• Stimmen aus dem Nichts? Das Video „Liebe ist kein Argument“ und der Blog „Lookismus gegen Rechts“

    Screenshot from 2014-03-21 16:49:02

    Im Internet, ohne direkten Kontakt zum Gegenüber, entstehen beim Hinterlassen von Kommentaren oftmals zweifelhafte Inhalte. Derzeit kursieren in den sozialen Medien zwei Projekte, die versuchen, diese Situation zu überwinden: Das Video „Liebe ist kein Argument“ und der Blog „Lookismus gegen Rechts“. Berliner Gazette-Autorin Rebecca Barth kommentiert.

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    Das Online-Video „Liebe ist kein Argument“ zeigt ein kleines Mädchen mit Down-Syndrom. Es puzzelt, fährt Fahrrad und spielt mit seinem Hund. Im Hintergrund werden von einem Anrufbeantworter Leserkommentare auf einen Zeitungsartikel abgespielt.

    Dies ist das Projekt von Christopher Strutz, Master-Student an der Universität der Künste in Berlin. Schon in seiner Bachelorarbeit schrieb er über den Umgang der Medien mit dem Down-Syndrom. Bei Recherchearbeiten zu einem Filmprojekt stieß er auf einen Zeitungsartikel über eine junge Familie, die sich bewusst für ihr Kind entschied, obwohl sie vorher wusste, dass es mit Trisomie 21 geboren wird.

    Unbewusstes Urteilen über ganze Menschengruppen

    Es ist ein Video, das mir unter die Haut geht. Denn in den Kommentaren wird nicht nur über eine spezielle Familie, sondern über eine ganze Menschengruppe geurteilt. Gelesen wirken einige der Kommentare auf mich eher sachlich, fast schon harmlos. Durch die Kombination mit dem Video wird mir jedoch plötzlich klar, worüber hier eigentlich diskutiert wird: Über ein Menschenleben und gleichzeitig über eine ganze Bevölkerungsgruppe, die genauso Teil der Gesellschaft ist wie ich selbst.

    Viele diskutieren über finanzielle Aspekte: „Außerdem kommt der Förderbedarf im Kindesalter, der durchaus auch einen Kostenfaktor darstellt, hinzu. (…) Ich frage mich wirklich, wie weltfremd sie (die Eltern) sein müssen, um noch ein weiteres (behindertes Kind) bekommen zu müssen?“

    Ich zucke zusammen und ich frage mich: „Haben die Leute nicht gemerkt, dass sie dort über ein Menschenleben urteilen, als wäre es ihr eigenes? Haben sie ihre eigene Arroganz nicht bemerkt? Woher sollen sie wissen, wie sich Menschen mit Behinderungen fühlen?“. Das Video schockiert mich. Es bringt die Kommentare in einen Kontext. Dadurch erscheinen sie mir als völlig weltfremd, schamlos und unmenschlich.

    Die Kraft des Bildes

    Was auf der anderen Seite aus offensichtlich unmenschlichen Kommentaren wird, wenn diese einem Autor zugeordnet werden, zeigt der Tumblr-Blog „Lookismus gegen Rechts“. Obwohl als öffentliches Anprangern kritisiert, werden hier Kommentare von Facebook mit persönlichen Bildern des vermeintlichen Autors kombiniert. Auch hier hat die Visualisierung, das Offenlegen des Sprechers, erstaunliche Auswirkungen.

    Über die meisten Kommentare kann ich nur belustigt den Kopf schütteln. Es fällt mir schwer den Inhalt wirklich ernst zu nehmen, wenn gegen Ausländer gehetzt und das „Vaterland“ bejubelt wird und die dabei verwendete Grammatik und Rechtschreibung alles sein mag, nur nicht die deutsche. Dazu ein Selfie des Autors, betont cool versteht sich. Ziemlich schnell entsteht in meinem Kopf das stereotype Bild eines arbeitslosen Nazis aus Hoyerswerda. Und dies obwohl auf dem Blog durchaus auch Geschäftsleute und Studenten zu Wort kommen.

    Lookismus bedeutet Diskriminierung

    Ich beginne mich über meine eigene Reaktion zu wundern. Hätte man hier faschistische und antisemitische Kommentare mit Bildern aus einem Konzentrationslager kombiniert, hätte es wahrscheinlich eine ähnliche Wirkung wie schon bei dem ersten Projekt. Hier jedoch wählte man den anderen Weg. Die vermeintlichen Autoren werden dargestellt. Oder bloßgestellt? Ziemlich schnell komme ich jedenfalls zu dem Schluss, dass derartige Äußerungen nur von „Idioten“ stammen können. Auch die Kommentare von den Geschäftsleuten und Studenten kann ich nicht ernstnehmen.

    Das führt mich zu der Frage: Wie hätte ich auf die Kommentare zu dem Down-Syndrom Artikel reagiert, wenn ich mir Fotos von deren Autoren angeschaut hätte? Und weiter: Beurteile ich also Inhalte nach dem Äußeren eines Menschen? Lookismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund des Äußeren. Ich kann die Aussagen kaum mehr ernst nehmen, da ich nun die Gesichter dazu kenne. Ist das schon Diskriminierung? Ist dieser Blog entstanden, um Menschen zu diskriminieren, weil sie andere diskriminieren?

    Kapitalistisches Abwägen gehört zur Norm

    Trotz alledem finde ich es erschreckend zu sehen, wozu sich Menschen im Schutz der digitalen Klandestinität verleiten lassen. Dabei frage ich mich, ob solche Kommentare ein Produkt reiner Ehrlichkeit sind oder ob uns der Abstand zum Objekt dazu verleiten lässt, verletzende Dinge im Internet zu verbreiten. Wahrscheinlich von beidem ein bisschen.

    „Liebe ist kein Argument“ zeigt dies sehr deutlich. Denn eine solch kapitalistisch-rationale Abwägung („Wie viel kostet ein behindertes Kind?“) scheint mir zu einem Alltagston in unserer Gesellschaft zu werden, wobei wir nicht mehr realisieren, wie solche Aussagen wirken, bis man uns den Spiegel vorhält. Ich kenne solche Diskussionen aus Schule und Universität und kann mich selber nicht davon freimachen gegebenenfalls ähnlich zu argumentieren. Dieser Film hat mich wachgerüttelt. Er bringt mich mindestens zu dem Vorsatz einen empathischeren Standpunkt einzunehmen, besonders bei Dingen die mir eher fremd sind, bevor ich rational abwäge und diskutiere.

    Sehenswerte Projekte

    Beide Projekte haben mich beide dazu gebracht, bewusster über die eigenen Aussagen, das eigene schnelle Urteilen, nachzudenken. Jedoch stellt mich besonders das zweite Projekt vor Fragen. Nach der Feststellung, dass sich Äußerlichkeiten sehr wohl auf die Wahrnehmung des Inhalts auswirken, frage ich mich: Diskriminiere ich nun tagtäglich Leute aufgrund des Aussehens? Und wenn ja, ist das bei Nazis okay?

    Nein, denn das bedeute die Entmenschlichung von Leuten mit einer anderen politischen Einstellung als ich. Damit wäre ich nicht sehr viel besser als sie. Auf der anderen Seite: Wie soll man anders mit Nazis umgehen? Der Macher des Blogs, ein Student aus Berlin, ist jedenfalls der Meinung sich über Neonazis lustig zu machen, „ist die stärkste Waffe gegen sie.“

    Anm.d.Red.: Das Foto oben zeigt ein Standbild aus Liebe ist kein Argument.


6 Kommentare zu Stimmen aus dem Nichts? Das Video „Liebe ist kein Argument“ und der Blog „Lookismus gegen Rechts“

  • gottfried am 21.03.2014 19:16
    einfach mal den fokus umdrehen? was sagt es über die eltern aus wenn sie bewußt ein kind in die welt setzen was sich zeit seines lebens nicht selbst helfen kann, mithin ein leben lang abhängig bleibt von der fürsorge der erzeuger, egokosmiker? liebe ist da fürwahr kein argument, egoismus schon.
  • alsa eberswein am 21.03.2014 22:28
    @gottfired: ego-kosmetiker ; )
  • Ulrike Rühman am 22.03.2014 10:06
    Lieber Gottfried,
    ihre Sichtweise sollten Sie dringend mal überdenken!!! Das ist ja schrecklich, was Sie für eine Meinung über Menschen mit Behinderung haben!! Schon mal dran gedacht, dass sie insbesondere behindert w e r d e n ?! Schauen Sie sich das mal an und denken Sie ein bisschen nach! http://vimeo.com/89664076
  • Rebecca Barth am 24.03.2014 14:09
    @gottfried: Meiner Meinung nach kann man nicht von Egoismus sprechen, wenn jemand oder ein Paar sich FÜR sein behindertes Kind entscheidet. Was ist daran egoistisch? Es ist doch das eigene Kind, das mindesten eine Partei bis zu neun Monaten in sich trägt und es nimmt und liebt wie es ist.Das ist für mich kein Egoismus sondern grenzenlose Liebe, die man für gewöhnlich nur von seinen Eltern erfährt. Und die etwas Wunderbares und Schützenswertes ist!

    Ich kann mich an eine Diskussion in der Schule erinnern, in der ein Junge einwarf, übergewichtige und fettleibige Menschen seien egoistische Schmarotzer, man müsse sich doch nur mal anschauen wie viel sie die Gesellschaft kosten würden.
    An dieser Stelle sollten wir uns wohl eher die Frage stellen, wohin sich unsere Gesellschaft und vor allem der Respekt in unserer Gesellschaft entwickeln soll, wenn jegliche Existenz nur noch legitim ist, solange der Profit am Ende stimmt. Ich persönlich möchte in so einer wertlosen und menschenverachtenden Gesellschaft nicht leben.
  • Sandra Müller am 24.03.2014 19:07
    @gottfried: Sie verkennen wohl, dass wir alle mal mehr oder weniger abhängig von anderen sind und eine absolute Freiheit in einem gesellschaftlichen System nie erreicht werden kann. Daher ist Abhängigkeit nur menschlich und kann nicht als Kriterium herangezogen werden um ein Menschenleben zu minimalisieren.

    Vielleicht sollten Sie sich mal klar werden von wem und was Sie abhängig sind..
  • [...] http://berlinergazette.de/urteil-und-verantwortung-im-internet/ Rebecca Barth, Berliner Gazette: Im Internet, ohne direkten Kontakt zum Gegenüber, entstehen beim Hinterlassen von Kommentaren oftmals zweifelhafte Inhalte. Derzeit kursieren in den sozialen Medien zwei Projekte, die versuchen, diese Situation zu überwinden: Das Video «Liebe ist kein Argument» und der Blog «Lookismus gegen Rechts». [...]

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