• Wissenschaft nach dem Internet: Was ist eigentlich Post-Digital-Scholarship?

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    Im 21. Jahrhundert zu leben, heißt digital leben. Und weil das Internet eben nicht mehr neu ist, sondern schon längst da, sprechen Bescheidwisser von der „Post-Internet“-Ära. Dieses Konzept lässt sich auch auf die Wissenschaft übertragen. Dort wird es als „Post-Digital-Scholarship“ bezeichnet. Was es damit auf sich hat, erklärt Bibliothekswissenschaftler und Berliner Gazette-Autor Ben Kaden.

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    Es hat ein wenig gedauert, aber nun scheint es soweit zu sein, dass sich begleitend zum Post-Internet-Konzept, das die Sphären von Kunst und Kultur durchdringt, für den Bereich der Wissenschaft ein Ansatz namens “Post-Digital-Scholarship” als Mittel zur Deutung der Gegenwart herausbildet.

    So wie postinternet nicht etwa bedeutet, dass man mit dem Netz abgeschlossen hat und sich entweder in eine Vor-Web-Kultur von Schreibmaschine und Briefköpfen an überwachungsresistenteren Austauschformen rückorientiert oder in einem Spaxel-versum (spaxel=space+pixel) neuerer Art aus den traditionellen Strukturmerkmalen digitaler Vernetzung aussteigt, sondern schlicht das Internet als integralen und integrierenden Lebensbestandteil akzeptiert (vielleicht analog zur Wasserleitung und zum elektrischen Licht), dürfte die Post-Digital-Scholarship vor allem darauf aufsetzen, dass Wissenschaft in der Mitte der 10er Jahre des 21. Jahrhunderts von der Erkenntnisfindung über die Erkenntniskommunikation bis zur Erkenntnisarchivierung so selbstverständlich digital ist, wie sie sich vor hundert Jahren auf Papier manifestierte.

    Digitale Technologie nichts Neues

    Post-Digital dürfte also ein typisches Transformationsattribut sein, mit dem die letzte Übergangsstufe zu einer Voll-Selbstverständlichkeit begleitet wird und das in jedem Fall die unmittelbare Kopplung digital=innovativ abschließt. Von spätestens, circa, heute an wird die Behauptung, digitale Technologie wäre etwas Neues, ein Erkennungszeichen der Sehr- bis Zuspätgekommenen im Innovationsdiskurs sein. Nach ca. 25 Jahren breitenwirksam praktizierter Netz-Digitalität in der Wissenschaft ist das auch richtig.

    Was sich jedoch genau hinter diesem Abschlussschritt der Entwicklung von der papier- zur digitalvermittelten Wissenschaftskommunikation verbirgt, wird, bevor man es aus dem allgemeinen Metadiskurs in die Binnenforschungszonen der Fachsparten der digitalen Kultur- und Wissenschaftssoziologien und vielleicht der Bibliothekswissenschaft entlässt, Anfang November 2014 noch einmal in breiter Front in Lüneburg diskutiert. Dort findet nämlich die The Post-Digital-Scholar Conference ihren Austragungsort und spiegelt zugleich die breite Front der Felder, die sich nun eröffnen.

    Der Untertitel der Veranstaltung deutet es an: “Publishing between Open Access, Piracy and Public Spheres”. Die neuen Publikationswelten, die eigentlich eher fließende und dynamische Kommunikationsflächen sind, denen ab und an zur Formalisierung die Zuschreibung “publiziert” beigeordnet wird, vermischen sich mit anderen digitalcodierten Kommunikationskulturen von Hacktivism bis Slow Politics.

    Totalkommerzialisierung unterlaufen

    Der nächste große Trend, der nicht zuletzt Bibliotheken betrifft und angesichts der Relevanzdebatten in Bezug auf öffentliche finanzierte Forschung auch stärker als bisher weite Teile der Wissenschaft, dürfte eine “Politisierung” dahingehend sein, dass die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (Gesellschaft und Politik) intensiver ins Zentrum der Reflexionen rückt.

    Wir haben mittlerweile eine recht gut funktionierende und ihrem Revolutionspotential zugleich zunehmend abflachende dafür jedoch weithin etablierte technologische Basis (Netz+Digital). Nun gilt es nach dem Web-als-Warenhaus- und dem Geek-und-Gadget-Stadium sinnvolle und Sinn erzeugende Rückbindungsmöglichkeiten an Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft vorzudenken und umzusetzen.

    Nach dem anarchischem Zustand der digitalen 1980er und 1990er waren die 2000Jahre bis etwa heute durch enorme Kommodifizierungsprozesse und Business-Modellierung geprägt. Der nächste folgerichtige Schritt und die kommende Herausforderung betreffen eine tatsächliche Ausweitung der Möglichkeiten idealerweise auch zum Unterlaufen der Totalkommerzialisierung digitaler Kommunikation.

    Die digitale Auf- und Loslösung von Kommunikationsprozessen und ihre gleichzeitige Dokumentier-, Referenzierbar- und semiotische Vernetzbarkeit erzeugt einen zusätzlichen hochflexiblen Interaktions- und Handlungsraum, der so oder so wahrnehmbar auch gesellschaftslenkend wirkt.

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    Die Gestaltung der digitalen Gesellschaft Akteuren wie Amazon, Google oder Apple zu überlassen, also einem kalifornischen One-Size-Fits-All-Idealismus, wäre trotz Smartwatch-metrischer Lebensweltvermessung zweifellos ziemlich trübselig.

    Denn das Esprit eines Marktplatzes (plus Eitelkeiten) hat auch bei bemühter Produktvielfalt und permanenter Sensation (=Buzzfeedism) seine Grenzen und vernachlässigt einen Großteil dessen, was den Menschen zum Kultur- und Sozialwesen macht. Post-Internet und Post-Digital-Scholarship laufen als Konzepte vermutlich bzw. hoffentlich viel stärker in Richtung engagierter und spielerischer, offener und öffentlicher, kritischer und zugleich durchlässiger Interaktions- und Interventionsformen, die vom Triebmittel der Verwertung und vom Rhythmus der Verwertungszyklen so weit wie möglich abgekoppelt laufen oder besser noch diese aktiv dekonstruieren.

    Open Publishing

    Für die Wissenschaftskommunikation stellt der dänische Medienwissenschaftler Søren Pold in einem Vorinterview zur Post-Digital-Scholarship-Conference fest:

    „We see an increased pressure and tightened economy of scholarly communication and production resulting in closed global monopolies and global, algorithmic ranking of research. However this removes research from its societal impact and therefore we can hope for a counter movement of open publishing.“

    Dieses Open Publishing wäre ein Beispiel für eine Entwicklung, die die besonderen Gegebenheiten, Eigenschaften und Möglichkeiten digitaler Medialität nicht etwa dazu nutzt, Strukturen aus der analogen Welt in optimierter Form zu reproduzieren, sondern die digitalen Netze als einen Alternativraum nutzen, in dem plötzlich Facetten sichtbar und soziale Interaktionsformen genutzt werden können, die man vorher bestenfalls als Utopie denken konnte. Der Post-Digital-Scholar wäre in diesem Sinne der zeitgemäße Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts. Es ist ganz gut, dass er jetzt offenbar anfängt, sich selbst zu finden.


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