• Das Glück der Unerreichbarkeit

    „Ja, wie schön wäre es, unerreichbar zu sein!“ Nicht selten führe ich diesen Satz an, wenn es in einem Gespräch mal wieder um Informationsüberflutung und ständige Erreichbarkeit geht. Ich imaginiere dann ein Leben ohne ständiges Handyklingeln und dringende Mails, die auf Antwort warten.

    Vom Glück der Unerreichbarkeit träumte auch Miriam Meckel in ihrem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2007. Die Kommunika- tionswissenschaftlerin stellte darin Strategien vor, wie man der „Kommunikationsfalle“ entkommen könne. Alles nur Spinnerei? An ihre Tipps hat nicht einmal sie selbst sich halten können.

    Ein Brief an mich, statt an dich

    In ihrem neuen Buch Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burnout beschreibt Meckel die Zeit, die sie in einer Klinik verbrachte, als sie den Zustand der totalen Erschöpfung erreichte. Burnout – eine Krankheit, die auftritt, wenn man sich das Glück der Unerreichbarkeit vorstellt, aber das genaue Gegenteil lebt.

    Meckel beschreibt sehr detailliert, wie es zum Burnout kam, genauso wie die Zeit in der Klinik, die am Anfang eher der Entzugskur eines Kommunikationssüchtigen glich: kein Internet, kein Handy, nicht mal eine Zeitung, nur Stille und Ruhe. Schrecklich schön?

    Meckel scheint es nur kurzfristig geholfen zu haben, denn das Glück der Unerreichbarkeit ist für eine Kommunikations-Koryphäe wohl genauso schwer zu finden, wie die Abstinenz vom Bier für einen trockenen Alkoholiker, der in einem Brauhaus arbeitet. Meckel möchte Mails nun nur noch drei Mal täglich checken und vielleicht ein paar Termine weniger wahrnehmen. Aber klingt das nicht so wie „Ein kleines Bier kann doch nichts schaden“?

    Einmal Klinik für alle

    Miriam Meckels Bücher könnten Fußnoten in den Biografien unserer Generation sein. Zwar sind sich viele Menschen dem medialen Kommunikations-Overkill, dem sie sich aussetzen, bewusst, können oder wollen aber nichts dagegen tun. Meckels „Brief an mein Leben“ zeigt wie dieser Overkill krank machen kann. Aber ändern wird er wohl nichts.

    Der Aufenthalt in einer Klinik im Allgäu hat Miriam Meckel geholfen und würde wahrscheinlich auch einer ganzen Gesellschaft gut tun – ein guter Satz, diesmal von mir. Jetzt muss ich aber weg, das Telefon klingelt und mein Mailfach ist voll.


8 Kommentare zu Das Glück der Unerreichbarkeit

  • Ich habe das Buch nicht gelesen, frage mich daher: Was gibt uns diese Kommunikationswissenschaftlerin auf den Weg? Was gibt es ausser Träumen und Albträumen? Wacht sie auch auf? Macht sie sich im Wachzustand konstruktive Gedanken, die Perspektiven eröffnen?
  • Joerg Offer am 12.05.2010 15:32
    Die Meckel hat ja noch zusätzliche dieses "Klassenbeste" Syndrom zu überwinden, das reicht psychologisch alles tiefer als nur dies moderne Erreichbarkeitsphänomen. Und gleich ein Buch über solch ein Problem zu schreiben, spricht ja Bände...die muss sich mal den Stock ausm Arsch ziehen, ganz unprätenziös formuliert!
  • Interessantes Timing! Nachdem der Beitrag erschien, meldeten Technik-Administrationen: "aufgrund einer Störung der DNS-Verzeichnisse des Verwalters Denic kommt es momentan im deutschsprachigen Raum zu Problemen beim Aufruf von Internetseiten mit de-Endung. Auch die Verschickung von Emails über de-Adressen ist betroffen." Unerreichbar zu sein, war in den ersten Momenten jedoch kein schönes Erlebnis, weil man zunächst gar nicht wusste, woran es liegt, dass der Verkehr lahmgelegt ist.
  • @zk also in der Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit" gibt Meckel schon ein paar gute Tipps, wie man nicht ständig erreichbar ist und sich auch Ruhephasen einrichten kann. Das neue Buch "Brief an mein Leben" ist dagegen eine sehr persönliche Aufarbeitung, wenn man sich nicht daran hält und wegen einem Burnout in einer Klinik landet. An manchen Stellen war es mir schon zu persönlich und detailliert.
  • Soul Surfer am 16.05.2010 15:05
    Meckel heute in der FAZ: "Der Zufall ist lebenswichtig."
    http://www.faz.net
  • [...] ergab ich mich stumm, da mir seine seelische Nacktheit sofort ins Auge sprang. Schon begann er eine ausführliche elektronische Korrespondenz, dabei meine Wenigkeit komplett [...]
  • [...] Das Verschwinden von der Bildfläche impliziert eine räumliche Verschiebung im urbanen Raum. Desirree Palmens Arbeit thematisiert die Überwachung im Alltag: einerseits die staatliche Überwachung, andererseits die Selbstüberwachung der Subjekte durch verschiedene Medien. [...]
  • [...] dafür sorgte, dass die Inhalte der von ihm verlegten Medien (The Times u.a.) nicht mehr via Google gefunden werden können. Außerdem kostet der Content von The Times Geld. Murdoch hält das für avantgardistisch, Jarvis [...]

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