• Mein Weltbild

    Als ich vor gut drei Jahren zusammen mit meiner Frau von Tokio nach Berlin zog, erhielten wir in der Anfangsphase neben Hausratsgegenstaenden zahlreiche Kuscheltiere. Gott weiss warum.

    Den Anblick einer wachsenden Kuscheltiergemeinschaft fand ich abturnend, was mir Spass machte, war die Namensgebung. Rueckblickend denke ich, dass die Namen ganz im Zeichen des Akklimatisationsprozess gewaehlt worden sind. Anders kann ich es mir nicht erklaeren, warum ich – aus der Welt von Mishima, Kurosawa und Isozaki kommend – das Schwein Vivaldi, den grauen Delphin Pagannini, das Enton-Pokemon Adorno, die gelbe, flauschige Ente mit den zottelligen, bis ueber die Augen gewachsenen Haaren Shakespeare, den Koala Michelangelo und einen rosafarbenen, kreisrunden Hasen Einstein genannt habe.

    Wenn ich mir Einstein jetzt anschaue, habe ich das Gefuehl, dass der Name zutreffender nicht haette sein koennen. Sein Koerper ist nahezu ausschliesslich ein Kopf, auf dem er einen sportlichen Sonnenschirm traegt. Darueber hinaus ist sein Gesichtsausdruck besonders charakteristisch: Er lacht. Wie ein Comic-Charakter ziehen sich seine weitaufgerissenen Augen bis in die plueschig behaarte Stirn. Er sieht aus, als wuerde sich sein Kopf-Koerper zugleich zusammenziehen und auseinanderbersten. Diese Dynamik paart sich mit einer kindlichen Selbstverlorenheit, die ihn, ganz Einstein, die Zunge weit rausstrecken laesst. Ein unbewusster Reflex? Eine Geste des Ihr-koennt-mich-mal-alle?

    Zuerst begegnete mir Einstein vor mehr als fuenfzehn Jahren. Irgendwann in den 80ern habe ich mir aus der Reihe Klassiker des modernen Denkens Sigmund Freuds Traumdeutung, Konrad Lorenz´ Die sieben Todsuenden der zivilisierten Menschheit und Albert Einsteins Mein Weltbild gekauft. Freud und Lorenz waren schnell gelesen. Einstein liess ich vorerst links liegen.

    1985 kam Insignificance in die Kinos, ein Film der den Ikonen der 50er Jahre gewidmet war: Marilyn Monroe, Joseph McCarthy, Joe DiMaggio und eben auch Einstein. Der tauchte dann spaeter wieder in Young Einstein (1988) auf. Yahoo Serious stand bei diesem Streifen nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera. Erzaehlt wird eine alternative Biografie des Physikers. Darin ist er nicht in Ulm geboren und aufgewachsen, sondern in Tasmania, Australien. Wo auch seine Karierre damit beginnt, dass er Bier-Molekuele spaltet und spaeter Rock ´n Roll erfindet!

    In den 90er Jahren, da lag das Weltbild-Buch noch immer ungelesen in irgendeiner Kiste, hatte McIntosh Einstein rekrutiert. Mit Solgans wie Here“s to the crazy ones… rollte der Computerhersteller im Zuge der Kampagne Think Different den roten Teppich fuer Einstein aus. Neben ihm standen Amelia Earhart, Muhammad Ali und Pablo Picasso, alles Leute, die gegen die Regeln ihrer Zeit verstossen haben. Sie sollten daran erinnern helfen, dass Apple-User sich vom Gros der PC-gestuetzten Tastaturgesellschaft unterscheiden. Dass Einstein laengst zu einer Meta-Marke herangewachsen war, einem Wesen, dass, wie Haargel, jederzeit zur Festigung einer bestimmten Montur herangezogen werden konnte, ironisierte Rosa von Praunheims Der Einstein des Sex. Laengst verband man transhistorische Eigenschaften mit diesem Namen. Der Einstein des Maschinenbaus, Der Einstein des Segelfliegens, etc. all das war nicht nur denkbar, sondern zum Kommunikationsklischee verkommen.

    Und doch sollte Einstein heute mobilisiert werden. Gerade sein Weltbild-Buch hilft um ueber unsere Zeit kritisch zu reflektieren. Es scheint kein Zufall, dass die zentralen Anliegen dieser Schriften damals dazu gefuehrt haben, dass Einstein auf die schwarze Liste der Geheimdienste kam. Es scheint auch kein Zufall, dass die FBI-Akte Einstein gerade jetzt, in Zeiten des Security Booms und Liberticides fuer Schlagzeilen sorgt. Was eine Tageszeitung neulich mit Blick auf die 50er textete, koennte aus unserer Zeit sein:

    Einsteins Pazifismus, Antifaschismus und, nach dem Krieg, seine Fuersprache fuer eine Weltregierung passten genau in Hoovers Handbuch subversiven Denkens, dem die Tat irgendwann zu folgen haette. Also wies er seine Helfershelfer an, Einsteins Muell staatstragend zu recyclen, seine Telefongespraeche abzuhoeren und Korrespondenz abzufangen. (FAZ)


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