• Goethe auf Speed: „In letzter Zeit verspuere ich diese Elektrizitaet aus dem Weltall.“

    SMS beschraenkt den Raum fuer schriftliche Aeusserungen auf 160 Zeichen. Literatur, Journalismus und die schriftbasierte Kommunikation im Allgemeinen sehen sich einem weitreichenden Wandel unterworfen. Die Stichwoerter der Stunde lauten Verdichtung und Beschleunigung.

    Gern hoeren wir ihm zu, wenn er ueber den Zustand der Literatur redet. Aber meist nur mit einem Ohr. Sicher, wenn Berlins renommierter Verleger Klaus Wagenbach zu einer Polemik GEGEN die Kultur der Beschleunigung ansetzt, spricht er auch uns gehetzten Gemuetern aus der Seele. Und wenn er dann vom Buch als Medium der Verlangsamung spricht, dann will auch ich sofort wieder ein Buch zur Hand nehmen. Und ueberhaupt: nur noch lange, tiefschuerfende Buecher lesen. Eintauchen in die semantische Tektonik eines Joyce-Waelzers, oder die Untiefen eines Mann‘ schen Zauberbergs…

    Doch sprechen Wagenbach & Co. leider nicht der zeitgenoessischen literarischen Kultur aus der Seele, und vorallem nicht den LeserInnen. Zu langatmig befindet der Durchschnittskonsument und zu zeitaufwendig. Auch mangele es an Konzentration, um nach Feierabend die Metamorphose zum Buecherwurm tatsaechlich wuenschenswert erscheinen zu lassen. Also, was hoeren, bzw. lesen wir mit dem anderen Ohr?

    Wenn ich jetzt BILD-Zeitung sage, denken mit Sicherheit alle augenblicklich an Verfall. Doch langsam. Erstaunlich ist es doch, und vielleicht nicht nur ein Symptom kultureller Desintegration, wie sehr der Stil des Volksblatts auch serioese Publikationen beinflusst zu haben scheint. Z.B. brandeins: Niemandem wird entgangen sein, wie kurz und praegnant das Sprachrohr der neuen Wirtschaft ins besondere Einleitungen zu Features in Szene setzt. Beispiel: >>Dies ist keine Metapher, sondern Realitaet: Wenn sich die Welt veraendert, kann sich ein Randgebiet ploetzlich im Zentrum wiederfinden. Zum Beispiel Aachen. Mitten in Europa. Die Perle im goldenen Dreieck: Niederlande, Belgien, Deutschland.<< Kein Wunder, dass sich brandeins dieser Sprache bedient, es behauptet damit seine Naehe zur E-Speed-Kultur des Internets. Und darin heisst es: Fass Dich kurz und buendig, denn meine Aufmerksamkeit kennt Grenzen. Ein Wunder, wenn auch ein kleines, ist jedoch, dass die Macher, vor allem auch durch das Layout (etwa, ein Wort pro Zeile), in dichterische Dimensionen vorstossen. Dass die Kultur der Kurznachricht auch eine literarische Seite hat, daran glaubt auch der Uzzi-Verlag. Vielleicht noch im Hinterkopf, dass das Format der Novelle vor einigen hundert Jahren aus dem Beduerfnis enstand, Neuigkeiten literarisch zu verpacken, loben die Verleger den SMS-Literarturwettbewerb >>160 Zeichen<< aus: Literartur auf kleinstem Raum eben, geschrieben in U-Bahnen und auf Autobahn-Raststaetten. Knapp 115 Zeichen stehen zur Verfuegung, also nicht nur Buchstaben, sondern auch sogenannte Sonderzeichen. Zwar ist die deutsche Sprache der Rahmen, doch Rechtschreibung kein Kriterium, eine offene Einladung also zum Kollagieren. Es lebe der Zeichensalat! Hauptsache man ueberschreitet die 160-Zeichen-Grenze nicht. Die Berliner netzeitung berichtete. Gerald Joerns, der ueber diesen Wettbewerb fuer Telepolis schrieb, hat im Forum des Online-Magazins fuer Internetkultur eine Reihe von Reaktionen auf seinen Text erhalten. Am 5.1. hinterliess ihm der Berliner Literaturwissenschaftler Florian Cramer eine Kurznachricht. Im Copy/Paste Verfahren implementierte er einen Vers von Goethe, der eben auch nicht laenger als 139 Zeichen sei. Wie – die Literatur der Kurznachricht, doch schon einige Hundert Jahre alt?

    Was Cramers Posting darueber hinaus doch auch verdeutlicht: Literatur im E-Text-Zeitalter sucht sich neue Orte. Ob auf Handy-Displays, in Mailboxes oder eben auf den Blackboards des oeffentlichen elektronischen Raums. Als Reaktion auf einen Text von mir, den ich fuer Telepolis ueber Bandais neue Mailsoftware Love by Mail schrieb, hat ein/e anonyme/r LeserIn gleich eine Kurzgeschichte im Telepolis-Forum abgelegt. Also da, wo sonst nur abgehacktes In-die-Tonne-Treten (Kritik) oder kurz aufflammende Zustimmungen (Lob) aufzufinden sind…


Noch keine Kommentare zu Goethe auf Speed: „In letzter Zeit verspuere ich diese Elektrizitaet aus dem Weltall.“

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinterlassen