• Abschiedsbrief eines Digital Native

    abschiedsbrief

    Alles deutet auf Einsteigen. Aber: Abschied nehmen von einem sozialen Netzwerk? Diese Option ist nicht vorgesehen. Einmal drin, immer drin. Oder aber Selbstmord begehen – mit der Suicide Machine. Berliner Gazette-Autorin Sarah Curth denkt mal drüber nach.

    *

    Während auf der CeBIT neue und alte Jünger des Internet zusammenkommen, um sich selbst und den Siegeszug der Vernetzung in einer orgiastischen Dauerparty zu feiern, bin ich es leid, das euphorisch gespielte, aber eintönige Webciety-Lied weiterhin mitzusingen. Ja, ich gestehe. Ich war süchtig nach Konnektivität.

    Ich war mein halbes Leben hypervernetzt und ich wusste: das ist nicht gut. Vermutlich lag die Ursache in meiner Kindheit. In der Schule war ich nämlich Außenseiter, bis ich mich entschloss: Nie mehr uncool sein! Online gehen!

    Bereits mit zwölf wurde ich ein Internetjunkie. Nächtelang saß ich starrend, hockend im Dunkeln, vor diesem flimmernden Ding und befriedigte meine Gelüste. Nein, keine Pornos oder illegal gedownloadete Serien. Ich brauchte mikrosekündliche Status-Updates meiner Freunde, wurde nervös, wenn kein neuer RSS-Feed reinkam und postete Fotos von Dingen, die mir nichts mehr bedeuteten.

    Ich gab meinen 5376 Followern minütlich Futter. Immer live. In einer Hand das iPhone, in der anderen die Tiefkühlpizza: Gerade mal Essen machen. War ich nun Erbauer oder Sklave des Internet? Macher oder Gemachter? Sobald mein DSL down war, bekam ich einen Nervenzusammenbruch. Drogen halfen nie.

    Alle waren drin, ich wollte raus

    Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Alle waren drin und ich wollte raus. Deshalb habe ich mich umgebracht, die Gegenrevolution gestartet, ein Zeichen gesetzt gegen alle Netizens und Trunkenbolde, die in der Eckkneipe Internet herumlungern. Dank der Suicide Machine verlor ich alles und gewann mein Real Life wieder. Für euch bin ich tot, aber ich fühle mich lebendiger als zuvor.

    Auf der Straße bellt ein Hund. Ich muss aufs Klo.


14 Kommentare zu Abschiedsbrief eines Digital Native

  • Manuel am 03.03.2010 10:11
    Ich sprach neulich, ich meine es war letzte Woche, davon, wie wichtig es ist, sich zurückzuziehen: es in der Diskussion von dem Protokoll, das Markus Miessen geschrieben hat:
    http://berlinergazette.de/halfpipe-des-wissens/
    Ich finde es interessant, dass dieses Thema im Netz inzwischen so ein großes DING geworden ist : )
  • Antisocial Networking Gets Hip!
    gab WIRED vor vier Jahren zu Protokoll:
    http://www.wired.com/science/discoveries/news/2006/04/70557
  • Soul Surfer am 03.03.2010 10:23
    Nichts gegen Deine Vita, aber: Ist es nicht ein ausgewrungenes Klischee, dass die Aussenseiter im Netz aufzuleben beginnen, weil sie sonst nirgends zu etwas bringen, geschweige denn cool sind?
  • Marti Hinrichs am 03.03.2010 12:14
    was genau macht die Suicide machine mit dir? Muss man sich da reinlegen oder ist das total digital?
  • mich das auch interessieren, wie das maschinchen eigentlich genau funktioniert! aber wahrscheinlich hörst du uns nicht mehr, weil disconnected..
  • Fabian W. am 03.03.2010 13:05
    Ich behaupte mal, ohne genaue Einblicke zu haben, dass Frau Curth da nur jemanden gechannelt hat, beim Schreiben. Ihr Abschiedsbrief ist das keineswegs, man kann also beruhigt sein.
    So wie ich das verstanden habe, hilft die Suicide Machine dabei, spurenlos aus social networks auszusteigen. Bei Facebook kann man ja sonst nur sein Profil deaktivieren, nicht aber löschen. (Da kann ich mich aber auch total irren, man möge es mir verzeihen.)
    Die Gruppe hinter der Suicide Machine, WORM, wurde übrigens von Facebook rausgeworfen, und hat die Konsequenz gezogen: Öffentlicher Selbstmord als Protest - Seppuku, Mishima-Style. Video hier: http://vimeo.com/9532862
  • Anton am 03.03.2010 14:12
    letztens hat mein internet nicht mehr funktioniert und ich hab mich im internetcafe ruiniert - ich glaub ich kauf mir auch n iphone ;)
  • Samson am 03.03.2010 15:41
    Das klingt nach einer ziemlich steilen Karriere im Netz! Alle Achtung! Ich muss dabei an all die Süchtigen denken, die es nicht ganz so weit bringen, die kaum oder keine Follower haben, die posten und posten, sich dabei verausgaben, ohne jemals auch nur ansatzweise Resonanz zu bekommen. Begehen die dann irgendwann auch digitalen Selbstmord oder müssen wir schlimmeres befürchten?
  • schon konsequent, dass sich die Autorin nicht im Forum blicken lässt --- schade nur, wenn das Ganze auch zur Folge hat, dass wir künftig nichts mehr von ihr in der BG zu lesen bekommen : (
  • Also über 5000 Follower auf Twitter ist schon verdächtig hoch :) Da kann man mit der Liste auf

    http://webevangelisten.de/top-100-twitterati-mit-aktiven-followern/

    abgleichen.
  • @alle: Keine Sorge. Ich lebe noch! Ich bin noch online und ich vertraue weiterhin auf mein Real Life, das mich davon abhält, wirklich abhängig zu werden. Dass ich bis jetzt nicht kommentierte liegt nur an meiner momentanen räumlichen Trennung zum Netz. Und zu den Spekulationen über meine Vita: Wie man schon im Deutschunterricht lernte: Das literarische "Ich" ist nicht gleich der Autor :)

    @soul surfer: Das Klischee ist bewusst gewählt.

    @mel: Das wäre auch eine Option, aber ich wollte das Rätsel so gern auflösen:)

    @ccm: Das Ich im Text ist (bzw. war?) halt einfach cool!
  • Soul Surfer am 04.03.2010 07:38
    @ Sarah: Warum also hast Du dieses Klischee gewählt?
  • netzprofi am 04.03.2010 09:37
    onlinesucht wird überbewertet. trotzdem ganz netter brief hier. finde nur, dass die kontextualisierung ein bisschen fehlt, die suicide-machine gibt es ja aus einem ganz bestimmten grund und hier wird es mir ein bisschen zu einseitig dargestellt, als würde sie nur den junkies dienen, endlich loszukommen. dabei ist für den alki der selbstmord ja nun auch nicht gerade die beste lösung. wozu nun aber braucht man die suicide machine und wie zum geier funktioniert dieses ding eigentlich? löscht das mein ganzes internet???
  • [...] wie es zum Burnout kam, genauso wie die Zeit in der Klinik, die am Anfang eher der Entzugskur eines Kommunikationssüchtigen glich: kein Internet, kein Handy, nicht mal eine Zeitung, nur Stille und Ruhe. Schrecklich [...]

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