• Glitch ist geil: Fehler in Stromkreisen als Kunstform

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    Eine kurzzeitige Falschaussage in Schaltungen wird in der Elektronik als Glitch bezeichnet. In Kunst und Design haben sich daraus Genres entwickelt, die temporäre Fehler als Stilmittel einsetzen. Jeff Donaldson etwa entwickelt durch experimentelle Verknüpfung von Technik und Textil-Design neue Formen der Kommunikation. Meshcon-Kurator und Berliner Gazette-Autor André Rebentisch hat den Künstler getroffen. Ein Gespräch.

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    Jeff, schön Dich hier in Berlin zu treffen. Normalerweise lebst und arbeitest Du in Queens, New York, und betreibst dort das Projekt Glitchaus. Warum bist Du gerade in der Stadt?
    Ich bin nach Berlin für eine Präsentation meiner Textil- und Oberflächen-Design-Arbeiten bei der MeshCon und für Video-Performances angereist. Seit 2009 präsentiere ich meine Arbeit in Berlin und ich habe viele Freunde in dieser Stadt. Im Alex-Berlin-TV ist am frühen Sonntagmorgen eine Live-Video-Performance auf lsb_TV zu sehen.

    Bei Deiner Kunst geht es um das Generieren von elektronischen „Glitches“, also Störungen und Pannen. Wie bist Du auf so etwas gekommen?

    Meine frühesten Erinnerungen reichen zu Videospielen in den 80er Jahren zurück. Einige meiner Techniken entstanden aus diesen frühen Erfahrungen. Generative Grafiken erzeugen durch absichtliches Kurzschließen von Video-Systemen zum Beispiel.

    Als Kinder haben wir das wohl alle oft gemacht, Sachen auseinander genommen, hinein geguckt, herausgefunden, wie etwas funktioniert. Was geben uns “diese Glitches”?
    Für mich ist der Glitch ein modernes Design-Paradigma. Das ist ein Teil der zeitgenössischen digitalen Praxis. Mich interessiert er als Konstruktionsprinzip und Konzept, das ich verfolge. Eine Sache, denke ich, die Glitches uns geben, ist ein neuer Umgang mit unseren digitalen Werkzeugen. Glitch könnte man als eine Form der generativen und machinellen Kunst würdigen.

    Und doch scheint Deine Kunst nicht maschinell erzeugt, es ist viel unerwartetes Spiel dabei. So in ganz klassisch-aristotelischer Lesart können wir Kunst als Annähern an oder als Werden von Natur verstehen – das klingt alles schrecklich überholt – und doch, viele Deiner Werke atmen mehr einen „naturhaften Geist“, nichts “Maschinelles”….
    Glitches erleben wir normalerweise unerwartet. Ich glaube, das Element der Überraschung und Unberechenbarkeit erweckt den Eindruck, dass eine Kraft von außen sie hervor bringt. Induzierte Fehler können auch organisch wirken. Es ist die Unvorhersehbarkeit und die endlose Variation, die mich seit 2001 am “Glitch”  interessiert hält.

    Wenn ich mir eine Art von “naturhaften Geist” vorstelle, erinnert mich das an meine präparierten Videospiel-Systeme und was sie machen. Das ist ja, als ob sie Bilder zaubern. Statische Folgen erzeugen spontan geordnete, geometrische Bilder, die nenn ich „Daten-Collage“. Diese Bilder sind natürlich ein Ergebnis der verwendeten Hardware. Es ist eine unendliche Variation und Unberechenbarkeit, die sich wie aus einer anderen Welt anfühlen mag. Ich mag mir das gern als eine gemeinsame Sache mit den Maschinen vorstellen. Meine Aufgabe ist, das System für den gewollten Kurzschluss vorzubereiten. Aufgabe der Maschine ist, zu versuchen, Daten zu erstellen oder zu interpretieren.

    Beim Arbeiten mit Dateiformaten wie JPG, PNG, STL –  wenn ich die Daten auf niedriger Ebene mit einem Hexadezimal-Editor bearbeite – ist das Ergebnis unvorhersehbar, weil ich nur mit den Zahlenwerten spiele, nicht mit den Grafiken. Für die Wirkungen muss man die Datei aufrufen. Weil die Datei-Header unverändert bleiben, sind die entsprechende Formate gezwungen, aus den veränderten Daten ein Bild zu machen. Es bleibt eine gültige Datei. Dann ist es, als ob die Bits und Bytes am Tanzen sind. Einige springen aus dem Takt, aber sie machen weiter.

    Und ihre Bedeutung wandelt sich, in etwas ganz anderes …
    Für mich verändert sich die Bedeutung sicher, wenn diese Fehler, Bugs und Glitches als ein weiteres Element von digitalen und analogen Systemen betrachtet werden, was sie ja sind. Die Erfahrung dieser Arten von Vorkommnisse als generative oder zufallbasierte Ergebnisse sortiert unsere digitalen und analogen Tools jeweils anders ein. Es vermenschlicht sie und verleiht ihnen eine eigene Persönlichkeit. Jede Plattform bricht anders, jede hat darum ihre eigene Ästhetik. Als Designer ist es an mir, die Parameter einzustellen, um solche Fehler einzusteuern oder zu erzeugen, dann die auszuwählen, die mir gefallen.

    Welche Bedeutung kristallisiert sich im Glitch als kaleidoskopische Projektion? Es ist ja nicht immer der reine Zufall, nicht wahr … wie die Fehlerausgabe oder der elektronische Datei-Header?
    Die Datei-Header, die Du erwähnst, sind Teil der ‚Data Knit‘ Serie. Das Konzept unterscheidet sich von ‘Glitch’ und ist nicht zufällig. ‚Data Knit‘, das sind ganz einfach die Strickdaten. Es ist etwas, das mich plötzlich im Jahr 2011 interessierte. Wir stehen fest im digitalen Zeitalter und haben analoge Medien weitgehend hinter uns gelassen. Wir kommunizieren in Einsen und Nullen, wir haben klitzekleine, leistungsfähige Computer in unseren Taschen und an unseren Handgelenken. Die meisten von uns werden beispielsweise nie die binären Daten von einem JPG-Bild zu Gesicht bekommen. Aber die Visualisierung dieser Daten ermöglicht vertraute Medien aus einer anderen Perspektive zu erleben.

    Muster sind allgegenwärtig. Digitale Displays basieren auf Gitterformen. Das Nutzen von spezieller Grafiksoftware zum Laden von verschiedenen digitalen Dateien legt Ähnlichkeiten  zwischen der Struktur von Daten und den “gitterförmigen Kunstformen” wie traditionellen Textilien offen. Die Bedeutung liegt in der Übersetzung. Im Moment, wenn sie versagen, generieren unsere fortgeschrittenen, modernen Werkzeuge einen sichtbaren Widerhall der Tradition. Für mich stehen elektronischen Medien in der gleichen Entwicklungslinie wie die Textilkunst – eine der ältesten Formen der Kunst.
    Die Schöne in der Unvollkommenheit: eine alternative Betrachtungsweise.

    In Zeiten des omnipräsenten E-Commerce, Jeff, überrascht es wenig, dass Du Deine Kunst als Merchandising verkaufst, Gebrauchsgegenstände wie Schals zum Beispiel. Verstehst Du das als Widerspruch zu der Rolle eines Künstlers?
    Nein, ganz und gar nicht.

    Wo lässt sich da eine Grenze ziehen, zwischen Kunst und Design – oder gar Lebensstil-Artikeln für den urbanen Hipster?
    Das Leben ist ein Kunststil, den man designt. Für mich sind da gar keine Abgrenzungen.

    Die Schals haben Abbildungen von Glitches, von Pannen, aber die Kunden erwarten doch einen Schal ohne Strickfehler. Besteht darin ein Widerspruch, eine Scheinheiligkeit?
    Treten Produktionsfehler in meinen Strickwaren auf, bin ich davon angetan. Die machen sie einzigartig.

    Hat sich denn ein Käufer jemals über eine Panne in der Strickware beklagt?

    Nein, das nicht!

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Anm.d.Red.: Das Foto oben stammt von ChristopherTitzer und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


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