen Kapitalismus klarer zu sehen. Oder wenigstens zu hinterfragen – im Hinblick auf die Verteilung von Macht, Strukturierung von Klassen, etc.

    Was heißt hier eigentlich technologisches Bewusstsein?

    Wer sich mit dieser Brille umguckt und sieht, sprich: zu verstehen beginnt, steht vor einem Dilemma. Was tun? Angesichts der Tatsache etwa, dass über dem eigenen Kopf erbitterte Kämpfe um Anteile an Luftraum ausgetragen werden? Dass korporative Schlachten um “pieces of ether” (Jürgen Neumann) stattfinden? Dass das jeweils dominante WiFi-Unternehmen die Luft, die wir atmen, für seine wirtschaftlichen Interessen ausbeutet?

    Mensch und Umwelt werden von zusehends unmerklichen und unsichtbaren, ja: paradigmatisch atopischen Mächten konditioniert. Freilich: im Zeichen von Algorithmen, jenen komplexen Programmen, die seit geraumer Zeit anscheinend jedes Datennetzwerk strukturieren. Die Kontrolle über die Luft um mich herum und die kabellose Kommunikation, die sie ermöglicht, liegt jedenfalls nicht in meinen Händen.

    Dieser Kontrollverlust wird von den kursierenden Internet-Abschaltfantasien quasi institutionalisiert. Danach sieht es zumindest aus: Das atopische Regime braucht nur einen Knopf zu drücken, um “uns“ das Internet und “unsere“ Kommunikation zu nehmen; die De-Aktivierung der Kommunikation und ihrer Infrastruktur ist “just a click“ away. Bei genauerer Betrachtung offenbart jedoch das Phantasma des “Internet-Abschaltknopfs“ etwas anderes: offenbar ist das atopische Regime an seine Grenzen gestoßen. Weniger an die Grenzen seiner Macht über die atopische Sphäre, als vielmehr an die Grenzen seiner Macht über die Straßen der Stadt.

    Als Kontrollinstrument ist das Internet auf den Straßen im Zweifelsfall nicht zu gebrauchen. Umgekehrt gilt: Auf der Straße bündeln Menschen ihre Kräfte, die ein unrechtmäßiges politisches Regime transformieren können – Andrian Kreye spricht in diesem Kontext vom Web 3.0. Kairo zeigt jedoch auch: Dies bedeutet nicht automatisch, dass en passant eine techno-ökonomische Revolution des cyberkapitalistischen Regimes stattfindet. Kritische Fragen müssen gestellt werden, etwa: “Was bedeutet in repressiven Staaten Facebooks Zwang zum Klarnamen?” (Sascha Lobo)

    Bilder von den Straßen in Kairo sind in einem Raum zwischen Illusion und Desillusion suspendiert. Zwei komplementäre Zeichen der Zeit (gesehen bei Mercedes Bunz): ein hoffnungsvoll dreinblickender Aufständischer mit einem Schild in der Hand, das EGYPT mit den Logos führender Global Player aus dem IT-Bereich ausbuchstabiert: (E)xplorer (Microsoft), (G)oogle, (Y)ahoo, (P)latzhalter-Herz und (T)witter. Komplementär dazu: ein verwahrloster, in sich zusammengesunkener Aufständischer vor einer Wand, auf der in krackeliger Sprayer-Schrift facebook geschrieben steht.

    Mich stimmt der Blick auf einen anscheinend gelungenen politischen Aufstand in Kairo äußerst nachdenklich, wenn ich registriere wie zugleich die Ausbreitung von IT-Konzernen als Demokratie-Versprechen kommuniziert wird. Dieses Nachdenken kann und darf nicht folgenlos sein für das Verhältnis von “ich” und “Stadt” (“Welt”).

    Wie kann “ich” in meiner eigenen Stadt, in meiner unmittelbaren Umwelt mündig werden? Wie kann “ich” dazu beitragen, dass die Verhältnisse demokratischer werden? Sobald einen diese Fragen zu plagen beginnen, wird man früher oder später von Folgefragen belästigt, die sich nicht leichter aus dem Weg räumen lassen: Muss man selbst coden können? Oder reicht es nur die Maschine und ihren Code zu verstehen?

    Anders gefragt: Was ist die Grundlage für einen mündigen Bürger? Ist es die Möglichkeit in die Quellcodes der atopischen Sphäre selbst eingreifen zu können? Oder reicht schon das Bewusstsein darüber, wie die Programme gemacht sind und welche politischen, kulturellen, ökonomischen und sozialen Mechanismen sie torpedieren?

    Ist der Hacker das neue Rollenmodell?

    Wir kommen bei dieser Grundsatzdebatte nicht umhin darauf zu verweisen, dass radikale Selbstermächtigung im Computer-Kosmos ein weitgehend schlechtes Image hat. Kriminalisierung steht an der Tagesordnung. Der Hacker, an sich kein Bandit, sondern in erster Linie ein Bastler und Weber, gilt als Schreckensfigur und Terrorist. Entsprechend muss sich der WikiLeaks-Chef Julian Assange von seiner Hacker-Vergangenheit immer wieder distanzieren. Der seit seinem 13. Lebensjahr als Hacker Sozialisierte zieht es vor, sich als Journalist auszugeben.

    Bezeichnend dafür ist eine Sequenz aus einem aktuellen Interview, das Assange dem investigativen Nachrichtenmagazin 60 Minutes gab. Assange sagt auf die Frage des Moderators, ob das Programmieren, Coden und Hacken noch immer seine “vorrangige Fähigkeit” sei, sinngemäß: “Es ist wie bei Bill Gates. Er könnte es tun, aber er macht es nicht. Es reicht ihm zu wissen, wie es funktioniert und was man damit anstellen kann.” Dann aus dem Off die Stimme des Moderators, sinngemäß: “Assange ist nicht Gates und WikiLeaks ist nicht Microsoft.“

    Der Politikwissenschaftler Christoph Bieber ist voller Hoffnung. Der Fall des Julian Assange könnte seiner Meinung nach zu einer Rehabilitation des Hackers führen. Mit der Nominierung des WikiLeaks-Gründers für den Friedensnobelpreis bekommt Bieber Rückenwind für seine These. Allein die Tatsache, dass der in den USA als “High-Tech-Terrorist” (Sarah Palin) verschrieene Assange nominiert worden ist, sollte zu einem grundlegenden Imagewandel des politischen Programmierers führen.

    Mehr noch: Besagte Nominierung sollte den politischen Programmierer letztlich dort etablieren, wo Kulturtheoretiker Rudolf Maresch den Coder ohnehin schon längst sieht – und zwar an jener Stelle des Pantheons, an der bis zum 20. Jahrhundert der Schriftsteller stand. Das Schreiben von Code ersetze, so Maresch in der Einleitung zu der Anthologie Renaissance der Utopie, das Schreiben von Romanen als Akt der gesellschaftlichen Kanonisierung von Werten, Weltentwürfen, etc.

    Was also bedeutet es im Hinblick auf das Prinzip der Demokratie, dass die Welt, wie Vilem Flusser einst postulierte, in Programmierer und Programmierte zerfällt? Sind die Programmierten die Sklaven des Informationszeitalters? Können sie sich nur aus der Umklammerung des atopischen Regimes ausbrechen, indem sie sich auf die Seite der Programmierer schlagen, wie Medienwissenschaftler Norbert Bolz behauptet?

    Oder reicht es, die Arbeit des Programmierers lediglich zu verstehen? Also die Funktionsweise von Programmen und ihre Wirkung zu begreifen? In diesem Fall haben Programmierte durchaus ein Bewusstsein darüber, dass sie Teil eines Programms sind. Sie haben Durchblick und sehen sich beispielsweise, wie die digitale Denkerin Mercedes Bunz, bei jedem Programm, bei dem es um Informationen geht, ganz bewusst und reflektiert mit einem Algorithmus konfrontiert.

    Mit Blick auf den derzeit wohl berühmtesten Algorithmus der Firma Google sagt Bunz: “Ich finde, es muss schon in der Schule vermittelt werden, wie das Sortieren von Information geschieht. Dafür muss man Google nicht zwingen, seinen Suchalgorithmus zu veröffentlichen; es geht nicht um die Programmierebene. Aber ich sollte als aufgeklärter Bürger verstehen, wie ein Suchergebnis zustande kommt.”

    Abgesehen von der Frage, ob das tatsächlich reicht, stellt sich die folgende Frage: Lässt sich dieser Typus Durchblick (Wissen über Wissen) auch auf die Stadt übertragen? – eine Stadt, deren weitgehend unsichtbare Netzwerke zwar ebenfalls von Algorithmen organisiert werden. Algorithmen allerdings, die nicht nur Wissen organisieren, sondern den Fluss und Zusammenhang von Menschen, Müll, Maschinen und jedwedem Verkehr. Kommen wir da mit Wissen allein weiter? Oder sollten wir in der Lage sein, in die Strukturen einzugreifen? Mehr noch: gemeinsam mit anderen BürgerInnen eigenhändig solche Strukturen aufzubauen?

    Die historische Chance der Welt nach Cablegate liegt darin, Menschen mit den unterschiedlichsten technischen Kompetenzen miteinander zusammenzubringen. Um die Worte des Cyber-Philosophen Franco Berardi zu wiederholen: “Die Lektion von WikiLeaks ist die Aktivierung von Solidarität, Komplizenschaft und Kollaboration unter diversen Akteuren der flexibilisierten Arbeitswelt: Hardware-Techniker, Programmierer, Journalisten, etc. arbeiten Hand in Hand mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen, die totalitäre Macht zu destabilisieren.”

    Die Zeit ist reif für einen grundlegenden Erfahrungsaustausch über die Grenzen der technischen Kompetenz – hinweg. Was in der Luft liegt, ist nichts weniger als die Auflösung einer digitalen Ordnung, die Andrian Kreye ganz treffend als “Hierarchie der Eingeweihten mit ihren vielfältigen Stufen der Abstraktion und des Herrschaftswissens” beschreibt.


22 Kommentare zu WikiLeaks vs. Microsoft: Wem gehört die Stadt?

  • Am Donnerstag lädt die Deutsch-Amerikanische Vereinigung der Parlamentsmitarbeiter/innen (DAVP) um 17 Uhr in den Bundestag zur Diskussion “Wikileaks und die Folgen”:

    Nachdem Wikileaks die Berichte der US-Botschaften veröffentlicht hatte, war dies ein Desaster für die US-Diplomatie. Obwohl bisher nur ein Zehntel der über 250.00 Dokumente veröffentlichet wurden, mussten die Botschafter weltweit bei den Regierungen und in der Öffentlichkeit um Verständnis werben. Paypal und Master-Cards stoppten die Konten für Wikileaks. Ist die Internetseite kriminell oder aber so wichtig wie das Informationsfreiheitsgesetz.

    Darüber diskutieren:

    * Mitchell Moss, Pressesprecher der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland
    * Frank Rieger, Pressesprecher des Chaos-Computer-Clubs
    * Dr. Konstantin von Notz, MdB, netzpolitischer Sprecher der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

    Paul-Löbe-Haus, Saal 4.200. Interessierte ohne Hausausweis können sich per E-Mail anmelden bei: herbert.fleischhauer@bundestag.de (Bitte Vornamen, Namen und Geburtsdatum angeben. Sie können dann über den Eingang Paul-Löbe-Haus Süd gegenüber dem Reichstagsgebäude zur Veranstaltung kommen).
  • neuro am 09.02.2011 09:38
    "Kritische Fragen müssen gestellt werden, etwa: “Was bedeutet in repressiven Staaten Facebooks Zwang zum Klarnamen?”"

    Dazu ein Update:
    http://www.netzpolitik.org/2011/facebook-keine-pseudonyme-auch-nicht-fur-politische-dissidenten/
  • man halten was man will von diesem assange, aber das ist insofern egal als das er eine "Weltfigur" ist, wie wolfgang michal richtig sagt.

    man muss die chance nutzen, die eine solche weltfigur bietet. deshalb finde ich den ansatz dieses "essays" auch richtig.

    nur gleichzeitig müssen wir darauf hin schielen und arbeiten, wovon domscheidt-berg auch hin und wieder spricht:

    die erzählung des führers, der ausnahme-erscheinung, des übermenschen, etc. muss gegen eine erzählung der vielheit, multide, etc. ausgetauscht werden.

    das ist schließlich die historische vchance die mit dem internet zu tage tritt
  • Silvia am 09.02.2011 11:42
    hohe Ansprüche an einen selbst aber auch Hoffnung wenn ich das Ende des Texts richtig verstehe, danke
  • Netzprofi am 09.02.2011 12:04
    puh, geschafft, ganz schöner brocken der text!
    für mich ziehe ich daraus, dass ich mir ständig neue fragen stellen muss, über meine umwelt und wie ich mich darin bewege.

    was bedeudet nun diese hinwendung zur STADT? ist das hier als metapher zu verstehen (quasi die stadt löst den nationalstaat ab) oder ist es tatsächliche die stadt wie in großstadt. was ist dann auf dem land? wann kommt dort die revolution?
  • Jorge Cyterszpiler am 09.02.2011 14:40
    Mit jeder neuen Technik, mit jedem neuen Präzendenzfall und Vorreiter, jedem neuen Protagonisten, mit jeder anscheinend irgendwie neuen Möglichkeit und Philosophie, verbinden sich immer diese immensen utopischen Hoffnungen. Auf den neuen Menschen, die neuen Gesellschaft, die neue Art zu denken. In alten Hirnen. Und so endet es immer auch.
  • Frau Marx am 09.02.2011 15:03
    @Jorge: hm, den kommentar kann man immer bringen, oder? worauf beziehst du dich, wenn du sagst, "Auf den neuen Menschen, die neuen Gesellschaft, die neue Art zu denken." auf den Text, oder geht es allgemein um den WikiLeaks-Diskurs?
  • Jorge Cyterszpiler am 09.02.2011 15:24
    Naja, darauf könnte ich jetzt "quid pro quo" antworten, das Essay kann man auch immer bringen. Oder? Unterlasse ich aber natürlich. Beziehe mich auf den Text. Auf die darin angedeuteten Hoffnungen und Anstösse. Bin kein digitaler Opiumfreund, halte aber natürlich den Diskurs für legitim und bedenkenswert. Mein Schluss ist doch eindeutig: "Neue Menschen mit alten Hirnen"!
  • Frau Marx am 09.02.2011 15:31
    @Jorge: alsoe "Eindeutig" ist was anderes! muss auch denken, dass es in anbetracht der texte, die ich bisher zum thema wikileaks gelesen habe (hier in der berliner gazette und andernorts) wirklich denke, dass eine neue situation entstanden ist und deswegen solche texte eben nicht immer erscheinen können. allein die möglichkeit, wirklich anonym agieren zu können war digitaltechnisch vor ein paar Jahren gar nicht möglich - das argument, dass es ja auch schon früher einen toten briefkasten gab, lass ich nicht gelten (das ist analog). also gib mir mal mehr Futter Cyterszpieler!
  • Jorge Cyterszpiler am 09.02.2011 15:40
    Ach...keine Lust! Es ist schönes Wetter draußen und ich muß noch ein paar tote Briefkästen leeren gehen. Solange man bei wikileaks oder andernorts, nichts wirklich neues erfährt, beteilige ich mich auch nicht mehr an verbalen Chronisten-Tischfeuerwerken.
  • Ein paar Gedankensplitter zu Krystians Beitrag:

    1) Stadt ist in meinem Verständnis nicht gleich Stadt. Kairo oder Tunis sind Metropolen, die Tunesiens und Ägyptens. In dezentralisierteren Staaten des Westens, in Italien, Deutschland oder Spanien, ist das schon etwas komplizierter. Mich überrascht Krystians Plädoyer für die Stadt insofern, als ein linkes Pamphlet vor Kurzem noch für ländliche Strukturen plädiert hat – auch und vor allem in der Stadt.

    2) Allerorten wird gegenwärtig viel über die positiven und gesellschaftsverändernden Effekte der sozialen Medien "schwadroniert".

    Ich sage bewusst schwadroniert, weil mir da die nötige Distanz und Reflektiertheit in der Öffentlichkeit. Ich würde da viel zurückhaltender und skeptisch reagieren (vielleicht auch mein Naturell). Die "Weisheit der Massen" kann auch ganz andere, unerwartete uns sehr unangenehme Folgen zeitigen. Ich erinnere nur an die NSDAP und den Nazi-Staat, die damit Erfolg hatten, das Radio nutzten und den Staat gekidnappt haben. Ähnliches gilt selbstverständlich auch für andere „totalitär“, emphatisch und gut organisiert agierende Gruppen und Truppen, für Kommunisten, Islamisten, Katholiken (siehe Johannes Paul usw.) oder wer auch immer. Medien sind nun mal auch Instrumente und Waffen, die sich nicht an Werten oder Ideen orientieren, sondern mal Diesen und mal Jenen dienen.

    3) Mit der „Weltherrschaft“ hat es so seine Bewandtnis. An dem Thema haben sich zuletzt erst die Amis die Finger verbrannt. Sie mussten leidvoll erfahren, welche Lasten das mit sich bringt. Ob die Chinesen das in der Zukunft besser machen werden? ...

    Sicherlich nicht. Nur: Sie stellen das bislang etwas geschickter und cleverer an. Da sie keine Mission haben wie die Amerikaner, die Europäer oder schlicht der Westen, und ihr Weltbild auf der ganzen Welt verbreiten wollen, sondern absolut nüchtern und pragmatisch auf dem schlichten Prinzip der Nichteinmischung und Selbstbestimmung der Völker agieren, haben sie das auch nicht im Sinn. Ihnen geht es darum, ganz im Nietzscheanischen Sinne, sich selbst immer stärker machen zu wollen.

    4) Das Politische äußert sich, wenn die Zeit dafür reif ist, Medien hin, Medien her. Es braucht dazu weder neue noch alte Medien. Die amerikanische, die französische, die russische, die kambodschanische oder welche auch immer, ist auch ohne sie, ohne alte oder neue Medien, ausgekommen und hat funktioniert. Mit Marx gesprochen: Es kommt dazu, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen. Nur: Revolutionen werden nicht von unten gemacht, von Proleten, Obdachlosen, Kulis oder Hartz Ivlern, sondern immer von oben. Sie passieren, wenn die oben, wozu auch und vor allem der dritte Stand, der Mittelstand zählt, nicht mehr wollen, weil ihnen die Zugänge zu den Privilegien verbaut werden. Das verbirgt sich im Prinzip unter dem Begriff der Facebook- oder Twitter-Revolution. Die unten sind nur das "Kanonenfutter", wenn ich das so despektierlich sagen darf, oder leninistisch formuliert: die „nützlichen Idioten“. Damit will ich nur sagen: Bei Revolutionen wird im Prinzip nur eine Herrschaftsclique durch eine andere ausgetauscht. Wie wir das dann hinterher nennen, ist im Prinzip dann völlig wurscht. Die Wendigen, die sich rechtzeitig absetzen und ins neue Lager schlagen, werden auch hinterher wieder am Ruder sein, siehe Russland, siehe alte DDR und die Linke.

    Auf unser Land bezogen könnte man mit Carl Schmitt sagen: Die politischen Parteien, die sich diesen Staat während des Kalten Krieges zur Beute gemacht haben, werden die Verfassung dann ändern, wenn es ihnen passt. Das nur kurz und am Rande zum Begriff der Demokratie.

    5) Zum Schluss: Um glücklich und zufrieden zu sein, braucht es weder der Demokratie noch Facebook und Konsorten oder das Verständnis, wie Maschinen ticken. Im Übrigen sollten wir uns hüten, irgendjemanden zu viel Macht zuzusprechen. Da ist Luhmanns Entwurf der ausdifferenzierten Gesellschaft in Sozialsysteme mit eigenständigen Funktionsformen recht brauchbar.

    Hat beispielsweise Louis van Gaal Macht oder gar Uli Hoeneß? Können sie mit Spielerkäufen den Champions League Titel erzwingen, dem der Verein nun schon seit Jahrzehnten hinterherhechelt? Hat Obama, der angeblich mächtigste Mann der Welt, Macht oder vielleicht Putin in Russland oder Frau Merkel in Europa? Oder sind nicht auch die relativ ohnmächtig angesichts der Ereignisse, die sie überfahren, die Finanzkrise, das arabische Aufbegehren…? Und gilt das nicht auch für die im Text genannten Unternehmen. Das Schöne am Kapitalismus ist doch (im Übrigen wie im Sport), dass sich niemand sicher sein kann, die Macht ein für allemal gepachtet zu haben. Jedes Monopol ist bislang durchbrochen worden, weil es immer jemanden gibt, der Konkurrenz macht und an die Fleischtöpfe will. Das ist wie im Wolfsrudel. Früher war Bill Gates die Hassfigur der Techno-Freaks, dann waren es die Google-Leute, jetzt ist es Zuckerman und Co. Und morgen und übermorgen?

    Und zu den Programmierern und Codebrechern. Um Radio zu hören, fernzusehen oder zu telefonieren, müssen wir nicht wissen, wie das alles technisch funktioniert. Und um das Universum zu verstehen, Gott zu suchen oder zu leugnen, müssen wir auch nicht Astrophysiker oder Theologen werden. Geheimdiplomatie hat es immer gegeben, im Guten wie im Schlechten, mit und ohne Herrn Assange. Wie man hört, hat man ihn um die Früchte seiner Arbeit gebracht, ihm und der Firma einige Festplatten mit den dazugehörigen Algorithmen beklaut. Der Freund ist halt immer auch mein Feind. Vielleicht wäre es besser, auch in diesem Fall etwas unaufgeregter zu formulieren, gelegentlich wieder mal Heidegger zu lesen und dabei zu lernen, dass Gelassenheit auch eine Tugend sein kann.

    Die Menschen müssen sich nicht dauernd versammeln, beraten und über die öffentlichen Angelegenheiten räsonnieren. Was dabei herauskommt, kann das Volk mittlerweile jeden Abend im Fernsehen beobachten, nämlich Gerede, bloßes Zerreden und überflüssiges Geschwätz.

    Darum habe ich auch (wie auch F.A.K) im Übrigen auch keinen Eintrag bei Facebook, Twitter oder Co. Dafür ist mir meine insgesamt doch recht knappe Zeit, wir haben übrigens nur dieses Leben, zu schade. Das überlasse ich lieber den Schirrmachers, die dann dauernd herumjammern und wehklagen.
  • [...]Krystian Woznicki hat in der Berliner Gazette einen sehr lesenswerten Essay über Digitalisierung und Stadtraum geschrieben. Ein Auszug: Mehr hier. [...]
  • Ulf Schleth via facebook am 09.02.2011 16:36
    "EGYPT mit den Logos führender Global Player aus dem IT-Bereich ausbuchstabiert: (E)xplorer (Microsoft), (G)oogle, (Y)ahoo, (P)latzhalter-Herz und (T)witter."

    sieht für mich aus wie das Paypal - P. mit nem herz drum steht das vielleicht für die liebe zum kapitalismus
  • letztlich geht es um vermittlung. um ein narrativ (nach dem ende der grossen narrative). die faktizitaet der wirksamkeit scheint bei wikileaks nicht in zweifel zu ziehen, dennoch ist die politische realitaet durch die wikleaks debatte mehr beeinflusst worden als durch die aufdeckung von "fakten". lesen wir wikileaks mit foucault statt mit habermas, so wird klar dass es eine machtverschiebung gibt, diese existiert nicht durch wikileaks sondern umgekehrt, das kollektiv schafft sich seine symbolfiguren und geschichten um das zu vestehen was passiert. diie dahinterliegende fiktionalisierung der politischen realitaet ist auch eine grosse chance. das ende der technokraten, aber auch korrput-zynischen pragmatiker. die strasse hat ihre stimme verloren, nicht zuletzt durch das fernsehbild, durch die diskursivierung von wohlmeinenden fuersprechern, durch aufgepropfte loesungs und befriedungsversuche. die ungleichheit der verhaeltnisse in tunis ist die selbe ungleichheit wie in london, paris oder berlin. die korruption eines sarrazin beim verkauf der berliner bank ist 100% vergleichbar mit ben ali. unsere entfremdung uns nur ueber wikileaks diskurse mit uns selbst zu beschaeftigen ist ebenso traurig wie wahr.
  • Die hier ansichts des digitalen Dilemmas gestellte Frage: Was tun? ist die alte Frage von Lenin. Er hatte sie von einem nihilistischen russischen Revolutionär übernommen, wir haben sie von ihnen geerbt. Damals warb Lenin für das Modell einer Kaderpartei, für ihn waren die fortschrittlichsten Arbeiter die Drucker: am besten informiert, am besten organisiert, effektiv und höchst gebraucht für die politische Propaganda. Sind die Drucker von damals die Hacker von heute? Oder sollte man die Sache nicht eher anders rum aufziehen, also so: Während Lenin den Arbeitern ohne Führung einer Partei lediglich die Fähigkeit zum Erreichen eines "trade-unionistischen Bewußtseins" attestierte müssen wir heute vor allem den Mangel an just jenem Bewußtsein beklagen (Avantgarde-Bewußtsein gibt's genug bei den immateriellen Arbeitern - aber nicht die Solidarität mit all den andren Arbeitern). Und wäre das nicht der erste Schritt. Und der erfolgt dann mit dem zweiten: der Erkenntnis, dass die Fabrik von heute die Stadt ist? Das wäre immerhin ein Anfang...
  • Computerhacker: Mehr als nur „digitaler Vandalismus“ ---> so lautet eine Schlagzeile bei FAZ.net und das "mehr" meint übrigens nicht "besser", sondern "schlimmer":

    "Organisierte Internet-Angreifer verschaffen sich Zugang zu vertraulichen Patenten, Plänen und Personaldateien. Bald könnte es sogar ein Nationales Cyber-Abwehrzentrum geben."

    http://www.faz.net/s/RubE2C6E0BCC2F04DD787CDC274993E94C1/Doc~E7D52F36F86944F218334F7DA3BE4D0B7~ATpl~Ecommon~Scontent.html
  • Rainald Krome am 10.02.2011 15:01
    aprpos Assange als Symbolfigur einer Avantgarde der Nomaden und Technologie-Bewussten: neben der Tatsache, dass er seit seinem 13. Lebensjahr mit Computern rumspielt, wäre zu erwähnen: er war bis zu seinem 14. Geburtstag 37!!mal umgezogen; lebte zwischen elf und 16 auf der Flucht.


    Nachzulesen bei Raffi Khatchadourian:

    http://www.newyorker.com/reporting/2010/06/07/100607fa_fact_khatchadourian
  • solfrank am 10.02.2011 16:05
    @ Rainald: man sollte aber auch unterstreichen, dass es sich hier nicht nur um frühkindliche Prägungen handelt, die irgendwie im Erwachsenenalter zum Ausdruck kommen.
    Wenn der Text hier von einem Dauernomaden spricht, dann ist bei Raffi Khatchadourian eben auch zu lesen, dass die Paranonia den guten Assange zu einem Nomaden macht: ständige Ortswechsel, etc. stets auf der Flucht, schon seit den jüngsten Tagen von WikiLeaks, also 2006, mit der Reise nach Kenia beginnt diese frühkindliche Prägung sich mit einer psychischen Störung des erwachsenen Assange zu vermischen: wie gesagt, Paranoia.
  • Jorge Cyterszpiler am 11.02.2011 03:46
    @solfrank: sehr wichtiger punkt bei dieser fanboydiskussion hier...
  • In dem Zusammenhang mit diesem guten Essay fällt mir gerade ein, dass ich vor kurzem einen Bericht über Transition Towns gesehen habe, also die Überlegung, wie man Stadtteile nachhaltiger und "grüner" entwickeln kann und durch eine "eigene" Währung den kommunalen Handel stärken kann:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Transition_Towns

    Eine eigene Währung gibt es zum Beispiel in Brixton, den BrixtonPound:
    http://brixtonpound.org/

    Solche Versuche sind sehr leise "Revolutionen", aber auf jeden Fall sind sie es wert weiter beobachtet zu werden.
  • John Young macht einen guten Punkt: "Focus on Julian Assange weakens Wikileaks for its purpose is more important that he is. It is a terrible trap to concentrate on him rather than Wikileaks, a trap often set by the media and those opposed to the creation of new forms of information flow. I urge you to learn more about the material published by Wikileaks since 2006, all of it, and avoid vacuous debate about Julian Assange. Julian has said the same, often. He knows that the attention paid to him is damaging Wikileaks and that that is the intention of those who do so, wittingly or unwittingly."

    http://cryptome.org/0003/wikileaks-stoned.htm
  • [...] ist wiederum eine Reaktion auf einen Essay, der im WikiLeaks-Dossier der Berliner Gazette erschien. Keine Kommentare Michail Fischman · 13.07.2011 Feuilleton > Notizen > [...]

Kommentar hinterlassen

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.