• Zeitung mit Ich-Schwäche

    Eine Zeitung, das ist etwas konkretes, definitives. Aber wird diese arrogante „Wir präsentieren, was wichtig ist“-Haltung unserer Informationsgesellschaft überhaupt noch gerecht? Wie kann die Zeitung wieder ihre Maßgeblichkeit beweisen? David Pachali hat sich für die Berliner Gazette ein paar Gedanken gemacht.

    Wenn ich mich morgens durch den Feedreader gewühlt habe, meinen persönlichen Mix an Quellen durchgegangen bin, und dann ein paar klassische Zeitungen zur Hand nehme, erscheinen sie mir oft ziemlich gestrig. Nicht unbedingt, weil es die Nachrichten von gestern sind, wie es oft heißt.

    Maßgeschneiderter Nachrichtenstrom

    Das stört zwar auch gelegentlich, aber deshalb nehme ich sie ohnehin kaum zur Hand. Wenn etwa die FAZ die protokollarischen Feinheiten und Fehltritte auf der politischen Bühne notiert und die taz das alles dann aus einer ganz anderen Perspektive beobachtet, ist das meist auch nach einem Tag noch lesenswert.

    Was auf mich eher gestrig wirkt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der bei vielen Zeitungen noch davon ausgegangen wird, dass der kleine, redaktionell ausgewählte Ausschnitt der Welt, säuberlich geordnet vom großen Aufmacher bis zu den vermischten Meldungen, für alle verbindliche Relevanz besitze – und das diejenigen, die darüber urteilen, die berufene Deutungsinstanz sind.

    Der gemeine Netzbewohner ist das mittlerweile anders gewohnt: neben der eigenen Auswahl an Quellen im Feedreader gibt es Aggregatoren wie Rivva und Empfehlungssysteme, die die unüberschaubare Zahl an Links, Tweets und ,Likes‘ filtern und daraus einen Nachrichtenstrom schneidern, der je nach Position im ,sozialen Graphen‘ unterschiedlich aussieht.

    Die Macht der vielen Gatekeeper

    Wie Kathrin Passig in ihrer Internetkolumne beim Merkur ganz richtig geschrieben hat: eine Weile lang konnten die Redaktionen so tun, als gäbe es eine allgemein gültige Reihenfolge der Informationen, doch mittlerweile gibt es auch andere Lösungen – sicher nicht die einzigen, aber wichtige und oft bessere.

    Zu einer gegeben Sache finden sich im Netz alle nur erdenklichen Standpunkte und Einschätzungen, auf die andere aufmerksam werden können – oder nicht. Gerne wird in diesem Zusammenhang die Gefahr beschworen, dass die Öffentlichkeit zu verfallen drohe, wenn jeder sich nur noch in seiner eigenen Blase bewege.

    Ich bin nicht sicher, ob das völlig abwegig ist, aber vieles daran klingt für mich wie eine Neuauflage der alten konservativen Angst, die Gesellschaft drohe sich aufzulösen, weil es am Gemeinsamen mangele – in Wertediskussionen ja ein immer wieder anzutreffendes Motiv. Etwas weniger kulturpessimistisch: Statt der wenigen machtvollen Gatekeeper gibt es jetzt viele – Jürgen Habermas müsste sich eigentlich darüber freuen.

    Medienmonstranzen

    In vielen Redaktionen wird das jedoch nicht als Chance, sondern als Bedrohung gesehen. Der „Faszination der maßgeblichen Stelle“ (Rainald Goetz neulich bei Harald Schmidt) ist man dort vielleicht selbst noch zusehr erlegen. Das zeigt sich auch in sprachlichen Gepflogenheiten: im Feuilleton herrscht Ich-Schwäche, im Kommentar verschwindet der Autor auch oft hinter einer sprecherlosen Lageeinschätzung („Die Kanzlerin muss jetzt…“).

    Kurz: immernoch wird gern so gesprochen, als sei einem die Maßgeblichkeit in die Wiege gelegt worden. Dabei geht es im Kern nicht darum, die „mans“ und „wirs“ zu vermeiden, sondern um eine Haltung: die Zeitung der Zukunft könnte im Netz lernen, dass sie eine unter vielen Stimmen ist, die ihre Maßgeblichkeit erst einmal beweisen muss, statt sie als Monstranz vor sich her zu tragen.

    ali h


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