• Wann hast Du die „Blue Marble“ zum ersten Mal gesehen?

    In der Hochphase meiner Blue Marble-Recherchen bekommen Magdalena und ich Besuch aus den USA. Am letzen Abend der Visite wollen wir Essen gehen, zum Japaner oder zum Afrikaner. Wir entscheiden uns fuer den Afrikaner. Mary ist um die 60 Jahre alt, kommt aus St. Louis und findet das aufregend. Im Restaurant steht eine Giraffe aus dunkelbraun lackiertem Holz. Die Bediensteten tragen Kostueme wie Flugbegleiter einer afrikanischen Airline. An den Waenden haengen thematisch passende Kunstwerke. Aus den versteckt angebrachten Lautsprechern kommt thematisch passende Musik.

    Wir befinden uns in Afrika, in Suedafrika wohlgemerkt, daran erinnert nicht zuletzt die Weinkarte mit einer Auswahl von Weissweinen, wie man sie in anderen Teilen Afrikas wohl kaum anbaut. Nachdem wir bestellt haben, frage ich Mary, wann sie zuerst das Blue Marble-Foto zu Gesicht bekam. Blue Marble? Sie weiss zunaechst nicht, wovon ich spreche. In einer von Christoph Martin Wieland im 18. Jahrhundert popularisierten Redewendung heisst es Man sieht den Wald vor lauter Baeume nicht. Koennte es sich hier um ein aehnlich gelagertes Problem handeln? Ich frage mich, ob es daran liegt, dass das Foto fast vierzig Jahre nach seiner Entstehung inzwischen so verbreitet ist, dass man aufgehoert hat, es bewusst wahrzunehmen.

    Omnipraesenz waere in diesem Fall eine bestimmte Form der Absenz. Das Leben mit dem Blue Marble-Ikon ist ein Leben, das man folglich nicht befragt, das man nicht aufrollt, rekapituliert oder Revue passieren laesst. Schliesslich draengt etwas, das omnipraesent, beziehungsweise so sehr praesent ist, dass es schon wieder absent erscheint, keine Fragen auf, zumindest nicht direkt. Dieser Begleitumstand laesst mich die besondere Notwendigkeit meiner Blue Marble-Reflexionen staerker spueren. Ich weiss, dass ich damit auch gegen das Verschwinden einer grossen Erzaehlung arbeite.

    Wann habe ich das Blue Marble-Foto zuerst zu Gesicht bekommen? Diese Frage stelle ich auch anderen Menschen und oeffne damit das Feld der Bedeutungen. Ich kann nicht anders als davon ausgehen, dass alle Menschen dem Blue Marble-Foto in einem singulaeren Moment begegneten. Ich glaube nicht an die Gleichschaltung (der Wahrnehmung) aller im Medium dieses Bildes. Ich glaube eher daran, dass das Ikon beliebig viele Menschen an seiner Benutzeroberflaeche zusammenbringt – im Zuge einer Nutzung derselben. Wer den Spielball anfasst (mit seiner Haut, mit seinen Gedanken, mit seinem Auge) erfaehrt sich als Teil einer planetarischen Gemeinschaft, deren Horizont nicht die Nachbarschaft, nicht die Stadt, nicht das Land und auch nicht der Kontinent, sondern der Planet ist. Je vielfaeltiger das Foto als Ikon eingesetzt wird, je unterschiedlicher der Kontext seiner Nutzung und je widerspruechlicher die darauf bezogenen Projektionen, desto allumfassender wirkt sein sozial-geografisches Bezugssystem der Zugehoerigkeit. Diese Wirkung entfaltet sich unter den Bedingungen der Omnipraesenz nur latent. Manifest wird sie beispielsweise durch eine Frage: Wann hast Du das Blue Marble-Foto zuerst zu Gesicht bekommen?

    Unter den Bedingungen der Omnipraesenz und den individuellen Fehlleistungen des Gedaechtnisses sollten alle Menschen den Kampf aufnehmen, eine Antwort auf diese Frage geben zu koennen. Es ist ein Kampf um die Moeglichkeit, die sozial-geografischen Konditionierungen unserer Zeit zu ueberwinden. Ich spreche von einem Kampf, bei dem es gilt, ein Raster von falschen Fixierungen zu deaktivieren, welches der Horizont der Nachbarschaft, der Stadt, des Landes und des Kontinents den Menschen auferlegt. Es ist ein Kampf um die Erfahrung der planetarischen Gemeinschaft – nicht als Ganzheit und Einheit, sondern als Offenheit und Pluralitaet. Wer anfaengt, so intensiv wie ich darueber nachzudenken, beginnt das Blue Marble-Ikon taeglich zu sehen: in seinem Alltag oder vor seinem geistigen Auge. Beginnt auch andere Menschen zu sehen, die es sehen. Beginnt sich in Gemeinschaft der Wahrnehmenden wahrzunehmen. Beginnt die Differenzen und Spannungen, die die Blue Marble in sich buendelt, als jene abstrakte Schwingung zu spueren, welche die planetarische Gemeinschaft als Sinntotalitaet erfuellt. Beginnt den Planeten als sozial-geografisches Bezugssystem der Zugehoerigkeit aus der Perspektive eines Astronauten zu erleben, der in einem schwerelosen Raum schwebt. Dort, wo ueberkommene Vereinbarungen wie oben und unten aufgehoben sind. Dort, wo die Aufloesung und Neuentstehung der Welt ein unendlich sich vollziehender Prozess ist. Dort, wo Gemeinschaft keine Grenzen kennt und wo sie sich einem autorlosen Schoepfungsvorgang gleich unablaessig ereignet.

    Bevor diese Erfahrung moeglich wird, bevor man beginnt, das Blue Marble-Ikon quasi ueberall zu sehen, sollte die eigene Biografie befragt werden. Es beginnt mit einer ganz einfachen Frage: Wann hast Du das Blue Marble-Foto erstmals zu Gesicht bekommen? Wenn ich mir diese Frage stelle, komme ich auf den Westermann Schulatlas. Er hat mich lange begleitet. Drei Zeilen in Hiragana auf der ersten Leerseite erinnern an meine Zeit in Japan. Ein Aufkleber auf der dritten und fuenften Seite verdeckt einen Namen, der noch leicht durchschimmert – es kann sich eigentlich nur um den Namen jener Person handeln, die das Buch vor mir besass, vermutlich irgendwann zwischen 1975 und 1980. Im Impressum steht, dass dieser Atlas, 1975 erschienen, die 9. Auflage einer Ausgabe ist, die 1970 verlegt wurde. Zwei Jahre vor der Entstehung des Blue Marble-Fotos. Zwei Jahre vor meiner Geburt. Als ich 1980 im Alter von acht Jahren nach Deutschland zog, wurde dies eines meiner Lieblingsbuecher. Es war wahrscheinlich hilfreich, das neue Land kennenzulernen – das erste und laengste Kapital behandelt Deutschland. Und doch galt mein Interesse schon immer dem letzten Kapitel: Erduebersichten – Polargebiete. Hier gibt es eine Reihe von thematischen Weltkarten und am Ende sogar einige Seiten, auf denen die fotografischen Daten der Appolo-Missionen in das Atlas-Format uebersetzt werden. Die Oberflaechengestalt des Monds wird auf drei Seiten beleuchtet. Auf Seite 152 schliesslich werden Erde und Mond gegenuebergestellt. Groessenverhaeltnisse und andere Relationen werden in einer Tabelle offengelegt.

    Die Erde ist hier nicht als Blue Marble zu sehen, nicht als allseits gefeierte Ganzheit. Ich klappe das Buch zu und betrachte den Umschlag. Auf der Vorderseite ist die Erde in der Groesse einer Billardkugel dreimal abgebildet. Auf der Rueckseite ist die Erde zweimal abgebildet. Fuenf Aufnahmen von Erde, doch nur einmal sieht man sie als Blue Marble. Auf den anderen Aufnahmen liegen jeweils unterschiedlich grosse Teile im Schatten. Meine Antwort auf die Frage Wann hast Du das Blue Marble-Foto erstmals zu Gesicht bekommen? lautet also: circa 1980. Das Datum steht fuer einen Kontext. Da ist erstens mein Umzug nach Deutschland, zweitens, mein Interesse, das weniger Deutschland gilt, sondern der Welt (man verlaesst ein Land und die gesamte Welt oeffnet sich), drittens meine Begegnung mit Variationen der Erdaufnahme, die auch eine Begegnung mit der Variabilitaet und Pluralitaet des vermeintlich Einheitlichen und Ganzen ist. Die Erde, die ich buchstaeblich in den Haenden halte, ist kein Ganzes, sondern nur ein Teil, der auf eine Gesamtheit verweist.

    Als ich Mary davon erzaehle, hat sie laengst begriffen, wovon ich spreche. Blue Marble? Natuerlich, jetzt faellt es ihr wieder ein. Sie erzaehlt von einem Umzug und ich weiss zunaechst nicht, warum dies wichtig ist, bis sie auf einen Verlust zu sprechen kommt, ein verlorenes Buch, welches irgendwo in den Umzugskisten versunken und spaeter nicht wieder aufgetaucht ist: Whole Earth Catalogue, 1968 erstmals erschienen. Mary beschreibt dieses Buch als eine der wichtigsten Publikationen ihrer Generation. Es handelt sich um extrem umfranreiches Verzeichnis von Quellenangaben zu Texten. Hier wurde ein Text nur dann registriert, wenn er als Werkzeug nuetzlich ist, fuer unabhaengige Erziehung relevant ist, hohe Qualitaet hat oder wenig kostet, nicht schon ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist und leicht per Post verschickt werden kann. Die Publikation verstand sich als Werkzeugkasten fuer eine Menschheit, die endlich begriffen hatte, dass man alles vom big picture her angehen muesse, wie Buckminster Fuller, eine ihrer Leitfiguren, immer wieder gefordert hatte. Auf dem Cover prangte die Blue Marble.

    Heute, da der Whole Earth Catalogue nicht mehr verlegt wird, wird er als Vorlaeufer von Google gehandelt. Leute wie der Apple-Gruender Steve Jobs sehen in ihm die Vorstufe zu einer Suchmaschine, die in der Lage ist nach, Relevanz zu filtern. Natuerlich kann man darueber diskutieren, ob der Vergleich stimmig ist, aber man sollte auf jeden Fall zur Kenntnis nehmen, dass die Firma inzwischen Google Earth auf den Markt gebracht hat. Alle Menschen mit Zugang zu einem Computer und Internet haben nun die Moeglichkeit, sich die spektakulaeren Perspektiven der Apollo-Missionen anzueignen und darueber hinaus mit weltraumgestuetzten Satellitenaugen in die Erdoberflaeche einzutauchen. Bei der Neueinfuehrung dieser Applikation hat das Wochenmagazin Der Spiegel beobachtet, wie Menschen zu Globuspiloten werden, wie sie bei Schleuderfluegen von Jahrmarktqualitaet den Planeten zum Spielball ihrer Launen machen und wie ihnen die digitale Kristallkugel inbesondere fuer eine effizientere Urlaubsplanung nuetzlich wird. Die bahnbrechenden Errungenschaften der Apollo-Missionen finden sich hier im Weltmassstab trivialisiert – natuerlich soll Google Earth wie auch schon Google zu einem Bestseller im Weltmassstab werden.

    Die de-mystifizierte und demokratisierte Blue Marble ist so trivial geworden wie ein Klick mit der Maustaste. Sie ist so trivial und selbstverstaendlich geworden, wie die Erfahrung einer planetarischen Gemeinschaft sein sollte, die mit der Beilaeufigkeit eines Klicks im Cyberspace immer wieder neu entstehen kann. Eine Ironie der Geschichte? Immerhin stimmen die Anfaenge des Cyberspace zeitlich mit den Anfaengen der Weltraumfahrt ueberein. Oder die vorhersehbare Konvergenz zweier Raumparadigmen? Immerhin war schon damals klar, dass die irdische Vereinbarungen wie oben und unten> auch im Cyberspace nicht gelten und es nur eine Frage der Zeit war, bis aus der restriktiv eingesetzten Technologie ein Werkzeug fuer Massen werden wuerde. So oder so, die unablaessig sich ereignende Schoepfung der Welt haette heute keinen passenderen Schauplatz als den Cyberspace finden koennen. Hier sind die echten Astronauten von jenen, die sich nur deren Blick aneignen, nicht von einander zu unterscheiden. Hier kann sich jeder so eingenommen zeigen, wie die Besatzung der Apollo-Missionen bei ihrem Blick in den Rueckspiegel. Der Anblick der inzwischen digital erzeugten Blue Marble sollte aber alternativ zu der bekannten Schoepfungsgeschichte aus der Bibel eher eine Stelle aus Jean-Luc Nancys >Ex nihilo aufrufen. Es handelt sich um Zeilen, welche auf weniger vertraute Weise beschreiben, wie die Schoepfung der Welt, ausgeloest durch einen Klick mit der Maustaste, sich vollzieht: Die Welt, diese, die hier gegeben ist, nichts anderes, die Welt, die hier liegt (clicken Sie hier um diese Welt zu oeffnen), da hingestuertzt aus der schwarzen Ausduenstung eines ploetzlichen Energieschubs, elementare Welle, Aufflackern der Photonen in der Dichte einer versunkenen, in sich gekehrten Leere, dunkle toenende Zisterne: reines Aussersichsein, krachende Ausbreitung weitum, Riss der Quarks, pulsartiges metrisches Skandieren, Wurf ohne Entwurf, allseitige Projektion, Bildung schimmernder Ausbrueche, Schleuderbewegung.


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