• Zensur vs. Anstand: Pornografie in der Bibliothek

    Wann ist Pornografie Pornografie? Wann ist Zensur Zensur? Der Fall eines Obdachlosen, der an einem Bibliothekscomputer Pornos konsumierte und dabei masturbierte, sorgt für Wirbel um die Frage der Internetkontrolle in öffentlichen Bildungseinrichtungen. Die Bloggerin und Netz-Aktivistin Jillian C. York kommentiert.

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    Aufgestachelt durch den Bericht über einen Obdachlosen, der verhaftet wurde, weil er sich in einer Bibliothek im Internet Pornografie angesehen und dabei masturbiert hat, fragte die Los Angeles Times kürzlich, ob es legitim sei, Pornografie in Bibliotheken zu zensieren. Obwohl sich zahlreiche Kommentatoren überstürzt für eine solche Zensur ausgesprochen haben, machte die LA Times eine wichtige Feststellung:

    „Vor etwas mehr als einem Jahrhundert wurde Lady Chatterley als Pornografie angesehen, nicht nur unangemessen für eine Bibliothek, sondern auch illegal im Verkauf. Materialien aus einer Bibliothek zu verbannen, nur weil die Mehrheit der Leute sie geschmacklos findet, ist ein prekärer Schritt. Was wird die Mehrheit als nächstes unangemessen finden? Vielleicht etwas, was Sie gerne lesen möchten? Es sollte aber allen Bibliotheksbenutzern möglich sein, nach Büchern und Videos zu suchen, ohne von allen Seiten durch offensichtlich anstößiges Material angelacht zu werden. Wessen Rechte sind also wichtiger?“

    Der Nutzer macht sich strafbar, nicht der Inhalt

    Alle Schulen und Bibliotheken, die vom Staat finanziert werden, müssen einen Sicherheitsstandard für die Nutzung des Internet gewährleisten. Das ist dem Children’s Internet Protection Act, dem US-Amerikanischen Gesetz zum Schutz von Kindern im Internet (kurz CIPA), zu verdanken.

    Dieses Gesetz besagt, dass Inhalte obszöner Natur und solche, die für Minderjährige als „schädlich“ gelten, zu sperren sind. Es gibt der Schule oder Bibliothek aber auch die Möglichkeit, „die Sicherheitstechnologie abzuschalten zugunsten der Nutzung des Internet durch Erwachsene für Recherchen nach bestem Gewissen oder für einen anderen rechtlich einwandfreien Zweck“. Somit können Bibliotheken Erwachsenen die kompletten Inhalte des Internet zugänglich machen.

    Nicht vom Staat finanzierte Bibliotheken müssen sich nicht an CIPA halten. Die Frage ist, ob und in wie weit dort zensiert wird. Daher fragt die LA Times, ob die Zensur von Internetinhalten (anstößiger Natur) in Bibliotheken zur Norm werden sollte. Meiner Meinung nach sollte das nicht passieren. In dem speziellen Fall des masturbierenden Obdachlosen, der vermutlich in einer nicht an CIPA gebundenen Bibliothek stattfand, machte der Nutzer sich strafbar. Das bedeutet, dass das Individuum das wirkliche Problem darstellt, nicht der Inhalt selbst.

    Wo ziehen wir die Grenzen?

    Ich halte es nicht für angemessen, in der Bibliothek Pornos zu gucken. Aber ich glaube nicht, dass es ein Werkzeug zum Filtern von Inhalten gibt, das Pornografie zuverlässig sperrt und dabei keine zu weit greifenden Effekte hat. Wie die LA Times richtig sagt, galt auch „Lady Chatterley“ einmal als Pornografie. Wo würden wir also die Grenzen ziehen? Würden Bilder von nackten Erwachsenen auch gesperrt werden? Das ist sicherlich Zensur. Wie sieht es aus mit Inhalten aus dem Bereich der Sexualerziehung? Kinder, deren Eltern sich weigern, über Sex zu reden, brauchen Zugang zu diesen Inhalten in öffentlichen Bibliotheken.

    Mit anderen Worten: Wenn jemand ein Werkzeug bauen könnte, das effektiv Hardcore-Pornografie für die Internetnutzung in öffentlichen Bibliotheken sperrt, ohne zu weit zu greifen, wäre ich bereit, diese Diskussion zu führen. Aber im Moment bin ich ganz klar dagegen.

    Anm.d.Red.: Das Bild oben stammt aus der letzten Verfilmung von Lady Chatterley. Aus dem Englischen von Anne-Christin Mook.


10 Kommentare zu Zensur vs. Anstand: Pornografie in der Bibliothek

  • Ich stimme mit Fr. York überein. Seltsam aber (das betrifft wohl Ihre Red.): Das Foto über dem Beitrag ist, wie unten steht, aus einer neueren Verfilmung von Lady Chatterley - genauer: der franz. mit Marina Hands in der Hauptrolle. Damit entnehmen sie eine erotische Szene aus einem besonderen, herausragenden Film - der Charaktere, Beziehungen/gesellsch. Rollen und besonders die Sexualität und Zärtlichkeit zwischen zwei Menschen in äußerst feinfühliger, tiefer, authentischer Weise darstellt. Für Sie ging es einfach um irgendeine Sexszene, und der Kontext des Bildes beim Artikelanfang, inkl. des Titels, schreibt daher auch nur von Pornografie, Pornografie... (auch wenn im Text jedenfalls das Buch von Lawrence im andern Sinn erwähnt wird). Unten beim knappen Hinweis auf die Chatterley-Verfilmung steht übrigens darunter wieder sogleich der Verweis und die Rubrik "Pornorama". Den Film/das Foto davon finde ich daher lieblos, mit Oberflächlichkeit und unkritisch verwendet von Ihrer Redaktion. Unter Pornorama habe ich gesehen, dass Sie "Pornografie" recht neutral definieren (eingangs), wsa interessant ist. Zugleich ist der Begriff generell pejorativ, also abwertend verwendet. Ich habe mal im Duden.de nachgeschlagen, und finde dort eine m.E. richtigere Defintion, die Ihre aber würdigt; es ist so, als hätten Sie den wichtigen zweiten Part einfach weggelassen, denn es heißt: "sprachliche, bildliche Darstellung sexueller Akte unter einseitiger Betonung des genitalen Bereichs und unter Ausklammerung der psychischen und partnerschaftlichen Aspekte der Sexualität". Das entspricht meinem Alltagsverständnis, ohne Pornografie in der Def. herunterzumachen. Wie sie den Artikel bebildert haben, haben sie die im Film aufregende, aber auch empfindsame-berührende Szene *in Ihrem Kontext zu Pornografie gemacht*, das ist schade.
  • @Sandor: also ich verstehe nicht, Pornografie ist doch nur aus der Perspektive bestimmter Mächte etwas Schlechtes. Warum sollte man diese Perspektive für sich selbst kritiklos übernehmen?

    Außerdem verstehe ich nicht Ihre Lesart des Fotos: ist darauf explizit (also pornografisch) ein Geschlechtsakt zu sehen? Oder eher zwei Menschen, die sich nahe stehen bzw. liegen und eine gute Zeit zu haben scheinen dabei.
  • Rainald Krome am 27.01.2012 11:49
    wie die Autorin sagt: nicht der Inhalt ist problematisch, sondern der User. Und so ist auch hier kein Problem mit dem Bild, sondern mit der Perspektive des Betrachters.
  • @Kinder, deren Eltern sich weigern, über Sex zu reden, brauchen Zugang zu diesen Inhalten in öffentlichen Bibliotheken.

    Wie wäre es, wenn die Gesellschaft wieder zu einer natürlichen und gesunden Sichtweise zur Sexualität zurückfindet.


    Siehe dazu auch hier:

    Sexuelle Aufklärung im heutigen Sinn war noch vor 200 Jahren ganz unbekannt. Im Altertum und Mittelalter betrachtete man Sexualität als festen Bestandteil des Lebens und nicht als einen besonderen, problematischen Komplex, der besondere Aufmerksamkeit verdient hätte. Sexuelles Wissen wurde ganz selbstverständlich wie jedes andere Wissen erworben. Kinder lebten nicht in einer eigenen, geschützten Welt, sondern nahmen an fast allen Arbeits- und Freizeitaktivitäten der Erwachsenen teil. Da die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Lande lebte, hatten Kinder genügend Gelegenheit, Tieren bei der Paarung zuzusehen. Auch war es keineswegs ungewöhnlich, dass Mensch und Tier unter einem Dach lebten. Weder in Ober- noch in Unterschichten gab es eine ausgesprochene Privatsphäre, und es herrschte wenig Schamhaftigkeit und Verlegenheit in bezug auf die natürlichen Körperfunktionen. Familien badeten und schliefen gewöhnlich unbekleidet gemeinsam. Brautwerbung und Schwangerschaft wurden offen diskutiert, Frauen gebaren ihre Kinder zu Hause. Sexuelle Dinge blieben für niemanden ein Geheimnis, und man hielt Jungen und Mädchen mit Beginn der Pubertät für heiratsfähig.


    Selbst zu Beginn der Neuzeit, als die städtische Mittelschicht begann, wichtige Informationen in gedruckter Form zu verbreiten, wurde Sexualität noch nicht als Thema für sich behandelt. In Lehrbüchern für Kinder, wie beispielsweise den „Colloquia Familiaria" des Erasmus von Rotterdam (1522), wurde Sexualität offen und einfach als fester Bestandteil des täglichen Lebens behandelt, dem man nicht mehr und nicht weniger Bedeutung zumaß als allen anderen Dingen von allgemeinem Interesse.


    http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/sexuelle_aufklaerung_und_erzie.html
  • @1,2,3: Ein Problem mit dem Inhalt kann es durchaus geben, ganz so kategorisch kann man das nicht ausschließen, aber der Tendenz nach zielt die These genau in diese Richtung: weniger der Inhalt, vielmehr der Betrachter.
  • @1: Die Bildauswahl geht auf folgende Überlegung zurück:

    wir wollten etwas zeigen, dass der Obdachlose in der Bibliothek sich angeguckt haben könnte, ein Inhalt, auf den die Autorin in ihrem Text am Ende zu sprechen kommt: Stellen wir uns vor, alle Inhalte, auf denen nackte Haut zu sehen sind, werden aus der Bibliothek entfernt.

    Im gegenwärtigen Zeitalter wäre davon die Verfilmung von Lady Chatterley auch betroffen.
  • Hanno Leichtmann via facebook am 27.01.2012 13:42
    auf diese idee muss man auch erst mal kommen..also die des obdachlosen meine ich .. weiss nicht ob lachen oder weinen soll..nun ja ich schmunzle
  • @#7: Ich frage mich dabei, ob man aus einem Einzelfall gleich eine gesellschaftliche Regelung ableiten muss. Nur weil jemand zu schnell fährt, verbieten wir ja auch nicht gleich alle Autos oder drosseln die Motoren.
  • @#4: Der Umgang mit Sexualität ist gerade bei den Amerikanern leider alles andere als natürlich. Das wird allein schon dadurch deutlich, dass Filme, in denen nackte Haut gezeigt wird (z.T. auch in keinem eindeutig sexuellen Kontext) eine höhere Altersfreigabe bekommen als Gewalt-Filme. Immerhin ist das in Deutschland etwas anders.
  • Sebastian Wein via Facebook am 02.02.2012 10:24
    Tja.. kürzlich hab ich in der Amerika Gedenk Bibliothek Jemanden beim Runterladen von Pornobildchen beobachtet.. gänzlich unauffällig, versteht sich.. . Da hilft auch der Disclaimer keine pornographischen Inhalte aufzurufen nicht weiter..

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